Übersehen

Übersehen, verb. irreg. S. Sehen. 1. Ǘbersehen, ich sehe über, übergesehen, über zu sehen, als ein Neutrum mit haben, über etwas höheres sehen, mit dessen Verschweigung, wofür doch darüber, hinüber, herüber sehen, richtiger und anständiger sind.

2. Übersehen, ich übersehe, übersehen, zu übersehen, mit ausdrücklicher Meldung dessen, worauf sich das Vorwort beziehet, in der vierten Endung.

1) Über etwas wegsehen, weil man höher gestellet ist, als dieses Etwas, wo es doch nur in figürlichem Verstande üblich ist. Der Größere übersiehet den Kleinern, der Reichere den Armen, der Größere hat mehr Macht als der Kleine, der Reiche mehr Vermögen. Wenn jemand mehr Gelehrsamkeit besitzet, als ein anderer, so sagt man, er übersehe ihn sehr weit. Dergleichen Kleinigkeiten sind leicht zu übersehen, ohne beschwerliche Empfindung zu ertragen. Eine solche Summe kann ich nicht übersehen, nicht ohne Beschwerde entbehren.

2) Über die ganze Oberfläche eines Dinges hinsehen. (a) Eigentlich, besonders auch, so fern man höher gestellt ist. Von diesem Berge kann man die ganze Gegend, von diesem Thurme die ganze Stadt, übersehen. Eine Ebene, welche nicht zu übersehen ist. O wie reißt das Entzücken mich hin, wenn ich vom hohen Hügel die weit ausgebreitete Gegend übersehe! Geßn. Auch in weiterer Bedeutung. Du wirst dein Unglück nicht übersehen können. (b) Figürlich. Etwas übersehen, es flüchtig durchsehen. In den Küchen übersiehet man den Salat, das Gemüse, wenn man es durchsiehet, um das untaugliche auszulesen. Eine Rechnung, eine Arbeit übersehen, sie durchgehen, durchsehen, ob sie richtig sey. Die Probebogen der Druckerey übersehen, ob sie richtig sind. Eine Schrift übersehen, sowohl sie flüchtig durchlesen, als auch sie durchlesen, um sie zu verbessern; in welchem Verstande auch einige das Hauptwort Übersicht gebrauchen, S. dasselbe. Seine Lection übersehen, sie durchlesen, um sie zu lernen. Nach einer noch weitern Figur bedeutete es ehedem auch die Aufsicht über etwas haben, wie noch das Engl. oversee, in welchem Verstande es aber im Hochdeutschen veraltet ist.

3) Über etwas wegsehen, ohne es gewahr zu werden, etwas nicht sehen, was man doch sehen konnte oder wollte. (a) Eigentlich, so fern es aus Übereilung oder Mangel der Aufmerksamkeit geschiehet. Das habe ich übersehen, bin ich nicht gewahr geworden. Im Lesen zwey Zeilen übersehen. In der Zählung mehrerer Dinge drey Stücke übersehen. (b) Figürlich. (1) Arme Personen werden immer übersehen, nicht geachtet, man bezeiget seine Aufmerksamkeit nicht für sie. Darum, daß ihre Wittwen übersehen wurden in der täglichen Handreichung, Apost. 6, 1; übergangen wurden. (2) Etwas übersehen, thun, als wenn man es nicht sähe, es nicht merken lassen, daß man es wahr genommen habe, besonders Fehler und Vergehen, sie ungeahndet lassen. Gott hat die Zeit der Unwissenheit übersehen, Apost. 17, 30. Ich habe ihm viel übersehen, werde ihm aber künftig nichts mehr übersehen. Wenn sie nur ein gutes Herz hat, so will ich ihr die Unrichtigkeit in ihren Meinungen gern übersehen, Gell. Ein Fehler des äußerlichen Wohlstandes wird an dem Kinde oft hart bestraft, und eine feine Unwahrheit übersieht man ihm, ebend. Mit der dritten Endung der Person und der Verschweigung der vierten Endung der Sache ist es veraltet. Ich will meinem Volk Israel nicht mehr übersehen, Amos 6, 8. Kap. 8, 2; wofür nachsehen üblicher ist. (3) Ehedem sagte man auch, jemanden übersehen, ihn verschonen, seiner schonen, welche Bedeutung aber im Hochdeutschen veraltet ist. Das Hauptwort die Übersehung ist nur in einigen Fällen üblich, S. auch Übersicht.


http://www.zeno.org/Adelung-1793. 1793–1801.

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