Marine [1]

Marine [1]

Marine (franz., v. lat. [res] marina, »Seewesen«), die Gesamtheit der Einrichtungen eines Seestaates, um Seepolitik und Seehandel zu treiben; man nennt Kriegsmarine, auch kurz M., die Kriegsflotte als Machtmittel der Seepolitik und zum Schutze der heimischen und kolonialen Küsten und des Seehandels, und Handelsmarine die für den Seehandelsbetrieb bestimmten Handelsschiffe.

I. Kriegsmarine.

Ursprünglich war in Seestaaten und bei Seemannsvölkern, wie z. B. den alten Griechen, die M. nichts andres, als das zu überseeischer Unternehmung auf einer Flotte eingeschiffte Landheer. Später forderte die Entwickelung des Seehandels auch ständigen Schutz durch bewaffnete Schiffsmannschaften; bis ins 18. Jahrh. hin waren Handelsschiffe auf weiten Reisen von Kriegsschiffen begleitet (Convoischiffe) oder waren selbst bewaffnet. Trotzdem ist die Einrichtung ständiger Kriegsmarinen schon im Altertum bekannt und zweckmäßig befunden. Die Aufgabe jeder M. ist heute dieselbe wie vor Jahrtausenden: sie soll die Macht eines Staates, eines Volkes auch über See und an fremden Küsten zur Geltung bringen. Ein Staat wie Großbritannien, der seit Jahrhunderten eine großzügige, über alle Meere der Erde reichende Seepolitik treibt und in allen Erdteilen Kolonien erworben hat, kann sein Weltreich in allen Gliedern nur mit einer mächtigen M. sichern und festhalten. Bisher galt in England der Grundsatz, die englische M. müsse mindestens so stark sein wie die beiden stärksten fremden Marinen; die englische M. ist aber in letzter Zeit noch stärker gemacht, als dieser Grundsatz es fordert. Auf diese Weise hat sich England nicht nur die kriegerische Übermacht zur See gegenüber allen fremden Marinen gesichert, sondern ist auch imstande, den Seehandel und die Seepolitik andrer Seestaaten nach Gutdünken einzuschränken. Ähnliche Verhältnisse herrschten im Mittelmeer zur Zeit der Blüte Karthagos. Heutzutage vermag keine Seemacht allein der englischen gegenüber zur See mit Aussicht auf Erfolg um die Seeherrschaft zu ringen. Indessen sind verschiedene Seestaaten, insbes. die Vereinigten Staaten, bemüht, durch schnelle Vergrößerung ihrer Marinen das Mißverhältnis ihrer Stärke im Verhältnis zur englischen zu bessern. Wie die Verhältnisse liegen, kann die Stärke und Leistungsfähigkeit jeder M. deshalb hauptsächlich nur im Vergleich mit der Stärke der englischen Kriegsmarine beurteilt werden. Seitdem Deutschland infolge seiner blühenden Industrie und schnellen Bevölkerungszunahme auf den Absatz seiner Landeserzeugnisse in überseeischen Ländern, bis nach Amerika und Ostasien, angewiesen ist, auch eine große, stetig wachsende Handelsmarine für seinen starken Seehandel unterhält, bedarf es dringend einer starken M., die den Seehandel und überhaupt die Seeinteressen (z. B. Kapitalsanlagen in überseeischen Ländern, die deutschen Kolonien) Deutschlands zu schützen vermag. Denn durch den Seehandel ist das deutsche Volk in den letzten 30 Jahren in scharfen Wettbewerb mit Engländern, Nordamerikanern, Japanern u. a. getreten. Um seine Handelsfreiheit zu sichern, muß sich Deutschland deshalb eine Flotte halten, die auch sein mächtigster Nebenbuhler im Seehandel, England, nicht ohne eigne schwere Schädigung anzugreifen wagen kann. Dieses Ziel soll durch starke Vermehrung der deutschen M. (vgl. Flottengesetze unter »Deutschland, Marine«, S. 798) erreicht werden. Dabei sind die Aufgaben der deutschen M. dieselben geblieben, wie sie schon in dem preußischen Flottengründungsplan (von Roon) 1867 aufgestellt wurden: Schutz und Vertretung des Seehandels auf allen Meeren; Entwickelung der eignen Angriffskraft; Verteidigung der vaterländischen Küsten. Dieselben Aufgaben haben die Marinen aller andern Großmächte, die zugleich Seemächte sind, nämlich außer der englischen auch die französische, nordamerikanische, russische, italienische, japanische und, wenn auch in geringerm Maße, die österreichisch-ungarische M. Alle kleinern Seestaaten begnügen sich mit Marinen zur Verteidigung ihrer Küsten. Der Schwerpunkt jeder M. der Seemächte ruht in den Schlachtflotten, zusammengesetzt aus Geschwadern oder Doppelgeschwadern von Linienschiffen, nebst Aufklärungsgruppen von Panzerkreuzern und geschützten Kreuzern, sowie Torpedobootsflottillen; die Schlachtflotten sind bestimmt, mit dem Feind um die Seeherrschaft zu kämpfen, d. h. die feindlichen Schlachtflotten und Küstenbefestigungen anzugreifen, Landungen des eignen Heeres in Feindesland vorzubereiten und zu decken. Stark überlegenen feindlichen Seestreitkräften gegenüber kann die Schlachtflotte zu einer Verteidigungsstellung gezwungen sein, bei der anzustreben ist, gewisse eigne Seehäfen blockadefrei zu halten, durch überraschende Angriffe gegen die feindliche Blockadeflotte (vgl. Küstenkrieg). Beim Angriff auf einen überseeischen Feind (z. B. der russischen Ostseeflotte gegen Japan) muß die Schlachtflotte von einem ausreichenden Troß von Kohlendampfern, Werkstatt- und Lazarettschiffen, Pumpendampfern, Destillierdampfern, Streuminendampfern, Vorratsdampfern für Schießbedarf und Lebensmittel begleitet werden, falls sie nicht auf eigne Seehäfen (s. Flottenstützpunkte) sich stützen kann, die in der Nähe der anzugreifenden feindlichen Küste liegen. Über die Art der Hochseekriegführung vgl. Artikel »Seestrategie«, über die Kampfweise vgl. »Seetaktik«. Die Küstenflottillen der kleinen Seestaaten bestehen aus Küstenpanzerschiffen, Panzerkanonenbooten, kleinen Kreuzern (für den Kundschafter- und Vorpostendienst), Torpedobooten und Unterseebooten.

Für den Bau der Schiffe und ihre Ausrüstung sowie für ihre geschützte Aufbewahrung und Ausbesserung nach langen Seereisen oder nach Gefechten bedarf jede M. Einrichtungen am Land in den Seekriegshäfen, und zwar hauptsächlich der Werften, der Docks, ferner Vorratslager an Kohlen, Schießbedarf, Schiffsausrüstungssachen aller Art (Boote, Ankergeschirr, Geschützzubehör, Handwaffen, Maschinenschmierstoffe, Farben, Segeltuch, Tauwerk, Seekarten und Segelhandbücher, nautische Instrumente etc.), Torpedowerkstätten, Minenlager; ferner Marinebildungsanstalten und Lazarette für das Personal sowie mehr oder weniger zahlreiche Marinebehörden am Lande zur Ausarbeitung der Schiffspläne, zur Geschäftsführung und Verwaltung der sämtlichen Hilfseinrichtungen für das schwimmende Schiffsmaterial und für die Ausbildung des Marinepersonals. Für Oberleitung der Entwickelung jeder M., für die Überwachung des Bauens, der Ausrüstung und der Erhaltung der Kriegsschiffe sowie für die Verwaltung der gesamten Marineausgaben findet man bei den meisten Seemächten Marineministerien, denen ein Marineminister vorsteht; in England wird Oberbefehl und Verwaltung von einem Lordskollegium, Admiralität genannt, ausgeübt; in Deutschland ist ein Staatssekretär des Reichsmarineamts, in den Vereinigten Staaten ein Sekretär der M. für die Entwickelung und Verwaltung der M. verantwortlich; bei kleinen Marinen ist deren Leitung den Kriegs ministerien des Landes untergeordnet. In den meisten monarchischen Staaten ist der Herrscher zugleich Oberbefehlshaber der M. seines Landes. Wegen der geschichtlichen Entwickelung der Kriegsmarinen vergleiche den Artikel »Seekrieg«.

Übersicht der Seestreitkräfte und Flottenstützpunkte.

(Hierzu die Karte I: »Seestreitkräfte und Flottenstützpunkte« und Karte II: Nord- und Ostsee, mit Textblatt.)

Die maritimen Streitkräfte müssen heutzutage imstande sein, beim ersten Signal in See stechen zu können, um die feindlichen Küsten zu bedrohen, ehe der Feind die eignen Küsten blockieren kann. Aus diesem Grunde haben alle Seemächte schon im Frieden den größten und besten Teil ihres Kriegsschiffsbestandes verwendungsbereit, und zwar meist mit voller Besatzung, in Dienst gestellt. Um die Mannschaft kriegstüchtig zu erziehen, werden auf jedem Schiff Übungen mit allen Waffen vorgenommen; die meisten dieser Schiffe gehören taktischen Verbänden, wie Divisionen, Flottillen, Geschwadern oder Flotten an, deren gemeinsame Übungen die Gesamtausbildung abschließen und dabei zugleich Vorübungen für den Seekrieg darstellen. Je nach der Größe des Kolonialbesitzes und nach der Ausdehnung und dem Werte des Seehandels einer Seemacht sind ihre Seestreitkräfte in den verschiedenen Meeren der Erde mehr oder weniger zerstreut verteilt. Die Hauptmacht befindet sich naturgemäß in den Gewässern des Mutterlandes, wobei zuweilen die geographische Lage ebenfalls eine Trennung fordert; z. B. sind die französischen heimischen Seestreitkräfte auf die atlantische und Kanalküste einerseits und die Mittelmeerküsten anderseits verteilt, die russischen auf die Ostsee, das Schwarze Meer und das ostasiatische Küstengebiet, die nordamerikanischen auf den Atlantischen und den Stillen Ozean. Als Operationsbasen der Seestreitkräfte in den einzelnen Gebieten dienen die heimischen Kriegshäfen und die Flottenstützpunkte in den Kolonien, mit Kriegswerften, großen Kohlenvorräten, Schießbedarf, allerlei andrer Schiffsausrüstung und Gelegenheiten zum Ausbessern von Schiffen und Maschinen. Schließlich spielen im Seekrieg die überseeischen Kabel eine sehr wichtige Rolle, weil mit ihrer Hilfe die feindlichen Bewegungen überwacht werden können.

England hat in den heimischen Gewässern wie im Auslande die größte Zahl von Kriegsschiffen kriegsbereit. Erst kürzlich ist infolge einer Denkschrift des Ersten Lords der Admiralität, Lord Selborne, vom 6. Dez. 1904 die Kriegsbereitschaft der englischen Flotte durch eine sehr zweckmäßige Neuverteilung der aktiven Seestreitkräfte und durch Bereitstellung von Reserveformationen in geradezu genialer Weise ganz bedeutend gehoben worden. Als seestrategische Sammelpunkte für diese neue Verteilung sind vor allem die Nordsee, der Englische Kanal (Ärmelmeer), der östliche Teil des Nordatlantischen Ozeans und das Mittelmeer bestimmt, während alle überseeischen Gewässer nur mit verhältnismäßig schwachen Streitkräften besetzt bleiben. Man kann deshalb diese Neuverteilung geradezu als eine friedliche Mobilmachung gegen die übrigen europäischen Seemächte ansehen, um so mehr, als seit dem neuen Abschluß des Bündnisses mit Japan auch die Linienschiffe des Chinageschwaders in die heimischen Gewässer zurückberufen worden sind. Die bisherige Heimatflotte (Home fleet) hat als Kanalflotte (Channel fleet) den Flottenstützpunkt und Hauptliegehafen Portland vorläufig angewiesen erhalten; sobald die großartigen Kriegshafenanlagen in Dover fertig sein werden, wird dieser Hafen ebenfalls für die Kanalflotte als Stützpunkt dienen. Die bisherige Kanalflotte, jetzt Atlantische Flotte genannt, hat Gibraltar zum Stützpunkt; die Mittelmeerflotte hat Malta als Hauptliegehafen. Vier aktive Kreuzergeschwader sind für die nordeuropäischen Gewässer, das Mittelmeer und für den Westatlantischen Ozean bestimmt. Für den Indischen und Stillen Ozean bilden drei andre Kreuzergeschwader, je eins auf der ostindischen, australischen und ostasiatischen Station, die britischen Seestreitkräfte, für deren richtige seestrategische Verteilung der Admiral der ostasiatischen Station verantwortlich ist; sie sollen so schnell wie möglich mit den feindlichen Schiffen in diesen Gewässern aufräumen. Schließlich soll ein Kreuzergeschwader auf der Kapstation (Stützpunkte Simonstown und Kapstadt) die Verbindung zwischen der Mittelmeerflotte oder der Atlantischen Flotte mit den ostasiatischen Streitkräften im Kriege sichern.

Außer diesen sofort verwendungsbereiten aktiven Seestreitkräften ist in den englischen Kriegshäfen noch eine Reserveflotte vorhanden, die alle übrigen kriegsbrauchbaren Schiffe umfaßt, die nicht im Umbau oder für längere Zeit in Ausbesserung sind. In dieser Reserveflotte unterscheidet man Emergency ships, die gänzlich mit aktiver Besatzung bemannt werden können, und Schiffe in gewöhnlicher Reserve, deren Besatzung zum Teil aus der Naval Reserve ausgefüllt werden muß. Alle diese Schiffe haben schon im Frieden als Stammbesatzung zwei Fünftel der Mannschaft und alle wichtigen Offiziere und Ingenieure an Bord. Diese Reserveschiffe sind zu Divisionen zusammengefaßt, die von je einem Konteradmiral schon im Hafen befehligt werden. Vorläufig sind diese Reservedivisionen auf die Kriegshäfen von Plymouth (Devonport), Portsmouth und Chatam-Sheerneß verteilt. Zwei Linienschiffe und zwei Kreuzer der Reservedivisionen jedes dieser Häfen werden als Emergency ships bereit gehalten. Außerdem gelten noch die ältern kriegsbrauchbaren Schiffe als Spezialreserve ohne Stammbesatzung. Alle Schiffe von geringem Gefechtswert sind außer Dienst gestellt und zumeist verkauft worden. Auf den überseeischen Nebenstationen ist die Schiffszahl auf das für den Friedenspolizeidienst notwendige Maß beschränkt worden; doch werden ständig vier der Kreuzergeschwader dazu verwendet, die britische Flagge in solchen überseeischen Häfen zu zeigen, wo es politisch oder strategisch nötig scheint. Auch als Schulschiffe für Seekadetten, Schiffsjungen, für Artillerie- und Torpedodienst werden künftig nur moderne kriegstüchtige Schiffe verwendet. Große Flottenmanöver finden jährlich drei statt, und zwar wie folgt: im Februar übt die Atlantikflotte gemeinsam mit der Kanalflotte, Ende April und Anfang August übt die Atlantikflotte gemeinsam mit der Mittelmeerflotte. Bei allen Manövern und Kreuzfahrten gilt der Grundsatz, die Flotten und Geschwader überall möglichst kampfbereit zusammenzuhalten. Das vierte Kreuzergeschwader macht jährlich drei Kreuzfahrten in heimischen, westindischen und benachbarten Gewässern. Zu den Flottenmanövern werden das erste bis vierte Kreuzergeschwader zu Aufklärungsübungen verwendet. Aus dieser gewaltigen Seemachtsentfaltung, mit der die englische Flotte imstande ist, mit wenigen wuchtigen Schlägen jede andre Kriegsflotte und mit wenig größerer Anstrengung auch die etwa vereinten beiden stärksten nichtenglischen Flotten niederzukämpfen, geht deutlich hervor, daß man in England nach wie vor- und mit vollem Recht die Flotte als das einzige und sicherste Bollwerk gegen jede fremde Landung auf englischem Boden hält, und daß man nach wie vor in der Beherrschung aller Meere der Erde die beste Grundlage für Englands Weltmachtstellung erblickt, einer Machtentfaltung, wie sie in der ganzen Weltgeschichte ihresgleichen nicht hat.

Die Kriegshäfen der heimischen Streitkräfte sind im Kanal: Plymouth, Portland, Portsmouth und Dover; an der englischen Ostküste: Chatham und Sheerneß (Londons Schutz), und in der Irischen See: Pembroke (Milford Haven) und Haulbowline. Für die Küstenwache sind Stationshäfen: London, Harwich, Hull, Shields, Edinburg, Dundee, Aberdeen, Inverneß, Greenock, Liverpool, Holyhead, Bristol, Portland, Southampton, und auf Irland die Bantrybucht, Dublin und Lough Swilly. Der Kern des Mittelmeergeschwaders hält sich gewöhnlich in der Umgebung von Malta, in den sizilischen und neapolitanischen Gewässern auf, macht aber auch Kreuzfahrten in alle Teile des Mittelmeeres. An der Ostküste Nordamerikas dienen als Stützpunkte Quebec, Halifax, Hamilton auf den Bermudas, Kingston, Bridgetown und Port of Spain. An der westafrikanischen Küste bildet Kapstadt mit Simonstown das Hauptquartier des Kapgeschwaders. Im Indischen Ozean sind Hauptstützpunkte Aden, Bombay, Port Louis (Mauritius) und Colombo. Ostasiatische Stützpunkte sind Singapur, Hongkong und Weihaiwei.

Die zweitgrößte Seemacht, Frankreich, hat beträchtlich weniger Kriegsschiffe im Dienste. Das Nordgeschwader, dessen Kriegshäfen Cherbourg und Brest sind, zählt 6 Linienschiffe, 4 Panzerkreuzer, 1 kleinen Kreuzer, 6 Torpedobootszerstörer. Außerdem sind in den Haupthäfen der Küstenverteidigung, also in Dünkirchen, Boulogne, St.-Malo, Lezardrieux, Lorient, Concarneau, La Pallice und Rochefort, viele Torpedoboote und Unterseeboote dienstbereit. An der französischen Südküste hat das Mittelmeergeschwader Toulon als Haupthafen; es besteht aus 6 Linienschiffen, 3 großen, 3 kleinen Kreuzern und 6 Torpedobootszerstörern. Die Reservedivision des Mittelmeergeschwaders zählt 3 Linienschiffe, einen großen und einen kleinen Kreuzer. In den befestigten Häfen Port Vendres, Villefranche, Ajaccio, Bastia, Bonifacio, Bizerta und Algier sind viele Torpedoboote ständig im Dienst. Je eine Kreuzerdivision befindet sich an der nordamerikanischen und südamerikanischen Ostküste, sowie eine im Stillen Ozean; nur sehr schwach ist die westafrikanische Station besetzt, deren Hauptstützpunkt Dakar ist. Im Indischen Ozean sind 3 kleine Kreuzer verteilt; ein altes Panzerschiff dient als Hafenwachtschiff in Diego Suarez. In den ostasiatischen Gewässern sind ein altes Panzerschiff in Saigon, sowie das ostasiatische Geschwader mit 3 Panzerkreuzern und mehreren kleinen Kreuzern in den chinesischen Gewässern; Saigon und Haiphong sind Flottenstützpunkte. In Neukaledonien sind nur kleine Kreuzer stationiert.

Deutschlands aktive Seestreitkräfte sind in folgender Weise verteilt: die aktive Schlachtflotte in den heimischen Gewässern zählte Mitte 1905: 12 Linienschiffe, 2 große und 6 kleine Kreuzer; als Stammschiffe von Reservedivisionen waren 2 Küstenpanzerschiffe im Dienst. Auf der ostamerikanischen Station waren 2 kleine Kreuzer sowie 1 Kanonenboot, auf der westafrikanischen 2 kleine, auf der ostafrikanischen ein kleiner und auf der australischen 2 kleine Kreuzer. In Ostasien bestand das Kreuzergeschwader aus 2 großen und 3 kleinen Kreuzern sowie 4 Kanonenbooten, nebst mehreren Hochseetorpedobooten. In der Heimat sind stets eine größere Zahl von Torpedobooten dienstbereit.

Das italienische Mittelmeergeschwader zählt 4 Linienschiffe, 4 große und 2 kleine Kreuzer und zahlreiche Hochseetorpedoboote; Hauptkriegshäfen sind Spezia, Neapel, Tarent, Ancona und Venedig, außerdem sind für die Küstenverteidigung wichtig und mit Torpedobooten etc. besetzt Genua, Livorno, Maddalena (Sizilien), Messina, Palermo, Syrakus und Brindisi Außerhalb des Mittelmeers ist die Ozeandivision mit 2 kleinen Kreuzern; außerdem sind 3 kleine Kreuzer und 1 Kanonenboot im Roten Meer, 1 Panzerkreuzer und 2 kleine Kreuzer in Ostasien.

Die Vereinigten Staaten von Nordamerika halten in ihren heimischen Gewässern seit kurzem eine einheitliche und daher sehr schlagfertige Nordatlantische Flotte im Dienst, die infolge des vorläufig noch großen Mangels an Linienschiffen (deren aber Mitte 1905 nicht weniger als 15 im Bau waren) unverhältnismäßig stark an Kreuzern ist. Diese Flotte ist in vier Geschwader geteilt, wovon das erste aus 8 Linienschiffen, das zweite aus 5 Panzerkreuzern und 3 kleinen Kreuzern, das dritte aus einem großen und 7 kleinen Kreuzern, und das Küstengeschwader mit 1 Linienschiff, 3 Küstenpanzerschiffen und 7 Torpedobootszerstörern. Auch in den Vereinigten Staaten hat man den englischen Grundsatz angenommen, die wichtigsten Seestreitkräfte in den heimischen Gewässern kriegsbereit im Dienst zu halten. Aus den Erklärungen des Präsidenten Roosevelt geht hervor, daß die Vereinigten Staaten eine machtvolle Seepolitik zu treiben gewillt sind und mit größtem Eifer ihre Flotte für diesen Zweck ausbauen. Seit die Vereinigten Staaten von Nordamerika ihre sehr weitgreifende Seepolitik treiben, schicken sie außerdem in alle Meere der Erde Schiffe zur Vertretung ihrer Macht.

Auch die kleinern Seestaaten, wie Österreich-Ungarn, Spanien, Holland, Schweden, Dänemark, halten in ihren Küstengewässern ständig Küstenpanzerschiffsdivisionen, dazu kleine Kreuzer und Torpedobootsdivisionen kriegsbereit, um ihre Mannschaften zu üben und bei plötzlich ausbrechenden Verwickelungen nicht schutzlos zu sein. Das österreichisch-ungarische Übungsgeschwader besteht aus 6 neuen Linienschiffen nebst einer Zahl Kreuzer und zeichnet sich durch hervorragende Tüchtigkeit seiner Offiziere und Besatzungen aus. Die schwedische M. entwickelte sich in letzter Zeit verhältnismäßig stark und gut. Auch diese Seestaaten schicken gelegentlich Kreuzerdivisionen und einzelne Kreuzer nach Bedarf ins Ausland. Die japanische Seemacht hat trotz ihrer Größe und Bedeutung vorläufig ihre Seestreitkräfte innerhalb ihres ostasiatischen Interessengebiets zusammengehalten, spielt dort aber zwischen allen europäischen Geschwadern die Hauptrolle ihrer Stärke wegen und wird nach dem Friedensschluß noch in größerm Maßstab als bisher ausgebaut werden. Die Türkei, Brasilien, Chile, Argentinien, Griechenland und Norwegen haben nur geringe maritime Bedeutung.

Stand der Kriegsmarinen der wichtigsten Seemächte.

(Hierzu Textbeilage: »Übersicht der Kriegsschiffe der wichtigsten Seemächte etc.«, Tabelle I-VI.)

Die Gesichtspunkte für den zukünftigen Ausbau der Kriegsmarinen weichen bei den größern Seemächten, außer in Frankreich, nur wenig voneinander ab. In England ist man der Ansicht, nur die englische Flotte diene defensiven Zwecken, so sehr sie auch anwachse, aber alle Flotten andrer Seemächte hätten aggressiven Charakter; England müsse imstande sein, auch nach einem verlustreichen Kriege gegen einen Bund von zwei großen Seemächten immer noch eine dritte und nötigenfalls auch vierte große Seemacht im Schach zu halten. Im J. 1904 waren in England im Bau: 8 Linienschiffe, 13 Panzerkreuzer, 1 großer, 12 kleine Kreuzer, 23 Torpedobootszerstörer, 11 Unterseeboote, 1 Flußkanonenboot und 1 Admiralitätsjacht. Im Jahre vorher wurden fertiggestellt: 6 Linienschiffe, 9 Panzerkreuzer, 1 großer, 2 kleine Kreuzer, 11 Torpedobootszerstörer, 8 Torpedoboote, 3 Unterseeboote und 1 Werkstattschiff. Über die Bautätigkeit im J. 1905 vergleiche Textbeilage. In der King Edward-Klasse hat England die größten überhaupt vorhandenen Linienschiffe geschaffen; die Neubauten der Dreadnought-Klasse sollen noch bedeutend größer werden. Der in den letzten Jahren in England sehr emsig betriebene Bau großer, schneller Panzerkreuzer läßt erkennen, daß England in allen Meeren im Kriege die strategische Offensive zu ergreifen beabsichtigt; allerdings hat der Umstand, daß in Frankreich bereits viele ähnliche Panzerkreuzer für den Kreuzerkrieg gebaut sind, beim Ausbau der englischen Panzerkreuzer stark mitgewirkt. Diese Panzerkreuzer erhalten neuerdings eine besonders starke Mittelartillerie (19 cm). Mit Rücksicht auf den Massenbau von Unterseeboten in Frankreich hat man auch in England kostspielige Versuche mit dieser Waffe gemacht, dabei aber bisher nur gefunden, daß sie zwar für Küsten- und Hafenverteidigung gewissen Wert haben, als Angriffswaffe aber noch nicht geeignet sind. In groß angelegten Flottenmanövern zeigt die englische M. alljährlich Fortschritte in taktischer und strategischer Hinsicht, und auch die Schießausbildung der Geschützführer wird als mustergültig gerühmt; durch strenge Beförderungs- und Verabschiedungsbestimmungen wird die für die Leistungsfähigkeit einer Flotte nötige Verjüngung in den Führerstellen in höherm Maße durchgeführt als bei allen andern Marinen. Durch Vermehrung der Reserven ist auch der frühere Mangel an Mannschaften für den Kriegsfall völlig beseitigt; die englische M. hat eine Stärke und Leistungsfähigkeit wie nie zuvor erreicht.

Frankreichs immerhin noch stattliche Seemacht ist in ständigem Rückgang begriffen; das zeigt sich schon darin, daß die Besatzungsstärken der heimischen Geschwader und auch Einzelübungen der Schiffe sowie Flottenmanöver eingeschränkt werden, um zu sparen. Außerdem fehlt die Stetigkeit in der Entwickelung, weil jeder neue Marineminister ein neues Bauprogramm aufstellt. Linienschiffsbauten werden verschleppt, Kreuzer- und Unterseebootsbauten gefördert; die vielen überseeischen Flottenstützpunkte werden nur allmählich befestigt und ausgebaut. Im Bau schneller Panzerkreuzer und mehr oder minder brauchbarer Unterseeboote ist Frankreich zwar allen andern Marinen weit voraus, aber die französische Schlachtflotte kann längst nicht mehr daran denken, mit der englischen um die Seeherrschaft zu ringen, würde sich deshalb in einem Kriege mit England auf den Kreuzerkrieg und die Küstenverteidigung beschränken müssen. Erst in jüngster Zeit versucht der Marineminister Thomson die Fehler seiner Vorgänger durch schnellern Ausbau der Linienschiffsflotte wieder gutzumachen.

Als drittstärkste Seemacht ist die M, der Vereinigten Staaten zu betrachten, die mit großen Mitteln und rastlosem Eifer sehr schnell und zielbewußt verstärkt wird; man will ein mächtiges Werkzeug schaffen, die mit Glück begonnene überseeische Eroberungspolitik weiterführen zu können. Schwierig ist bei der schnellen Flottenvergrößerung der Ersatz brauchbaren Personals, namentlich die Vermehrung des Seeoffizierkorps. Zur Verjüngung der Offiziere in höhern Befehlshaberstellen sollen Altersgrenzen (55 Jahre für Flaggoffiziere und 50 Jahre für Kapitäne zur See) eingeführt werden. Neben dem Marinesekretär soll ein Admiralstab (ungefähr nach deutschem Muster) eingeführt werden. Von dem angeworbenen Marinepersonal sind 1903: 12,5 Proz. fahnenflüchtig geworden. Für den Schiffbau ist noch die geringe Leistungsfähigkeit der staatlichen Geschütz- und Panzerplattenfabriken störend gewesen. Im Bau waren 1904 insgesamt 13 Linienschiffe, 11 Panzerkreuzer, 4 kleine Kreuzer und eine Anzahl Unterseeboote zu Versuchen. In den Linienschiffsarten sind sehr auffällige Verschiedenheiten, die davon zeugen, daß die Marineleitung nicht einheitlich und stetig ist.

Die russische M. war auf den Krieg mit Japan schlecht vorbereitet; wenn die russisch-asiatische Flotte 1904 der japanischen gewachsen gewesen wäre, hätte Japan den Krieg überhaupt nicht beginnen können, da ohne die Seeherrschaft die japanische Landung auf Korea unmöglich gewesen wäre. Für Rußland (wie schließlich auch für die Türkei) war es besonders verhängnisvoll, daß die sehr kriegstüchtige Schwarze Meer-Flotte nicht durch die Dardanellen laufen darf. Der Ausbau der zum Teil sehr großen neuen Linienschiffe wurde durch den Kriegszustand verzögert; die russische M. verlor im Kriege 14 Linienschiffe (davon 12 gesunken), 3 Küstenpanzerschiffe, 2 Panzerkanonenboote, 5 Panzerkreuzer, 2 große, 11 kleine Kreuzer, 30 Torpedobootszerstörer und 2 Minenschiffe.

Japans M. hat sich im Kriege vorzüglich bewährt. Die Verluste im Kriege waren: 2 Linienschiffe (durch Minen zerstört), 2 Küstenpanzerschiffe, 3 kleine Kreuzer, 3 Kanonenboote und 5 Torpedoboote. Zwei sehr große (16,663 Ton.) Linienschiffe sind zurzeit für sie in England im Bau, ein drittes von 19,000 Ton. soll in Japan gebaut werden.

Der Ausbau der italienischen Flotte geht langsam voran; 1904 waren 5 Linienschiffe, 1 Panzerkreuzer, 2 kleine Kreuzer, 14 Torpedoboote und 5 Unterseeboote im Bau. Österreich-Ungarn entwickelt inzwischen seine M. lebhafter als früher und baut in letzter Zeit auch große Linienschiffe und Panzerkreuzer.

Die deutsche M. entwickelt sich stetig innerhalb der Grenzen des Flottengesetzes; im Bau und in der Ausrüstung waren 1904: 7 Linienschiffe, 3 große Kreuzer, 3 kleine Kreuzer. Neubauten für 1905 siehe Textbeilage. – Weiteres über die Organisation der Kriegsflotten der einzelnen Staaten s. die betreffenden Länderartikel (z. B. Deutschland, S. 795; Großbritannien, S. 378), Artikel »Panzerschiffe«, »Kreuzer« u. a.

Zur Textbeilage »Übersicht der Kriegsschiffe der wichtigsten Seemächte etc.«

In Tabelle I und II: Linienschiffe und Panzerkreuzer der Seemächte Mitte 1905, sind alle fertigen und im Bau begriffenen Linienschiffe und Panzerkreuzer einzeln aufgeführt, dabei auch zur nähern Beurteilung ihres Gefechtswertes alle erforderlichen Angaben gemacht über das Alter (Jahr des Stapellaufs), die Größe, die Schnelligkeit, die Bewaffnung, die Stärke des Panzerschutzes, die Besatzungszahl und die Dampfstrecke. Diese Übersichten bilden somit vollständige Flottenlisten für die acht großen Seemächte für deren wichtigste Schiffsgattungen. Für Schiffe gleicher Bauart sind alle Angaben nur einmal gemacht, woraus man unmittelbar den Grad der Einheitlichkeit in der Entwickelung dieser Schiffstypen oder auch das Hin- und Herschwanken in den Eigenschaften der Schiffsarten erkennen kann. Englands 62 Linienschiffe gehören nur 17 verschiedenen Typen an, Frankreichs 34 dagegen 18 verschiedenen Typen, woraus die geringe Stetigkeit in der Entwickelung der französischen Linienschiffsform ersichtlich ist, die aber noch deutlicher wird, wenn man die große Veränderlichkeit der einzelnen Eigenschaften (z. B. Schiffsgröße) betrachtet. Da bei allen fremden Marinen nur Linienschiffe von höchstens 25 Jahren Alter aufgeführt sind, d.h. solche, die später als 1880 vom Stapel gelaufen sind, sind die veralteten deutschen Ausfallkorvetten der Sachsenklasse nicht mitgerechnet, trotzdem sie noch, auf den amtlichen Listen geführt werden, daher auch in der Übersicht stehen. Als »im Bau« sind alle Schiffe gezählt, die Mitte 1905 noch nicht Probefahrten gemacht hatten.

Tabelle III: Marinemannschaften der Seemächte Mitte 1905, zeigt, daß der Mannschaftsbestand der englischen Flotte fast so stark ist wie der der französischen, nordamerikanischen und deutschen zusammen.

Tabelle IV: Seestreitkräfte der Seemächte Mitte 1905, gibt lediglich die kriegsbrauchbaren Schiffe der Seemächte an und läßt in den fettgedruckten Zahlen die fieberhafte Bautätigkeit einzelner Seemächte erkennen; insbesondere die Vereinigten Staaten machen gewaltige Anstrengungen, ihre lange vernachlässigte Linienschiffsflotte schnell zu stärken. Der Panzerkreuzerbau in England ist auffällig groß, größer als je in frühern Jahren, während der Linienschiffbau augenblicklich in England etwas flauer ist, weil England im letzten Jahrzehnt übermäßig viele (39) Linienschiffe gebaut hat.

Tabelle V: Seestreitkräfte der kleinern Seestaaten Mitte 1905, zeigt, daß bei der Zusammensetzung des Schiffsmaterials der kleinern Seemächte sehr große Mannigfaltigkeit herrscht, die mehr und minder den Bedürfnissen der Küstenverteidigung der betreffenden Länder entsprechen; besonders Schweden, die Niederlande und Dänemark sind mit neuen tüchtigen Küstenpanzerschiffen gut versehen. Spaniens Seemacht hat auffällige Rückschritte in den letzten Jahrzehnten gemacht. Unter den exotischen Republiken streben Brasilien, Argentinien und Chile emsig nach Seegeltung.

Tabelle VI: Marineausgaben der wichtigsten Seemächte, läßt erkennen, daß Deutschland in der Zunahme der Gesamtausgaben für die Landesverteidigung verhältnismäßig weit hinter England, den Vereinigten Staaten und Rußland zurücksteht, daher zweifellos imstande ist, seine Rüstungen zum Schutze seiner Seegeltung noch zu beschleunigen; denn verschiedene fremdländische Seerüstungen sind unmittelbare Bedrohungen der deutschen Seeinteressen.


[Literatur zur Kriegsmarine.] Kronenfels, Die M., eine gemeinfaßliche Darstellung des gesamten Seewesens (3. Aufl. des Brommy-Littrowschen Werks, Wien 1878); B. v. Werner, Die Kampfmittel zur See (Leipz. 1892); »Die Heere und Flotten der Gegenwart« (Sammelwerk, Berl. 1896 ff.; Bd. 1: Deutschland, Flotte von Aschenborn; Bd. 2: England, Flotte von Stenzel; Bd. 3: Rußland, Flotte von Batsch; Bd. 4: Österreich-Ungarn, Flotte von v. Jedina; Bd. 5: Frankreich, Flotte von Batsch und Meuß; Bd. 6: Italien, Flotte von Paschen); Chabaud-Arnault, Histoire des flottes militaires (Par. 1889); Wilmot, Our fleet to-day; its development during the last half-century (Lond. 1900); Loir und Caqueray, La M. et le progrès (Par. 1901; deutsch von A. v. L., Berl. 1902); Margutti, Die Meeresbeherrschung in ihrer Rückwirkung auf die Landoperationen des großen Krieges (Wien 1900); Ratzel, Das Meer als Quelle der Völkergröße (Münch. 1900); Réveillère, La conquête de l'Océan (Par. – Nancy 1894); Foß, Marinekunde (Stuttg. 1901); Colomb, Essays on naval defence (3. Aufl., Lond. 1899) und Naval warfare (3. Aufl., das. 1899); Fournier, La flotte nécessaire (Par. – Nancy 1896); Lockroy, La défense navale (Par. 1899); Chasseloup-Laubat, Note sur l'évolution de la construction des navires de combat (das. 1900) und Les marines de guerre modernes (das. 1903); Clarke, Coast defence in relation to war (Lond. 1901); Edelsheim, Operationen über See (Berl. 1901); Bertin, Les marines de guerre à l'exposition universelle de 1900 (Par. 1902); v. Labrés, Politik und Seekrieg (Berl. 1903); Foß, Der Seekrieg (das. 1904).

Jahrbücher und Flottenlisten: Almanach der k. und k. Kriegsmarine (26. Jahrg., Pola 1906); Weyer, Taschenbuch der Kriegsflotten (7. Jahrg., Münch. 1906); »Nauticus, Jahrbuch für Deutschlands Seeinteressen« (8. Jahrg., Berl. 1906); de Balincourt, Les flottes de combat en 1905 (Par. – Nancy 1905); Valentino (Durassier), Aide-mémoire de l'officier de marine (16. Jahrg., Par. 1905); Brassey, The naval Annual (21. Jahrg., Portsmouth 1906); Laird Clowes, The naval pocket-book (11. Jahrg., Lond. 1906); Jane, All the World's fighting ships (9. Jahrg., das. 1906). Zeitschriften: »Marine-Rundschau« (17. Jahrg., Berl. 1906); »Mitteilungen aus dem Gebiete des Seewesens« (34. Jahrg., Pola 1906); »Army and Navy-Gazette«, »The Kings Navy and Army« (beide Lond.); »Revue maritime et coloniale«, »Moniteur de la Flotte« und »La M. Française« (Par.); »Army and Navy Journal« (New York); »Morskoi Sbornik« (St. Petersb.); »Tidskrift i Sjöväsendet« (Karlskrona); »Rivista marittima« (Rom); »Revista general de marina« (Madr.); »Revista maritima brazileira« (Rio de Janeiro); »Marineblad« (Helder).

II. Handelsmarine.

Die Handelsmarinen oder Seehandelsflotten der Seestaaten haben im letzten Menschenalter eine dem gesteigerten Seeverkehr entsprechende Entwickelung durchgemacht. Die Welthandelsflotte (Summe der Handelsmarinen aller Seestaaten) ist in ihrem Gesamtraumgehalt von 1870–1900 von 17,7 Mill. auf 22 Mill. Reg.-Ton. gewachsen. Dabei hat sich der Dampfertonnenraum von 1870–1890 von Jahrzehnt zu Jahrzehnt fast verdoppelt und ist auch von 1890–1900 noch ebenso stark gestiegen wie im Jahrzehnt vorher. Die Transportleistungsfähigkeit der Handelsflotte hat sich von 1870 auf 1900 nahezu verdreifacht, trotzdem in dieser Zeit der Tonnenraum der Seglerflotte von 15 Mill. auf 8 Mill. Reg.-Ton. zurückgegangen ist. Indessen haben sich die Handelsmarinen der verschiedenen Seestaaten in dieser Zeit sehr verschiedenartig entwickelt. Die Leistungsfähigkeit der englischen Handelsflotte hat sich seit 1870 etwa vervierfacht, die der deutschen sogar versiebenfacht. Norwegens Handelsflotte, die bis zum letzten Jahrzehnt fast nur aus Segelschiffen bestand, hat sich in der Leistungsfähigkeit nur verdreifacht. Frankreichs Handelsflotte hat durch den Ausbau seiner Dampferflotte trotz sehr starken Rückgangs der Seglerflotte seine Leistungsfähigkeit vervierfacht; die Vereinigten Staaten haben infolge Rückgangs ihrer 1870 noch bedeutenden Seglerflotte und nur schwachen Entwickelung der Dampferflotte seit 1870 keine Mehrung der Leistungsfähigkeit ihrer Handelsflotte zu verzeichnen. Ebenfalls etwa verdreifacht hat sich in der gleichen Zeit die Leistungsfähigkeit der dänischen und schwedischen Handelsflotte, knapp verdoppelt die der holländischen und österreichisch-ungarischen; geringere Fortschritte haben die italienische, spanische und andre Handelsmarinen gemacht. Nach Stärke und Leistungsfähigkeit ihrer Handelsmarinen beträgt der Anteil am Seehandel der englischen Flagge etwa 50 Proz.; der deutschen 10 Proz.; der amerikanischen, französischen und norwegischen je etwa 4 Proz.; der italienischen, spanischen und russischen je etwa 3 Proz.; der japanischen, holländischen, schwedischen, österreichisch-ungarischen und dänischen je etwa 2 Proz.; der griechischen 1 Proz.; der belgischen, brasilischen und türkischen Flagge je etwa 0,5 Proz.

Englands Übergewicht im Seefrachtgeschäft, seine große Handelsmarine, die noch heute so groß wie sämtliche andern Handelsmarinen der Erde zusammengenommen, hat es dem Umstand zu danken, daß die englische Kriegsflotte seit Niederkämpfung der holländischen M. zur Zeit de Ruiters die Seeherrschaft auf allen Meeren sich zu erhalten wußte; nur dadurch war es möglich, daß die die englische Handelsmarine einseitig stark begünstigenden Navigationsakte von 1651 und 1660 fast zwei Jahrhunderte lang unangefochten bleiben konnten. Erst 1849 wut de dieses Schiffahrtsgesetz von den Freihändlern unter Cobden zur Aufhebung gebracht; aber trotzdem verstand man in England, die heimische Schiffahrt und den heimischen Schiffbau mit Hilfe der Bestimmungen der englischen Klassifikationsgesellschaft Lloyds auch ferner zu begünstigen, indem man den englischen Schiffen niedrigere Versicherungssätze für Schiffskörper und Ladung sicherte; man begünstigte, um die ausgezeichneten amerikanischen Holzschiffe zu verdrängen, den Eisenschiffbau, der in England viele Jahrzehnte früher blühte als in andern Seestaaten; Lloyds gab grundsätzlich den im Auslande gebauten Schiffen nur niedrigere Klasse (d. h. Aussicht auf kürzere Lebensdauer).

Um die eignen Handelsmarinen im Wettbewerb mit der englischen zu stärken, wurden von verschiedenen Seestaaten verschiedene Mittel angewendet. Über Dampfersubventionen vgl. Dampfschiffahrt, S. 468. In vielen Seestaaten wird der Bau von Schiffen begünstigt, indem man das für sie verwendete ausländische Material zollfrei läßt. In Italien und Frankreich werden besondere Staatsprämien für im Lande gebaute Schiffe gezahlt. Seit 1893 ist die Prämie für den Bau und die Unterhaltung von Segelschiffen in großer Fahrt so groß, daß diese Schiffe noch Gewinn erzielen, wenn sie ohne Fracht fahren. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist man in der letzten Zeit besonders bemüht, die seit dem Niedergang des Holzschiffbaues stark zurückgegangene Handelsmarine durch allerlei Begünstigungen schnell zu heben; in Amerika gebaute Schiffe sollen nicht nur eine erhöhte Bauprämie, sondern auch eine Fahrprämie für überseeische Fahrten erhalten. Japan hat es verstanden, durch außerordentliche und feste Staatsbeihilfen sowie durch freigiebige Prämiengesetze den Tonnengehalt seiner Handelsmarine in wenigen Jahrzehnten zu verdoppeln; ohne diese zur Dienstleistung im Kriege verpflichtete Handelsmarine wären die Eroberungskriege gegen China und Rußland nicht möglich gewesen.

Der Zuwachs der Handelsmarinen, die Schiffsneubauten, entstand im letzten Menschenalter zum größten Teil auf englischen Werften; um 1870 baute England 85 Proz. des Gesamtdampferbaues und dazu noch über 25 Proz. des Gesamtseglerbaues; dabei baute England damals durchschnittlich jährlich fast 1/3 Mill. Dampfertonnen und fast 1/4 Mill. Seglertonnen. Im folgenden Jahrzehnt lieferte England sogar 90 Proz. des Gesamtdampferbaues. Um die Jahrhundertwende wurden etwa zehnmal mehr Dampfertonnen als Seglertonnen gebaut. In den letzten Jahren hat England nur noch etwa 80 Proz. des Gesamtdampferbaues selbst gebaut, Deutschland und die Vereinigten Staaten sind mit je etwa 9 Proz. seine Wettbewerber geworden; Italien hat neuerdings etwa 2 Proz. des Gesamtdampferbaues geleistet. Mit der Entwickelung des Dampferbaues geht namentlich in England der Rückgang der Seglerflotte Hand in Hand. Der Bedarf der deutschen Handelsmarine an neuen Schiffen (Dampfern und Seglern) hat bisher knapp zur Hälfte auf deutschen Schiffsbauwerften gedeckt werden können, England muß jährlich noch viele Neubauten liefern. In Frankreich werden infolge der unnatürlichen Prämiengesetze etwa doppelt soviel Seglertonnen wie Dampfertonnen in einer Zeit gebaut, wo die Segelschiffahrt schnell auf allen Meeren von der Dampferfahrt verdrängt wird. In den Vereinigten Staaten hebt sich der Schiffneubau für eignen Bedarf in den letzten Jahren sehr schnell.

Der Seefrachtenmarkt von 1903 zeigte, daß die Dampfer auf wilder Fahrt nur schwer gegen die großen Dampferlinien sich zu halten vermögen; ferner daß die Segelschiffahrt infolge der Dampferkonkurrenz immer mehr zurückgeht. Der englische Schiffbau hält sich dem Auslande gegenüber konkurrenzfähig durch Verwendung billigen deutschen Rohstahls. Vom gesamten englischen Schiffneubau im J. 1903: 1,409,630 Reg.-Ton., kamen nur 4 Proz. auf Segelschiffbau, 96 Proz. auf Dampfer. Der große atlantische Morgan-Schiffahrtstrust hat bisher keine wesentlichen Erfolge errungen, trotz der Höhe seines Aktienkapitals von rund 154 Mill. Doll. Der Niedergang der französischen Handelsmarine geht daraus hervor, daß vom Schiffsverkehr im Außenhandel in französischen Häfen 1902 auf die Schiffe mit französischer Flagge nur 29 Proz., mit fremden Flaggen aber 71 Proz. fielen; im Verkehr zwischen Frankreich und dritten Ländern hat die deutsche Flagge die englische überholt.

Über Veränderung in Art und Größe der Handelsschiffe vgl. Schiff und Schiffahrt, über Besatzung vgl. Schiffsdienst. In der nachstehenden Übersicht des Wachstums der wichtigsten Handelsmarinen im letzten Jahrzehnt ist die Räumte (Raumgehalt) in Tausenden Netto-Registertonnen angegeben; bei Berechnung der Leistungsfähigkeit ist die Dampferräumte verdreifacht, weil Dampfer gleicher Nettogröße durchschnittlich mindestens dreimal mehr Güter verfrachten können als Segler, wegen des Zeitgewinns infolge Unabhängigkeit vom Winde. Die Übersicht gibt nach Bureau »Veritas« nur Dampfer von über 100 Reg.-Ton. und Segler von über 50 Reg.-Ton.

Vgl. über die Handelsmarine: Lindsay, History of merchant shipping and ancient commerce (Lond. 1874–76, 4 Bde.); Brassey, Mercantile marine and navigation from 1871 to 1894 (das. 1894); Peters, Die Entwickelung der deutschen Reederei seit Beginn des 19. Jahrhunderts (Jena 1899–1905, 2 Bde.); Speck, Welthandel und Seemacht (Leipz. 1900); Colin, La navigation commerciale an XIX. siécle (Par. 1901);

Tabelle

Fitger, Die wirtschaftliche und technische Entwickelung der Seeschiffahrt von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart (Bd. 103 der Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Leipz. 1902); die »Nauticus-Schriften« (s. d.); v. Halle, Volks- und Seewirtschaft (Berl. 1902, 2 Bde.); Schwarz und v. Halle, Die Schiffbauindustrie in Deutschland und im Auslande (das. 1902, 2 Tle.); Greve, Seeschiffahrts-Subventionen der Gegenwart (Hamb. 1903); Murken, Die Grundlagen der Seeschiffahrt (Berl. 1904); »Amtliche Liste der Schiffe der deutschen Kriegs- und Handelsmarine« (hrsg. im Reichsamte des Innern, das. 1905, erscheint jährlich) und ähnliche Listen in allen fremden Seestaaten; »Handbuch für die deutsche Handelsmarine auf das Jahr 1905« (hrsg. im Reichsamt des Innern, Berl., erscheint jährlich); »Deutsch-Nautischer Almanach« (Berl. 1905); »Lloyd's Calendar« (Lond. 1905). Zeitschriften: »Hansa, deutsche nautische Zeitschrift« (43. Jahrg., Hamb. 1906); »Seefahrt« (das.); »Schiffbau« (Berl.); »Meer und Küste« (Rostock u. Berl.); ausländische: »Nautical Magazine«, »Shipping Gazette«, »Engineer«, »Engineering« (sämtlich in London); »De Zee« (Amsterd.); »Rivista Nautica« (Turin); »Le Yacht« (Par.).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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