Bern [1]


Bern [1]

Bern, der zweitgrößte Kanton der Schweiz, grenzt westlich an die Kantone Waadt, Freiburg und Neuenburg sowie an Frankreich, nordöstlich an den deutschen Bezirk Oberelsaß, an Baselland und Solothurn, östlich an Aargau, Luzern, Unterwalden und Uri, südlich an Wallis und umfaßt ein Areal von 6884 qkm (125 QM.). Das Land, quer über fast die ganze Breite der Schweiz ausgedehnt, erstreckt sich von dem Hochgebirge des Berner Oberlandes (s. Berner Alpen) über den Leberberg oder Berner Jura bis zu den flachen Hügeln des Oberelsaß und umfaßt den größten Teil des Aaregebiets (s. Aare). Rechts und links vom Aaretal treten voralpine Bergländer zur Ebene hinaus: Ober-Emmental und Schwarzenburg, so daß das Flachland sich auf Oberaargau (um Langenthal), das Mittelland (um Bein) und Seeland (um Biel) beschränkt. Aus dem Mittelland, bei Bern, ragen die Hügelmassen des Curten (861 m) und des Bantiger Hubels (949 m) empor. Der Leberberg, abgesehen von dem transjurassischeu Elsgau, besteht aus dem Val St.-Imier, dem Birstal und den Franches Montagnes (s. Freibergen). Die Bevölkerung zahlt (1900) 590,914 Seelen (fast 86 auf 1 qkm), darunter 506,837 Protestanten, 81,162 Katholiken und 1572 Israeliten. Der Muttersprache nach waren 1888: 449,668 Deutsche, 85,319 Franzosen (Jurassier), 1243 Italiener.

Von der Gesamtbodenfläche sind 78,18 Proz. oder 5369 qkm produktives Land, wovon 1518 Wald, 3845 Acker, Wiesen und Weiden und 6,3 Rebland. Das unproduktive Land umfaßt 1516 qkm; hiervon kommen 288,5 qkm auf Gletscher. Vornehmlich werden Roggen, Weizen und Hafer angebaut, ferner besonders Kartoffeln; 1899 lieferte die Ernte 815,225 dz Getreide, 4,4 Mill. dz Hackfrüchte, 2800 dz Hanf, 299 dz Tabak, 151,000 dz Obst und 21,966 hl Wein; durchschnittlicher Gesamtertrag der Wiesen ca. 10 Mill. dz Futter. Der Kanton hat viel Rindvieh, von schönstem Schlag (Fleckvieh) besonders im Simmental (Erlenbacher Schlag), im Saanenland, im Frutigen- und Emmental. Das Haslital hat seine eigne Rasse Braunvieh, das dem Unterwaldner am nächsten kommt. 1901 zählte man im Kanton 34,568 Pferde, 293,906 Stück Rindvieh, 137,745 Schweine, 34,393 Schafe, 68,481 Ziegen und 51,174 Bienenstöcke. Der jährliche Milchertrag wird auf 3,550,000 hl, die gesamte Käseproduktion auf 112,000 dz berechnet. Die fetten Emmentaler Käse werden in Langnau aufgestapelt und selbst die ähnlichen Käse der Nachbargebiete angekauft, um von diesem Platze aus in die weite Welt zu wandern. Die Fischzucht wird künstlich gehoben; es bestehen 27 Fischbrutanstalten (besonders für Forellen und Felchen). Der Bergbau liefert Eisenerz (im Jura, jährlich ca. 120,000 Ton.), Sandstein (bei Ostermundigen, s. d.), Tonschiefer (im Niesen), Ton und Gips. Berühmte Heilquellen sind zu Rosenlaui, Gurnigel, Lenk, Weißenburg und Blumenstein. Am bedeutendsten sind die Uhrenfabrikation (19,000 Arbeiter), die Seidenspinnerei und -Weberei, die Baumwollspinnerei und Buntweberei, die Kunstwollfabrikation, ferner Maschinenfabrikation, Eisengießerei und Zündholzfabrikation. Wichtig ist auch die Holzschnitzerei im Oberland und die Leinenindustrie im Mittelland. Im allgemeinen tritt der Handel gegen die übrigen Erwerbsarten zurück. Eine mächtige Erwerbsquelle bildet der Touristenzug im Oberland. Es bestehen 6 Progymnasien und 4 Gymnasien, 2 technische Fachschulen und eine landwirtschaftliche Schule, ferner 2 Seminare für Lehrer und 3 für Lehrerinnen (davon 3 deutsche und 2 französische). Eine Universität ist in Bern. Das Volksschulwesen, das allgemeine (primäre) und das fakultative (sekundäre), gehört zu den entwickeltsten der Schweiz.

Die Verfassung vom 4. Juni 1893 hat das obligatorische Referendum, die Volkswahl der Regierungsstatthalter und Gerichtspräsidenten und die Einheit des alten und neuen Kantonteils in Bezug auf Armen-, Steuerwesen und Zivilrecht eingeführt. Deutsch und Französisch sind als Landessprachen anerkannt. Die höchste Staatsbehörde ist der Große Rat. Oberste Exekutivbehörde ist ein Regierungsrat von neun Mitgliedern. In den 30 Amtsbezirken wird derselbe durch einen Regierungsstatthalter vertreten. Höchste richterliche Behörde ist ein Obergericht, aus höchstens 15 Mitgliedern bestehend. Für Kriminal-, politische und Preßvergehen bestehen Geschwornengerichte. In Kommunalsachen gelten die 507 Gemeinden als autonom. Die Staatsrechnung für 1901 schließt mit einem reinen Vermögen von 58,6 Mill. Fr., das kantonale Budget beträgt ca. 30 Mill. Fr. Das Kantonswappen ist ein roter Schild, worin in einem goldenen Schrägrechtsbalken ein schwarzer Bär emporschreitet (s. nebenstehende Abbildung).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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