Äginētische Kunst

Äginētische Kunst. Unter den ältern griechischen Kunstschulen hat die auf der Insel Ägina (s. d.) bis gegen die Mitte des 5. Jahrh. v. Chr. blühende frühzeitig einen hohen Ruf erlangt. Sie hatte sich besonders an der Darstellung von Kämpferfiguren, die den Siegern in den Kampfspielen zu Ehren aufgestellt wurden, geübt und gibt daher Gestalten, in denen männliche Kraftfülle mit naturalistischer Schärfe und noch ohne ideale Schönheit zum Ausdruck gelangt. Muskeln, Adern, die Verbindung der Gliedmaßen sind sehr genau wiedergegeben. Neben diesem Naturalismus überrascht aber die Strenge, mit der das alte Gesetz der Symmetrie beibehalten wurde. Dieselbe Grundidee der Komposition beherrscht z. B. beide um 475 entstandene Giebelgruppen des Athenetempels in Ägina. Sie wurden 1811 aufgefunden, durch Thorwaldsen restauriert und von dem bayrischen Kronprinzen Ludwig erworben, später in die von ihm erbaute Glyptothek in München versetzt. Von den 22 ursprünglich vorhandenen Figuren sind 10 des Westgiebels (s. Tafel »Bildhauerkunst III«, Fig. 1) vollständig, die 11. in Fragmenten erhalten; von denen des Ostgiebels sind 5 und viele Trümmer übrig. Weitere Reste sind durch die 1901 von A. Furtwängler auf Kosten der bayrischen Regierung veranstalteten Ausgrabungen aufgefunden worden. Beide Gruppen stellen Kämpfe vor Troja vor, in denen Athene die griechischen Helden schützt. Sie bildet den Mittelpunkt der Darstellung, beide Male in fast übereinstimmender Erscheinung. Im westlichen Giebel sehen wir den über der Leiche des Achilleus entbrannten Kampf, wobei Odysseus die Trojaner abwehrt; im östlichen Telamon und Herakles den gefallenen Oikles gegen Laomedon schirmend, eine Szene aus dem frühern Kampf zwischen Griechen und Troern. Während sich in der liebevoll genauen Naturbeobachtung an diesen Marmorbildern ein wesentlicher Fortschritt der griechischen Kunst zu erkennen gibt, zeigen alle übrigen Merkmale noch den alten naiven Stil der vorhergehenden Epoche, in der die hellenische Kunst zuerst den Versuch machte, sich einerseits der Einflüsse orientalischer Völker, anderseits des strengen und starren Kultstiles zu entledigen. Daher noch jenes charakteristische Lächeln in den emporgezogenen Mundwinkeln, die schief stehenden, glotzenden Augen, der Mangel an Lebendigkeit in der Bewegung der Körper, vor allem jedoch das Fehlen des Ausdrucks der Seelenstimmung im Antlitz. Die Teilnehmer des Kampfes bewahren ein ruhig mildes, freundliches Wesen. Nur im Ostgiebel zeigt sich an einem der Gefallenen. welche die Ecken an beiden Giebeln ausfüllen, der Versuch, den Ausdruck des Todesschmerzes in den Zügen wiederzugeben, wie der Ostgiebel überhaupt eine etwas vorgeschrittenere Stufe der Entwickelung zeigt, die wohl der Vorstellung entsprechen dürfte, die wir uns von den hervorragendsten Künstlern Äginas, Kallon (s. d.) und Onatas (s. d.) zu machen haben. Die Figuren des Tempels waren an den Gewandsäumen, Haaren, Augen und andern Details bemalt, Haare, Waffenstücke etc. teilweise aus Metall angesetzt. Unter den ältern Künstlern ist noch der Bildschnitzer Smilis hervorzuheben. Vgl. J. M. Wagner, Bericht über die äginetischen Bildwerke (hrsg. und mit kunstgeschichtlichen Anmerkungen begleitet von Schelling, Tübing. 1817); Brunn, Über das Alter der äginetischen Bildwerke (Sitzungsberichte der bayrischen Akademie der Wissenschaften, 1867); K. Lange, Die Komposition der Ägineten (Leipz. 1878); Schildt, Die Giebelgruppen zu Ägina (das. 1895).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Äginetische Kunst — Äginetische Kunst. Ägina war zur Zeit seiner Blüthe, kurz vor u. während der Perserkriege, in der Übergangsperiode von dem alten zum hohen Styl, der Hauptsitz griechischer Kunst, namentlich der Plastik in Holz, Thon u. dem geschätzten Erz… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Äginetische Kunst — Äginētische Kunst, die ältere (archaische) griech. Kunst vor Phidias, nach ihrem Hauptsitz Ägina so genannt. Ihre wichtigsten Denkmäler die dort 1811 ausgegrabenen Skulpturen von den Giebeln des Athenetempels (15 Figuren nebst Fragmenten;… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Agīna — Agīna, 1) (a. Geogr.), rauhe, felsige, von Klippen umgebene Insel im Saronischen Meer (welches daher auch Äginetischer Meerbusen hieß), zwischen Attika u. Argolis; 2) Stadt daselbst, eine der 12 Städte Achaias, fest u. reich an Kunstwerken (s.… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Ägīna [2] — Ägīna, griech. Insel, südwestlich von Athen im Golf von Ä. (s. unten), in Form eines Dreiecks, 85 qkm groß, mit (1896) 8231 Einw. und ansehnlicher Schwammfischerei, sonst ohne Bedeutung. Die gebirgige (bis 540 m), nur im NW. leichter zugängliche… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Bildhauerkunst — (Bildnerei), im weitern Sinn die Kunst, aus festen Stoffen, wie Ton, Elfenbein, Stein, Erz, Holz, Menschen und Tiergestalten und andre Gegenstände körperlich nachzubilden. Nach dem dazu verwendeten Material und der Art, wie es zu Bildwerken… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Bildhauerkunst — Bildhauerkunst, die Kunst, aus allerhand festen Stoffen, wie Thon, Erz, Stein Menschen u. Thiergestalten u. überhaupt Gegenstände, von denen man, sich ein sinnlich wahrnehmbares Bild schaffen kann, zu verfertigen. I. Die B. zerfällt je nach dem… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Onātas — Onātas, griechischer Erzbildner auf Ägina; blühte um 476–456 v. Chr. u. brachte die äginetische Kunst auf ihren Höhepunkt; er schmückte mit seinen kolossalen Figuren Tempel u. Hallen …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Kalon — (Kallon), griech. Bildhauer von Ägina, zwischen Olympiade 65–75 (520–480 v. Chr.) tätig, Schüler des Tektäos und Angelion, schuf für Amyklä einen ehernen Dreifuß, zwischen dessen Füßen die Figur der Persephone stand, und für die Burg zu Trözene… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Onātas — Onātas, griech. Bildhauer und Erzgießer der Schule von Ägina, war in der ersten Hälfte des 5. Jahrh. tätig. Von seinen Erzstatuen und Gruppen werden eine Demeter bei Phigalia, ein Herakles in Olympia, ein von Hieron von Syrakus nach Olympia… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Elena Walter-Karydi — (* 21. Mai 1936 in Athen) ist eine griechisch deutsche Klassische Archäologin. Elena Walter Karydi studierte an der Universität München Klassische Archäologie und Philologie sowie Alte Geschichte. 1970 wurde sie mit der Arbeit Samische Gefässe… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”