Platon [1]


Platon [1]

Platon, neben Aristoteles der größte unter den Philosophen des Altertums, wurde wahrscheinlich 427 v. Chr. in Athen geboren und starb daselbst 347. Er stammte aus vornehmer Familie; sein Vater Ariston gehörte dem berühmten Geschlecht des Kodros an, und seine Mutter Periktione war mit den Nachkommen Solons verwandt. Früh versuchte sich P. in der Dichtkunst, wendete sich aber bald der Philosophie zu und soll den ersten philosophischen Unterricht von Kratylos, einem Herakliteer, erhalten haben. Entscheidend für seine ganze spätere Tätigkeit wurde seine Bekanntschaft mit Sokrates, dessen Anleitung und Umgang er von 408 bis zu dem Tode desselben (399) genoß. Das Märtyrertum des Sokrates, bei dem er jedoch wegen Krankheit nicht zugegen war, machte auf ihn einen erschütternden Eindruck und gab seinem Philosophieren jene sittlich feste Richtung, durch die er sich den Sophisten seiner Zeit gegenüber auszeichnete. Nach Sokrates' Tod ging er nach Megara zu Eukleides, wurde daselbst mit der eleatischen Philosophie bekannt und begab sich auf Reisen, die ihn nach Kyrene, Ägypten, Großgriechenland, wo er die Philosophie der Pythagoreer kennen lernte, und nach Sizilien führten, wo er mit Dion, dem Schwager des ältern Dionysios, einen Freundschaftsbund schloß. Von dem mißtrauischen Dionysios selbst, der seiner Ermahnungen überdrüssig war, soll er wie ein Kriegsgefangener behandelt und als solcher in Ägina verkauft worden sein. In seinem 40. Lebensjahr nach Athen zurückgekehrt, begründete er daselbst eine philosophische Schule, die von der Örtlichkeit, dem Garten des Akademos, den Namen Akademie führte. Seine Lehrweise soll dialogisch gewesen, allmählich jedoch der vortragenden (akroamatischen) näher gekommen sein. Seine von da an bis zu seinem Lebensende fortgesetzte Lehrtätigkeit wurde durch zwei weitere sizilische Reisen unterbrochen, durch die P. nach dem Tode des ältern Dionysios seinen Staatsidealen in Syrakus vergebens Boden zu verschaffen suchte. Sein Tod soll an seinem Geburtstag erfolgt sein; bestattet wurde er am Kerameikos in der Nähe der Akademie, wo noch Pausanias sein Grabmal sah.

Platons Schriften (44 in 64 Büchern, die unechten mitgezählt) sind vollständig auf uns gekommen. Ihre aus der von Sokrates überkommenen Tendenz, zu eigner Forschung anzuleiten, entsprungene Darstellungsform ist die dialogische. Sie stellen nicht, wie die Aristotelischen, ein fertiges System in seinen verschiedenen Teilen dar, sondern weisen eine steigende Reise und Vertiefung nach, und zwar nicht eine methodische Steigerung für die Lernenden, wie dies Schleiermacher meint, sondern verschiedene Entwickelungsstufen Platons selbst, wie dies K. F. Hermann annimmt, wobei man noch nicht jeglichen Plan bei der Folge einzelner Dialoge zu leugnen braucht. Nach Hermann hat man drei Perioden der schriftstellerischen Entwickelung Platons zu unterscheiden: die Zeit bis bald nach dem Tode des Sokrates, dann die des Aufenthalts in Megara und der nächsten Reisen und endlich diejenige von der Gründung der Akademie bis zu Platons Tod. In der ersten ist P. noch im ganzen und großen Sokratiker; der Inhalt der Gespräche (Apologie, Lysis, Charmides, Laches, Protagoras, Menon, Gorgias u. a.) ist die Untersuchung ethischer Begriffe, namentlich der Tugend, ihre Methode die Induktion, ihre Tendenz Feststellung von Begriffen als dem Wesen der Gegenstände. Die zweite Periode umfaßt die sogen. dialektischen Dialoge, in denen im Gegensatz gegen die Sophisten und im Einklang mit den Eleaten ein Reich des objektiv Gewissen und wahrhaft Wirklichen (der Ideen) gewonnen werden soll. Dahin gehören der Theätet, der Sophistes, Politikos und Parmenides. In der dritten Periode werden vom Standpunkte der erreichten Ideenlehre die einzelnen philosophischen Wissenschaften (Physik, Ethik, Politik etc.) bearbeitet und der Versuch zu einer einheitlichen Zusammenfassung des Ganzen gemacht. In diese fallen, gleichsam als »Vorwort und Einleitung«, der Phädros und das Gastmahl, dann der Phädon, Philebos, die Republik, Timäos und die Gesetze. Die Schriften der ersten beiden Perioden stellen den Weg dar, auf dem P. selbst zu seiner eigentümlichen Philosophie (der Ideenlehre) gelangte, die der letzten die Art, wie P. die Gesamtheit des menschlichen Wissens aus dieser abzuleiten versuchte. Schleiermacher nimmt eine andre Reihenfolge an, andre Neuere ordnen die Schriften wieder anders. Von den Alten sind sie teils in Trilogien (Aristophanes von Byzanz), teils in Tetralogien (Thrasyllos) zusammengestellt; die Echtheit fast aller Dialoge ist bestritten worden. Von Aristoteles sind, wenn auch nicht alle zweifellos, als Platonisch erkannt: Republik, Timäos, Gesetze, Phädon, Phädros, Gastmahl, Menon, Gorgias, Hippias (minor), Menexenos, Theätet, Philebos, Sophistes, Politikos, Apologie des Sokrates, Lysis, Laches, Protagoras und Euthydemos. Wenn man den Menexenos ausnimmt, kann man diese als echt ansehen, außerdem können dafür gelten: Parmenides, Charmides, Euthyphron, Kriton, Kratylos, Kritias; dagegen sind als unecht auszuscheiden: Klitophon, Theages, Erastä, Minos, Epinomis, Hipparchos, Alkibiades II., Axiochos (die Definitionen), Sisyphos, Demodokos, und auch gegen Alkibiades 1., Hippias (maior), John und Menexenos wird man sich entscheiden müssen. Über die Abfassungszeit der einzelnen Schriften ist man noch keineswegs zu sichern Ergebnissen gelangt; im Gegenteil gehen die Meinungen darüber noch sehr auseinander. Es kommen dabei die verschiedensten Kriterien, auch die Sprache, der Hiatus u. a. in Frage. Einige Schriften verfaßte P. vielleicht noch vor dem Tode des Sokrates, den Theätet wahrscheinlich 390. den Phädros 386 oder 385, das Gastmahl 385 oder 384, dann in dem Zeitraum von 382–367 die Republik (an der er aber schon früher gearbeitet hat), den Timäos und Phädon, gegen das Ende seines Lebens die Schrift über die Gesetze (den zweitbesten Staat), welche die Durchführbarkeit seines Staatsideals im Leben dartun sollte. Als die bedeutendsten Dialoge können gelten: Protagoras, Theätet, Parmenides, Phädros, Symposion, Phädon, Republik, Timäos. Ausgaben sind: die lateinische von Marsilius Ficinus (Flor. 1483–84); die griechische von Aldus Manutius (1513); später von Stephanus mit lateinischer Übersetzung (Par. 1578, 3 Bde.; die Seitenzahlen dieser Ausgabe werden auch neuern Ausgaben beigedruckt); neuere Ausgaben: die von Bekker (Berl. 1816 bis 1823, 10 Bde.), von Ast, von Stallbaum (Leipz. 1836–75, 10 Bde.), von Orelli und Baiter (Zürich 1839–42, 2 Bde.; kleinere Ausg. 21 Bdchn.), in der Engelmannschen Sammlung (mit Übersetzung, Leipz. 1841–81, 26 Tle.), von K. F. Hermann (neue Ausg., das. 1873, 6 Bde.; neuerdings bearbeitet von Wohlrab), griechisch und lateinisch von Schneider (Bd. 1 u. 2, Par. 1846–56; Bd. 3 von Dübner, 1874), Schanz (Leipz. 1875 ff., unvollendet). Übersetzungen lieferten Schleiermacher (3. Aufl., Berl. 1855–1862, 3 Tle. in 6 Bdn.), Müller (Leipz. 1850–66, 8 Bde., mit Einleitungen von Steinhart), Auswahl von Eyth, Prantl u. a. (Stuttg. 1868, 3 Bde.).

Die Platonische Philosophie selbst ist wie jede andre Erscheinung in der Geschichte der Philosophie nur zu verstehen in ihrer Verbindung mit den vorausgehenden Lehren, so schöpferisch auch gerade P. in seinen Konzeptionen war. Schon vor seinem Bekanntwerden mit Sokrates hat er durch den Herakliteer Kratylos Anregungen aus der Schule des »ewigen Flusses«, nach dem Tode des Sokrates durch seinen Aufenthalt in Megara solche aus der eleatischen Schule des »ewigen Seins« empfangen. Durch beide wurde er bestimmt, im Gegensatz zu Sokrates, der im Kampf gegen die Sophisten die logischen und ethischen Probleme vorangestellt hatte, wieder mehr auf die metaphysischen zurückzugehen und an die Spitze der Philosophie nicht sowohl die Frage nach dem Wahren und Guten, als nach dem wahrhaft Wirklichen (dem schlechthin Seienden) zu stellen. Erstere sollten dadurch keineswegs beseitigt oder zurückgesetzt, sondern vielmehr mit der letztern auf das innigste verschmolzen werden. Das Mittel dazu bot die Lehre vom Begriff, die Sokrates der Leugnung eines allgemeinen Wahren und Guten durch die Sophisten entgegengestellt hatte. Der Begriff als Zusammenfassung der allen Gliedern einer Art gemeinsamen Merkmale ist ein Unveränderliches und Bleibendes, das allen individuell verschiedenen Auffassungen desselben, wie der Gattungscharakter allen individuell verschiedenen Exemplaren der Gattung, zugrunde liegt. Hierdurch wird P. veranlaßt, den »Begriff« (dav Allgemeine, die Gattung) für das wahrhaft Seiende zu erklären. Da nun nach Sokrates der Begriff allein Wissen (Wahrheit), das Gute (die Tugend) aber »lehrbar«, also selbst Wissen (Begriff) ist, so fallen, nachdem der Begriff durch P. zum allein wahrhaft Seienden erhoben worden ist, die Umfänge des Wahren und Guten (also des Vernünftigen einer-) und des Seienden (des Wirklichen anderseits) in Eins zusammen. Dieses Vernünftige, das wirklich, und dieses Wirkliche, das vernünftig ist (das reale Vernünftige), nennt P. Idee (auch Eidos, Gestalt, Form) und macht es zum vorzüglichen Gegenstand seiner Philosophie als Ideenlehre. Dasselbe ist jedoch keineswegs ein einziges (wie das Sein der Eleaten), sondern da es der Begriffe viele gibt (z. B. Begriff des Guten, des Schönen, der Seele, des Staates, auch der sinnlichen Dinge, sogar der Kunstprodukte), und die Ideen eben nichts andres als hypostasierte Begriffe sind, so muß es nicht nur viele Ideen geben, sondern sie müssen auch untereinander (wie es bei den Begriffen der Fall ist) in mannigfachen Verhältnissen der Über- und Unterordnung, Begründung und Abfolge etc. zueinander stehen; es muß auch eine Idee geben, die als »Sonne im Ideenreich« alle übrigen Ideen unter sich befaßt. Als diese bezeichnet P. die Idee des Guten und betont damit den streng ethisch vollkommenen Charakter des gesamten Ideen- als des schlechthinigen Vernunftreichs aufs stärkste. Zugleich scheint diese Idee des Guten von P. als identisch mit der Gottheit gesetzt, wiewohl dieses Verhältnis nicht ganz klar wird. Wegen der absoluten Vollkommenheit der Ideenwelt sieht sich P. im Hinblick auf den unvollkommenen Charakter der sinnlich wahrnehmbaren Welt genötigt, zuzugestehen, daß die Welt der Ideen »nicht von dieser Welt«, sondern als metaphysische Welt zwar das Muster- und Vorbild dieser Welt, selbst aber eine »außer«, bez. »überweltliche« Welt sei. P. versetzt daher dieselbe, indem er zum mythischen Ausdruck, wie er dies häufig tut, seine Zuflucht nimmt, in eine jenseit des Fixsterngewölbes auf dessen von uns abgekehrter Seite gelegene und deshalb irdischen Blicken unzugängliche Region. Der Einblick in diese übersinnliche Welt ist der Seele nur, bevor sie in die sinnliche eintritt, also vor der Geburt in einen irdischen Leib, oder während des irdischen Daseins nur in Momenten gestattet, wo sie selbst von den Banden der Sinnlichkeit frei, also entweder, wie der Seher und Dichter, von einem »heiligen Wahnsinn« berauscht, oder, wie der Philosoph, über die niedern Stufen des sinnlichen Wahrnehmens und mathematischen Denkens hinaus in den Besitz der Philosophie (der Ideenlehre) gelangt ist. Wie die Ideenwelt die einzige wirkliche Welt, so ist die Ideenlehre die einzige wirkliche Wissenschaft, obgleich niemand ohne Vorbereitung durch das Studium der »Geometrie« (der mathematischen Wissenschaften) zu ihr gelangen kann. Ste ist im Grund als Wissenschaft vom wahrhaft Seienden (nach modernem Sprachgebrauch) ausschließlich Metaphysik, da das Seiende aber mit dem Wahren und Guten identisch ist, zugleich Logik und Ethik. Eine strenge Scheidung der einzelnen philosophischen Disziplinen finden wir daher bei P. ebensowenig wie, trotz mannigfacher Ansätze, ein eigentliches System. Dagegen wird von dem ausschließlichen Gegenstand der Philosophie, den Ideen, entweder im allgemeinen, nämlich von deren Wesen, Eigenschaften, Zusammenhang etc., oder im besondern, von Wesen, Eigenschaften, Folgen etc. einzelner Ideen, gehandelt. Jenes geschieht in der sogen. Dialektik, wie er die Wissenschaft vom wahrhaft und unwandelbar Seienden nennt, weil man im Gespräch zu ihr gelangt, dieses in den belehrenden Abhandlungen über einzelne Ideen (wie z. B. die des Schönen im Gastmahl, des Guten im Philebos, des Staates in der Republik, der Seele im Phädon, des Weltgebäudes im Timäos u. dgl.), welche die Stelle der einzelnen philosophischen Wissenschaften (Ästhetik, Ethik, Politik, Psychologie, Kosmologie etc.) vertreten. Die Methode, die er in diesen befolgt, besteht darin, daß er das Seiende zuerst in seine Gegensätze zerlegt und durch ein gemeinsames Band dieser letztern dav richtige Verhältnis, die Harmonie zwischen den Gegensätzen, herstellt. So ist die Seele als Idee zwar ein »Einfaches«; aber sie setzt nichtsdestoweniger »Teile« voraus, die sich zueinander wie »Vernünftiges« und »Vernunftloses« verhalten, und deren letzterer abermals in zwei Teile, einen bessern (den Vernünftigen verwandten) und einen schlechtern (vom Vernünftigen abgewandten), gespalten ist. Durch den zwar vernunftlosen, aber der Vernunft nicht ao-, sondern zugewandten Teil (den P. das »Mutartige« nennt) wird zwischen der Vernunft und ihrem Gegenteil ein Band hergestellt und durch dieses das »Leben«, das »Eins mit der Seele« ist und zu dieser gehört wie »die Wärme zum Feuer«. Da nun das Feuer zu erwärmen nicht aufhören kann, so schließt P., daß auch die Seele zu leben nicht aufhören und ebensowenig zu leben angefangen haben könne, und erweist mittels dessen sowohl die Präexistenz der Seele vor der Geburt als deren Fortdauer nach dem Tod. Im Anschluß hieran fällt die Tugend als Idee mit der Gerechtigkeit, d. h. mit dem richtigen Verhältnis der Seelenkräfte, der Staat als Idee mit dem richtigen Verhältnis der Staatskräfte (der Lehr-, Wehr- und Nährkraft), die durch die Stände der Philosophen, der Wächter (Krieger) und der Gewerbtreibenden repräsentiert werden, zusammen. Als die spezifischen Tugenden der drei Seelenteile, ebenso wie der drei ihnen entsprechenden Stände im Staat, sieht P. dann die drei weitern griechischen Kardinaltugenden an: die Weisheit oder Einsicht, die Tapferkeit und die Mäßigung oder Besonnenheit. Das Platonische Staatsideal, in dessen Verfolg P., zum Teil nach dem Vorbilde des spartanischen Staatslebens, zur Erreichung des Staatszweckes zu den rücksichtslosesten Folgerungen fortging, nämlich zur Aufhebung der Freiheit und Selbstbestimmung des Einzelnen, der Familie, des Eigentums, Einführung der Weibergemeinschaft, gemeinschaftliche Erziehung etc., d. h. nur für die beiden obern Stände, ist das an Genialität unerreichte Vorbild aller spätern »Utopien« und »Ikarien«, auch in gewisser Weise der kirchlichen Hierarchie im Mittelalter, geworden. In welchem Verhältnis das wahrhaft Seiende, die Ideenwelt, zu dem Werdenden, Wechselnden, nämlich der Erscheinungswelt steht, gibt P. nicht widerspruchslos an. Zwar werden die Ideen, die Formen, genannt: Vorbilder, Urbilder, an denen die Dinge der Erscheinungswelt teilhaben, so daß sie dadurch ihr eigentliches Wesen besitzen, aber wie diese Gegenwart (Parusie) der Ideen in den Einzeldingen zu denken ist, wie das Sein also in dem Werden ist, darüber gibt P. keinen genügenden Aufschluß. Ungeachtet nun P. die Ideenlehre für die einzige wirkliche Wissenschaft erklärt, hat er es doch so wenig wie die eleatischen Philosophen verschmäht, neben dieselbe als Wissenschaft von der übersinnlichen Welt eine Physik als Lehre von der sinnlichen oder Erscheinungswelt zu setzen. Zwar kommt der letztern kein wirkliches, jedoch gewissermaßen ein »zwischen Sein und Nichtsein schwebendes«, aus beiden gemischtes Sein oder »Werden« zu, wie auch die Eleaten die scheinbare Welt für Bewegung erklärten. Als Substrat derselben läßt P. eine chaotische Masse (dem Material der Handwerker ähnlich) existieren, aus welcher der Weltbildner (Demiurgos) die sichtbare Welt nachdem Muster der unsichtbaren Ideenwelt, wie der Schreiner den Tisch, nach dem Muster der Idee eines solchen, aus Holz gestaltet. Diese Masse läßt sich aber weder anschauen, noch begrifflich denken, so daß sie gleichsam das Nichtseiende ist. Das Band und zugleich das die sichtbare Welt bewegende Prinzip nennt P. die Weltseele und betrachtet das Universum als ein aus Leib und Seele bestehendes, mit Vernunft begabtes, weder allerndes, noch vergehendes, sich selbst genügendes Wesen, als einen »seligen Gott«. Seine Gestalt ist, als die vollkommenste, die Kugelform, seine Bewegung, als die vollkommenste, die Kreisbewegung um die im Mittelpunkt ruhende Erde, die Mond, Sonne, fünf Planeten und am äußersten Rande die Fixsternsphäre umkreisen. Nach den Weltkörpern bildete der Demiurg aus demselben Stoff nach der Zahl der Gestirne die Seelen, die, wenn das Materielle in ihnen das Höhere überwältigte, von diesen zur Erde herabsinken und irdische Leiber annehmen mußten, wenn sie aber während des Erdenlebens der Sinnlichkeit zu widerstehen vermögen, ihr Ziel, d. h. die Verähnlichung mit der Gottheit, möglichst erreichen, nach dem Tode wieder von ihnen befreit werden können. – Nach dem Tode Platons hatten seine Anhänger als eine Gemeinschaft mit rechtlicher Ordnung und Eigentum unter aufeinander folgenden Schulhäuptern (Scholarchen) ihren Sitzweiter zu Athen in der Akademie, die seitdem ihren Namen auf Universitäten und Akademien vererbt hat, und werden daher selbst Akademiker genannt. Der erste Vorsteher der Schule (347–339) war Speusippos, Platons Schwestersohn, auf den Xenokrates (339–314), Polemon (314–270), Krates (s. d. 1) und Arkesilaos (316–241) folgten. Mit letzterm beginnt die sogen. »mittlere«, mit Karneades (214–129) die sogen. »neuere« Akademie (beide im Gegensatz zur »ältern« so unterschieden), in welcher der Platonismus durch Polemik gegen die stoische Erkenntnistheorie in Skeptizismus überging und dadurch den Mystizismus der sogen. Neuplatoniker (s. Neuplatonismus) den Weg bahnte. Namentlich durch diese hat der Platonismus Eingang in das Christentum und in die Scholastik gefunden, bis zur Zeit der Renaissance der echte Platonismus wieder entdeckt und in der Philosophie der neuern Zeit modifiziert als Idealismus, Rationalismus und Spiritualismus dem Realismus, Empirismus und Materialismus entgegengesetzt wurde.

Vgl. Tennemann, System der Platonischen Philosophie (Leipz. 1792–95, 4 Bde.); Ast, Platons Leben und Schriften (das. 1816) und Lexicon Platonicum (das. 1835–38, 3 Bde.); K. F. Hermann, Geschichte und System der Platonischen Philosophie (Heidelb. 1839, Bd. 1); Bonitz, Platonische Studien (3. Aufl., Berl. 1886); Susemihl, Die genetische Entwickelung der Platonischen Philosophie (Leipz. 1855–1860, 2 Bde.); Grote, Platon and the other companions of Socrates (5. Aufl., Lond. 1888, 4 Bde.); Überweg, Über die Echtheit und Zeitfolge Platonischer Schriften (Wien 1861); v. Stein, Sieben Bücher zur Geschichte des Platonismus (Götting. 1862–75, 3 Bde.); Steinhart, Platons Leben (Leipz. 1873); Weygoldt, Die Platonische Philosophie für Höhergebildete dargestellt (das. 1885); E. Pfleiderer, Sokrates und P. (Tübing. 1896); Lutoslawski, The origin and growth of Plato's logic with an account of Plato's style and of the chronology of his writings (Lond. 1897); Windelband, Platon (in Frommanns »Klassiker der Philosophie«, 4. Aufl., Stuttg. 1905); Natorp, Platos Ideenlehre (Leipz. 1903); Raeder, Platons philosophische Entwickelung (das. 1905). Die sehr reiche, sonstige Literatur s. bei Überweg-Heinze, Grundriß der Geschichte der Philosophie, Bd. 1 (9. Aufl., Berl. 1903).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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