Aristeas-Brief

Der sogenannte Aristeasbrief ist eine pseudepigraphe Schrift eines Juden aus der Epoche des Hellenismus. Er schildert und rechtfertigt die Übersetzung des Pentateuchs aus dem Hebräischen ins Griechische (Septuaginta).

Inhaltsverzeichnis

Verfasser und Datierung

Der Verfasser des Briefs hat sich das Pseudonym Aristeas zugelegt und gibt sich als Anhänger der griechischen Religion aus. Er gibt sich den Anschein, ein hohes Amt am Hof des ägyptischen Königs Ptolemaios – gemeint ist Ptolemaios II. Philadelphos (285–246 v. Chr.) – zu bekleiden. In dem Brief berichtet er seinem angeblichen Freund Philokrates über die Umstände der Entstehung des Septuaginta-Textes. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch bei dem Verfasser um einen ägyptischen Juden aus Alexandria, der sich an ein jüdisches Publikum wendet. Der Inhalt bietet keine brauchbaren Kriterien für eine Datierung. Aus formalen Gründen, die den Stil der in den Brief eingefügten angeblichen offiziellen Schriftstücke betreffen, kann man davon ausgehen, dass der Aristeasbrief in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. entstanden ist.[1]

Inhalt

In dem Brief berichtet Pseudo-Aristeas, er sei auf Anregung des königlichen Bibliothekars Demetrios von Phaleron von Ptolemaios nach Jerusalem zu dem jüdischen Hohenpriester Eleazar entsandt worden, mit dem er Gespräche über die allegorische Bedeutung jüdischer religiöser Gebote geführt habe. Dann sei er mit Tora-Schriftrollen und mit 72 Übersetzern nach Alexandria zurückgekehrt (jeweils 6 Männer aus den Zwölf Stämmen Israels). Diese hätten dann in 72 Tagen den Pentateuch ins Griechische übersetzt. Ausführlich wird über die Tischgespräche der 72 Gelehrten mit dem ägyptischen König berichtet, in denen Ptolemaios den Juden im Verlauf von sieben Tagen philosophische Fragen stellte; jeder der 72 beantwortete eine Frage. Die Übersetzung sei von den Juden in Alexandria gutgeheißen worden. Sie sei damit autorisiert, und wer daran etwas ändere, der solle verflucht sein. Dann sei das Werk dem König vorgelegt worden, der es in seiner Bibliothek (der berühmten Bibliothek von Alexandria) zu besitzen wünschte. Außerdem wird in dem Brief berichtet, der König habe auf Bitten des Aristeas allen jüdischen Kriegsgefangenen, die sich als Sklaven in seinem Reich befanden, die Freiheit geschenkt.

Pseudo-Aristeas erweist sich als aufgeklärt und der griechischen Denkweise gegenüber sehr aufgeschlossen. Er meint, Zeus etwa sei schlicht ein anderer Name für HaSchem. Den griechischen Polytheismus lehnt er als gläubiger Jude ab, vermeidet aber Polemik, zumal er selbst sich ja als Griechen ausgibt. Er lässt den Hohenpriester Eleazar eine euhemeristische Deutung vortragen: Die griechischen Götter seien hervorragende Menschen gewesen, die durch ihre bedeutenden Leistungen zu göttlichen Ehren gelangt seien.

Mit Blick auf seine jüdische Leserschaft bemüht sich der Verfasser, das Vorhaben der Übersetzung des Pentateuchs ins Griechische als gerechtfertigt und geglückt darzustellen und Zweifeln seiner jüdischen Zeitgenossen an der Korrektheit des Übersetzungstextes entgegenzutreten.

Überlieferungs- und Forschungsgeschichte

Es sind mehr als 20 Handschriften dieses Briefes überliefert, der auch in vielen anderen Texten erwähnt und zitiert wird. Er ist in einwandfreiem Griechisch abgefasst.

Der Brief wurde bereits früh aufgrund philologischer Textkritik als Fälschung erkannt. Schon Humphrey Hody verfasste 1684 seine Contra historiam Aristeae de LXX interpretibus dissertatio, worin er ausführt, der Brief sei eine späte Fälschung durch einen hellenisierten Juden. Ihm widersprach allerdings Isaac Vossius (1618–1689), der Bibliothekar der Königin Christine von Schweden, im Anhang seiner Ausgabe des Pomponius Mela.

Ausgaben

  • André Pelletier (Hrsg.): Lettre d’Aristée a Philocrate, Paris 1962 [kritische Edition mit französischer Übersetzung]
  • Kai Brodersen (Hrsg.): Aristeas: Der König und die Bibel, Griech.-Dt., Reclams Universal-Bibliothek 18576, Stuttgart: Reclam 2008. ISBN 3-15-018576-9

Literatur

  • Feldmeier, Reinhard: Weise hinter „eisernen Mauern“. Tora und jüdisches Selbstverständnis zwischen Akkulturation und Absonderung im Aristeasbrief, in: Martin Hengel, Anna Maria Schwemer (Hg.): Die Septuaginta zwischen Judentum und Christentum, Tübingen: Mohr Siebeck 1994, S. 20–37.
  • Kautzsch, E. (Hg.): Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments. Bd. 2: Die Apokryphen des Alten Testaments. Darmstadt 1962 (2., unveränderter Nachdruck der Erstausgabe von 1900).
  • Meisner, Norbert: Aristeasbrief, in: Kümmel, Werner Georg; Lichtenberger, Hermann (Hg.): Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit. Bd. 2: Unterweisung in erzählender Form, Gütersloh 1973, S. 35–88.

Weblinks

  • R. H. Charles: Engl. Übersetzung, von Christian Classics Ethereal Library.
  • James Davila: Vorlesungsnotizen, 1999, University of St Andrew's.
  • Kaufmann Kohler, Paul Wendland: Artikel in der Jewish Encyclopedia (1901-06).
  • Kirby, Peter: Ressourcen, Links und kurze Auszüge aus Sekundärliteratur, Early Jewish Writings
  • Michael Tilly: Art. Aristeasbrief, in: Michaela Bauks / Klaus Koenen (Hgg.), Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), 2007ff.

Anmerkungen

  1. Karlheinz Müller: Aristeasbrief, in: Theologische Realenzyklopädie, Band 3, Berlin 1978, S. 724.

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