Äthiopische Sprache und Literatur

Äthiopische Sprache und Literatur. Die äthiopische Sprache, ursprünglich Geez genannt, zur südlichen Gruppe der semitischen Sprachen gehörig, ist nahe mit dem Arabischen, am nächsten mit der Sprache der sabäischen Inschriften Südarabiens verwandt, von wo aus sie in vorgeschichtlicher Zeit nach Abessinien gelangte. Hier wurde sie die herrschende Sprache des aksumitischen Reiches, begann aber vom 9. Jahrh. ab durch die Wiederherstellung der sogen. Salomonischen Dynastie und die Einführung des Amharischen als Hof- und Staatssprache zu schwinden und lebt jetzt nur noch als Kirchensprache fort. Sie ist für die vergleichende Erforschung der semitischen Sprachen durch die Bewahrung mancher altertümlicher Wörter und Formen von Bedeutung; doch stellt sie im ganzen eine jüngere Entwickelungsstufe dar als das Arabische und zeigt allerlei hamitische Einflüsse. Die Schrift stammt von der sabäischen ab, läuft aber, von einigen alten Inschriften abgesehen, von links nach rechts und ist eine reine Silbenschrift. Unter den ältern Kennern des Äthiopischen ist Ludolf (17. Jahrh.), unter den neuern Dillmann (s. d.) hervorzuheben, der unter anderm eine Grammatik, ein Wörterbuch und eine Chrestomathie des Äthiopischen lieferte. Von den neuern Dialekten sind das Amharische von Prätorius (Halle 1879) und Guidi (Rom 1889, 2. Aufl. 1892), das Tigriña gleichfalls von Prätorius (Halle 1871), von Schreiber (Wien 1887–93, 2 Bde.) und von Vito (Nam 1395), das Tigre von Merx (Halle 1868) bearbeitet.

Die ziemlich reiche äthiopische Literatur gehört so gut wie ausschließlich der christlichen Zeit an, deren Beginn in das 4. Jahrh. fällt; ihre beiden ältesten, sicher datierbaren Denkmäler sind zwei in Axum gefundene heidnische Königsinschriften aus dem 4. und 5. Jahrh. Schon sehr früh wurde die ganze Bibel ins Äthiopische übersetzt. Von dieser Übersetzung wurde das Neue Testament von Platt herausgegeben (Lond. 1830); eine Gesamtausgabe des Alten Testaments hat Dillmann begonnen (Leipz. 1853–71, Berl. 1894, 3 Bde., unvollständig), der auch das »Buch Henoch«, die »Ascensio Isaiae«, das »Buch der Jubiläen« u. a., z. T. mit Übersetzung, herausgegeben hat. Diese und andre theologische Werke, darunter noch der »Hirt des Hermas«, die »Apokalypse des Esra«, das »Hexaëmeron des Pseudo-Epiphanius«, das »Taufbuch der äthiopischen Kirche« u. a., sind teils als alte Übersetzungen, deren Originale nicht mehr erhalten sind, teils für die Geschichte des Christentums in Abessinien von Interesse. Die nichttheologische Literatur ist unbedeutend. Am wichtigsten sind einige Chroniken (darunter das »Kebra Nagast«, nach der byzantinischen Chronik des Kopten Johannes von Nikiu ins Äthiopische übersetzt und für Äthiopien weitergeführt; 1. Teil hrsg. und übersetzt von Zotenberg, Par. 1883), das Gesetzbuch »Fetha Nagast« (hrsg. und übersetzt von Guidi, Rom 1897–99), die Übersetzung des »Physiologus« (hrsg. und verdeutscht von Hommel, Leipz. 1877). Die meisten Handschriften, deren Zahl sich zur Zeit in Europa auf ca. 1200 beläuft, befinden sich zu London (Katalog von Dillmann, 1847; Wright, 1877), Paris (Katalog von Zotenberg, 1877), Berlin (Katalog von Dillmann, 1878), im Vatikan, in Oxford (Katalog von Dillmann, 1848), St. Petersburg, Kopenhagen, Tübingen, Wien etc. Sehr reich ist d'Abbadies Privatsammlung (Katalog, Par. 1859). Vgl. Fumagalli, Bibliografia Etiopica (Mail. 1893), und dazu die zahlreichen Nachträge von Fischer (im »Zentralblatt für Bibliothekswesen«, Bd. 11).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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