Bernadotte

Bernadotte, Jean Baptiste Jules, geb. 26. Jan. 1764 zu Pau, wo sein Vater Rechtsgelehrter war, wurde aus Neigung 1780 Soldat. Als Sergeant wurde er im Nordamerikanischen Kriege von den Briten gefangen, später aber wieder freigegeben 1789 Offizier geworden, stieg er durch Tapferkeit u. Einsicht schnell empor, war bei Fleurus 1794 schon Divisionsgeneral, trug 1795 wesentlich zum Rheinübergang bei Neuwied bei, führte 1796 eine Division bei Jourdan, befehligte 1797 in Italien die Belagerung von Gradiska. u. brachte die bei Rivoli eroberten Fahnen nach Paris. 1798 vermählte er sich mit Eugenie (s.d.) Bernhardine Desirée, Tochter des Kaufmanns Clary in Marseille, einer Schwester der Gemahlin Joseph Bonapartes, u. ging als Gesandter nach Wien, das er in Folge eines, wegen der dreifarbigen, am französischen Gesandtschaftshotel aufgesteckten Fahne entstandenen Aufruhrs wieder verließ; er ging nach Rastadt u. von da nach Paris. 1799 führte er die Observationsarmee, welche über den Rhein gehen u. Philippsburg belagern sollte, allein wegen der Fortschritte der Österreicher u. Russen in Deutschland u. Italien berief ihn das Directorium bald ab u. ernannte ihn zum Kriegsminister, in welcher Stellung er jedoch nur 3 Monate blieb. Nach dem 18. Brumaire 1799 in den Staatsrath berufen, willigte er nicht in die Errichtung der Ehrenlegion, u. Napoleon hintertrieb dagegen seine Ernennung zum Commandeur von Domingo. Joseph Bonaparte brachte eine Aussöhnung zwischen ihm u. dem ersten Consul zu Stande, u. B. erhielt nun das Commando in der Vendée, wo er mit Mäßigung die Unruhen unterdrückte. 1804 ging er an Mortiers Stelle nach Hannover u. wurde 1805 Marschall. Bei dem Kriege 1805 mit Österreich führt er[636] ein Corps aus Hannover durch das Anspachsche nach Würzburg, vereinigte sich dort mit den Baiern u. fiel den Kaiserlichen in den Rücken, befehligte vor Austerlitz das Centrum u. wurde den 5. Juni 1806 zum Fürsten von Ponte Corvo ernannt. 1806 führte er das 1. Armeecorps über Hof in das Voigtland, schnitt den preußischen General Tauenzien bei Schleiz ab, drang von Dornburg aus zwischen die beiden preußischen Armeen bei Auerstädt u. Jena ein u. flankirte auf diese Weise beide. Nach der Schlacht bei Jena verfolgte er Blücher nach Lübeck u. zwang ihn zur Capitulation. Dann nahm er 1500 Mann auf der Trave eingeschiffte, aber durch widrige Winde zurückgehaltene Schweden gefangen, die er auf humane Weise behandelte. Er wendete sich nun nach Preußen u. hielt die Russen durch das Treffen bei Mohrungen (25. Jan. 1807) ab, die französische Hauptarmee zu überfallen. Am 5. Juni wurde er bei Spanden verwundet. Er befehligte hierauf das in Deutschland zurückbleibende Heer, erhielt 1809 den Oberbefehl über die Sachsen, führte sie nach Österreich u. nahm mit Auszeichnung an der Schlacht bei Wagram Theil. Nach der Schlacht überwarf er sich wegen eines von dem General Dupas nicht befolgten Befehles abermals mit Napoleon, u. zwar so, daß er sein Commando niederlegte u. die Armee verließ. Er lebte nun zu Paris, stellte sich aber bei der Nachricht von der Landung der Engländer auf Walcheren, auf Requisition des Kriegsministers, an die Spitze des größtentheils aus Nationalgarden bestehenden Corps u. nötigte die Engländer die Insel wieder zu räumen. Dann kehrte er aufs Land u. nach Paris zurück. Weil ihm Napoleon mißtraute so wollte er ihn von dem Schauplatz der Thaten entfernen u. ernannte ihn zum Generalgouverneur von Rom; indeß die Schweden, welche die theilnehmende Behandlung ihrer 1806 an der Trave gefangenen Landsleute nicht vergessen hatten, wählten ihn auf den Vorschlag des Königs Karl XIII. am 21. Aug. 1810 zum Kronprinzen. Nachdem er am 19. Oct. zu Helsingör das protestantische Glaubensbekenntniß abgelegt hatte, ging er, den 20. Oct. bei Helsingborg landend, nach Schweden u. wurde am 31. Oct. der Reichsversammlung vorgestellt. Am 5. Nov. adoptirte ihn der König, er nahm hierbei den Namen Karl Johann an, leistete dann den Eid als Kronprinz vor dem Throne u. empfing die Huldigungen der Stände. Noch bei Lebzeiten des Königs ging die oberste Leitung des Staates fast ganz in seine Hände über. Sich auf Seiten Englands u. Rußlands neigend, schlug er dann 1811 das ihm von Napoleon angetragene Bündniß gegen Rußland aus, schloß 1812 eine geheime Allianz mit Rußland u. mit England im Juli 1812 Frieden, wobei er versprach, eine Diversion mit 25–30,000 M. Schweden in Deutschland zu unternehmen. Im Juli 1813 erklärte er an Frankreich den Krieg. Das Nähere s.u. Schweden (Gesch.). Er versprach in der persönlichen Conferenz von Trachenberg mit den alliirten Monarchen gegen Napoleon mit zu wirken. Immer temporisirend u. mehr den eigenen Vortheil, als den der Alliirten berücksichtigend, übernahm er zwar den Oberbefehl über die aus Russen unter Winzingerode, Woronzew u. Tschernischew, Preußen unter Bülow u. Tauenzien, Briten unter Wallmoden u. 30,000 M. Schweden unter Stedingk, bestehende Armee von NDeutschland, operirte aber, nachdem er Napoleon mehrere Male zum Frieden ermahnt hatte, nach dem Waffenstillstand ziemlich vorsichtig gegen ihn. Erst durch den Eifer der russischen u. preußischen Generale, bes. Bülows, der ihn fast zu der Schlacht bei Großbeeren u. Dennewitz u. zu dem Überschreiten der Elbe bei Roßlau u. zu seinem Marsch nach Leipzig nöthigte, wurde er zu größeren Bewegungen fortgerissen. Seine Schweden suchte er stets zu schonen, so daß sie in dem ganzen Feldzuge kaum einige hundert Mann verloren. Nach dem Siege bei Leipzig zog er gegen Davoust u. die Dänen an der Unterelbe. Bald war Lübeck erobert, Davoust von den Dänen getrennt, jener nach Hamburg geworfen, diese nach Holstein verfolgt, u. am 14. Jan. 1814 erfolgte der Frieden mit Dänemark zu Kiel, in welchem Dänemark an Schweden Norwegen gegen schwedisch Pommern abtrat. Außer seinem Plane lag das Überschreiten des Rheins durch die Alliirten. In langsamen Märschen folgte er dem Hauptheere u. kam eben bei Jülich u. in den Niederlanden an, als die Verbündeten in Paris einzogen. Er ging nun nach Paris, sprach den König von Frankreich in Compiegne u. eilte nach Norwegen, wo der bisherige dänische Statthalter, Prinz Christian, zum König ernannt worden war, zwang diesen am 14. Aug. 1814 zur Resignation, worauf Karl XIII. von den Norwegern am 4. Nov. als König, er als Kronprinz anerkannt wurde (s. Norwegen [Gesch.]). Er folgte seinem Adoptivvater als Karl XIV. Johann am 5. Febr. 1818 auf dem schwedisch-norwegischen Throne u. st. den 8. März 1844 zu Stockholm. Obgleich er auf Hebung u. Vergrößerung der Macht Schwedens stets bedacht war, konnte er es doch zu keiner eigentlichen Popularität bringen, woran hauptsächlich seine anfängliche, den nationalen Traditionen zuwider laufende Politik in Bezug auf Rußland u. sein festes Halten an den Vorrechten der Krone Schuld war. Ihm folgte sein einziger Sohn Oskar. Über seine Regierung, welche sich durch große Sorgfalt für das Wohl des Landes auszeichnete, s.u. Schweden (Gesch.). Im Nov. 1854 wurde B-s, von Fogelberg gefertigte Reiterstatue auf dem nach ihm genannten Karl-Johannsplatze in Stockholm aufgestellt. Vgl. Geijer, Konneg Karls XIV. Johan hist. Stockh. 1844 (deutsch von Dietrich, ebd. 1844); Sarrans, Hist. de Bernadotte, Charles XIV. Jean, Par. 1845, 2 Bde.; Touchard-Lafosse, Charles Jean, Roi de Suède, ebd. 2 Bde.; M. Runkel, Karl XIV. Johann, Elberf. 1841; F. K. v. Strombeck, Memorabilien aus dem Leben u. der Regierung Karls XIV. Johann, Braunschw. 1841.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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