Richard [1]


Richard [1]

Richard (v. altd. rîh, Herrscher, und hart, stark, »Herrschgewaltiger«), 1) Graf von Cornwall und von Poitou, römisch-deutscher König, Sohn Johanns ohne Land, geb. 5. Jan. 1209 in Winchester, gest. 2. April 1272, wurde 1225 von seinem Bruder Heinrich III. von England zum Grafen von Cornwall ernannt, erwarb 1226 Poitou, nahm 1236 das Kreuz, schiffte sich 1240 nach Ptolemais ein, vermochte dort aber wenig auszurichten und traf 1242 in London wieder ein. 1250 trat er in Lyon mit Papst Innozenz IV. in Verbindung, wies zwar 1252 die sizilische Krone, die dieser ihm anbot, zurück, bewarb sich aber nach dem Tode Wilhelms von Holland um die deutsche Königswürde und wurde 13. Jan. 1257 von dem Erzbischof von Köln und einigen andern durch große Summen erkauften Fürsten gegen Alfons von Kastilien erwählt und 17. Mai zu Aachen gekrönt. Nachdem indes seine Geldmittel erschöpft waren, kehrte er im Januar 1259 heim. 1260 kam er zum zweiten und 1262 zum dritten Male nach Deutschland; 6. Aug. 1262 belehnte er Ottokar von Böhmen mit Österreich und Steiermark; im übrigen war seine Regierung ohne bedeutende Wirkung. 1263 nach England zurückgekehrt, geriet er in der Schlacht von Lewis 14. Mai 1264 in die Gefangenschaft Simons von Montfort und wurde bis zum September 1265 in strenger Hast gehalten. Vom August 1268 bis zum Juli 1269 verweilte er nochmals in Deutschland, hielt einen Reichstag in Worms und erneuerte den rheinischen Landfrieden. R. war durch Ausbeutung der Blei- und Zinngruben in Cornwall seinerzeit der reichste Fürst der Christenheit. Vgl. Gebauer, Leben und denkwürdige Taten Richards, erwählten römischen Kaisers (Leipz. 1744, 4 Bde.); H. Koch, R. von Cornwall (1. Teil: 1209–57, Straßb. 1888); Busson, Die Doppelwahl des Jahres 1257 (Münst. 1866); Bappert, R. von Cornwall seit seiner Wahl zum deutschen König (Bonn 1905).

[Könige von England.] 2) R. I., Löwenherz, Sohn König Heinrichs II. von England und der Eleonore von Poitou, geb. 13. Sept. 1157 in Oxford, gest. 6. April 1199, bestieg nach dem Tode seines Vaters, gegen den er sich mehrmals empört hatte, den Thron. 1190 unternahm er mit Philipp II. August von Frankreich einen Kreuzzug. Den ersten Winter brachten sie auf Sizilien zu, wo König Tankred sie freundlich aufnahm; allein das gute Einverständnis der drei Könige währte nicht lange. Am 3. Okt. 1190 erhoben sich die Bürger von Messina gegen R., worauf dieser die Stadt erstürmen ließ; bald darauf kam es zu Streitigkeiten zwischen ihm und Philipp August; R. löste seine Verlobung mit Adelaide, der Schwester des französischen Königs, und während dieser 30. März 1191 nach Akkon ausbrach, verlobte er sich mit Berengaria, der Tochter Sanchos V. von Navarra. Mit dieser segelte er 10. April von Sizilien ab und unterwarf im Mai Cypern, dessen Fürst Isaak, aus dem byzantinischen Kaiserhaus der Komnenen, einige an die Insel verschlagene britische Kreuzfahrer beraubt hatte. Nachdem er sich mit Berengaria vermählt hatte, verließ er 5. Juni Cypern und traf 8. Juni im Hafen von Akkon ein, das am 12. Juli 1191 erobert ward. Bald aber brachen neue Zwistigkeiten zwischen R. und Philipp August aus; letzterer kehrte nach Frankreich zurück; R. aber setzte im Verein mit einer unter dem Herzog von Burgund zurückbleibenden starken französischen Schar den Kampf fort, erfocht 7. Sept. einen glänzenden Sieg über Saladin bei Arsuf und besetzte Jafa und Askalon. Nachdem er die Krone von Jerusalem seinem Schwestersohn, dem Grafen von Champagne, verliehen hatte, schiffte er sich nach Abschluß eines dreijährigen Waffenstillstandes mit Saladin 9. Okt. 1192 zu Akkon nach Europa ein. Von einem Sturm an die Küste von Aquileja verschlagen, wollte er verkleidet den Weg zu Lande fortsetzen, wurde aber 21. Dez. in Erdberg bei Wien erkannt und fiel in die Hände des Herzogs Leopold VI. von Österreich, den er vor Akkon tödlich beleidigt hatte, und der ihn daher auf die Burg Dürrenstein in Hast brachte. Kaiser Heinrich VI. nötigte jedoch Leopold zur Auslieferung Richards gegen das Versprechen eines Anteils am Lösegeld und ließ ihn auf der Burg Trifels in ehrenvoller Hast halten. Erst nachdem R. die Oberlehnshoheit des Kaisers anerkannt und ihm gehuldigt hatte, erhielt er gegen ein Lösegeld von 100,000 Mk. Silbers und die Verpflichtung, Heinrich den Löwen zur Heeresfolge nach Italien zu bewegen oder weitere 50,000 Mk. zu zahlen, 4. Febr. 1194 seine Freiheit wieder. Die Erzählung, daß ihn sein Minstrel Blondel befreit habe, gehört in das Reich der Sage. Bei seiner Ankunft in England 13. März 1194 fand er ein Bündnis seines Bruders Johann ohne Land und Philipp Augusts zu seiner Entthronung. R. ließ sich 17. April 1194 zum zweitenmal in Winchester krönen und zwang Johann, dem er großmütig verzieh, zur Unterwerfung; der Kampf mit Philipp August aber zog sich ohne entscheidende Schläge noch über vier Jahre hin, bis endlich 13. Jan. 1199 durch Vermittelung des Papstes ein fünfjähriger Waffenstillstand zustande kam. Bald darauf starb R. an den Folgen einer Wunde, die er in einer Fehde mit dem Vicomte Guidomar von Limoges vor dessen Schloß erhalten hatte. Richards ritterliche Tugenden, seine Leutseligkeit und Freigebigkeit werden gerühmt; aber es fehlte ihm an staatsmännischer Begabung, und Habgier und Gewalttätigkeit befleckten seinen Charakter. Für England war seine Regierung durchaus unheilvoll. Den Beinamen Löwenherz verdankt er teils seinem ganzen Wesen, teils seiner Vorliebe für das Bild des Löwen, das er im Wappen führte. Vgl. James, History of R. I. (2. Aufl., Lond. 1855, 2 Bde.); »Chronicles and memorials of R. I.« (hrsg. von Stubbs, das. 1864–65, 2 Bde.); Archer, The crusade of R. I. (das. 1898); Ramsay, The Angevin empire; Henry II., Richard I., and John (das. 1904); Gruhn, Der Kreuzzug Richards I. Löwenherz (Berl. 1892); Kindt, Gründe der Gefangenschaft Richards I. Löwenherz (Halle 1892); Kneller, Des R. Löwenherz deutsche Gefangenschaft (Heft 59 der »Stimmen aus Maria-Laach«, Freiburg 1893); A. Cartellieri, Philipp II. August von Frankreich, Bd. 2 (Leipz. 1906).

3) R. II., Sohn Eduards, des Schwarzen Prinzen, geb. 6. Jan. 1367, gest. 14. Febr. 1400, folgte seinem Großvater Eduard III. 1377 in der Regierung und stand anfangs unter der Leitung seiner Oheime, der Herzoge von York, Gloucester und Lancaster. Die infolge des Krieges mit Frankreich und der Verschwendung des Hofes notwendig gewordene Auflage einer Kopfsteuer veranlaßte 1381 eine offene Empörung unter dem Ziegelbrenner Wat Tyler, bei deren Unterdrückung R. große Geistesgegenwart bewies. Im übrigen aber zeigte er wenig Begabung zur Regierung, und die Mißerfolge, welche die Engländer im Kampfe gegen Frankreich erlitten, sowie der geringe Erfolg eines 1385 von R. selbst befehligten Feldzugs gegen die Schotten steigerten die Unzufriedenheit mit der Herrschaft des vergnügungssüchtigen und von Günstlingen geleiteten Königs. Seine Gegner verbanden sich 1386 mit dem Herzog von Gloucester und setzten durch Parlamentsbeschluß die Errichtung eines Regentschaftsrates durch, von dessen Leitung sich R. erst 1389 befreien konnte. Mit Frankreich schloß er nun einen Waffenstillstand, der wiederholt verlängert wurde, und verlobte sich nach dem Tode seiner ersten Gemahlin, Anna von Böhmen, Tochter Kaiser Karls IV., 1396 mit Isabella, der erst achtjährigen Tochter des Königs Karl VI. von Frankreich. Darauf wagte R. 1397, gegen den Herzog von Gloucester und seine Partei einzuschreiten. Ersterer wurde verhaftet und zu Calais im Gefängnis ermordet, der Graf von Arundel wurde enthauptet, der Graf von Warwick verbannt. Das Parlament von Shrewsbury 1398 war dem König in allen Dingen zu Willen und setzte einen aus 18 ganz dem König ergebenen Baronen und Rittern zusammengesetzten Ausschuß nieder, dessen große Vollmachten R. eine nahezu absolute Regierung ermöglichen sollten. Als er aber 1399 einen Feldzug gegen Irland unternahm, erhob der 1398 verbannte Herzog von Hereford, den R. der Güter seines Vaters, des Herzogs von Lancaster, beraubt hatte, das Banner der Empörung und nahm den von allen verlassenen König im August 1399 gefangen. R. wurde im Tower von London gefangen gesetzt, mußte 29. Sept. eine Entsagungsakte unterzeichnen und wurde überdies 30. Sept. vom Parlament abgesetzt, worauf Hereford unter dem Namen Heinrich IV den Thron bestieg. R. kam als Gefangener auf das Schloß Pontefract in der Grafschaft York und starb hier wahrscheinlich eines gewaltsamen Todes. Vgl. Knyghton, Historia vitae et regni Ricardi II. (hrsg. von Hearne, Oxford 1729); Wallon. R. II. (Par. 1864, 2 Bde.).

4) R. III., jüngster Sohn des Herzogs Richard von York, geb. 2. Okt. 1452, gest. 22. Aug. 1485, wurde von seinem Bruder Eduard IV., der den englischen Thron usurpiert hatte, zum Herzog von Gloucester ernannt. Trotz seines mißgestalteten Körpers zeigte er in den Fehden seines Hauses mit den Lancastriern persönlichen Mut und bedeutende Begabung. Er soll 1471 an der Ermordung des abgesetzten Königs Heinrich VI. teilgenommen haben und hat sich 1478 der Hinrichtung seines Bruders, des Herzogs von Clarence, wenigstens nicht widersetzt. Nach dem Tode Eduards IV., 9. April 1483, ließ R. zwar dessen Sohn, Eduard V., für den er als Protektor des Reiches die Regentschaft übernahm, zum König ausrufen, erstrebte indes selbst die Krone. Er gewann den Herzog von Buckingham, den erbittertsten Gegner der Königin-Mutter, bemächtigte sich des jungen Königs und später auch seines Bruders, des Herzogs von York, beseitigte 13. Juni die Anhänger der Königin durch eine Art von Staatsstreich und ließ 25. Juni sich selbst durch das Parlament zum König ausrufen. Am 6. Juli 1483 ward er gekrönt, und kurze Zeit darauf wurden Eduard V. und sein Bruder im Tower ermordet, wahrscheinlich indem man sie in ihren Betten erstickte. Als Buckingham, der von R. größere Belohnungen erwartete, als ihm zugestanden wurden. sich empörte, ward er gefangen genommen und 2. Nov. 1483 enthauptet. Nun versammelte R. 23. Jan 1484 das Parlament, ließ sein Anrecht auf die Krone bestätigen und bewarb sich, nachdem seine erste Gemahlin, Anna Nevil, Witwe des Sohnes von Heinrich VI., 16. März 1485 verschieden war (daß R. sie vergiftet habe, ist ein unverbürgtes und unwahrscheinliches Gerücht), um die Hand der ältesten Tochter der Königin-Witwe, Elisabeth. Inzwischen aber hatten seine Feinde nicht aufgehört, eine Umwälzung zu planen, und Heinrich Tudor, Graf von Richmond, der durch seine Mutter von dem Hause Lancaster abstammte und seit dem Sturz dieses Hauses durch Eduard IV. in Frankreich im Exil lebte, landete im August 1485 an der Spitze von 2000 Mann, denen schnell weitere Scharen zuströmten, bei Milford in Südwales. R. stellte sich ihm 22. Aug. bei Bosworth mit einer gleich starken Truppenmacht entgegen, verlor aber Sieg und Leben, worauf Richmond unter dem Namen Heinrich VII. den englischen Thron bestieg. Die Schlacht beendete die Kämpfe der beiden Rosen und schloß die Herrscherreihe aus dem Hause Plantagenet ab. Shakespeare hat R. zum Helden einer Tragödie gemacht. Vgl. Walpole, Historic doubts on the life and reign of King R. III. (Lond. 1768); Jesse, Menmoirs of R. III (das. 1861); Pauli, Aufsätze zur englischen Geschichte, S. 24 ff. (Leipz. 1869); Gairdner, History of the life and reign of R. III. (3. Aufl., Lond. 1898); Legge, Life and times of R. III. (das. 1885, 2 Bde.).

5) R. IV., s. Warbeck.

[Normandie.] 6) R. Ohnefurcht (Sans Peur)., Herzog von der Norman die, Sohn Wilhelm Langschwerts, geb. 935, gest. 996, folgte seinem Vater 943, mußte zuerst sein Herzogtum gegen den König Ludwig den Überseeischen von Frankreich und dessen Witwe Gerberga verteidigen, führte aber dann eine lange friedliche Regierung. Die Sage hat sein Leben mit vielen Abenteuern, in denen er seinen kühnen Mut bewährte, ausgeschmückt. Ihm folgte sein Sohn Richard II., der Gute (996–1026).


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