Dampfpfeife

Dampfpfeife (steam whistle; sifflet à vapeur; fischio a vapore), die meistens oberhalb des Führerhausdaches, seltener vor dem Führerhause angebrachte, mit Dampf zu betätigende Pfeife, die dazu dient, von der Lokomotive aus Signale geben zu können. Der Handgriff, mit dem die Pfeife zum Ertönen gebracht wird, muß für den Lokomotivführer leicht erreichbar sein.

Die D. wird aus Rotmetall und Messingguß hergestellt und besteht im wesentlichen aus vier Teilen: 1. dem Unterteil (Untersatz) mit dem Ventilsitz oder Hahngehäuse, 2. dem Mittelstück, 3. der Glocke und 4. dem Ventil oder Hahn.

Die Tonfarbe ist von der Spannung und Menge des ausströmenden Dampfes, der Form, Größe und Stärke der Glocke und von dem Höhenabstand des Glockenrandes über der ringförmigen Spalte des Unterteils abhängig.

Zur Erzielung möglichst reiner Töne und zur Vermeidung von Obertönen empfiehlt es sich, die Kappe der Glocke kugelförmig auszubauchen und den einströmenden Dampf nicht zu drosseln.

Der Umstand, daß der Ton verändert wird, wenn die Entfernung zwischen Glockenunterrand und Spalte verschieden groß ist, führte zur Herstellung von Pfeifen mit verschiebbaren Glocken, um bei verschiedener Stellung der Glocke höhere oder tiefere Töne hervorbringen zu können und auf diese Weise eine größere Anzahl Signalkombinationen zu ermöglichen.

Zu dem gleichen Zweck wurden auch zwei verschieden tönende Pfeifen an einer Lokomotive angebracht. Pfeifen mit verhältnismäßig langer Glocke geben ähnliche Töne wie die Mundhörner; derlei Pfeifen sind unter dem Namen Dampfhörner bekannt. Um gleichförmig lange und kurze Pfiffe sicher abgeben zu können, wurden Pfeifen mit besonders eingerichteten Dampfeinströmungen hergestellt, bei denen nach Umlegen des Einströmungshebels nach einer Richtung ein langgezogener Ton und bei Umlegen des Hebels nach der anderen Richtung mehrere kurze, rasch aufeinander folgende Töne selbsttätig hervorgebracht werden (Bendersche D.).

Das Ventilgestänge der D. ist zumeist derart ausgeführt, daß es mit der Zugleine in Verbindung gebracht werden kann, um durch Anziehen der Leine das Pfeifenventil öffnen zu können. Diese Einrichtung dient als Zugsinterkommunikationssignal, indem die mit der Pfeifenstange verbundene Zugsleine derart an den Wagen fortgeführt ist, daß sie von den Bremsersitzen und von den Wagenfenstern aus erreicht und angezogen werden kann.

In Abb. 174 ist eine Normaldampfpfeife der österreichischen Staatsbahnen und in Abb. 175 eine solche der preußischen Staatsbahnen dargestellt.

Die erste Ausführung einer den heutigen D. ähnlichen Vorrichtung, einer Dampftrompete, erfolgte im Jahre 1833 über Anregung von Ashlen Bagster, Betriebsleiter der Leicester-Swannigton-Bahn, durch einen Instrumentenmacher in Newcastle, an der von R. Stephenson 1832 für die genannte Bahn gelieferten Lokomotive Samson. Bis dahin hatten die Lokomotivführer nur ein kleines Hörn, um Signale zu geben. Der Umstand, daß die Lokomotive Samson, trotz Abgabe des Hornsignales einen die Geleise übersetzenden, mit Eiern beladenen Wagen überfuhr, war die Veranlassung, daß Bagster auf den Gedanken einer Dampftrompete kam.

In der, der heutigen Ausführung entsprechenden Grundform erscheint die D. zum erstenmal 1835 an der von Tayleur & Co. in Warrington für die obengenannte Bahn gebauten Lokomotive Vulkan.

Nach den Vorschriften der TV. des VDEV. (§ 95) muß jede Lokomotive mit einer D. oder einer gleichwertigen Signaleinrichtung versehen sein.

Über die mit den Dampf pfeifen zu gebenden Signale vgl. Lokomotivsignale.

Gölsdorf.

Abb. 174.
Abb. 174.
Abb. 175.
Abb. 175.

http://www.zeno.org/Roell-1912. 1912–1923.

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