Arethvsa

ARETH ÉSA, æ, Gr. Ἀρέθουσα, ης, ( Tab. IV.)

1 §. Namen. Dieser soll von ἀρετίσα herkommen, und so viel als Adel der Gleichheit heißen; Fulgent. Mythol. lib. III. c. vlt. allein, da solches auf keine Weise mit der Grammatik bestehen will, so wollen andere dafür lesen ἀρετῆ ἴσα, Tugendgleich. Muncker. adl. c. Allein, weil daraus dennoch nicht füglich ἀρέθουσα werden will, so scheint es von einem alten verlorenen Zeitworte, ἀρέθω, herzukommen, dessen Participium so dann ἀρέθουσα ist; oder will man solchen von Ἄρης, oder ἄρις, ein Köcher, und θέω, für τίθημι, ich lege, herleiten, so dürfte Virgil ein Absehen darauf gehabt haben, wenn er solche Nymphe velocem positis Arethusam. sagittis, Georg. lib. IV. v. 344. nennet. Allein, einige glauben auch, daß solcher Namen von dem phönicischen Worte Arith, ein Bach, herkomme, Banier Entret. III. ou P. I. p. 63. welches so gar unwahrscheinlich nicht ist, zumal da solcher Brunn gleich einen starken Bach machet, mit dem er in das Meer geht. Strabo lib. VI. p. 270.

2 §. Aeltern. Es werben zwar Nereus und Doris für Aeltern einer Nymphe angegeben, die Arethusa geheißen, Hygin. Præf. p. 7. jedoch ist es so klar eben nicht, daß solches auch diese Arethusa hier sey. Indessen, da sie doch andere mit unter die Nymphen setzen, welche unzweifelhaft deren Töchter gewesen, Virgil. Georg. lib. IV. v. 344. so wird man sie vermuthlich auch für eine derselben mit ansehen können.

3 §. Stand und Schicksal. Sie war also eine Nymphe oder Wassergöttinn, hatte aber doch ihr größtes Vergnügen an der Jagd, daher sie auch insgemein eine Gefährtinn der Diana mit abgab. Als sie aber dereinst von dergleichen Arbeit aus dem stymphalischen Walde kam, und sich ungemein erhitzet hatte, so ließ sie sich belieben, ihre Kleider von sich zu legen, und sich in dem hellen Wasser des Alpheus zu baden. Indem sie nun damit beschäfftiget war, so vernahm sie unter dem Wasser ein Gemurmel: und, als sie sich dem Ufer näherte, so rief ihr Alpheus zu, sie möchte doch vor ihm nicht fliehen. Allein, sie that solches um so viel mehr, und zwar ganz ohne Kleider, welche an dem andern Ufer lagen. Indessen verfolgete sie Alpheus und zwar so lange, bis sie die Städte Orchemenon und Psophis, ingleichen die Berge Cyllene und Mänalus vorbey nach Elis kamen. Hier wurde sie endlich müde, und rief die Diana um Hülfe, welche sie denn auch so fort mit einer Wolke bedeckete, daß sie Alpheus nicht mehr sehen konnte. Gleichwohl hielt er solche Wolke doch noch besetzet; und da sie endlich durch der Diana Vermittelung in Wasser zerfloß, so verwandelte er sich auch wieder in seinen Strom, um sich also mit ihr zu vereinbaren. Diana aber eröffnete die Erde, daß sie in selbige hinabfloß, und erst in der Insel Ortygia als ein schöner Brunnen wieder hervor kam. Ovid. Metam. V. v. 572–641. Auf solchem ihrem Wege sah sie die entführte Proserpina, und entdeckete solches der Ceres, Id. ib. v. 487. wurde aber dabey doch also von dem Alpheus verfolget, daß er sein Wasser dennoch mit dem ihrigen auch erst in Sicilien vereinigte. Serv. ad Virg. Aen. III. v. 694.

4 §. Verehrung. Wenn die zu Aegium in Achaja der Wohlfahrt ihr feyerliches Opfer brachten, so nahmen sie von dieser Göttinn Altare einige Opferkuchen, warfen sie in das Meer, und riefen dabey, sie möchte dieselben der Arethusa nach Sicilien senden, wodurch denn solche eine Art des Gottesdienstes genoß. Pausan. Achaic. c. 24.

5 §. Wahre Beschaffenheit. Arethusa ist wirklich ein schöner Brunn auf der Insel Ortygia, die ehemals durch eine Brücke mit Syrakus zusammen hieng. Er lag am äußersten Ende derselben, hatte sein süßes Wasser, und war sehr groß und voller Fische. Cic. in Verr. Orat. IV. c. 53. Andere rühmen dessen ungemein helles und kaltes Wasser. Senec. Consol. ad Marc. c. 17. Indessen mußte er doch mit guten Schutzwehren versehen werden, damit er nicht von dem Meere ersäuft, oder überschwemmet würde. Cic. l. c. Hiernächst hatte er die sonderbare Eigenschaft, daß, wenn die olympischen Spiele in Elis an dem Alpheus gehalten wurden, er solche Zeit über nach Pferdemiste roch, auch selbst, weil man in dem Alpheus die Pferde zu schwemmen pflegete, den Mist von ihm austrieb. Ja, als man eines Males eine silberne Schaale in solchen Fluß geworfen, so soll dieselbe in dem Arethusa wieder empor gekommen seyn. Hieraus wollte man denn schließen, daß solcher Strom entweder seinen Lauf in dem Meere hinnehme, oder vielmehr unter demselben hinweg in der Erde seine Gänge habe, und in besagter Insel wieder empor komme. Serv. ad Virgil. Aen. III. v. 694. & ad Eclog. X. v. 4. Mela lib. II. c. 7. §. 171. Seneca Quæst. nat. lib. III. c. 26. Plin. H. N. lib. II. c. 103. Allein, es haben solches andere ganz für ungegründet und falsch angesehen; weil erstlich der Alpheus gerades Laufes in die See gehe, und also ohne Vermischung mit dem Seewasser unmöglich einen so weiten Weg in Sicilien kommen könne; und, was die Schaale, oder wie andere wollen, den Becheranbelange, so sey es noch unmöglicher, daß selbiger so weit von dem Strome sollte geführet werden können. Strabo lib. IV. p. 270. sqq. Woher solches aber sogar unmöglich sey, findet sich eben nicht, weil ja nur ein Theil des Alpheus sich in einen verborgenen Schlund und Gang versenken darf, welcher so dann gar wohl unter der Erde hinweg bis nach Sicilien gehen, und also auch das mit dahin nehmen kann, was er ungefähr von dem ergreift, was in den Alpheus fällt. Dem sey aber endlich wie ihm wolle, so hat doch solches Vorgeben Gelegenheit zu dem Gedichte von der Nym phe Arethusa und dem Alpheus, als ihrem Liebhaber, gegeben. Voss. Theol. gentil. lib. II. c. 80. & Banier Entret. III. au P. I. p. 63. Sonst will man, es gründe sich auf eine bloße Zweydeutigkeit in der Sprache der ersten Einwohner in Sicilien. Die Phönicier, welche sich daselbst niederließen, fanden diese Quelle mit Weiden eingeschlossen, und nannten sie daher Alphaga, die Weidenquelle; da ihr andere den Namen Arith, ein Bach, gaben. Als die Griechen einige Jahrhunderte darnach dahin kamen; so verstunden sie die Bedeutung dieser beden Wörter nicht, und es fiel ihnen ihr Fluß Alpheus in Elis dabey ein. Siegeriethen also auf die Meynung, weil der Fluß und die Quelle fast einerley Namen führeten, so müßte der Alpheus durch das Meer fließen, und in Sicilien als die Quelle wieder hervor kommen. Bochart. Chan. L. 1. c. 18.

6 §. Anderweitige Deutung. Wie einige ihren Namen von ἀρετὴ, die Tugend, herleiten, so verstehen sie unter ihr auch diese, unter dem Alpheus aber die menschliche Seele, die der Tugend nachgeht. Da sie aber auch durch das Meer hinweggehen soll, ohne sich mit demselben zu vermengen, so deuten sie es, daß eine wahre Tugend durch die Gesellschaft mit bösen Leuten sich nicht verschlimmern lasse. Masen. Spec. Ver. occ. c. XXIII. n. 30. Andere machen sie zu einem Bilde der Keuschheit, welche die anreizende Luft und Unkeuschheit flieht, dagegen aber so rein und lauter bleibt, als das durchsichtig klare Wasser in einem Springbrunnen glänzet. Omeis. Mythol. in Arethusa.


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