Ölfruchtbau

Ölfruchtbau, der landwirtschaftliche Anbau der fette Öle liefernden Pflanzen, ist schwieriger als der Getreidebau, schwankender in den Erträgen, liefert aber höher verwertbare und deshalb transportfähigere Produkte, die freilich wegen der Unsicherheit der Erträge, veranlaßt durch Insektenfraß, Frost etc., bedeutenden Preisschwankungen unterliegen. Anderseits bringen die Ölfrüchte, die meist vor der Getreideernte zum Schnitte gelangen, Bargeldeingänge zu einer Zeit, zu der in der Kasse des Landwirtes meist Ebbe herrscht, und wegen der bevorstehenden Ernte große Auslagen für Handarbeit etc. zu gewärtigen sind. In statischer Beziehung bieten die Ölfrüchte den Vorteil, daß durch die verkauften Ölsamen, unter der Voraussetzung der Verfütterung entsprechender Ölkuchenmengen, keine Aschenbestandteile, sondern mit dem Öl nur Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlenstoff aus der Wirtschaft ausgeführt werden.

Vorzugsweise wegen der ölhaltigen Samen kommen zum Anbau der Raps (Brassica Napus oleifera), der Rübsen (Brassica Rapa oleifera), der Leindotter (Camelina sativa) und der Mohn (Papaver somniferum). Die Gespinstpflanzen Lein und Hanf gewähren nebenbei Samen, die zur Ölgewinnung verwendet werden. Seltener werden gebaut: Rizinus (Ricinus communis), weißer Senf (Sinapis alba), chinesischer Ölrettich (Raphanus oleiferus), Sonnenblume (Helianthus annuus), Madie (Madia sativa) u.a. Die Rückstände der Ölfabrikation, die Ölkuchen (s. d. und Futter, S. 238), benutzt man als proteinreiches Viehfutter. Überall, wo Wintergetreide fortkommt, kann mit Erfolg Raps oder Rübsen zum Anbau gelangen. Raps verlangt nährstoffreiche, mäßig frische Weizen- oder Gerstenböden; bei Flachgründigkeit leidet er durch trockne Witterung, auf Moorboden bleibt der Ölgehalt der Samen zurück. Rübsen macht geringere Ansprüche an den Boden als Raps und gedeiht als Sommerfrucht noch auf sandigerm Boden. Leindotter gedeiht auf geringem, trocknem Sandboden; Mohn auf kalireichem, frischem Sand- und Lehm boden. In trockner Lage ist für Raps die beste Stellung vor Brache, sonst wird er nach Rotklee, von dem ein erster Schnitt genommen wurde, nach Mischling, Futterroggen, die frühzeitig das Feld räumen, bei sehr gutem Kulturzustand auch nach Getreide gebaut. Nachfrucht ist meist Getreide, besonders Weizen. Rübsen wird nach früh abgeerntetem Getreide oder nach Hülsenfrucht gesät; Leindotter meist an Stelle einer eingegangenen andern Ölfrucht oder auch nach gedüngter Hackfrucht oder zweijährigem Klee gesät. Als Vorfrucht für Mohn eignet sich gedüngte Hackfrucht weniger gut als Getreide.

Die Ölpflanzen verlangen in der Regel sehr sorgfältige und tiefe Bodenbearbeitung und viele aufnehmbare Bodennährstoffe, die durch reichliche Stallmistdüngung und Düngung mit Chilisalpeter, Superphosphat und Kalisalzen geboten werden sollen. Raps hat großes Düngerbedürfnis für Stickstoff, geringes für Kali und Phosphorsäure. Er wird in den ersten Augusttagen, in rauhern Lagen schon Ende Juli, Rübsen vielfach etwas später, der Leindotter Ende April, Anfang Mai, Mohn möglichst früh gegen Ende März ausgesät. Kleinwirte verpflanzen den Raps nach dem Pflug oder dem Steckholz, um vorher eine Stoppelfrucht gewinnen zu können; durch Verpflanzen werden auch Fehlstellen ergänzt. Die Saatmenge auf ein Hektar und die Wachstumsverhältnisse stellen sich bei den Ölpflanzen nach Krafft wie folgt:

Tabelle

Frost, vereiste Schneedecke auf üppig bestandenen Winterölfruchtsaaten verursachen häufig totales Mißraten. Im Sommer hindert oft Trockenheit das Aufgehen der Sommerölfrüchte oder vernichten Erdflöhe und zahlreiche andre Samenkäfer und sonstige Schädlinge die Blüten- und damit die Samenbildung. Im Frühherbst beschädigte Ölsaaten können noch je nach der vorgeschrittenen Jahreszeit mit Winterrübsen oder Wintergetreide bestellt werden, ausgewinterte Saaten sind durch Anbau von Sommerraps, Sommerrübsen, Leindotter, frühreifem Mais, Gerste, Kartoffeln oder Grünfutterpflanzen zu ersetzen. Raps leidet besonders von der Schwärze (Sporidesmium exitiosum), dem Schimmel (Peronospora parasitica), dem Kröpsigwerden oder der Kohlhernie (Plasmodiophora brassicae); Leindotter vom Schimmel und dem weißen Rost (Cystopus candidus); Mohn vom Schimmel und der Schwärze; Sonnenblume vom Sonnenrosenrost (Puccinia Helianthi). Die tierischen Feinde sind unzählig und schwer zu bekämpfen. Gegen Feinde junger Ölpflanzen empfiehlt es sich, einige Tage nach der ersten eine zweite Saat auszuführen, damit, wenn die jüngere neue Saat abgefressen wird, mittlerweile die ältere den Feinden entwächst. Gegen Blütenkäfer wird das Sammeln mit der Rapskäferfangmaschine vielfach empfohlen. Die gefährlichsten Rapsfeinde sind: Rapsmauszahnrüßler, Rapsverborgenrüßler, Kohlerdfloh, großer Kohlweißling, Rübsaatweißling, Wintersaateule, Ypsiloneule, Rapssägewespe, Rapsglanzkäfer, Rübsaatpfeifer etc. Den größten Schaden auf Mohnfeldern richtet der Weißfleckrüßler an. Den Früchten der Sonnenblume stellen die Vögel sehr nach. Breitwürfige Ölsaaten sind bei zu üppigem Stand im Frühjahr zu übereggen; Drillsaaten werden im Herbste 1–2mal behackt und zum Schutz gegen Frost zuletzt angehäufelt, im Frühjahr wird schließlich das Anhäufeln wiederholt.

Da der Ölgehalt der Körner bei der Reise stetig zunimmt, anderseits die Schoten um so leichter aufspringen, je reifer sie werden, so muß das Reisen sorgfältig beobachtet werden, damit der richtigste Erntezeitpunkt nicht versäumt werde, was mit großen Samenverlusten verbunden wäre. Raps ist in der Halb- oder Vorreife zu ernten, wenn er mit der Mähmaschine und bei Tage geschnitten wird, dagegen kann er reifer gelassen werden, wenn er mit der Sense oder Sichel oder bei Nacht und durch Ausraufen geerntet wird. Bei sicherer Witterung kann er am Feld in Gelegen nachreisen, sonst wird er in kleine Garben gebunden und in Puppen aufgestellt oder in 2–2,5 m hohe Kasten mit den Schoten nach innen aufgesetzt. Die Erntewagen sind mit Rapsplachen auszulegen, und überhaupt ist beim Einführen achtsam vorzugehen, weil gerade die wertvollsten schwersten Körner durch Ausfall am leichtesten verloren gehen. Beim Mähen mit der Maschine empfiehlt sich die Anbringung eines Samenauffangkastens am hintern Plattformrande. Das Ausbringen der Körner aus den Schoten wird entweder durch Austreten auf dem Felde selbst, oder nach dem Einführen durch Ausdreschen mit der Hand oder der Dreschmaschine vorgenommen, im letztern Fall ist eine eigne kleinere mit 2–4 Schlagleisten versehene Rapstrommel einzusetzen. Auf dem Schüttboden sind die Körner anfänglich mit den Kappen sehr dünn aufzuschichten und erst später auszuputzen, weil sonst leicht die Körner Schaden leiden. Bei Kleinkultur werden die reisen Schüttmohnköpfe in einem Sack ausgeschüttelt und die entleerten Pflanzen ausgezogen, getrocknet und neuerdings ausgebeutelt; bei Großkultur werden die Pflanzen sorgfältig ausgezogen und nach dem Ausschütteln der Samen über einem ausgebreiteten Tuch in Puppen getrocknet, um nach etwa 5 Tagen wiederholt ausgeklopft zu werden. Schließmohn wird geschnitten oder ausgezogen, und die Köpfe werden nach dem Trocknen mit dem Messer geöffnet oder im großen durch Dreschen oder auf einer Häcksel- oder Maisrebbelmaschine zerbrochen. Während der Ernte verursachen Winde leicht Ausfallen, nasse Witterung Auswachsen der Samen. Besondere Schwierigkeiten verursacht die Einerntung der Sonnenblumen; dieselben müssen einzeln abgeschnitten und durch Gegeneinanderreiben zweier Köpfe oder durch Dreschen ausgebracht werden. Erntezeit und Ernteerträge der Ölpflanzen von 1 Heklar:

Tabelle

Vgl. Krafft, Pflanzenbaulehre (7. Aufl., Berl. 1903); Zeeb, Der Handelsgewächsbau (2. Aufl. von Weitzel, Stuttg. 1900); Löbe, Anleitung zum Anbau der Handelsgewächse, 4. Abt. (Hannov. 1868); Graeter, Anleitung zur Kultur des Mohns (nach Odeph, Stuttg. 1867).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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