Satire

Satire

Satire (lat.) ist eine Grundform der subjektiven ästhetischen Auffassung, die sich in allen Künsten, vor allem aber in der Poesie, und in dieser in allen Gattungen (Epos, Roman, Novelle, Lyrik, Drama) geltend machen kann; insbes. aber versteht man unter Satiren diejenigen (bald umfangreichern, bald knapper gefaßten) Gedichte, in denen die negierende, tadelnde Beschreibung von Eigenschaften und Zuständen der Einzelnen oder bestimmter engerer oder weiterer Gemeinschaftsgruppen vorwaltet. Hiernach gliedert sich alle S. in persönliche und allgemeine S. Die unberechtigte und entartete persönliche S. ist das Pasquill. Die ästhetische Bedeutsamkeit der S. hängt einerseits davon ab, ob der Satiriker vom Standpunkt eines Ideals aus oder vom Standpunkt persönlicher Befangenheit seine kritischen Urteile fällt; ferner davon, ob er den Gegenstand der S. in seinem innersten Wesen oder nur oberflächlich erfaßt hat. Die S. ist, je nachdem sie das Nichtige dem Lachen oder der Verachtung preisgibt, heitern oder ernstern Charakters. Der Name »S.« stammt von satura, was ursprünglich eine Schüssel mit allerlei Früchten, sodann jedes Allerlei bezeichnete und zuerst von dem römischen Dichter Lucilius auf dasjenige angewendet wurde, was heutzutage S. heißt. Das Pasquill wurde zuerst von den Griechen (Jamben des Archilochos), die eigentliche S. dagegen durch die Römer ausgebildet. In ihr glänzten, nachdem sie durch Ennius eine geordnete poetische Form erhalten hatte und durch Lucilius zur literarischen Kunstgattung erhoben worden war, vorzüglich Horatius, Persius und Juvenalis. Bei den Deutschen fehlt die S. schon im Mittelalter nicht; zur Vorherrschaft gelangt sie im Zeitalter der Renaissance und Reformation, wo sie in Brants »Narrenschiff«, Murners »Schelmenzunft«, in den »Epistolae obscurorum virorum«, den Schriften Ulrichs von Hutten, Fischarts u.a. oft mit durchschlagender Kraft gepflegt wird. Seit Opitz zeichneten sich vornehmlich Lauremberg (mit plattdeutschen Satiren), Rachel, A. Gryphius, Moscherosch, Canitz, Hunold u.a. in dieser Gattung aus. Im 18. Jahrh. waren scharfe satirische Köpfe, die auch vor der persönlichen S. nicht zurückschreckten, Liscow und Lichtenberg; feinsinnig, doch unpersönlich zeigte sich Rabener, meist zu zahm Gellert. Hagedorn lieferte Nachbildungen des Horaz, Rost kecke Satiren auf Gottsched und dessen Anhänger. In neuerer Zeit glänzte besonders H. HeineAtta Troll«, »Wintermärchen«) in rücksichtslos persönlicher, aber durchschlagender S. Die satirische Komödie ward mit Glück angebaut von Tieck, Platen, Grabbe, L. Robert, Prutz, Hamerling u.a.; die politische S. fand besonders seit dem Jahre 1848 höchst mannigfaltige Pflege. Unter den Satirikern der übrigen Völker sind zu nennen bei den Italienern: Ariosto, Alemanni, Salvator Rosa, Gozzi und Alfieri; bei den Spaniern: Cervantes de Saavedra, Quevedo; bei den Franzosen: Rabelais, Regnier, Boileau, Voltaire, J. Chénier, Courier und Béranger; bei den Engländern: John Hall, J. Marston, Pope, Swift, Churchill und Wolcott; bei den Polen: Krasicki. Auch der politischen Witzblätter, die sich zugleich der bildlichen S., der Karikatur, als Illustration bedienen, wie der englische »Punch«, der französische »Charivari«, der »Kladderadatsch«, die »Wespen«, der »Simplizissimus«, »Lustige Blätter« etc., ist hier zu gedenken. Vgl. H. Schneegans, Geschichte der grotesken S. (Straßb. 1894); Glaß, Klassische und romantische S. (Stuttg. 1905).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Satire — ist eine Spottdichtung, die mangelhafte Tugend oder gesellschaftliche Missstände anklagt. Historische Bezeichnungen sind im Deutschen auch Spottschrift, Stachelschrift und Pasquill (gegen Personen gerichtete satirische Schmähschrift). Das Wort… …   Deutsch Wikipedia

  • SATIRE — Il ne s’agira dans cet article que de la satire littéraire. Or, même littéraire, la satire est une des formes les plus difficiles à cerner. Où la tragédie et la comédie, voire le roman, offrent l’appui, même incertain, d’une formule consacrée, et …   Encyclopédie Universelle

  • satire — late 14c., work intended to ridicule vice or folly, from L. satira satire, poetic medley, earlier satura, in lanx satura mixed dish, dish filled with various kinds of fruit, lit. full dish, from fem. of satur sated (see SATURATE (Cf. saturate)).… …   Etymology dictionary

  • Satire — Sf erw. fach. (16. Jh.) Entlehnung. Entlehnt aus l. satira (älter: satura), zu l. satura (lanx) Allerlei, Gemengsel, Fruchtschüssel , zu l. satur satt, gesättigt, reichlich, fruchtbar (verwandt mit l. satis genug ). So bezeichnet als… …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Satire — Sat ire (?; in Eng. often ?; 277), n. [L. satira, satura, fr. satura (sc. lanx) a dish filled with various kinds of fruits, food composed of various ingredients, a mixture, a medley, fr. satur full of food, sated, fr. sat, satis, enough: cf. F.… …   The Collaborative International Dictionary of English

  • Satire — (v. lat., nach unrichtiger Ableitung aus dem griechischen Satyre), eine zur didaktischen Gattung gehörende Dichtungsart, welche Thorheiten, Eitelkeiten, Gebrechen, Laster in der socialen Gesellschaft in launigem Tone von ihrer lächerlichen u.… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Satire — Satire: Die Bezeichnung für eine literarische Gattung kritischen Charakters, die die Schwächen einer entarteten ‹Um›welt mit den Stilmitteln der Ironie verspottet und geißelt, wurde im 16. Jh. aus lat. satira entlehnt. Die moderne Satire ist… …   Das Herkunftswörterbuch

  • Satire — Satīre (lat. satĭra, satŭra, d.i. angefüllt; zu ergänzen lanx, Schüssel), bei den Römern entstandene, durch Lucilius, Horaz, Persius und Juvenal ausgebildete Dichtungsart, die die Schwächen und Torheiten der Zeit mit scharfem Witz verspottet.… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Satire — (dies Wort wird selten mehr von den Satyren der alten Mythologie abgeleitet u. deßhalb auch selten mehr mit y geschrieben, soll von (lanx) satura, die mit allerlei Früchten od. Gerichten angefüllte Schüssel, herkommen), die Spottrede, Verspottung …   Herders Conversations-Lexikon

  • satire — index caricature, distortion, irony, parody, ridicule Burton s Legal Thesaurus. William C. Burton. 2006 …   Law dictionary

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”