Madras


Madras

Madras, 1) Präsidentschaft des Angloindischen Reichs, den Osten u. die Südspitze des Dekan umfassend, 6242 QM. ohne die einheimischen Schutzstaaten, mit letztern aber 8690 QM. groß, im Westen von den Westlichen Ghats, im Osten von den Östlichen Ghats durchzogen, liegt zum großen Theile auf dem Plateau des Dekan, welches zwar nach Süden zu aufsteigt, aber im Allgemeinen nach Osten u. Südosten zu abfällt, weshalb auch die größeren Flüsse des Landes, Godavery, Pennair, Kistnah u. Cauvery, in den Bengalischen Meerbusen münden. Die Gewässer, welche von den Westlichen Ghats dem Arabischen Meer zufließen, sind nur von kurzem Lauf. Obgleich die Küstenentwickelung der Präsidentschaft 376 Meilen beträgt, so findet sich doch kein einziger vollkommen guter Hafen (selbst Cochin, das zwar hinreichende Tiefe für die größten Schiffe besitzt, bleibt für mehre Monate im Jahre durch die Südwest Monsoons geschlossen u. überdies wegen einer vorliegenden Barre nur für kleinere Schiffe zugänglich). Die Westküste heißt die Küste Malabar (s.d.); die Südspitze Vorderindiens bildet das Cap Comorin; auf dieses folgt an der Ostküste der Golf von Manaar, welcher durch eine mächtige Sandbank, die Adamsbrücke (zwischen dem indischen Festland u. der Nordwestseite der Insel Ceylon) von der Palkstraße (zwischen der indischen Küste von Madura u. [682] Ceylon) geschieden wird. Bei Cap Calymere beginnt die Küste Coromandel (s.d.), welche bis zur Mündung des Massyflusses od. bis Gondegam gerechnet wird; an dieselbe schließt sich nördlich die Golcondaküste u. weiter (etwa von 17°17' u. Br.) die Küste von Orissa an. Der Mineralreichthum ist sehr bedeutend, Eisenwerke bestehen zu Beypoor im District Malabar u. in der Nähe von Porto Novo in Süd-Arkot, beide von der East-India Iron Compagny betrieben; Mangan findet sich in Mysore, den Neilgherries u. in Bellary, Antimon u. Silbererze in Mysore u. Madura, Korund im Thale des Cauvery, Bleierze in Mysore, Beryll in Coimbatore, Diamanten (jedoch von geringerem Werthe) im Sandstein von Rajamundry, Guntoor u. Vizagapatam; Steinkohlen u. Anthracit längs des Godavery. Ein Hauptproduct der Präsidentschaft sind über 100 verschiedene Arten von Nutzhölzern (Teak, Prov), welche sich in den Wäldern von Malabar, Travancore u. Canara sowie in denen der Östlichen Ghats in Überfluß finden; die Forste von Malabar u. Coory liefern auch einen großen Theil des Sandelholzes, welches auf den chinesischen Markt kommt. Der Reisbau blüht in den niederen Landschaften von Canara, Malabar, Tinnevelly, Tanjore u. Rajamundry; unter den Getreidearten wird Ragi (Eleusine coracani), Mais etc. cultivirt; auch Ölgewächse, Gemüse, Cucurbiteen, Yams etc.; die Cocospalme u. die Palmyrapalme (aus deren Saft ein berauschendes Getränk bereitet wird) werden auf den sandigen Alluvialstrecken angepflanzt, Zuckerrohr, Baumwolle, Indigo, Tabak, Pfeffer (Hauptexport der Küste Malabar), Cardamoms etc. Zur Unterstützung u. Hebung der Bodencultur wie der Binnenschifffahrt hat die britische Regierung viel gethan; vor Allem sind die Wasserbauten am Godavery, Kistnah u. Cauvery zu nennen. Die Eisenbahn von Madras über Bellary, Shoolapore u. Poona nach Bombay, sowie die von Madras nach Ponany an der Westküste sind bereits streckenweise vollendet. Die Präsidentschaft zählt 22,437,297 Ew., wozu für die Schutzstaaten noch 5,213,671 Ew. kommen. Die Brahmanische Religion ist vorherrschend; Muhammedaner nur in größern Städten, namentlich in Mysore u. Hyderabad. In ethnographischer Beziehung gehört der größte Theil zur Familie der dravidischen od. dekanischen Völker; die Hauptsprachen sind außer dem Hindustani (s.d.), das Tamulische, Canaresische, Malayalam u. Telugu. Die Präsidentschaft zerfällt in acht Landschaften (Karnatik, Coimbatore, Salem, Seringapatam, Malabar, Canara, Balaghaut u. die Nördlichen Circars), in administrativer Beziehung zerfällt jedoch das unmittelbare britische Gebiet in achtzehn regulirte u. vier nicht regulirte Districte; das jährliche Einkommen betrug vor der Rebellion von 1857 ungefähr 4,950,000 Pfd. St. Die Schutzstaaten sind Cochin, Mysore (das jedoch nur in militärischer Beziehung dem Gouvernement von M. untergeordnet ist), Poodoocottah (od. Rajah Tondiman's dominions), Travancore u. Jeypoor nebst den sogenannten Hill-Zemindars. Im Jahre 1854 betrug die Madrasarmee (ohne die königlichen Truppen) 57,063 Mann, worunter Cavallerie 3280, Infanterie 48,351, Geniecorps 913, Artillerie 4519; in militärischer Beziehung ist die Präsidentschaft in sieben Divisionen getheilt. Der Ausfuhrhandel (meist mit Großbritanien, Ceylon u. China) betrug im Jahre 1854 19,630,200 Rupien, der Import hingegen 9,563,776 Rupien; 2) Hauptstadt der Präsidentschaft wie der Provinz Karnatik auf der Küste Koromandel an dem für Schiffe schwer zugänglichen Golfe von Bengalen, obgleich einer der bedeutendsten Hafenplätze Asiens, doch ohne eigentlichen Hafen, sondern nur mit einer offenen Rhede, von welcher aus wegen des heftigen Wogenbruchs während der Zeit von Ende October bis Ende December die Küste nur mit äußerster Gefahr zu erreichen ist. Den Kern der Stadt bildet das Fort St. George, ein irreguläres Polygon, welches bis dicht an die Küste reicht, auf der Landseite durch eine doppelte Linie bombenfester Werke geschützt ist u. eine bedeutende Truppenmasse aufnehmen kann. Auch enthält es die Räumlichkeiten für einen großen Theil der Regierungsbehörden u. mehre andere Gebäude, worunter die alte Kirche u. die Bank. Durch eine breite Esplanade getrennt ist die Schwarze Stadt, welche durch einen mächtigen Steindamm gegen das Eindringen des Meeres geschützt ist u. durch drei breite, von Norden nach Süden laufende Straßen in vier ziemlich gleiche Theile getheilt wird. Diese Straßen enthalten viele Paläste u. europäische Kaufmannsläden. Längs der Küste zieht sich ebenfalls eine lange Reihe großer Gebäude hin, wie das des obersten Gerichtshofs, das Zollhaus, der Marinepalast, Waarenmagazine, Kaufmannsgewölbe u. Kramläden europäischer Kaufleute. Andere ansehnliche Bauwerke sind: die Münze, die römischkatholische Kathedrale, die Church Missionkirche, die Trinity Kirche, die Armenische Kirche, das große Hospital mit der Medicinischen Schule, die Waisenschule, das Gefängnißgebäude des obersten Gerichtshofs etc. Die kleinern Gassen u. Straßen werden von Einheimischen bewohnt, sind eng u. schmutzig. Dem Mangel an gutem Trinkwasser ist in neuester Zeit durch eine Wasserleitung abgeholfen worden. Der elendeste Stadttheil ist Royapuram, an der Nordseite der Schwarzen Stadt längs der Küste, fast nur von Fischern u. Seeleuten bewohnt; in Vepery dagegen, im Westen der Schwarzen Stadt (mit der Kirche St. Andrew) sind die Hauptstraßen reinlich u. gut gebaut; letzteres gilt auch von Chintadrapetta, welches durch den Fluß Koom von Vepery geschieden wird. An Chintadrapetta schließen sich westwärts die volkreichen Vorstädte Poodoopettah u. Egmore. An der Seeküste zieht sich Triplicane, ein anderer Stadttheil, hin, welcher durch den genannten Fluß vom Fort geschieden wird. Am Koom, welcher bei seiner Mündung eine kleine Insel (mit der Statue von Sir Thomas Munro) bildet, liegen die Gärten u. der Palast des Gouverneurs, u. unweit derselben Chepak-Garden, die Residenz des Nabob von Karnatik. Westlich an Triplicane reiht sich die Vorstadt Royapetta mit der St. Georgskirche; etwa 1/2 Meile südlich des Forts liegt St. Thomé. Die Europäer wohnen meist in Villen mit Gärten, welche in den Vorstädten od. der Nachbarschaft (wie an Mount Road, die vom Fort nach den Cantonnements von St. Thomé führe) zerstreut liegen. M. ist Sitz des Gouverneurs, sowie der höchsten Justiz- u. Verwaltungsbehörden der Präsidentschaft, auch eines englischen Bischofs, hat Schule, Acker- u. Gartenbaugesellschaft, Literarische Gesellschaft, Abtheilung der Königlich Asiatischen Gesellschaft, Sternwarte, Botanischen Garten, Medicinische Schule, Polytechnic Institution etc. Die Zahl der Bewohner von M.,[683] einschließlich des zur Stadt gehörigen Districts (1,3 QM.), wird auf 720,000 angegeben, sie sind zumeist Brahmaisten, dann Muhammedaner; die Zahl der Christen ist nur gering u. besteht zum großen Theil aus den sogenannten Portugiesischen Christen. Die Industrie bringt bes. Baumwollen-, Glas- u. Töpferwaaren etc.; auch gibt es ansehnliche Ziegeleien u. Salzsiedereien. Trotz der schlechten Rhede ist der Handel sehr bedeutend; in neuester Zeit sind verschiedene Baue unternommen worden, um die Landung zu erleichtern.– M. ist die erste feste Niederlassung der Engländer in Ostindien. Nachdem ihnen 1639 der Radscha von Bisnagor einen kleinen District abgetreten u. die Erbauung eines Forts gestattet hatte, stieg letzteres unter dem Namen Fort St. George alsbald empor u. um dasselbe die Stadt, welche schon gegen Ende des 17. Jahrh. an 300,000 Ew. zählte. Am 21. Sept. 1746 kam M. durch Capitulation an die Franzosen unter Labourdonnaye, fiel durch den Aachener Frieden aber wieder an England. Im Jahre 1767 von Hyder Ali überfallen, wurde die Stadt von General Smith entsetzt. Am 3. April 1769 wurde am St. Thomasberge, in der Nähe der Stadt, ein Friede mit Hydr-Ali. abgeschlossen.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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