Geschlechtsbestimmung


Geschlechtsbestimmung

Geschlechtsbestimmung. Die Frage nach den geschlechtsbestimmenden Ursachen hat man in neuerer Zeit mit Hilfe des Experiments und der Statistik zu lösen gesucht. Die Hauptfragen dabei sind, ob eines der beiden Eltern und welches von ihnen im einzelnen Falle das Geschlecht bestimmt, ob die Geschlechtsbestimmung bereits im Ei festgelegt ist oder ob sie durch den Befruchtungsvorgang beeinflußt werden kann, ob vielleicht sogar (bei manchen Tieren) eine Beeinflussung des Geschlechts nach der Geburt möglich, bez. ob eine solche durch geeignete Behandlung der Eltern (Ernährungsverhältnisse) erzielt werden kann, bez. ob sie vielleicht von deren Altersverschiedenheiten abhängt. Leider ist man bei der Beantwortung dieser Fragen bisher fast nur auf Vermutungen angewiesen, eine Tatsache allerdings steht fest, nämlich daß bei einzelnen Tierformen das Geschlecht insofern von der Mutter bestimmt wird, als von dieser gewisse Eier (von größerm Umfang) hervorgebracht werden, aus denen sich nur Weibchen entwickeln können, und andre, weit kleinere Eier, aus denen nur Männchen entstehen. Hier ist also das Geschlecht des künftigen Tiers bereits im Ei, somit schon vor der Befruchtung festgelegt, jedoch sind dies sehr seltene Fälle; immerhin erscheint der daraus gezogene Schluß nicht unberechtigt, daß auch bei andern Tieren, bei denen dies nicht ohne weiteres erkannt werden kann, das Geschlecht ebenfalls im Ei und also schon vor der Befruchtung bestimmt sei. Andre Forscher machen diese letztere verantwortlich und führen die G. auf das Überwiegen des männlichen oder weiblichen Elements zurück, das seinerseits wieder abhängig gemacht wird von der Beschaffenheit des väterlichen oder mütterlichen Organismus, dessen Alter, krankhaftem oder Ernährungszustand. Statistische Erhebungen sowohl am Menschen wie an Haustieren sollten festgestellt haben, daß bei größerm Alter des Vaters und geringerm Alter der Mutter mehr männliche, dagegen bei dem umgekehrten Altersverhältnis mehr weibliche Nachkommen zur Welt gebracht würden. Ähnliche Schlüsse hat man bezüglich des größern oder geringern Kraftzustandes des einen oder des andern Erzeugers hinsichtlich des Geschlechts der Nachkommen gezogen, so sollten beim Übergewicht des Mannes weibliche, beim Übergewicht des Weibes männliche Nachkommen erzeugt werden u. s. f., doch haben sich alle diese Feststellungen nicht als stichhaltig erwiesen. An diese letztern Beobachtungen schließt sich die Theorie L. Schenks an, der den Anspruch erhob, auf experimentellem Wege das Geschlecht der Nachkommen willkürlich bestimmen zu können. Nach seinen und andrer Wahrnehmungen sollten schlechtgenährte oder durch Krankheit körperlich herabgekommene Mütter vorzugsweise Mädchen gebären, während gutgenährte Mütter vor allem Knaben das Leben geben. Schenk suchte die Ernährung der Mutter mehrere Monate vor der Konzeption in einer Weise zu regeln, die einen möglichst günstigen Ernährungszustand nicht nur der Mutter selbst, sondern besonders auch ihrer Eierstöcke und der darin befindlichen Eier verbürgt, und glaubte in bestimmten Fällen auf diesem Wege tatsächlich Knabengeburten erzielt zu haben, doch mußten diese Schlüsse bei der geringen Zahl der beobachteten Fälle und beim Mißlingen andrer Versuche als zum mindesten sehr gewagt erscheinen. Vgl. L. Cohn, Die willkürliche Bestimmung des Geschlechts (Würzb. 1898); Cuénot, Sur la détermination du sexe chez les animaux (im »Bulletin Scientifique de la France et de la Belgique«, Bd. 32, 1899); Schenk, Lehrbuch der G. (Halle 1901); Lenhossék, Das Problem der geschlechtsbestimmenden Ursachen (Jena 1903); Schultze, Zur Frage von den geschlechtsbildenden Ursachen (im »Archiv für mikroskopische Anatomie«, Bd. 63, 1903).

G. bei Pflanzen. Unter den angiospermen Samenpflanzen besitzen die meisten beiderlei Geschlechtsorgane in Einer Blüte. Die Angiospermen mit eingeschlechtigen Blüten sind z. T. aus zwitterblütigen Arten dadurch entstanden, daß in den einzelnen Blüten die Ausbildung des einen der beiden Geschlechter unterblieb, wobei nicht selten die Organe des fehlschlagenden Geschlechts noch als Rudimente in der eingeschlechtigen Blüte nachweisbar sind. In andern Fällen, z. B. bei den Julifloren, ist wie bei den aymnospermen Samenpflanzen die Eingeschlechtigkeit der Blüten und die Verteilung der Geschlechter auf verschiedene Stöcke als eine primäre Erscheinung zu betrachten. Der spezielle Geschlechtscharakter ist in diesen Fällen schon im Keim fixiert und dadurch der willkürlichen Beeinflussung während des Entwickelungsganges des Individuums vollständig entzogen. Eine Verschiebung des durchschnittlichen Zahlenverhältnisses zwischen männlichen und weiblichen Exemplaren ist bei der Nachkommenschaft nur dadurch erreichbar, daß durch planmäßige Züchtung mit den durch spontane Variation von der Norm abweichenden Exemplaren eine Rassenbildung eingeleitet wird. Die Sporenpflanzen verhalten sich z. T. wesentlich anders. Es ist experimentell nachgewiesen, daß manche Farnprothallien nur dann weibliche Geschlechtsorgane (Archegonien) bilden, wenn sie sich bezüglich der Nahrungsauswahl u. – Menge, Feuchtigkeit, Beleuchtung und Wärme unter günstigen Umständen befinden; ungünstig kultivierte Prothallien erzeugen nur männliche Geschlechtszellen. Bei den Prothallien der Schachtelhalme, die nur einerlei Geschlechtsorgane tragen, hat der Experimentator es vollständig in der Hand, durch die den Keimpflanzen gewährten äußern Entwickelungsbedingungen männliche oder weibliche Exemplare zu erziehen. Bei den heterosporen Farnen ist durch die verschiedene Mitgift an Nährstoffen, welche die einzelne Spore von der Mutterpflanze erhält, der Geschlechtscharakter der aus der Spore hervorgehenden Pflanze bestimmt und damit vim äußern Einflüssen unabhängig gemacht. Auch bei Algen und Pilzen ist eine Beeinflussung der Geschlechtszellbildung durch die Ernährungsverhältnisse in verschiedenen Fällen nachgewiesen worden, wobei stets die Erzeugung der weiblichen Geschlechtszellen die höhern Anforderungen an die äußern Lebensbedingungen stellte.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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