Lachen [1]


Lachen [1]

Lachen (Risus), Eigenthümlichkeit der menschlichen Natur; kein Thier lacht, wenn auch einige, wie die Lachtauben, Töne von sich geben, die dem L. ähnlich sind. Das L. hat seinen Grund im Vorstellungsleben u. in der Beweglichkeit der Muskeln des menschlichen Gesichts u. der höhern Ausbildung des Luftröhrenkopfs beim Menschen, Die Gesichtszüge werden beim L. um so mehr verändert, je freieres Spiel die Gesichtsmuskeln nach individueller Bildung haben. Im Allgemeinen wird das Gesicht beim L. mehr in die Breite gezogen; bes. erhalten Wangen, Mund u. Augen im L. einen eignen Ausdruck; die Mundwinkel werden nicht nur auswärts, sondern auch etwas aufwärts gezogen: der Mund öffnet sich bei natürlichem L., die Vorderzähne weiden entblößt, die Zahnreihen von einander entfernt; die Wangen schwellen auf, runzeln sich u. bekommen in jungen, anmuthigen Gesichtern ein Grübchen, gewöhnlich aber eine Spalte, die ebenfalls für den Ausdruck eines lachenden Gesichts charakteristisch ist. Mit dem Aufwärtsdrängen der Wangenhaut werden auch die Augenspalten verschmälert. Zu den Bewegungen der Mundwinkel trägt auch die als Lachmuskel unterschiedene Portion des breiten Halsmuskels (Musculus risorius [s.u. Halsmuskeln 1), die aber nicht immer vorhanden ist), bei, indem sie sich, aufwärts steigend, mit dem Niederzieher des Mundwinkels vermischt u. das in manchen Gesichtern während des L-s neben den Mundwinkeln bemerkliche Grübchen bildet. Im Allgemeinen gewinnt ein schönes Gesicht durch, nur nicht zu heftiges L. an Liebreiz, wogegen ein häßliches dadurch noch um so mehr entstellt wird. Um dem eignen Gesicht einen gefälligen Ausdruck zu geben, nehmen die Menschen im Umgang mit andern, blos um sich angenehm zumachen, eine lächelnde Miene an, die dann der Ausdruck von Heiterkeit u. Freundlichkeit, bes. aber des frohen Gefühls sein soll, welches die Nahe, die Rede, die Leistung etc. eines Andern macht. Indessen kann aber auch das L., wenn das dabei angeregte Gefühl zugleich ein gemischtes ist, auch einen Nebenausdruck erhalten u. dadurch mißfällig werden; so als höhnisches od. verhöhnendes L., wobei die Mundwinkel mehr niederwärts u. überhaupt das Gesicht theilweise mehr in die Länge gezogen wird, indem bes. auch die Nasenflügel, die sich sonst mehr seitwärts ausbreiten, in die Höhe gezogen werden; das schadenfrohe L. zeichnet sich bes. auch dadurch aus, daß die Augenbrauen u. die Stirnhaut, die beim gewöhnlichen L, in Ruhe bleiben, ebenfalls aufwärts gezogen werden. Lautes L. besteht in mehren, nach einem kräftigen Athemzuge absatzweise erfolgenden Explosionen von Luft, wobei die Stimmritze verengert ist. Das Herausdrängen der Luft bewirken bes. die Bauchmuskeln, u. die Erschütterung des Zwerchfells nimmt eigentlich nur an der allgemeinen Erschütterung der sämmtlichen Unterleibsorgane, die von dem ganzen, sie umfassenden Muskelapparate ausgeht, Theil; um deswillen, u. weil der Geist unter den Anregungen zum L. angenehm beschäftigt ist u. die Gemüthsstimmung dabei wohlthätig auf das ganze Nervenleben einwirkt, ist das L. ein Förderungsmittel der Verdauung. Aber auch die Lungen u. die Luftröhre nehmen an dieser Erschütterung Theil: daher macht ein starkes L. Husten. Ist das L. ein stilles, so deuten sich die Explosionen der Luft, welche beim lauten L. in Töne übergehen, blos durch Hauchen an; beim lauten L. (Gelächter) aber wird der Hauchbuchstabe H als begleitender Mitlaut mit den dann als Selbstlaute vernehmlichen Tönen unterscheidbar. Meist erschallt dann in einer kräftigen Manneskehle, zumal wenn das L., nie beim Auslachen, zugleich eine Willensäußerung ist, der Selbstlaut Ä; in einer weiblichen Kehle dagegen u, wo das L. mehr gemüthlich ist, wie beim verschämten L. od. sogenannten Kickern, ist das I der vernehmbare Selbstlaut. Indifferenter ist das L. in E, ungewöhnlich dasselbe in O, meist nur in Männerkehlen, u. wird dann mißfällig vernommen; am seltensten ist das L. in U u. deutet gewöhnlich auf ein gestörtes Gemüth hin, wie beim L. von Verrückten u. Fieberkranken. Das L, an sich zu halten, wenn der Geist einmal in der Stimmung zum L. ist, ist nur Menschen von großer Fassung eigen. Gewöhnlich deutet sich das zurückgehaltene L. durch eigne Verziehung der Mundwinkel u. überhaupt des Gesichtes an, was, weil es sich durch Beflissenheit den Mund geschlossen zu halten, bemerklich macht, heißt verbissenes[954] L. Die heftige Erschütterung des Unterleibes beim nicht zurückzuhaltenden L. kann leicht lästig werden u. führt dann zum Bedürfniß, die Hände in die Seiten zu stemmen, außerdem ist die Rede dabei gehemmt, der Lachende kann vor L nicht zum Wort kommen, selbst der Athem stockt, das Gesicht wird wegen gehemmten Rückflusses des Blutes geröthet, ja es werden unter convulsivischen Zuckungen der Gesichtsmuskeln sogar Thränen ausgepreßt, der Körper verliert die Kraft sich aufrecht zu erhalten, der Lachende wirst sich aus Erschöpfung auf einen Sitz od. selbst zur Erde u. hier hin u. her; daher der gemeine Ausdruck: sich vor L. wälzen müssen. Durch diese heftigen Bewegungen kann das L. in Krankheitszuständen zufällig heilsam sein, aber auch Gefahr bringen, u. die Redensart, daß etwas zum Todtlachen ist, ist wenigstens nicht geradezu eine Hyperbel, obgleich in Fällen, wo Personen unter heftigem L. starben, dieses bei einer vorhandenen Krankheitsanlage doch nur eine zufällige Gelegenheitsursache abgab. Im Allgemeinen macht ein heiterer zufriedener Sinn für das L. empfänglich, ist aber nicht zureichender Grund; meist wird ein rascher, unerwarteter Übergang einer Gemüthsstimmung in eine andere dafür erfordert. Jede freudige Überraschung reizt daher zum L.; aber das gemischte Gefühl dabei läßt nicht zu, daß es zu seinem vollen Ausbruch kommt; bei diesem aber ist nicht die Freude das am höchsten gesteigerte Gefühl, ja der Zwang, in dem der Reiz zum L. versetzt, kann sogar unangenehm sein. Immer unterscheidet man dabei eine Vorstellung als die das L. veranlassende, od. als Lächerlichkeit. Eine eigentliche Theorie des Lächerlichen ist aber noch nicht befriedigend aufgestellt worden. Zufolge des einfachen Gesetzes der Sympathie u. durch Association der Ideen theilt sich das L. auch Andern mit, selbst ohne daß dieselbe von dem Gefühl des Lächerlichen lebhaft ergriffen sind, ja wohl selbst ohne den Gegenstand zu kennen. Das L. kann aber auch blos durch körperliche Veranlassungen aufgeregt werden, z.B. durch die Einwirkung des Kitzelns. In körperlichen Schwächezuständen, bei erhöhter Reizbarkeit ist die Neigung, Alles zu belachen u. des L-s sich nicht erwehren zu können, keine ungewöhnliche Erscheinung; auch bei hysterischen Frauen ist ein unwillkührliches L., ohne einen eigentlichen od. wenigstens einen genügenden Grund, ein gewöhnliches Symptom; vgl. Krampflache. Das L. als Personification (lat. Risus, gr. Gelos), hatte in ganz Griechenland allein in Sparta eine Bildsäule; man opferte ihm bei Festen.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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