3. Nordischer Krieg
Großer Nordischer Krieg

Datum 1700–1721
Ort Schweden, Finnland, Polen und Litauen, Sachsen, Russland, Dänemark und Vorpommern
Ausgang Niederlage der Schweden
Friedensschluss Frieden von Traventhal
Warschauer Friede
Altranstädter Friede
Frieden von Frederiksborg
Frieden von Nystad
Konfliktparteien
Schweden
Holstein-Gottorf (1700 - 1719)
das Osmanische Reich (1710 - 1714)
Krimtataren (1710 - 1714)
Saporoscher Kosaken (1707 - 1709)
polnische Truppen (1704 - 1709)
Madagaskarseeräuber (ab 1718)1
Russland
Sachsen (1700 - 1706, ab 1710)
Polen-Litauen (1700 - 1704, ab 1709)
Dänemark-Norwegen (1700, ab 1709 - 1719)
Saporoscher Kosaken
Königeich Preußen (ab 1715)
Hannover (ab 1715)
Befehlshaber
Karl XII.
Friedrich von Hessen-Kassel
Friedrich IV.
Karl Friedrich
Ahmed III.
Iwan Mazeppa
Stanislaus I. Leszczyński
Peter der Große
August der Starke
Friedrich IV.
Iwan Skoropadskyj
Friedrich Wilhelm I.
Truppenstärke
ungefähr 80.000 Schwedische zu Beginn des Krieges
135.000 um 1707
100.000 - 200.000 Osmanen (beteiligt in nur einer Schlacht)
8.000 Kosaken
16.000 Polen unter Leszczyński
1.400 Madagaskarseeräuber1
200.000 - 350.000 Russen
40.000 Dänen
100.000 Polen und Sachsen
Größere Armeen wurden nach Kriegsende gebildet[1]
Verluste
25.000 Schweden in Kämpfen
weitere 175.000 an Hunger, Kälte, Krankheiten und Erschöpfungen[2]
70.000 Russen
14.000 - 20.000 Polen und Sachsen
8.000 Dänen
500.000 weitere Tote, der größte Teil davon Zivilisten, die an Hunger, Krankheiten, Pest und Truppendurchzügen starben
1Die Madagaskarseeräuber kollaborierten nur mit der schwedischen Marine und dem Staat, waren aber nie im Krieg mit einem der Staaten der Anti-Schwedischen-Koalition beteiligt.[3],[4]

Der Große Nordische Krieg war ein in Nord-, Mittel- und Osteuropa geführter Krieg um die Vorherrschaft im Ostseeraum in den Jahren 1700 bis 1721.

Eine Dreier-Allianz, bestehend aus dem Russischen Zarenreich, den Personalunionen Sachsen-Polen und Dänemark-Norwegen, griff im März 1700 das Schwedische Reich an, das von dem als jung und unerfahren geltenden König Karl XII. regiert wurde. Trotz der ungünstigen Ausgangslage blieb der schwedische König zunächst siegreich und bewirkte, dass Dänemark-Norwegen (1700) und Sachsen-Polen (1706) aus dem Krieg ausschieden. Als er sich 1708 anschickte, auch Russland in einem letzten Feldzug endgültig zu besiegen, erlitten die Schweden in der Schlacht bei Poltawa im Juli 1709 eine verheerende Niederlage, die die Kriegswende bedeutete.

Von dieser Niederlage ermutigt, traten die ehemaligen schwedischen Gegner Dänemark und Sachsen rasch wieder in den offenen Krieg gegen Schweden ein. Von nun an bis zum Kriegsende hatten die Alliierten die Initiative in ihrer Hand und drängten die Schweden in die Defensive. Erst nachdem der als uneinsichtig und stur geltende schwedische König im Herbst 1718 während einer Belagerung von Frederikshald unter ungeklärten Umständen fiel, konnte der für Schweden aussichtslos gewordene ungleiche Krieg beendet werden. Die Friedensbedingungen im Frieden von Nystad, dem Frieden von Frederiksborg und dem Frieden von Stockholm bedeuteten das Ende des schwedischen Status als europäische Großmacht und den gleichzeitigen Aufstieg Russlands als neue Großmacht.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Entwicklung des schwedischen Imperiums im frühmodernen Europa (1560-1815)

Die Ursache des Großen Nordischen Krieges war von vielen verschiedenen Faktoren bestimmt und hatte ihre Ursprünge bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts. In zahlreichen Kriegen gegen das Königreich Dänemark, das Königreich Polen-Litauen und das Russische Zarenreich hatte Schweden bis 1660 die Vormachtstellung im Ostseeraum errungen. Dabei hatte es das Zarenreich im Frieden von Stolbowo (1617) vom Zugang zur Ostsee selbst abgedrängt und Dänemark mit dem Frieden von Oliva (1660) die uneingeschränkte Herrschaft über den Sund entrissen. In den folgenden Jahren war Schweden außenpolitisch von Frankreich unterstützt worden und konnte somit seinen Besitzstand wahren.

Als Folge dieser Entwicklungen zeichneten sich am Ende des 17. Jahrhunderts folgende Konfliktlinien in Nordosteuropa ab[5]:

  • Einen Streitpunkt zwischen Dänemark und Schweden stellte die Frage um die gottorfschen Anteile in den Herzogtümern Holstein und vor allem Schleswig dar. Die Herzogtümer waren seit 1544 in königliche, gottorfsche und gemeinsam regierte Anteile aufgeteilt [6]. Trotzdessen verblieb Holstein formell als deutsches und Schleswig als dänisches Lehen. Nach dem Torstenssonkrieg 1658 wurden die Anteile der mit den Schweden alliierten Gottorfer im Herzogtum Schleswig vom dänischen Lehen entbunden. Die dänische Außenpolitik, die sich durch die Allianz der Gottorfer mit den Schweden von zwei Seiten bedroht sah, versuchte die Gottorfer Anteile wieder einzuverleiben. Die Unabhängigkeit des Teil-Herzogtums Schleswig-Holstein-Gottorf garantierte lediglich die schwedische Regierung, welche davon ausging, dass sie mit dem verbündeten Territorium im Falle eines Krieges gegen Dänemark über eine strategische Basis für Truppenaufmärsche und Angriffe auf das dänische Festland verfügte.
  • Ein weiterer Streitpunkt zwischen Dänemark und Schweden bildeten die früher dänischen und seit 1658 zu Schweden gehörenden Provinzen Schonen (Skåne), Blekinge und Halland. Die Frage nach der staatlichen Zugehörigkeit Schonens führte bereits 1675 zum Kriegseintritt Dänemarks in den Nordischen Krieg von 1674 bis 1679.
  • Unter König Karl XI. von Schweden (1655–1697) war es zu den sog. Reduktionen gekommen, durch welche der Landbesitz des Adels größtenteils wieder an die Krone überging. Diese Praxis stieß unter anderem in Livland auf den Widerstand des betroffenen Adels, der sich nunmehr um ausländische Hilfe bemühte.
  • In Russland hatte Zar Peter I. (1672–1725) erkannt, dass das Fehlen eines Zugangs zur Ostsee den russischen Handel stark beeinträchtigte. Seine Anstrengungen richteten sich vor allem deshalb gegen Schweden.
  • Kurfürst August I. von Sachsen (1670–1733) war im Jahre 1697 als August II. zum König von Polen gewählt worden. Er strebte danach, sich in Polen Anerkennung zu verschaffen und das Königtum dadurch in eine Erbmonarchie umwandeln zu können. Dabei beriet ihn der aus Livland geflohene Johann Reinhold von Patkul (1660–1707). Dieser meinte, dass die Rückeroberung des einstmals polnischen Livlands August zu einigem Prestige verhelfen würde. Der lokale Adel würde diesen Schritt willkommen heißen und sich sofort gegen die schwedische Herrschaft erheben.

Zwischen den drei potentiellen Gegnern Schwedens zeichnete sich bald nach der Thronbesteigung des erst 15jährigen Karls XII. von Schweden (1682–1718) der Zusammenschluss zu einer Allianz ab. Bereits im ersten Regierungsjahr hatte der junge König seinen Schwager Friedrich IV. (1671–1702), den Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf zum „Oberbefehlshaber aller schwedischen Truppen in Deutschland“ gemacht und ihn beauftragt, die Landesverteidigung des Gottorfer Teil-Herzogtums zu verbessern. Diese offensichtlichen militärischen Vorbereitungen gaben im Juni 1698 den Anstoß zu ersten Bündnisverhandlungen zwischen Dänemark und Russland.[7] Im August 1698 trafen sich Zar Peter I. und König August II.schließlich in Rawa, wo sie erste Absprachen für ein gemeinsamen Angriff auf Schweden trafen.[8] Den formalen Abschluss der Allianz stellte der am 11. Novemberjul./ 21. November 1699greg. abgeschlossene Vertrag von Preobraženskoe dar. Erst am 23. Novemberjul./ 3. Dezembergreg. erfolgte der Abschluss einer Allianz zwischen Zar Peter I. und König Friedrich IV. von Dänemark (1671–1730). Dänemark war seit März 1698 auch mit Sachsen in einer Defensivallianz verbündet. In beiden Verträgen wurde Schweden nicht erwähnt. Sie verpflichteten die Vertragspartner lediglich dazu, sich im Falle eines Angriffs, oder wenn der Handel eines der Länder durch andere Staaten beeinträchtigt würde, Beistand zu leisten. Weiterhin ließ Zar Peter I. Klauseln einfügen, laut denen er erst nach einem Friedensschluss zwischen Russland und dem Osmanischen Reich an die Bestimmungen der Verträge gebunden war.[9]

Kriegsverlauf

Darstellung der Feldzüge während der ersten Phase des Krieges vom Kriegsausbruch 1700 bis zur Kriegswende infolge der Schlacht bei Poltawa im Juli 1709.

Schweden konnte in der ersten Phase aufgrund seiner Anfangserfolge weitgehend das Kriegsgeschehen bestimmen. Zentrale Kriegsschauplätze, wie auf dieser Karte ersichtlich, waren in erster Linie Sachsen-Polen und das bis dato schwedische Livland und Estland, welches bis 1706 durch die Russische Zarenarmee in einem separat geführten Nebenkriegsschauplatz erobert werden konnte.

Kriegseröffnung: Einfall der Sachsen in Livland

Am 12. Februar 1700 fiel die sächsische Armee ohne Kriegserklärung in Livland ein. Doch der livländische Adel stellte sich nicht auf die Seite der Sachsen. Die Einnahme der Festung Riga scheiterte. Die militärischen Erfolge waren sehr bescheiden. Die polnische Adelsrepublik, die Rzeczpospolita fühlte sich von August betrogen und erklärte, dass Polen sich nicht im Krieg mit Schweden befände. Nur einige polnische Magnaten wie Fürst Hieronim Augustyn Lubomirski schlugen sich anfangs auf seine Seite. Am 11. März erklärte Dänemark Schweden den Krieg und marschierte in das schleswig-holsteinische Teilherzogtum Schleswig-Holstein-Gottorf ein.

Feldzug Karls XII. gegen Dänemark

Der erst 18 Jahre alte schwedische König Karl XII. ordnete die Mobilmachung an. Die schwedische Armee war kein Söldnerheer wie in anderen Ländern üblich. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts betrug die Truppenstärke der Karoliner, wie die schwedischen Soldaten seit ihrem Gründer Karl XI. hießen, ungefähr 80.000 Soldaten. Die Soldaten der einzelnen Einheiten lebten in Friedenszeiten als Bauern in ihren Dörfern (sog. Indelningsverket). Da sie einander kannten, hielten sie im Kampf eng zusammen. Fahnenflucht war in der schwedischen Armee so gut wie unbekannt. Frankreich unter Ludwig XIV. unterstützte Schweden finanziell, welches damals mit Schwedisch-Pommern, Holstein-Gottorp, Finnland, Karelien, Ingermanland und Livland nur circa 3 Millionen Einwohner hatte. Jedes Jahr zahlte der Sonnenkönig über 1.000.000 Livres.

Wilhelm III., damals zugleich König von England, Schottland und Irland sowie Statthalter der Niederlande, wünschte die Erhaltung des Friedens in Nordeuropa und garantierte den Status Quo. Da Dänemark der Angreifer war und Großbritannien sowie die Niederlande Garantiemächte des Altonaer Vertrages waren, stellte er sich auf die Seite Schwedens und schickte unter Admiral George Rooke ein englisch-holländisches Geschwader mit 25 Linienschiffen zur Unterstützung Schwedens nach Göteborg. Schweden verfügte über eine Flotte von 38 Linienschiffen und 12 Fregatten, Dänemark hatte 33 Linienschiffe und 7 Fregatten. In einem kühnen Manöver gelang der schwedischen Flotte die Durchfahrt durch die kleinere der beiden Fahrrinnen im Öresund, außerhalb der Reichweite der Kanonen der dänischen Sundfestungen. Die schwedische Flotte vereinigte sich mit dem englisch-holländischen Geschwader, und der dänischen Flotte von 33 Schiffen stand jetzt ein mächtiges Geschwader von mehr als 60 Schiffen gegenüber, so dass der dänische Admiral keine Seeschlacht wagte. Unter dem Schutz dieser Flotte konnte Karl XII. am 23. Juli 1700 auf der dänischen Hauptinsel Seeland landen, Kopenhagen einschließen und im August mit der Belagerung der dänischen Hauptstadt beginnen.

Der dänische König Friedrich IV. sah sich jetzt in einer katastrophalen Lage: Seine Flotte stand einer viel stärkeren feindlichen gegenüber, seine Hauptstadt stand unter Belagerung, während sein Heer gegen Herzog Friedrich IV. von Holstein-Gottorf weit weg im Herzogtum Holstein operierte. Friedrich IV. musste seine Niederlage eingestehen und schloss am 18. August 1700 mit Schweden den Frieden von Traventhal. Der erste Feldzug im Großen Nordischen Krieg endete somit schnell und fast unblutig. Der Status Quo Ante wurde wieder hergestellt, und Dänemark schied aus der Koalition gegen Schweden aus.

Feldzug Karls XII. gegen Russland

Zar Peter I.; Portrait von Paul Delaroche (1838)

Inzwischen hatte Russland am 19. August Schweden den Krieg erklärt und bedrohte die estländische Stadt Narva. Karl XII. entschloss sich, das russische Heer anzugreifen, und so die Festung Narwa zu entsetzen. In der Schlacht von Narva besiegte er mit einer schwedischen Armee von etwa zehntausend Mann eine zahlenmäßig deutlich überlegene Armee der Russen. Bei einem Angriff auf die russischen Linien im Schutz eines Schneesturms wurden diese von der routinierten schwedischen Armee durchbrochen, und das feindliche Heer in zwei Teile gespalten. Viele von Peters Truppen, zumeist Rekruten, flohen vom Schlachtfeld, und ertranken in der Narva. Der Rest der geschlagen Truppen zog sich undiszipliniert und führungslos nach Nowgorod zurück, wo allerdings nur ein kleiner Teil ankam; die meisten desertierten, erfroren oder verhungerten auf dem Weg dorthin.

Die Schlacht von Narwa ist einer der größten Siege der schwedischen Militärgeschichte. Ende 1700 hatte Karl XII. Schweden erfolgreich verteidigt und alle feindlichen Truppen von schwedischem Territorium vertrieben. Anstatt das geschlagene russische Heer zu verfolgen um es vollständig zu vernichten und seinen Gegner Zar Peter auch zum Frieden zu zwingen, wandte sich der König nun seinem dritten Gegner, dem sächsischen Kurfürsten und König von Polen, zu.

Der polnische König August hatte mit ansehen müssen, wie seine Verbündeten Dänemark und Russland von Karl XII. geschlagen worden waren. August bot Karl Friedensverhandlungen an, doch Karl lehnte ab. Im Februar 1701 trafen sich August und Peter erneut, um ihr Bündnis zu erneuern. Peter brauchte Zeit um die russische Zarenarmee zu reorganisieren und aufzurüsten, August selbst brauchte einen starken Verbündeten im Rücken der Schweden.

Kriegsverlauf nach Narva bis zum Altranstädter Frieden (1701-1706)

Feldzüge in Polen und Sachsen

Am 19. Juli 1701 standen sich sächsische und schwedische Soldaten bei Riga an der Düna gegenüber. Der sächsische Oberbefehlshaber Adam Heinrich von Steinau ließ sich durch Ablenkungsmanöver täuschen und zersplitterte seine Einheiten. So gelang es der schwedischen Infanterie, den Fluss zu überqueren und einen Brückenkopf zu bilden. Die sächsische Armee erlitt eine Niederlage, konnte sich aber sammeln und geordnet zurückziehen. Karl besetzte mit seinen Truppen Mitau, die Hauptstadt des Herzogtums Kurland, das zu Polen gehörte.

Im Oktober 1701 führte Karl XII. sein Heer nach Kurland. Die Rzeczpospolita, die polnisch-litauische Republik, protestierte gegen die Verletzung des polnischen Hoheitsgebietes, denn nicht diese (vertreten durch den polnischen Reichstag) befand sich im Krieg mit Schweden, sondern nur der König von Polen. August der Starke bot Karl XII. erneut Verhandlungen an. Karls Ratgeber rieten ihm, mit dem König von Polen Frieden zu schließen. Doch Karl blieb starrsinnig und verlangte vom Sejm die Wahl eines neuen Königs. Dies lehnte die Mehrheit des polnischen Adels ab.

Im Januar 1702 verlegte Karl das schwedische Heer von Kurland weiter nach Süden, nach Litauen. Am 23. März 1702 verließ Karl XII. das Winterquartier in Litauen und marschierte in das eigentliche Polen ein. Am 14. Mai 1702 ergab Warschau sich kampflos. Es wurde zur Zahlung einer hohen Kontribution gezwungen, bevor Karl seinen Marsch nach Süden, nach Krakau, fortsetzte.

Auf dem Weg dorthin stellte sich ihm das polnisch-sächsische Heer entgegen, und am 19. Juli 1702 kam es zur Schlacht bei Klissow, südlich von Kielce. Die Polen und Sachsen unterlagen erneut gegen die Schweden. 2.000 Sachsen wurden getötet oder verletzt, und mehr als 1.000 gerieten in schwedische Gefangenschaft. Auf schwedischer Seite wurden nur 900 Soldaten getötet oder verletzt. Die Schweden erbeuteten die gesamte sächsische Artillerie und den gesamten Tross mit Augusts Feldkasse mit 150.000 Reichstalern und seinem Silbergeschirr. August sammelte die verbliebenen Einheiten seines Heeres und zog sich in die östlichen Landesteile von Polen zurück.

Feldzüge Karls des XII. vom Feldzug gegen die Russen 1700 bis zum Altranstädter Frieden 1706

August bot den Schweden nach dieser Niederlage abermals Friedensverhandlungen an. Er wollte den schwedischen Forderungen so weit als irgend möglich entgegenkommen, nur König von Polen wünsche er zu bleiben. Auch der Kardinal-Primas unterbreitete im Namen der Republik Polen Vorschläge für einen Frieden. Er bot Schweden polnisch Livland, Kurland und eine hohe Kriegsentschädigung. Karl XII. müsse lediglich auf die Absetzung des Königs verzichten. Ein weiteres Mal zeigte Karl sich starrsinnig (König Eisenkopf) und beharrte auf der Absetzung Augusts.

August zog sich mit seinem Hof nach Sandomierz zurück. Dort bildete der polnische Adel eine Konföderation zur Unterstützung von August II.. Sie kämpften gegen die schwedische Besetzung Polens und gegen den von Schweden geforderten neuen König. Mit Partisanenaktionen verwickelten sie die schwedischen Truppen in Gefechte und schwächten so ihre Kampfkraft. Am 12. Juli 1704 wurde gegen den Willen der Mehrheit des polnischen Adels unter dem Schutz der schwedischen Armee Stanislaus I. Leszczyński zum König gewählt.

Aber auch in Sachsen gab es Widerstand gegen die Polenpolitik des Kurfürsten. August führte eine Akzisesteuer ein, um seine Kriegskasse zu füllen und die Armee aufrüsten zu können. Das brachte die sächsischen Stände gegen ihn auf. Außerdem erregte er den Unmut der Bevölkerung durch aggressive Methoden der Rekrutenwerbung.

Schwedische Kavallerie im Nordischen Krieg

Die erste Hälfte des Jahres 1705 verlief in Polen ohne militärische Ereignisse. Die Stadt Rawitsch bildet das Hauptquartier für die schwedische Armee unter Oberkommando des Königs Karl XII. Zu der Zeit wurde entschieden, das der Kandidat Karls XII. Stanislaus Leszczyński, zum neuen polnischen König gekrönt werden solle. Diese Krönung sollte im Juli 1705 von statten gehen. Seine Gegner sammelten daraufhin eine Streitmacht von 10.000 Mann in der Hauptstadt Polens, Warschau, um diese Krönung zu verhindern. Um die Sicherheit des Thronfolgers zu gewährleisten, sendete Karl XII. seinen Generalleutnant Carl Nieroth mit einer 2000 Mann starken Streitmacht nach Warschau.

Für die Schweden war die Sicherung der Thronfolge deshalb so wichtig, da nur mit ihrem Wunschkandidat die zu dem Zeitpunkt angelaufenen Friedensverhandlungen mit Polen abgeschlossen werden konnte. Der eigentliche polnische König, der Wettiner August II. war zu der Zeit zwar zu Friedensverhandlungen mit Schweden bereit, dennoch wollten die Schweden ihrerseits einen für ihre Zwecke fügsameren Kandidaten auf den polnischen Thron sehen. Somit sahen die Schweden mit der Entthronung August II. die einzige Möglichkeit, Frieden in ihrem Sinne zu schaffen. Am 31. Juli 1705 kam es bei Warschau zur Schlacht von Rakowitz, in der eine aus Sachsen und Polen bestehende Armee von einer fünfmal kleineren schwedischen Armee besiegt wurde. Als Folge wurde am 24. September 1705 Stanislaus Leszczyński zum neuen polnischen König gekrönt. Am 18. November 1705 schließt Polen Frieden mit Schweden.

Im Dezember 1705 überschritten 20.000 russische Truppen unter Feldmarschall Georg Benedikt von Ogilvy die polnische Grenze, um sich mit den sächsischen Truppen zu vereinigen. Karl zog ihnen mit dem Hauptteil seiner Armee aus fast 30.000 Mann entgegen. Ein Heer von 10.000 Mann unter Carl Gustaf Rehnskiöld wandte sich gegen die Sachsen, die inzwischen wieder eine Stärke von 19.000 Soldaten hatten. Die russische Armee verschanzte sich in der Festung Grodno und wartete auf Entsatz. Unterdessen kam es am 13. Februar 1706 zwischen der sächsischen und der schwedischen Armee zur Schlacht bei Fraustadt, in der die Schweden unter Rhenskiöld den Sachsen unter General von der Schulenburg eine vernichtende Niederlage zufügten. Da die russische Armee in Grodno nicht mehr auf Hilfe hoffen konnte, wagte sie einen Ausbruch. Sie entkamen den Verfolgern und konnten sich über die Grenze retten. Karl erkannte, dass er eine Entscheidung in Russland herbeiführen musste. Dafür brauchte er aber Rückenfreiheit.

Am 27. August 1706 rückte die schwedische Armee in Sachsen ein. Sie eroberte Zug um Zug das Kurfürstentum und erstickte jeden Widerstand im Keim. Karl XII. sicherte der sächsischen Bevölkerung zu, dass keine Übergriffe und Repressalien stattfänden, wenn sie den Anordnungen der Besatzungsmacht Folge leisten. August, der seit der Schlacht bei Fraustadt keine nennenswerten Truppen mehr in Polen hatte, bot Karl Friedensverhandlungen an. Seine Unterhändler Carl Piper und Olof Hermelin unterzeichneten am 24. September 1706 in Altranstädt einen Friedensvertrag. Mit der Drohung auf Seiten Ludwigs des XIV. von Frankreich in den Spanischen Erbfolgekrieg einzugreifen, erreichte Karl außerdem, dass den Lutheranern in der damals noch habsburgischen Provinz Schlesien eine begrenzte Religionsfreiheit zugestanden wurde.

In der Schlacht bei Kalisch schlugen nach dem Friedensvertrag zwischen Schweden und Sachsen die verbündeten russischen, sächsischen und polnischen Truppen die schwedischen Truppen unter General Mardefelt. Die schwedischen Truppen wurden in der Schlacht völlig vernichtet. Über 100 Offiziere (unter ihnen auch polnische Magnaten) und General Mardefelt gerieten in Gefangenschaft. August lehnte trotzdem eine Annullierung des Friedensvertrages ab und kehrte nach Sachsen zurück. Am 19. Dezember ratifizierte er den Friedensvertrag.

Russische Eroberung Ingermanlands, Estlands und Livlands 1701–1706

der russische Feldmarschall Boris Petrowitsch Scheremetew trug mit seinen Siegen gegen die Schweden entscheidend zum russischen Erfolg bei.

Nachdem klar war, das die schwedische Hauptarmee auf dem polnischen Kriegsschauplatz gebunden war, nutzte Zar Peter I. die Situation und ließ die verbliebenen russische Kräfte nach dem Desaster von Narva ihre Aktivitäten in den schwedischen Baltikumprovinzen wieder aufnehmen.

Den Zeitgewinn nutze Zar Peter I. um unter enormen Anstrengungen seine Armee wieder aufrüsten und reorganisieren zu lassen. Durch Rekrutierungen konnte die Armee wieder verstärkt werden und umfasste 1705 bereits wieder 200.000 Soldaten, nach den 34.000 verbliebenen im Jahr 1700.[10] Er ernannte ausländische Experten, die die Truppen - ausgestattet mit modernen Waffen - in den Methoden der westeuropäischen Kriegsführung schulen sollten. Um die bei Narva verlorengegangene Artilleriewaffe schnell wieder aufzubauen ließ Peter I. Kirchenglocken konfiszieren, um aus ihnen Kanonen herzustellen. So verfügte die russische Armee im Frühjahr 1701 wieder über 243 Kanonen, 13 Haubitzen und 12 Mörser.[11] Die schwedischen Kräfte im Baltikum unter Kommando von Wolmar Anton von Schlippenbach waren nur sehr schwach [12] und wurden zudem in drei autonomen Korps getrennt. Jedes dieser Korps für sich war zu schwach um den russischen Kräften mit Erfolg entgegentreten zu können. Auch wurden die separierten Korps nicht koordiniert geführt.[13] Schwedische Verstärkungen wurden primär dem polnischen Kriegsschauplatz zugeführt, so dass ein strategisch wichtiger Punkt nach dem anderen von der russischen Armee erobert werden konnte.

Von ihrem Hauptquartieren bei Pskow und Novgorod aus begann Ende 1701 die erste russische Invasion nach Livonien mit einer etwa 26.000 Mann zählenden Streitmacht. Bei dem sich anschließenden Feldzug gelang es Schlippenbach mit einer etwa 2000 Mann starken schwedischen Abteilung im September das etwa 7000 Mann zählende russische Hauptheer unter Boris Sjeremetjev in zwei Begegnungen bei Rauge und Kasaritz zu schlagen, wobei die Russen 2000 Verluste erlitten. Dessen ungeachtet unternahmen die Russen weiterhin sich stetig intensivierende, begrenzte Angriffe auf livonisches Gebiet, dem die zahlenmäßig schwachen Schweden immer schwieriger nachkommen konnten.

Sturm auf Nöteborg im Oktober 1702 durch russische Truppen.
Historiengemälde von A. Kotsebu (1815-1889)

Während der zweiten großen Invasion nach Livonien unter der Führung von General Boris Sjeremetjev gewannen die Russen gegen die etwa 2200 Mann zählende[14] schwedische Livonische Armee unter Kommando von Schlippenbach in der Schlacht bei Erestfer am 30. Dezember 1701. Die schwedischen Verluste werden auf etwa 1000 Mann geschätzt. Nachdem sie die Gegend geplündert und zerstört hatten zogen sie sich allerdings wieder zurück. Im Sommer 1702 fand die dritte große ca. etwa 40.000 Mann zählende russische Invasion statt. Am 19. Juli erlangten die Russen entscheidende Siege gegen die etwa 6000 Mann zählenden Schweden[15]in den Gefechten bei Hummelshof (oder Hummelsdorf), nahe Dorpat und Marienburg in Livonien, bei der nach schwedischen Angaben 840 Tote und 1000 Gefangene in der Schlacht selbst und weitere 1000 Schweden während der sich anschließenden Verfolgung zu beklagen waren.[16] Die Schlacht bedeutete das Ende der livonischen Armee und den Grundstock für die russische Eroberung Livoniens. Volmar und Marienburg (im August) und die ländlichen Gebiete Livoniens fielen nach den beiden Schlachten in russische Hände.

Feldmarschall Boris Sjeremetjev führte die russische Armee dann nordwärts, Richtung Ingria. Am 11. Oktober 1702 ging die mit 450 Schweden besetzte Festung Nöteborg in russischen Besitz über. Diese am Zufluss der Newa aus dem Ladogasee gelegene Festung kontrollierte die Mündung und wurde aufgrund dieser strategisch wichtigen Bedeutung von Peter I. in Schlüsselburg umgetauft.

Zar Peter I. stoppt seine marodierenden Truppen nach dem Fall von Narva
Historiengemälde von Nikolai Sauerweid, 1859

Nachdem im Mai 1703 die schwedische Festung Nyenschantz an der Mündung der Neva in den Golf von Finnland durch Boris Sjeremetjev, mit Hilfe der neuerrichteten Russischen Marine erobert werden konnte, begann Zar Peter I. im sumpfigen Delta der Newa 1703 mit dem Aufbau einer Festung und später mit einer Stadt, die mit den Namen Sankt Petersburg neue russische Hauptstadt werden sollte. Der Rest von Ingria, inklusive Jaama und Koporje, fiel danach schnell den Russen zu.

Im Sommer des Jahres 1704 wurde eine russische Armee unter dem Kommando Feldmarschall Georg Benedikt von Ogilvys (1651–1710) von Ingermanland aus zur Eroberung von Narva angesetzt. Gleichzeitig stieß eine weitere russische Armee gegen Dorpat vor. Ziel dieser Operationen war die Einnahme dieser wichtigen Grenzfestungen, um dadurch das im Vorjahr eroberte Ingermanland mit dem neuen St. Petersburg zu schützen und die Möglichkeit zur Eroberung Livlands zu gewinnen. Am 14. Juli 1704 fiel Dorpat in russische Hände und am 9. August Narva. 1706 waren nur noch wenige Hauptorte und Festungen, namentlich Riga, Pernau, Arensburg und Reval in schwedischen Händen.

Die russischen Siege wurden durch eine deutliche numerische Überlegenheit sichergestellt. Die russische Taktik konzentrierte sich auf Angriffe auf isolierte und nur mit kleinen Garnisonen versehenen schwedische Festungen. Besonders am Anfang vermied es die russische Armee noch größere Festungen anzugreifen. Ein besonderes Kennzeichen dieses Kriegsschauplatzes war auch die planmäßige Anwendung der Taktik der verbrannten Erde seitens der Russen. Das Ziel das die Russen damit verfolgten war es, das Baltikum als mögliche schwedische Basis für weitere Operationen untauglich zu machen. Eine große Zahl an Einwohnern wurde im Zuge dieser Taktik durch die russische Armee verschleppt. Viele dieser Verschleppten endeten als Leibeigene auf den Gütern hoher russischer Offiziere oder wurden als Sklaven an die Tataren oder den Osmanen veräußert.[17] Durch die Einsätze und den militärischen Erfolgen auf diesem Kriegsschauplatz in diesen Jahren, hatte die russische Armee wertvolle Erfahrung und an Selbstvertrauen gewonnen. Die Siege zeigten, wie effektiv sich die Zarenarmee in nur wenigen Jahren entwickelt hatte.

Feldzug gegen Russland 1707–1709

Schlacht bei Poltawa; Teil eines Mosaiks von M. W. Lomonossow

Karl XII. wandte sich im September 1707 gegen seinen alleinigen Gegner Russland. Als er Sachsen verließ und durch Polen nach Russland zog, hatte er seine Armee auf 44.000 Mann vergrößert (seine Hauptarmee bestand aus 36.000 Soldaten), neu eingekleidet und mit neuen Waffen ausgerüstet. Seine Kriegskasse war um mehrere Millionen Taler größer. In Polen stießen 8.000 schwedische Rekruten sowie 16.000 Soldaten von Seiten Leszczyńskis und Józef Potockis zu ihm.[18]Somit zog der König mit fast 70.000 Soldaten gegen Moskau.

Nun stand Peter I. praktisch allein der schwedischen Großmacht gegenüber. 1708 erschienen erneut russische Truppen in Polen. Ihnen gelang es während des außergewöhnlich harten Winters 1708/1709, in der Schlacht bei Lesnaja am 9. Oktober 1708 den Tross der schwedischen Armee zu erbeuten, die damit von ihrer Versorgung abgeschnitten war. Auch die erwartete Verstärkung durch die mit Schweden verbündeten Kosaken unter Ataman Iwan Masepa blieb aus. So war zu Beginn des Frühjahrs 1709 nur noch ein Drittel der schwedischen Armee mit wenigen Kanonen einsatzbereit. Besonders die in Deutschland angeworbenen Soldaten hatten die Kälte nicht verkraftet. Dennoch wagte es Karl XII. tief auf russisches Gebiet vorzudringen. Am 8. Juli 1709 kam es in der Ukraine zur entscheidenden Schlacht bei Poltawa. Die Schweden erlitten eine vernichtende Niederlage; Karl XII. floh nach Süden ins Osmanische Reich.

Weiterer Kriegsverlauf 1710–1721

Darstellung der Feldzüge nach der Kriegswende infolge der Schlacht bei Poltawa im Juli 1709 bis zum Friedensschluss 1721

Die Kriegshandlungen konzentrieren sich in dieser Phase fast nur noch auf die schwedischen Herrschaftsgebiete. So fanden schwere Kämpfe um die schwedischen Besitzungen in Norddeutschland statt, die 1715 mit der Eroberung durch die Alliierten endeten. Weitere Kämpfe fanden im heutigen Finnland, der Ostsee und Norwegen statt.

Russisch-Osmanischer Krieg

Peter schickte seinen Botschafter nach Istanbul und forderte die Auslieferung Karls. Ahmed III. ließ den Botschafter ins Gefängnis werfen. Daraufhin fiel Peter mit seiner Armee ins Osmanische Reich ein. Die osmanischen Truppen kesselten ihn bei Huşi, einem kleinen Ort am Pruth ein. Sie nutzten jedoch ihre überlegene Position nicht aus und ließen ihn ehrenvoll abziehen. Im Frieden vom Pruth verpflichtete Peter sich, die Festung Asow abzutreten und sich aus den Gebieten der Kosaken zurückzuziehen.

Operationen im Ostseeraum

In Polen allerdings weigerte sich die Konföderation von Sandomir unter dem Hetman Adam Sieniawski, dem reichsten Mann Polens und Schwiegersohn Fürst Lubomirskis, die Abdankung Augusts II. und die Thronbesteigung Stanislaus Leszczynskis anzuerkennen. Der russische Zar schlug den Polen neue Thronkandidaten vor und auch Leszczynski versuchte seine Gegner für sich zu gewinnen. Dies scheiterte aber an der Frage der Verteilung von Pfründen und Posten. Die Konföderation hatte allerdings nur geringen militärischen Wert; ihre Truppen konnten allenfalls den Nachschub der Schweden stören.

Nach der Niederlage der Schweden bei Poltawa kündigte August den Friedensvertrag von Altranstädt. Am 20. August 1709 marschierten erneut sächsische Truppen in Polen ein. Die schwedischen Truppen mit 9.000 Mann zogen sich nach Stettin und Stralsund zurück. Stanislaus Leszczynski floh ins Ausland. Am 28. Juni 1709 erneuerten Dänemark und Sachsen ihren Bündnisvertrag. Auch andere Staaten griffen in den Krieg ein. Das Kurfürstentum Hannover erhob Anspruch auf Bremen und Verden (Aller). Preußen wollte sich der schwedischen Gebiete in Pommern bemächtigen – Stettin, Usedom, Wollin. Ende 1709 besetzte die dänische Armee mit 14.000 Soldaten die südschwedische Provinz Schonen, wurden jedoch drei Monate später in der Schlacht von Helsingborg von den Schweden unter dem Kommando von Magnus Stenbock wieder zurückgeschlagen. 1712 besetzte Dänemark das schwedische Herzogtum Verden und verpfändete es 1715 an Hannover.

Die Seeschlacht bei Hangö am 27. August 1714

Peter I. sicherte seine Gebietsgewinne im Ostseeraum. Im Sommer 1713 hatte er Südfinnland erobert. Zu Wasser waren die Schweden mit ihren großen Schiffen, die viele Geschütze tragen konnten, der russischen Flotte aber weit überlegen. Peters einzige Chance war eine Schlacht in Küstennähe. Unter Aufbietung aller Mittel verdoppelte er seine Ostseeflotte und stellte sie unter das Kommando erfahrener Venezianer und Griechen. Im August 1714 lagen sich die beiden Flotten bei Hangö gegenüber. Während einer anhaltenden Flaute kämpften sich die kleineren, aber wendigen russischen Schiffe durch den schwedischen Geschützhagel und enterten die unbeweglichen schwedischen Schiffe eins nach dem anderen. Damit herrschte die russische Flotte über die nördliche Ostsee.

Kampf um Schwedisch-Pommern 1711-1715

Am 29. August 1711 drangen erstmals dänische Truppen unter dem Kommando Königs Friedrichs IV. von Mecklenburg aus bei Damgarten in Schwedisch-Pommern ein. Die Schweden hatten hier nur 8.000 Mann unter Oberst Karl Gustav Düker stehen.[19] Zu den Dänen stießen Anfang September 1711 russische und sächsische Truppen. Sie waren durch die Neumark und die Uckermark gekommen und vereinigten sich bald darauf mit dem dänischen Heer. Die zahlenmäßig unterlegenen Schweden beschränkten sich deshalb auf die Verteidigung der beiden Festungen Stettin und Stralsund sowie der Insel Rügen.

Ab dem 7. September 1711 kam es zu einer ersten Belagerung von Stralsund durch die verbündeten Heere. Jedoch fehlten der Belagerungsarmee schwere Artillerie und genügend Nahrungsmittel für die rund 30.000 Mann starke Truppe.[20] Als am 8. Dezember 1711 6.000 Schweden zur Unterstützung Stralsunds auf Rügen landeten, zogen sich die Verbündeten am 7. Januar 1712 nach über 17 Wochen Belagerung zurück und bezogen Winterlager in Mecklenburg.

Im Mai 1712 rückten erneut russische Soldaten in Pommern ein und es kam zur zweiten Belagerung von Stralsund, bei der die Verbündeten 7.000 Sachsen und 38.000 Russen aufboten. Die Belagerung scheiterte wieder, da am 26. September 1712 10.000 Mann unter Kommando des schwedischen Generals Magnus Stenbock auf Rügen landeten und die Eroberung Stralsund unmöglich machten. Gegen Ende des Jahres 1712 gelang es dem schwedischen General, die Verbündeten aus Pommern zurückzudrängen und den Krieg nach Mecklenburg und Holstein zu verlagern. Ihm gelang am 20. Dezember 1712 in der Schlacht bei Gadebusch ein Sieg über die verbündeten sächsischen und dänischen Truppen. Die verloren 6.000 Soldaten und mussten sich fluchtartig zurückziehen. Im Januar 1713 ließ Stenbock die Stadt Altona niederbrennen[21]. Kriegsentscheidend war die Schlacht von Gadebusch nicht, schon im nächsten Jahr sollte sich das Schicksal dieser schwedischen Armee bei Tönning im heutigen Schleswig-Holstein besiegeln.

Nachdem die siegreichen Verbündeten aus Holstein wieder nach Pommern einmarschiert waren, erfolgte im Juni 1713 die dritte Belagerung von Stralsund. Diese wurde im Oktober erneut aufgehoben. Im August 1713 begannen russische und sächsische Einheiten unter Führung des Fürsten Menschikow einen Angriff auf Stettin, welches über eine Garnison von 4300 Mann verfügte. Die Stadt ergab sich am 19. September 1713, nachdem ein achtstündiges Bombardement der sächsischen Belagerungsartillerie große Teile der Stadt zerstört hatte. Am 6. Oktober 1713 marschierten, nach Verhandlungen und Zahlung von 400.000 Reichstaler an die Alliierten,[22] preußische Truppen in Stettin ein. Schwedisch-Pommern war inzwischen bis auf Stralsund komplett von den verbündeten Dänen, Russen und Sachsen erobert und von Preußen als neutrale Macht besetzt worden.

Auch in dieser für Schweden äußerst kritischen Lage lehnte Karl XII. mehrere Friedensangebote ab. Er war im November 1714 aus Bender in die Festung Stralsund zurückgekehrt. Als er erste Erfolge gegen die preußische Armee erzielte, wurde er von den vereinigten russischen, sächsischen, preußischen und dänischen Truppen in der Festung eingeschlossen. Nach monatelanger Belagerung von Stralsund ergaben sich die eingeschlossenen Schweden am 23. Dezember 1715. Karl konnte in einem Fischerboot über die Ostsee entkommen.

Ausklang des Krieges: Tod Karls XII.

Am 11. Dezember 1718 fand Karl XII. bei der Belagerung der norwegischen Festung Frederikshald unter bis heute ungeklärten Umständen den Tod durch eine Kugel in die Schläfe.

Friedensschlüsse

Im Januar 1719 verbündete sich August der Starke mit Österreich und England, die ihm Hilfe gegen einen Angriff Russlands auf Polen-Litauen zusicherten. Im November 1719 löste er die Allianz mit Peter I. auf und schloss einen Waffenstillstand mit Schweden. Ulrike Eleonore erkannte ihn als König von Polen an. Auch Hannover, Preußen und Dänemark stellten die Kriegshandlungen ein. Hannover erhielt Bremen und Verden; Preußen gewann Vorpommern mit Stettin, Usedom und Wollin.

Um die Unterzeichnung des Friedensvertrags voranzubringen, entschied sich Peter I., eine Landeoperation im schwedischen Kernland durchzuführen. Im August 1719 erfolgte eine gleichzeitige Landung südlich und nördlich von Stockholm. An der Operation waren 20 Linienschiffe, einige hundert Ruderschiffe sowie 26.000 Mann Landungstruppen beteiligt. Im Verlauf der Operationen wurden 8 größere Städte (u.a. die damals zweitgrößte Stadt Norrköping) zerstört.

Am 21. Januarjul./ 1. Februar 1720greg. kam es nach langwierigen Verhandlungen zum Frieden von Stockholm zwischen Preußen und Schweden; am 3. Julijul./ 14. Juli 1720greg. beendeten Dänemark und Schweden den Krieg mit dem für Schweden nachteiligen Frieden von Frederiksborg. Im Sommer 1720 erfolgte die nächste russische Landung, wobei die Stadt Umeå zerstört wurde.

Als England erkannte, dass es nicht möglich war, eine Koalition gegen Russland zu bilden, drängte nun auch das Vereinigte Königreich darauf, die Friedensverhandlungen mit Russland so schnell wie möglich aufzunehmen. Infolge eines Finanzcrashs war es für den englischen König Georg I. nicht mehr möglich, die Schweden finanziell zu unterstützen. Die nordeuropäischen Herrscher (mit Ausnahme August II. von Sachsen/Polen) verweigerten, weitere Kriegshandlungen gegen Peter I. auch nur in Betracht zu ziehen. Somit blieb Schweden nichts anderes übrig, als mit Russland am 28. April, in Nystadt, in direkte Friedensunterhandlungen zu treten.

Im Friedensvertrag von Nystad trat Schweden die Gebiete Ingermanland, Livland, Estland, die Inseln Ösel und Dagö sowie Südkarelien an Russland ab. Dafür erhielt es Finnland zurück, das Peter I. 1714 erobert hatte.

Im Hamburger Vergleich (1729) erkannte Schweden die Abtretung des Herzogtums Verden an Hannover an.

Folgen und Auswirkungen des Krieges

Schweden verlor seine Besitzungen in Deutschland (bis auf Wismar) und im Baltikum und somit seine Stellung als nordische Großmacht an Russland, welches als neue Militärmacht am Baltikum im Blickfeld Europas aufgetaucht[23] und für die europäische Neuordnung verantwortlich war. Russlands neue Hauptstadt entstand an der Ostsee, geschützt durch breite Küstengebiete. Eine Entwicklung die die um ihre Handelsbeziehungen in die Ostsee besorgte See- und Handelsmacht Großbritannien nicht gerne sah, aber auch nicht verhindern konnte[24]. Mit Russlands Aufstieg war gleichzeitig der Abstieg Polens verbunden, das in die Einflußsphäre Russlands geriet und ab 1768, aufgrund des Zusammenbruchs seiner Wehrorganisation, de facto zu einem russischen Protektorat herabsank und in Zukunft nur noch eine untergeordnete Rolle spielte[25]. Der Niedergang Schwedens und Polens wiederum befreite Preußen von zwei potentiell starken Gegnern in der Region und fiel mit seinem Aufstieg zur Großmacht zusammen[26]. Zusammen mit Frankreich, Österreich und Großbritannien sollten Russland und Preußen künftig eine Pentarchie der Großmächte bilden. Der Große Nordische Krieg hatte eine grundlegende Verschiebung im europäischen Mächteverhältnis zur Folge. Brandenburg und Russland waren aus der zweiten in die erste Reihe der europäischen Staaten aufgerückt[27].

Weblinks

Literatur

  • Paul Kennedy: The Rise and Fall of the Great Powers - Economic Change and Military Conflict from 1500 to 2000, New York 1987.
  • Norman Davies: Im Herzen Europas - Geschichte Polens, München 2000.
  • Robert I. Frost: The Northern Wars - War, State and Society in Northeastern Europe, 1558–1721, Harlow (Essex) 2000.
  • Eckardt Opitz: Vielerlei Ursachen, eindeutige Ergebnisse - Das Ringen um die Vormacht im Ostseeraum im Großen Nordischen Krieg 1700–1721, in: Bernd Wegner (Hrsg.): Wie Kriege entstehen - Zum historischen Hintergrund von Staatenkonflikten, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2000, S. 89–107.
  • Geoffrey Parker: The Cambridge illustrated history of warfare, Cambridge 2005.
  • Georg Piltz: August der Starke - Träume und Taten eines deutschen Fürsten, Verlag Neues Leben, Berlin (Ost) 1986. ISBN 3-355-00012-4
  • Klaus Zernack: Das Zeitalter der Nordischen Kriege von 1558 bis 1809 als frühneuzeitliche Geschichtsepoche, in: Zeitschrift für historische Forschung 1 (1974) S. 55–79.
  • Hans Branig: Geschichte Pommerns Teil II: Von 1648 bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, Böhlau Verlag, Köln 2000. ISBN 3-412-09796-9
  • Curt Jany: Geschichte der Preußischen Armee - Vom 15. Jahrhundert bis 1914, Bd. 1, Biblio Verlag, Osnabrück 1967, Seite 632-641.
  • Dietmar Lucht: Pommern – Geschichte, Kultur und Wissenschaft bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges, Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1996. ISBN 3-8046-8817-9
  • Werner Scheck: Geschichte Russlands, Wilhelm Heyne Verlag, München 1977. ISBN 3-453-48035-X

Fußnoten

  1. Pierre Marchand: Die Große Bertelsmann Enzyklopädie des Wissens – Kaiser, Könige und Zaren: Kapitel: Das Russland der Zaren, Sankt Petersburg, 1993 S. 67
  2. Ericson, Lars, Svenska knektar (2004) Lund: Historiska media
  3. Liljegren, B. (2000). Karl XII: En Biografi. Lund: Historiska media, p. 308-309. ISBN 91-85377-14-7
  4. Bergstrand, F. (1997). Då Madagaskar skulle bli svenskt-och England katolskt. Karolinska förbundets årsbok (KFÅ).
  5. Darstellung nach: Eckardt Opitz: Vielerlei Ursachen, eindeutige Ergebnisse - Das Ringen um die Vormacht im Ostseeraum im Großen Nordischen Krieg 1700–1721, S.90–94
  6. Karte der gottorfschen und königlichen Anteile in den Herzogtümern Schleswig und Holstein
  7. Eckardt Opitz: Vielerlei Ursachen, eindeutige Ergebnisse - Das Ringen um die Vormacht im Ostseeraum im Großen Nordischen Krieg 1700–1721, S.94f
  8. Georg Piltz: August der Starke - Träume und Taten eines deutschen Fürsten, Verlag Neues Leben, Berlin (Ost) 1986, S.80
  9. Werner Scheck: Geschichte Russlands, München 1977, S.188
  10. Duffy:Russia's Military Way to the West, S. 17
  11. Duffy:Russia's Military Way to the West, S. 17
  12. (Die Stärke der Schweden im Jahr 1701 betrug etwa: 3100 Mann Feldtruppen, 2000 Mann Garnison in Dorpat, 150 Mann in Marienburg, 6 kleinere Kriegsschiffe mit 300 Mann sowie Landmiliz). Zahlen nach Angaben von: [1]
  13. Peter Englund:The Battle that Shook Europe, Pearson Education Verlag, S. 39
  14. nach anderen Angaben 3800 Schweden,
  15. Seite 15
  16. nach dem offiziellen russischen Bericht von der Schlacht sollen 5000 Schweden getötet worden sein, bei einem eigenen Verlust von 400 Mann, Rossiter Johnson: The Great Events by Famous Historians, S. 324
  17. Peter Englund:The Battle that Shook Europe, Pearson Education Verlag, S. 40
  18. Bengt Liljegren|Liljegren, Bengt - Karl XII: En biografi, Historiska media, 2000, Sidan 151.
  19. Branig 2000, Seite 53.
  20. Ewe 1984, Seite 194.
  21. Ein zeitgenössischer Bericht über den Brand befindet sich auf Wikisource: Nachricht_über_den_Brand_von_Altona_1713
  22. Lucht 1996, Seite 99.
  23. Geoffrey Parker, S. 155
  24. Klaus Zernack, S. 71
  25. Norman Davis, S. 277
  26. Paul Kennedy, S. 97
  27. Klaus Zernack, S. 57


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