Anna Perenna

ANNA PERENNA, æ, ( Tab. XVIII.)

1 §. Namen. Einige leiten den Namen dieser Göttinn von Amnis her, weil sie endlich zu einer Nymphe des Flusses Numicus geworden; Ovid. Fastor. III. v. 653. oder auch von Anus, eine alte Frau, weil sie eigentlich dergleichen gewesen; Id. ib. v. 669. andere aber wollen sie von Annus, das Jahr, benannt wissen, weil sie dasselbe glücklich zurück zu legen behülflich seyn soll, so daß auch der Beynamen Perenna mit dahin gehe, und also von Perennus herkomme. Voss. Etymol. in Annus. Dafern aber solche Anna eine Phönicierinn gewesen, so wollen noch andere den Namen aus dem Ebräischen herleiten, als in welchem er so viel als gratiosa heißt, und sonst auch selbst in der Bibel nicht unbekannt ist. Kipping. Antiqu. Rom. l. I. c. 4.

2 §. Aeltern und Herkommen. Nach dem gemeinsten Vorgeben war sie eine Schwester der Dido, Virg. Aen. IV. v. 9. und also eine Tochter des Agenors, Königes in Phönicien, und Enkelinn des Belus, Königes in Aegypten. Silius Ital. lib. I. v. 86. & Bongars. ad Iustin. lib. XVIII. c. 4. Allein, andere halten sie auch für die Themis, Ovid. Fastor. III. v. 658. und also für des Cölus und der Erde Tochter; Apollod. lib. I. c. 1. §. 2 die dritten für die Io, des Inachus Tochter; Ovid. l. c. die vierten für eine von des Atlas Töchtern, die zugleich des Jupiters Amme gewesen, Id. ib. v. 659. & ad eum Ant. Volseus l. c. und die fünften für eine gemeine Frau von Bovillis, deren Aeltern allerdings unbekannt sind. Ovid. l. c. & ad ipsum Pontanus itemque Neapol. l. c.

3 §. Leben und Schicksale. So fern sie der Dido Schwester gewesen seyn soll, mußte sie sich mit der Flucht von Karthago retten, nachdem Dido sich selbst umgebracht und Hiarbas sich der Stadt bemächtiget hatte. Ib. v. 665. sqq. Sie gieng daher zuerst nach dem jetzigen Malta, zu dem damaligen Könige Battus, und wurde auch gar gütig von ihm aufgenommen. Weil ihn aber ihr Bruder, Pygmalion, ihrentwegen mit Kriege überziehen wollte, und solcher ihm keinesweges gewachsen war, so mußte sie weiter fort, und kam endlich nach ausgestandenem schweren Sturme, in Italien, doch so, daß ihr Schiff zu Grunde gieng, als sie kaum ausgestiegen waren. Es fügete sich aber, daß sie in der Gegend anländete, wo Aeneas bereits König war, und solcher eben mit dem Achates an dem Ufer spatzieren gieng, da er denn seinen Augen nicht trauete, als er sie vor sich sah. Jedoch, als Achates ausrief, daß sie es sey, so wußte er auch in Erinnerung an ihre Schwester nicht, was er thun sollte. Jedoch fassete er sich endlich wieder, und nahm sie, nach einigen Entschuldigungen wegen seiner Flucht von Karthago, mit sich nach seiner Wohnung, und empfahl sie seiner Gemahlinn, der Lavinia, bester Maßen. Weil aber diese endlich in eine heftige Eifersucht gegen sie gerieth, und daher so gar auf die Gedanken kam, sich ihrer auf hinterlistige Art zu entledigen, so erschien der Anna ihre verstorbene Schwester Dido im Schlafe und ermahnete sie, sich eiligst von dannen zu machen. Sie sprang auch also fort auf, und zwar so gar zum Fenster ihres Zimmers hinaus. Indem sie aber in der Finsterniß herum irrete, fiel sie in den Fluß Numicus, und kam also um ihr Leben. Als darauf Aeneas sie vermissete, so ließ er sie allenthalben suchen. Indem er aber endlich ihre Spuren an besagtem Flusse gewahr wurde, so blieb der Fluß stille stehen, und man hörete eine Stimme, die sich vernehmen ließ:


– – Placidi sum Nympha Numici,

Amne perenne latens Anna Perenna vocor.


Ovid. Fastor. III. v. 543–656. Immittelst wollen auch einige, daß sie nichts mehr, als eine arme alte Frau von Bovillis gewesen, welche dem römischen Volke, als es sich mit dem Rathe entzweyet, und sich daher auf den heiligen Berg geflüchtet, nach ihrem Vermögen warme Kuchen zugeschleppet, und, da es sonst an Proviante mangeln wollen, dem Volke damit einen guten und angenehmen Dienst gethan hatte. Ovid. l. c. v. 663. sqq.

4 §. Verehrung. Wie das Volk wollte, daß besagter alten Frau eine beständige Ehre für ihre Wohlthat sollte erwiesen werden: so war solches hingegen dem Rathe in so fern höchst zuwider, als es ihm zur Erinnerung dienete, was das Volk dabey gegen ihn erhalten hatte. Weil er aber dennoch demselben nicht öffentlich entgegen seyn durfte, so kartete er es so, daß zu Anfange des März der Anna Fest sollte gefeyert werden, welches das Volk für ein Fest zu Ehren der besagten Frau ansah, der Rath aber für eines hielt, woran man bath, ut annare & perennare daretur, oder daß man solches Jahr glücklich hinbringen, und noch mehr demselben beyfügen möchte, daß also eine andere Absicht der Rath, eine andere das Volk hatte. Voss. Theol. Gentil. lib. I. cap. 12. Indessen wurde solches Fest beständig den 15 März gefeyert; und zwar zog das gemeine Volk an selbigem Tage über die Tiber auf das Marsfeld, legete sich da theils bloß auf das grüne Gras nieder, theils schlug es Gezelte auf, theils machete es sich Hütten von Baumästen und Reisern, theils auch nur von Rohre, die es mit seinen Röcken oben zudeckete, Weil es auch seine Weiber dabey hatte, so zechete es nicht allein nach Vermögen, und trank einander insonderheit bald des Nestors, bald der Sibylla, oder doch sonst eine große Anzahl Jahre zu; sondern sang auch allerhand lustige Lieder, tanzete, und machete sich auf alle Art und Weise lustig, bis es endlich taumelnd und voll wieder in die Stadt zurück zog, so, daß wohl eher ein alter voller Mann eine alte volle Frau, oder diese wieder jenen einher schleppete. Ovid. Fast. III. v. 523. Conf. Macrob. Saturn. lib. I. c. 12. Wenn aber bey solchem Feste die jungen Mägdchen insonderheit allerhand Zotenliederchen fangen, so hatten sie ihre Absicht selbst auf den Mars, weil solcher besagter Anna, als sie unter die Götter versetzet gewesen, angelegen, ihm die Minerva feyern zu helfen, welches sie ihm denn versprochen, ihn aber auch lange Zeit mit leeren Worten aufgehalten. Endlich habe sie die Einwilligung der Minerva gebracht; und da er alles zum Beylager fertig gemachet, so habe sich die Anna selbst an der Minerva Stelle verdeckter Weise zu Bette bringen lassen, und, da Mars denn mit ihr freundlich thun wollen, so habe er die alte Frau vor sich gefunden, worüber sich denn insonderheit Minerva und Venus ungemein zu kützeln, und den guten Mars herum zu nehmen gewußt, daher solche Kurzweile auch bey diesem Feste wieder mit rege gemachet wurde. Ovid. ibid. v. 675–695. Conf. Struv. Synt. Ant. Rom. c. 1. pag. 178. & c. 9. p. 434. Rosin. Ant. Rom. lib. IV. c. 7.


http://www.zeno.org/Hederich-1770.

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