Äschĭnes

Äschĭnes, 1) Ä., genannt der Sokratiker, war einer der treuesten Schüler des Sokrates. Er lebte eine Zeitlang zu Syrakus am Hof des Dionysios und verfaßte sieben Gespräche moralischen Inhalts, in denen er den Sokrates möglichst getreu darstellte. Es sind nur unbedeutende Fragmente davon übrig, während drei noch unter dem Namen des Ä. erhaltene Gespräche unecht sind. Vgl. K. Fr. Hermann, De Aeschinis Socratici reliquiis (Götting. 1850).

2) Ä., der sechste unter den zehn attischen Rednern, geb. 389 v. Chr. in Athen aus niederm Stande, gest. 314, war in jüngern Jahren Gehilfe in der Elementarschule seines Vaters, dann Schreiber und später Schauspieler in dritten Rollen. Ausgestattet mit großem Rednertalent, wohlklingender Stimme und der Fähigkeit, sich mit Würde zu bewegen, trat er 356 als Redner auf und war bald eine angesehene Persönlichkeit. Als Mitglied der 347 an Philipp von Makedonien geschickten Friedensgesandtschaft von dem König ganz in sein Interesse gezogen, förderte er dessen für Athen so verderblichen Pläne. Deshalb 345 von Demosthenes und Timarchos des Hochverrats angeklagt, entging er der Gefahr durch eine Gegenklage gegen letztern. Auch als Demosthenes, der ihn als Haupt der makedonischen Partei so bitter haßte, wie er von ihm gehaßt wurde, 342 die durch die Rede von der Truggesandtschaft unterstützte Anklage erneuerte, wußte Ä. den Angriff durch seine gleichbetitelte Rede abzuwehren. Nur das Interesse Philipps im Auge, veranlaßte er 339 den zweiten Heiligen Krieg gegen Lokris und die Übertragung des Oberbefehls an den König und damit den Krieg, der zur Niederlage Athens und Thebens bei Chäroneia und zur Vollendung der makedonischen Oberherrschaft führte. Sein Haß gegen Demosthenes führte seinen Sturz herbei. Als er 330 Ktesiphon, der für Demosthenes als Lohn für seine Verdienste einen goldenen Kranz beantragt hatte, wegen Gesetzwidrigkeit verklagte, verlor er infolge der Meisterrede des Demosthenes »vom Kranz« den Prozeß vollständig und ging in die Verbannung nach Rhodos, wo er eine Rednerschule gründete. Er starb auf der Insel Samos. Die drei Reden gegen Timarchos, über die Truggesandtschaft und gegen Ktesiphon, von den Alten als die drei Grazien bezeichnet, gehören nächst den Reden des Demosthenes zu den vorzüglichsten Leistungen der griechischen Beredsamkeit (hrsg. außer in den Sammlungen der attischen Redner von Bremi, Zürich 1823, 2 Bde.; Franke, 3. Aufl. von Blaß, Leipz. 1896; Schultz, das. 1865; Weidner, Berl. 1872; die Rede gegen Ktesiphon von letzterm, Leipz. 1872 u. Berl. 1878; übersetzt von Benseler, Leipz. 1855–1860, 3 Bde.; Wortindex von Preuß, das. 1896). Die unter des Ä. Namen vorhandenen zwölf Briefe (in Herchers »Epistolographi graeci«, Par. 1873) sind ohne Zweifel unecht. Vgl. Blaß, Attische Beredsamkeit, Bd. 3 (2. Ausg., Leipz. 1898); Marchand, Charakteristik des Redners Ä. (Jena 1876); Castets, Eschine, étude (Par. 1875).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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