Begriff


Begriff

Begriff, in der Logik jeder durch das Denken fest abgegrenzte Vorstellungsinhalt. Der B. ist also niemals, wie die Vorstellung, etwas fertig im Bewußtsein Anzutreffendes, sondern im Grunde ein Inbegriff von Denkakten oder Urteilen (s. d.). Sobald wir einen B. verdeutlichen wollen, werden wir zum Aussprechen eines oder mehrerer Urteile getrieben (Definition), die also in dem B. gewissermaßen verdichtet sind; umgekehrt gewinnt in jedem Urteil ein Vorstellungsinhalt dadurch, daß er mit einem andern in Beziehung gesetzt wird, eine begriffliche Bedeutung. Den ersten Anstoß zur Bildung von Begriffen gibt die sinnliche Wahrnehmung, insofern auf Grund derselben nach den psychologischen Assoziationsgesetzen gewisse Elemente des Wahrgenommenen miteinander in engere Beziehung treten und sich von andern sondern; so entwickeln sich zunächst die Vorstellungen der einzelnen Dinge (s. Ding). Die Wahrnehmung vieler ähnlicher Dinge endlich bildet den Anlaß, daß bei der Wahrnehmung eines einzelnen von ihnen (z. B. eines Hundes) die Erinnerung an die andern lebendig wird, es treten dadurch in der gegenwärtigen Wahrnehmungsvorstellung die Elemente hervor, die sie mit den Erinnerungsbildern gemein hat, und so kommt es zu dem Urteil: dies ist ein Hund, und damit zugleich zu dem B. des Hundes. Ein wesentliches Hilfsmittel ist dabei natürlich das Wort, das, indem es z. B. ein Ding mit Rücksicht auf seine Ähnlichkeit mit andern bezeichnet, zwar in gewissem Grade die begriffliche Auffassung des Gegebenen schon voraussetzt, weiterhin aber die dauernde Festhaltung der letztern selbst ermöglicht. Aus dem angeführten Beispiel erhellt auch die eigentliche Bedeutung der durch Worte fixierten Begriffe für das Denken; ihre Rolle ist die, dem Bewußtsein die Übersicht und Herrschaft über den unabsehbaren Stoff, den die Wahrnehmung bietet, dadurch zu ermöglichen, daß sie das Neue, noch Unbekannte mit Altem, Bekanntem verknüpfen, wodurch das erstere sein Befremdendes verliert, uns »begreiflich« wird. Hiernach liegt also zugleich die wesentliche Eigentümlichkeit des Begriffs in seiner (numerischen) Allgemeinheit; jeder B. kann in einer unendlichen Zahl von Exemplaren gegeben sein, d. h. er bezeichnet ein Prädikat, welches das Denken mit einer unbestimmten Zahl von Subjekten verbinden kann. Der Mangel der naturwüchsigen Begriffe, die uns mit den Worten der Muttersprache überliefert werden, ist nun aber ihre Unbestimmtheit. Ein großer Teil alles Streites in der Welt rührt daher, daß verschiedene Menschen bei denselben Worten an ganz Verschiedenes denken; sollen deshalb die Begriffe den Zwecken des Erkennens dienen, so muß vor allem Klarheit und Übereinstimmung über den Gehalt dieser Marken des Denkens herrschen. Dies wird erreicht durch die Definition (s. d.). Der Inbegriff dessen, was (der Definition nach) mit einem B. gedacht wird, heißt sein Inhalt, jeder einzelne Bestandteil des Inhalts ein Merkmal. Schließt man aus der Zahl der Merkmale eines Begriffs eins oder mehrere durch Abstraktion (s. d.) aus, ohne daß jedoch die Zusammenhangsform der Merkmale dabei geändert wird, so erhält man einen dem gegebenen übergeordneten, fügt man zu den vorhandenen Merkmalen (unter der gleichen Einschränkung) ein neues hinzu (Determination), so erhält man einen ihm untergeordneten B. Der B. des Parallelogramms z. B. bedeutet eine durch zwei Paar parallele Gerade begrenzte Figur; läßt man nun (unter der Voraussetzung, daß es sich immer noch um eine irgendwie begrenzte Figur handeln soll) das Merkmal des Parallelismus fallen, so erhält man den übergeordneten B. des Vierecks, fügt man noch die Bestimmung hinzu, daß die Seiten gleich sein sollen, so entsteht der untergeordnete B. des Rhombus. Durch Abstraktion wird also der Inhalt eines Begriffs ärmer, durch Determination reicher; gerade entgegengesetzt verhält es sich dabei aber mit dem Umfang desselben. Unter Umfang eines Begriffs versteht man nämlich die Gesamtheit der demselben sich unterordnenden Arten und Unterarten, und es ist klar, daß ein inhaltsärmerer B. der Determination einen größern Spielraum bietet, also einen größern Umfang hat, als ein inhaltsreicherer. Sofern ein B. überhaupt einer Determination fähig ist, also Arten (s. d.) zuläßt, besitzt er (generelle) Allgemeinheit; so ist der B. des Parallelogramms ein allgemeiner, der des Quadrats dagegen ein Einzelbegriff, denn Arten des Quadrats kann es nicht geben. Liegen zwei beliebige Begriffe vor, so läßt sich in den meisten Fällen ein höherer B. finden, dem beide untergeordnet sind (z. B. zu den Begriffen Mensch und Stein der des Gegenstandes), geht dies nicht an (z. B. bei Mensch und Tugend), so heißen die Begriffe disparat. Über koordinierte und disjunkte Begriffe s. Determination. Für das Erkennen sind bestimmte, eindeutige Begriffe zwar ein unentbehrliches Hilfsmittel, aber sie genügen keineswegs (wie die Scholastik und in einem tiefern Sinn auch Hegel meinte) allein, um den ganzen Reichtum des uns Menschen möglichen Wissens aus ihnen zu entwickeln. Die Forschung bedient sich zwar zunächst der Begriffe, die sie in der gewöhnlichen Sprache fixiert vorfindet, aber sie gestaltet dieselben weiterhin vielfach um und bereichert ihren Inhalt, und nicht am Anfang, sondern erst am Ende ihrer Arbeit besitzt sie adäquate Begriffe der Gegenstände, in denen die Resultate ihrer Arbeit lediglich einen prägnanten Ausdruck finden. Nicht ein System alles Wißbaren (wie Raimundus Lullus in seiner »Ars magna«), sondern nur eine zweckmäßigere Bezeichnung der Begrifle strebte Leibniz in seiner »Characteristica universalis« an, indem er, der spätern »symbolischen« oder »algebraischen« Logik vorarbeitend, an eine Art Formeln dachte, die das innere Gefüge derselben anschaulich darstellen sollten. Ob übrigens den logischen Beziehungsformen der Begriffe die unabhängig vom Denken bestehende Ordnung des Seienden genau entspricht, oder ob jene nur für unsre subjektive Auffassung gelten, ist eine zwischen dem Rationalismus und dem Empirismus (s. d.) strittige Frage.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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