Äthērische Öle

Äthērische Öle (flüchtige Ole, Essenzen), flüchtige Flüssigkeiten, denen die Pflanzen in der Regel ihren eigentümlichen Geruch verdanken. Sie finden sich sehr verbreitet im Pflanzenreich, am reichlichsten in den Familien der Umbelliferen, Labiaten, Kompositen, Kruziferen, Aurantiazeen, Myrtazeen, Laurazeen, Koniferen, und zwar besonders in Blüten, Samen, Fruchtschalen, meist bei der nämlichen Pflanze in allen Organen von gleicher Beschaffenheit, bisweilen auch in jedem Organ ein eigentümliches Öl. Sonnenschein und Wärme begünstigen die Bildung der ätherischen Öle, und daher liefert dieselbe Pflanze im Süden oft viel mehr ätherisches Öl als im Norden. Dagegen ist das Öl aus Blüten in nördlichen Gegenden in der Regel seiner. Auch Klima, Standort, Jahrgang und Kulturverhältnisse beeinflussen die ätherischen Öle. Über ihre Entstehung in den Pflanzen ist nichts bekannt. Einige ä. O. entstehen erst bei der Zerstörung des Pflanzengewebes aus Stoffen, die bis dahin getrennt voneinander waren. So sind bittere Mandeln geruchlos; wenn man sie aber mit Wasser zerreibt, wirkt das in ihnen enthaltene Emulsin auf das Amygdalin fermentartig ein, und letzteres spaltet sich nun in Bittermandelöl, Blausäure und Zucker. Ähnlich entsteht das ätherische Senföl erst beim Zerreiben der Senfsamen mit Wasser. Eigentümliche ä. O. bilden sich bei der Gärung frischer oder abgestorbener Pflanzensubstanz (Fermentöle), reichlich z. B. aus dem im Herbst abfallenden Laub, wo sie dann den charakteristischen Geruch im entblätterten Laubwald bedingen. Einige ä. Ö. hat man auch ohne Hilfe der Pflanzen künstlich dargestellt.

Pflanzen, aus denen ä. Ö. gewonnen werden, werden vielfach kultiviert, namentlich Rosen, Pfefferminze, Lavendel; die größten Kulturen finden sich in Südfrankreich bei Grasse, Cannes, Nizza. Man gewinnt die ätherischen Öle aus einigen sehr ölreichen Pflanzenteilen, wie Bergamott-, Zitronen-, Orangeschalen, durch Ausreißen der Öldrüsen derselben an einem System von Nadeln oder an einem Reibeisen. Das hierbei freiwillig abfließende Öl ist von großer Feinheit. Die Schalenrückstände geben beim Auspressen minder feines Öl. Weitaus die Mehrzahl der ätherischen Öle wird durch Destillation der frischen oder getrockneten Pflanzensubstanz mit Wasser oder Wasserdampf gewonnen. Das Destillationsprodukt ist ein meist trübes Wasser, das ätherisches Öl gelöst enthält und daher stark nach demselben riecht (destilliertes, aromatisches, ätherisches, abgezogenes Wasser). Auf diesem Wasser schwimmt das Öl. Zur Trennung des ätherischen Öles vom Wasser bei der Verarbeitung großer Mengen dient die Florentiner Flasche (s. d.). Manche Pflanzen geben bei der Destillation überhaupt kein ätherisches Öl, und einige sehr zarte Pflanzengerüche (Veilchen) werden durch die Destillation bedeutend modifiziert; in diesen Fällen muß man sich begnügen, die ätherischen Ole an Fett zu binden (s. Parfümerie). Man extrahiert auch die Vegetabilien mit Methylchlorid, Petroleumäther und ähnlichen flüchtigen Flüssigkeiten und trennt das sehr flüchtige Lösungsmittel durch vorsichtige Destillation von dem zurückbleibenden Öl. Durch fraktionierte Destillation hat man aus manchen ätherischen Olen den Bestandteil, der Träger des Geruches ist, von andern Bestandteilen getrennt und auf solche Weise konzentrierte ä. Ö. gewonnen.

Die ätherischen Öle sind flüssig, meist farblos oder gelb, einige braun oder rot, einige grün oder blau (Kamillenöl); sie sind in Wasser wenig, in Alkohol, Äther, Chloroform, Schwefelkohlenstoff und fetten Ölen leicht löslich. Sie riechen durchdringend und geben den Geruch der Pflanze, von der sie stammen, oft dann erst ganz treu wieder, wenn man sie in viel Alkohol löst und die Lösung mit Wasser verdünnt. Sie schmecken brennend, brechen das Licht sehr stark, lenken den polarisierten Lichtstrahl ab, machen auf Papier einen Fettfleck, der an der Luft allmählich wieder verschwindet, lösen Fette, Harze, Schwefel, Phosphor, brennen mit rußender Flamme, sind meist leichter als Wasser, sieden meist über 140°, können destilliert werden, wobei sie aber in der Regel mehr oder weniger ihren Geruch verändern, und verflüchtigen sich am leichtesten mit Wasserdämpfen. Die Zusammensetzung der ätherischen Ole ist sehr verschieden. Viele sind Gemenge von Terpenen, andre enthalten neben den Kohlenwasserstoffen sauerstoffhaltige Körper, wie Aldehyde, Alkohole, Phenole, Ketone, Säuren, Ester; nur wenige sind schwefelhaltig (Senföl, Knoblauchöl). Bei niederer Temperatur scheiden manche ä. O. feste Körper aus (Stearoptene, Kampfer), während Eläopten flüssig bleibt. An der Luft nehmen die ätherischen Ole Sauerstoff auf, werden dabei meist dunkler und dickflüssig und erleiden tiefgreifende Veränderungen. Die ätherischen Ole werden häufig verfälscht, und erst in der neuesten Zeit hat die Chemie der ätherischen Ole so große Fortschritte gemacht, daß man häufiger als bisher Verfälschungen mit Sicherheit nachweisen kann. Die meisten, vielleicht alle ätherischen Ole wirken auf die Haut, wenn auch in sehr verschiedenem Grade, reizend. Im Mund bewirken sie in kleiner Dosis Absonderung von Speichel, im Magen und Darm vermehrte peristaltische Bewegung, vielleicht auch Vermehrung der Sekretion; größere Dosen rufen Entzündungen hervor, zugleich wirken sie auf das Nervensystem, besonders das Gehirn, auf die Zirkulation und die Nierentätigkeit. Sie dienen als Arzneimittel (häufig in der Form von Ölzucker), zu Likören, Konditorwaren und Parfümen, die billigern als Lösungsmittel für Harze, zur Denaturierung des Spiritus, in der Porzellanmalerei, einige, die reduzierend wirken, zur Darstellung von Silberspiegeln. Vgl. Husemann, Die Pflanzenstoffe (2. Aufl., Berl. 1884, 2 Bde.); Askinson, Fabrikation der ätherischen Öle (3. Aufl., Wien 1901); Bornemann, Die flüchtigen Öle des Pflanzenreichs (Weim. 1891); Gildemeister u. Hoffmann, Die ätherischen Öle (Berl. 1899); die Berichte von Schimmel u. Komp. in Leipzig.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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