Cvrétes

CVRÉTES, um, Gr. Κουρῆτες, ων, ( Tab. XIV.)

1 §. Namen. Sie hießen anfänglich Abanten Hom. Il. Β. 542. und bekamen ihren Namen nach einigen, von κουρὰ, tonsura, weil sie anfangs die Haare wachsen ließen, wie sie wuchsen. Da sie aber dereinst in der Schlacht bey denselben von den Feinden ergriffen und gehalten wurden, so ließen sie sich vorn dieselben insgesamt abscheeren und nur hinten wachsen. Strubo L. X. p. 465. Nach andern sollen sie solchen von ihrer großen Sorgfalt führen, welche sie für ihre Haare und deren Frisirung getragen. Athen. Dipnos. L. XII. c. 6. p. 328. Verschiedene meynen, sie wären von dem Berge Kurios so genannt worden. Strabo l. c. Andere hingegen leiten ihn von κοῦρος für κόρος, Jüngling, der, entweder, weil sie selbst dergleichen waren; oder auch, weil sie den Jupiter, als er noch dergleichen war, hüten mußten. Strabo l. c. p. 468. Voss. Theol. gentil. lib. II. c. 53. Doch sind auch, welche sie von κόρη, Mägdchen, benannt wissen wollen, weil sie lange Kleider, wie die Mägdchen, getragen. Strabo l. c. p. 466. Allein, noch andere leiten solchen Namen lieber von dem Ebräischen her, und zwar entweder von karath, niedergestoßen geschlagen, weil sie, als tapfere Soldaten, viele Feinde niedergemacht und vertilget haben, Becmann. Orig. L. L. p. 386. oder auch von Caras, getanzet, weil sie ihre besondern Tänze in Waffen zu halten pflogen. Abel Hist. Monarch. lib. II. c. I. §. 24. Sonst werden sie auch Corybantes, Caberi oder Cabiri und Dactili Idæi und Telchines genannt, und mit denselben für einerley gehalten, wie wohl andere sie für ganz unterschieden ansehen. Spanh. ad Callim. Hymn. in Iovem v. 52. Man sehe von ihnen an ihrem Orte nach.

2 §. Herkommen. Insgemein werden nur ihrer drey als Jupiters Hüter angegeben. Proclus in Plat. L. V. c. 35. p. 322. welches auch durch einige Münzen erläutert wird. Spanh. l. c. v. 53. Nach einigen aber sind deren neun an der Zahl von den idäischen Daktylen entsprossen, Diod. Sic. L. V. c. 65. p. 230. Cf. Strabo lib. X. p. 465. & 472. sq. Andere wollen, daß sie von dem Apollo und der Nymphe, Rhytia, an der Zahl 52, gezeuget worden. Pherecydes ap. Serab. l. c. Noch andere geben zu ihren Aeltern den Vulcan und die Nymphe Kabera, des Proteus Tochter, an, Nat. Com. L. IX. c. 7. oder auch den Apollo und die Nymphe Danais. Semus in Reb. Deliac. ap. eumd. l. c. Einige machen sie zu Söhnen des Jupiters, Lact. Inst. lib. I. c. 11. §. 46. wie andere zu Söhnen der Erde, oder solchen Leuten, die unmittelbar aus dieser entsprungen sind. Diod. Sic. l. V. c. 65. p. 230. da sie denn von dem häufigen Regen erzeuget seyn sollen. Ovid. Metam. IV. 282. Wie sie unter andern aber dreyerley waren, nämlich die ätolischen Kureten, welche auch Akarnaner genannt wurden, die phrygischen und die kretischen; Voss. Theol. gentil. lib. II. c. 53. so ist kein Wunder, daß ihr Ursprung so verschieden angegeben wird, noch auch, daß einige zu ihrem eigentlichen Vaterlande bald Baktriana, bald Kolchis, bald Phrygien, bald Kreta, bald Chalcis, u.s.f. machen. Nat. Com. & Voss. ll. cc.

3 §. Wesen und Verrichtungen. Einige der Alten geben sie wirklich für Götter an; Hesiod. ap. Strab. lib. X. p. 471. andere aber für bloße Menschen, Heraclides ap. Nat. Com. lib. IX. c. 7. und zwar für phrygische Flötenspieler. Strab. l. c. p. 472. Nach andern sollen sie in den dichten Wäldern auf den Bergen, in den Höhlen der Thäler, oder sonst an solchen Orten gewohnet haben, wo die Natur selbst ihnen einigen Schutz wider Wetter und Sturm gegeben, weil die Häuser damals noch nicht erfunden gewesen. Weil sie nun vor andern kluge Leute gewesen, so sollen sie viele dem menschlichen Geschlechte nützliche Dinge erfunden haben, wodurch sie sich denn auch vor andern ihre Hochachtung zuzogen. Also wiesen sie, wie man vorgiebt, zuerst die Schafe in Heerden zusammen zu halten, auch das andere Vieh zahm zu machen, das Honig zu bauen, und wie sich die Menschen in Gesellschaften zusammen halten, und dabey ein ordentliches einträchtiges Leben führen sollten. Sie erfanden die Schwerter und Sturmhauben, zugleich aber auch die Art in den Waffen zu tanzen, wobey sie auf eine besondere Weise mit den Spießen wider ihre Schilde schlugen. Diod. Sic. lib. V. c. 65. p. 231. Dieser kriegerische Tanz hieß Pyrrhiche, Strabo l. c. p. 467. wiewohl solcher nur eine Art desselben gewesen zu seyn scheint, die erst in spätern Zeiten von einem Spartaner Pyrrhichus erfunden worden: der Kureten Tanzen aber eigentlich κουρητικὴ oder κορυβαντία hieß. Casaubon. ad h. l. Sie machten damit so ein Getöse, daß, als ihnen Rhea den kleinen Jupiter in Verwahrung gegeben, sie damit verursachten, daß Saturn dessen Weinen nicht hörete, und ihn also nicht finden und seiner Gewohnheit nach verschlingen konnte. Diod. Sic. l. c. Einige wollen, daß sie Rhea eben zu solchem Ende aus Phrygien nach Kreta kommen lassen, Voss. Theol. gent. lib. II. c. 53. worauf sie auch den Jupiter erzogen. Sallust. ap. I. act. Inst. lib. I. c. 21. §. 41. Andere geben dagegen vor, es hätte Juno solchen ihren Bruder nach Kreta gebracht, und daselbst der Adamantäa (Adrastea) anvertrauet, welcheihn denn mit seiner Wiege an einen Baum gehänget, damit er weder in dem Himmel, noch auf der Erde, noch im Meere gefunden werde, wobey sie eine Anzahl Knaben zusammen gerufen, solchen kleine eherne Schilde und Spieße gegeben, und sie damit um den Baum, an welchem die Wiege hieng, herum gehen und ein Getöse auf besagte Art machen heißen, welche Knaben denn Kureten genannt worden. Hygin. Fab. 139. Jedoch sollen solche, nach andern, auch mit ihrem Tanzen und Schwärmen dem jungen Jupiter nur zum Zeitvertreibe gedienet haben. Dionys. Halic. A. R. lib. VII. c. ult. p. 476. Allein noch andere machen sie zu Priestern der Titanen, großen Sterndeutern und Weltweisen, denen unter andern auch die Auferziehung der jungen Prinzen anvertrauet worden, die sie in der Sterndeuterey, Medicin, Religion und dem Kriegswesen unterrichtet. Banier Entret. V. ou P. I. p. 120. Deß. Erl. der Götterl. III B. 101 S. Wenigstens waren sie doch auch wirkliche Soldaten mit, die sich zuförderst in der Insel Chalcis um das lelantische Gefilde mit ihren Feinden herum schlugen, und als sie dabey eben auf obbemeldete Art bey den Haaren gefaßt wurden, solche hernachmals wegschneiden ließen, und daher den Namen der Kureten bekommen. Archemach. Eubolens. ap. Strab. loc. cit. p. 465. Als sie sich nun nach Aetolien gewendet, und selbige wieder wachsen lassen, so sollen sie von dem α privat. καρειν, scheeren, auch den Namen der Akarnanen, und Ungeschorenen bekommen haben. Voss. l. c. Immittelst werden sie für Priester der Cybele angegeben, die solcher Göttinn Dienst mit Tanzen und Springen, einem seltsamen Kopf, schütteln, Zusammeschlagung der Spieße und Schilde und dergleichen Unsinnigkeiten begangen, Lucretius lib. II. v. 629. Ovid. Fast. IV. v. 210. daher denn die Salii bey den Römern auch für einen Abfall derselben angesehen werden. Dionys. Hal. lib. II. c. 8. p. 130. Andere geben sie für Diener der Hekate aus. Strabo l. c. p. 472. So gute Dienste sie aber sonst dem Jupiter gethan, so soll sie dieser doch endlich hingerichtet haben, als sie auf der Juno Anstiften den jungen Epaphus verstecket gehabt; Apollod. lib. II. c. 1. §. 3. Dagegen melden andere, daß sie endlich den Jupiter selbst nach dessen Tode begraben und die Ueberschrift


ΖΑΝΚΡΟΝΟΥ


d.i. Jupiter Saturni auf dessen Grabmaal gesetzet. Ennius ap. Lact. Inst. lib. I. c. 21. §. 46.

4 §. Verehrung. So fern sie selbst für Götter gehalten wurden, hatten sie ihren besondern Tempel zu Messene, in welchem ihnen alle Arten der Thiere konnten geopfert werden, und, wie von den Rindern und Ziegen der Anfang gemacht wurde, also wurden ihre Opfer insgemein mit Vögeln beschlossen, als welche letztens auch in das Opferfeuer geworfen wurden. Pausan. Messen. c. 31. p. 358.

5 §. Eigentliche Historie. Sie sollen eigentlich Leute in Kreta, und zwar aus königlichem Geblüte gewesen seyn, und zu dem Geschlechte der Titanen gehöret haben. Pezron Antiqu. de la langue des Celtes p. 106. Wenigstens hält man sie für Priester der Titanen, sonst aber für das, was die Druiden bey den Galliern, und die Magi bey den Persern waren. Banier Entret. V. ou P. I. p. 120. Deß. Erl. der Götterl. III B. 101. S. Ob sie aber aus Palästina nach Kreta gekommen, und eigentlich Abkömmlinge der Enakim gewesen, wie wohl einige für gewiß annehmen wollen, Abel Histor. Monarch. lib. II. c. 1. §. 24. läßt man dahin gestellet seyn.

6 §. Anderweitige Deutung. Sie sollen nach einigen so viel als die Winde seyn, Orpheus Hymn. XXXVII. v. 3. welche der Rhea, das ist, der Erde zu dienen zugegeben worden, weil diese ohne Beyhülfe der Winde kein Gewächs hervor bringen kann. Nat. Com. lib. IX. cap. 7.


http://www.zeno.org/Hederich-1770.

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