Begierde


Begierde

Begierde, in der Psychologie jeder mit der Vorstellung eines Objektes (Zieles) verknüpfte Trieb (s. d.). Während alle Triebäußerungen in Gefühlen (s. d.) wurzeln, kommt also bei der B. als neues Moment die Vorstellung hinzu. Das neugeborne Kind z. B. bekundet einen Trieb nach Nahrung, dem zweifellos nur ein dumpfes Hungergefühl zu Grunde liegt; da aber die Befriedigung desselben regelmäßig mit der Darreichung (also der Wahrnehmung) der Mutterbrust verbunden ist, so gesellt sich allmählich der Regung des Triebes von vornherein die Vorstellung der letztern zu, und damit wird der Trieb zur B. Begierden können sich also nur auf Grund der Erfahrung in der Seele entwickeln. Ihrer Richtung nach hat die B. entweder die Form des Verlangens oder des Widerstrebens, ihrem Objekt nach kann sie eine sinnliche oder eine geistige sein. Zu der erstern Klasse gehören z. B. das Verlangen des Kindes nach Zucker, sein Abscheu vor der bittern Medizin, zu der zweiten das Streben nach Schmuck und Schönheit, das Verlangen nach Belehrung (geistiges Interesse), das Streben Gutes zu tun, die Abneigung gegen das Häßliche, das Widerstreben gegen eine schlechte Tat etc. Die geistigen Begehrungen bilden aber nur die höchste Stufe einer mit den einfachsten sinnlichen Trieben beginnenden Entwickelungsreihe; wären letztere nicht vorhanden, so ist gar nicht abzusehen, wie jene höhern Formen sich bilden könnten. Es ist deshalb auch durchaus falsch, wenn behauptet wird, daß die höhere geistige und moralische Entwickelung des Menschen die Ausrottung der natürlichen Triebe zur Voraussetzung habe; dies ist eine Unmöglichkeit, und nicht darauf kommt es an, sondern die Entwickelung höherer Formen des Begehrens aus den niedern ist die Aufgabe, welche die Erziehung zur Menschlichkeit zu lösen hat. Hierbei spielt der Konflikt der Begierden eine bedeutsame Rolle (z. B. wenn das Kind zwischen der B. nach einem verbotenen Genuß und dem Widerstreben gegen Strafe schwankt), und mit Benutzung desselben gelingt es, höhere Formen des Begehrens heranzuziehen und ihnen das Übergewicht über die niedern zu sichern (ein Prozeß, den Spinoza in seiner »Ethik« sehr richtig als den einzigen Weg, auf dem die »Vernunft« die Herrschaft über den Willen erlangen kann, geschildert hat). Das Wünschen ist ein Begehren, das auch, ungeachtet der Unerreichbarkeit des Begehrten, auf demselben beharrt. Vgl. Wille.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

Synonyme:

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  • Begierde — bezeichnet den seelischen Antrieb zur Behebung eines Mangelerlebens mit einem damit verbundenen Aneignungswunsch des Gegenstandes oder Zustandes, welcher geeignet erscheint, diesen Mangel zu beheben. Richtungsgebend für den seelischen Antrieb… …   Deutsch Wikipedia

  • Begierde — Begierde, das heftige Verlangen eines empfindenden Wesens nach einem Gegenstande, welchen dasselbe gern haben möchte. Die Gegenstände der B. können sinnliche (wie Essen, Trinken) od. geistige (z.B. Ehre, Ruhm) sein. Von Wunsch u. Sehnsucht ist… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Begierde — ↑Konkupiszenz, ↑Kupidität, ↑Libido …   Das große Fremdwörterbuch

  • Begierde — 1. Arm an Begierden macht reich an Vermögen. – Winckler. XVIII, 20. 2. Begierd ist ein Schalk. – Eiselein, 63. Holl.: De begeerte belooft meer, dan het bezit geeft. (Harrebomée, I, 43.) 3. Begierde ist ein Kayserin (in allen Menschen vnnd… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Begierde — heftiges Verlangen; Gier (nach); Verlangen; Hang; Lust; Affinität; Anziehung; Tendenz; Geneigtheit; Neigung; Gier; …   Universal-Lexikon

  • Begierde — die Begierde, n (Mittelstufe) leidenschaftliches Verlangen Synonyme: Begier (geh.), Hunger (geh.) Beispiel: Sie ist das Objekt der Begierde vieler Männer. Kollokation: Begierde wecken …   Extremes Deutsch

  • Begierde — Begehren, Gier, Leidenschaft, Lüsternheit, Passion, Sehnsucht, Sinnlichkeit, Trieb[haftigkeit]; (geh.): Begehrlichkeit, Begier, Fleischeslust, Gelüste, Hunger, Lust, Verlangen, Wollust; (oft abwertend): Geilheit; (landsch., bes. nordd.): Gieper;… …   Das Wörterbuch der Synonyme

  • Begierde — Be·gier·de die; , n; Begierde (nach etwas) ein leidenschaftliches Verlangen besonders nach materiellen Werten und nach Genuss: seine Begierde nach Reichtum …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache

  • Begierde —    , Begierlichkeit    (lat. ”concupiscentia“, griech. ”epithymia“), Triebregungen, die der menschlichen Freiheit vorausliegen, von Freiheitsentscheidungen nicht völlig kontrolliert u. gesteuert werden können u. nur auf einen partiellenWert für… …   Neues Theologisches Wörterbuch

  • Begierde — Begier‹de›: Die Substantivbildung mhd. ‹be›girde, ahd. girida gehört zu dem im Nhd. untergegangenen Adjektiv mhd., ahd. ger, daneben mhd. gir, ahd. giri »begehrend, verlangend« (vgl. ↑ Gier und weiterhin ↑ gerne) …   Das Herkunftswörterbuch


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