Schwerin [2]

Schwerin, ein der Evangelischen Confession folgendes altes pommersches Adelsgeschlecht, welches aus dem Hause der Edeln von Hagen im Braunschweigischen u. Lüneburgischen stammt u. ehemals ausgedehnte Besitzungen in dem Fürstenthum Lüneburg, Herzogthum Bremen, im Stift Verden, im Calenbergischen, Hildesheimischen, Magdeburgischen, in der Altmark u. dem Wolfenbüttelschen hatte. Dessen ältester Stammvater ist: 1) Henning von Ctzwerin auf Spanieckow u. Ollwiegshagen, welcher zu den Zeiten des Fürsten Ratibor I. in Pommern lebte, sich zuerst mit dem wendischen Namen Ctzwerin (d.h. Raute) nannte u. 1150 starb. 2) Freiherr Otto, geb. 8. März 1616 in Stettin, brachte 1648 das Erzkämmereramt der Mark Brandenburg an seine Familie u. wurde Dompropst in Brandenburg u. Amtshauptmann in Crossen, 1649 Obersthofmeister der Kurfürstin Luise in Berlin, 1658 Oberpräsident des kurfürstlichen Geheimrathes u. sämmtlicher Collegien u. 1662 zugleich Erzieher der Prinzen Karl Emil u. Friedrich (des nachmaligen Königs Friedrich I.); er leitete 1662 f. das Religionsgespräch zwischen den Lutherischen u. Reformirten u. st. 8. Juni 1679. Sein Tagebuch über seine Erziehung der Prinzen seit Anfang 1663 liegt handschriftlich auf der königlichen Bibliothek in Berlin. 3) Graf Otto, geb. 21. April 1645 zu Köln an der Spree, wurde 1700 in den Reichsgrafenstand erhoben, war kurbrandenburgischer Geheimer Staatsminister, Erbkämmerer, Verweser u. Amtshauptmann der Herzogthümer Crossen u. Züllichau, Dompropst zu Brandenburg, residirender Commendator zu Lagow etc. u. st. 8. Mai 1705. Darnach zerfällt das Geschlecht in ein gräfliches u. in ein freiherrliches Haus: A) Gräfliches Haus, theilt sich in folgende Linien: I. Linie zu Walsleben u. Wildenhoff (seit 1700 gräflich), Stifter: 4) Graf Friedrich Wilhelm, Sohn von S. 3), geb. 28. Juli 1678, war preußischer Geheimer Etatsrath, Oberhofmeister der Königin u. Erbkämmerer der Kurmark Brandenburg u. st. 6. Aug. 1727. Jetziger Chef ist: 5) Graf Otto, Sohn des 1860 verstorbenen Grafen Otto, geb. 31. Juli 1823, Majoratsherr der Herrschaften Walsleben u. Wildenhoff im ostpreußischen Kreise Preußisch-Eylau, Erbkämmerer in der Kurmark Brandenburg u. Premierlieutenant in der Reservecavallerie; er ist seit 1853 mit Eugenie geb. von Borcke aus dem Hause Stargordt-Tolksdorf vermählt u. sein Sohn Otto 1855 geboren. II. Linie zu Wolfshagen in der Mark u. Mecklenburg (seit 1700 gräflich), Stifter: 6) Graf Otto, Sohn von S. 3), geb. 5. Juni 1684 in Berlin, war Statthalter zu Berlin, erbaute das jetzige Schloß zu Wolfshagen u. st. 2. Jan. 1755. Jetziger Chef ist: 7) Graf Otto, Sohn des 1858 verstorbenen Grafen Hermann, geb. 26. Aug. 1822, ist preußischer Lieutenant a. D. u. seit 1858 mit Laura geb. Müller-Blumenbach vermählt. III. Linie zu Schweringsburg in Pommern (seit 1740 gräflich), Stifter: 8) Claus, Sohn von Hans von S. (welcher um 1565 starb), st. 1612. 9) Graf Kurd Christoph, geb. 16. Oct. 1684 in Schwedisch-Pommern, studirte in Leyden, Greifswald u. Rostock, trat 1700 als Fähndrich in holländische Dienste, machte den Feldzug 1704 unter Marlborough u. Eugen mit u. wurde 1705 Hauptmann; 1706 nahm er mecklenburgische Dienste u. wurde 1708 Oberst. Der Herzog von Mecklenburg sandte ihn 1712 an Karl XII. nach Bender mit Aufträgen u. ernannte ihn nach seiner Rückkehr zum Brigadier u. Generalmajor. S. zeichnete sich bei den Streitigkeiten zwischen dem Herzoge u. dem mecklenburgischen Adel dadurch aus, daß er die kaiserliche Executionsarmee bei Walkmühlen 1719 schlug. 1720 trat er in preußische Dienste u. wurde in diplomatischen Geschäften nach Warschau gesendet, wo er die Unruhen in Thorn zum Besten der Protestanten beilegte. Er wurde 1730 Gouverneur von Peitz u. 1731 Generallieutenant u. vertrieb 1733 die hannöverschen Truppen aus Mecklenburg. Er genoß die besondere Gunst des Königs Friedrich Wilhelm I., begleitete denselben auf seinen Reisen u. wurde 1739 zum General der Infanterie ernannt. Vom König Friedrich II. 1740 zum Generalfeldmarschall u. Grafen erhoben, führte S. im Ersten Schlesischen Kriege den rechten Flügel, drängte die Österreicher bis Troppau u. Grätz, zog bis Mähren u. gewann am 10. April 1741 den Sieg bei Mollwitz, wo er allein die Schlacht befehligte, als Friedrich das Schlachtfeld schon verlassen hatte, worauf er Gouverneur von Neiße u. Brieg wurde. 1744 fiel er in Böhmen ein, vereinigte sich mit Friedrich II. u. zwang Prag 16. Sept. zur Capitulation. Die Preußen wurden jedoch später zur Verlassung der Stadt Prag u. zum Rückzug aus Böhmen gezwungen, u. S. führte diesen Rückzug mit großem Geschick aus. Nach dem Frieden 1745 begab sich S. zur Wiederherstellung seiner Gesundheit auf seine Güter u. trat[678] erst 1756 bei Beginn des Siebenjährigen Kriegs wieder ein; er commandirte hier das dritte preußische Heer, drang nach der Schlacht bei Lowositz in Böhmen ein u. verhinderte Piccolomini sich mit Browne zu vereinigen; 1756 operirte er mit Glück in Böhmen, blieb aber 3. Mai 1757 bei dem Sturm auf das befestigte Lager vor Prag, s. Siebenjähriger Krieg. Auf dem Wilhelmsplatze in Berlin steht sein Marmorbild, ebenso ist ihm eine Denksäule bei Prag auf der Stelle, wo er fiel, gesetzt worden. Vgl. Leben des Grafen von S., Berl. 1790. 10) Graf Wilhelm Friedrich Karl, Neffe des Vorigen, geb. 1728; wurde nach seines Oheims Tode Adjutant des Königs u. bei Zorndorf von den Russen gefangen u. nach Petersburg geführt, wo er die Bekanntschaft Peters III. machte, mit welchem er bei dessen Thronbesteigung über den Frieden unterhandelte. 1795 führte er als Generallieutenant die preußischen Truppen gegen Polen, allein er wurde überall geschlagen, so daß ein Kriegsgericht ihn 1795 zum Verlust seines Regiments u. einjähriger Gefangenschaft verurtheilte. Als Friedrich Wilhelm III. den Thron bestieg, suchte S. vergebens die Proceßrevision nach u. st. 1802 in Hamburg. Er schrieb zu seiner Rechtfertigung: Auseinandersetzung der Ursachen meiner Entlassung, Lpz. 1799, welche vom General von Favrat, welchen er angegriffen, beantwortet wurde. Dermaliger Chef ist: 11) Graf Maximilian, Sohn des 1839 verstorbenen Grafen Heinrich, geb. 30. Decbr. 1804 auf Boldekow, einem in Pommern gelegenen Familiengute, studirte seit 1824 in Berlin u. Heidelberg Jurisprudenz u. übernahm, nachdem er die unteren Beamtenstellen als Auscultator u. Referendar bekleidet hatte, einige seiner väterlichen Güter zur Verwaltung, wurde 1833 Landrath des Anklamer Kreises, von 1840 an Mitglied des Provinziallandtags von Pommern u. 1842 Director des Vorpommerschen Landschaftsdepartements; er war 1846 Mitglied der Generalsynode u. 1847 des Vereinigten Landtags, wo er auf beiden dem Fortschritt im Kirchen- u. Staatswesen das Wort redete. Am 19. März 1848 übernahm er im Ministerium Arnim das Portefeuille des Cultus (s. Preußen S. 541), trat aber schon am 17. Juni zurück u. ging darauf als Abgeordneter des Schlawer Kreises nach Frankfurt in die Deutsche Nationalversammlung, welcher er bis zum 3. Mai 1849 als Mitglied der Fraction Vincke angehörte. Seit 1849 vertrat er darauf stets den Wahlkreis Anklam-Demmin in der preußischen Zweiten Kammer resp. Abgeordnetenhause u. war während der beiden Legislaturperioden 1849–51 u. 1852–55 Präsident der Versammlung. Nach der Übernahme der Regentschaft durch den Prinzen von Preußen im Oct. 1858 erhielt er in dem am 6 Nov. neugebildeten Ministerium das Portefeuille des Innern. In Folge der Annahme des Hagenschen Antrags (Specialisirung des Etats) durch das Abgeordnetenhaus gab er am 8. März mit den übrigen Mitgliedern des Cabinets Hohenzollern-Auerswald seine Entlassung, welche jedoch vom König nicht angenommen wurde. Als dagegen am 11. März das Abgeordnetenhaus aufgelöst worden u. darauf der Prinz von Hohenlohe-Ingelfingen zum Ministerpräsidenten ernannt worden war, spaltete sich das Ministerium, in welchem sich schon längst zwei verschiedene politische Richtungen geltend gemacht hatten, vollständig; es kam aufs Neue zu einer Krisis, u. S. gab mit den liberalen Mitglieder des seitherigen Cabinets am 17. März abermals seine Entlassung, welche diesmal vom König angenommen wurde. Bei der Neuwahl zum Abgeordnetenhause vom 6. Mai wurde S. in Anklam wieder gewählt. Er ist seit 1834 mit Hildegard geb. Schleiermacher vermählt; sein älterer Sohn Heinrich ist 1836 geboren. 12) Graf Victor, Bruder des Vor., geb. 22. Dec. 1814, besitzt die Rittergüter Schwerinsburg mit Wussecken u. Werder u.a. in der preußischen Provinz Pommern, ist Erbküchenmeister in Altpommern (eine Würde, welche der Familie seit 1357 zusteht) u. Mitglied des preußische Herrenhauses auf Lebenszeit. IV. Linie zu Willmersdorf in der Mark Brandenburg (seit 1787 gräflich), Stifter: 13) Hans Felix, Bruder von S. 8); jetziger Chef ist 14) Graf Friedrich Kurd Alexander, Sohn des 1858 verstorbenen Grafen Friedrich, geb. 16. Mai 1856. V. Linie zu Husbyin Schweden (1766 in den schwedischen Grafenstand erhoben): 15) Graf Frederik Bogislaus, geb. 7. Oct. 1764 in Stralsund; wurde als Militär erzogen, begann aber 1786 zu Upsala Theologie zu studiren, wurde 1788 Probst in Sala u. galt seit 1812 bei den Reichstagen für das Haupt der Opposition, trat aber 1823 als Bevollmächtigter der Reichsstände in die Direction der Nationalbank u. verließ die Reihen der Opposition; er st. 9. April 1834. Er schr.: Über Erziehung u. allgemeine Cultur, Strals. 1809; Grundlinien der Staatengeschichte, 1811; Bidrag till fäderneslandets kännedom, 1815; Geschichte der Schwedischen Bank, 1828; u. übersetzte mehre Goethesche Gedichte ins Schwedische. Gegenwärtiger Chef: 16) Graf Adolf Henning, Sohn des 1818 verstorbenen Grafen Adolf, u. Neffe des Vor., geb. 31. Mai 1799, er ist schwedischer Hofmarschall u. unvermählt. VI. Linie zu Stegeberg in Schweden (seit 1776 gräflich), Chef: 17) Graf Philipp, Sohn des 1818 verstorbenen Grafen Werner, geb. 7. Juni 1777. B) Freiherrliches Haus, zerfällt in die Linien: I. Linie in Baiern, wohin 1693 ein Sproß der Familie kam u. wo diese Linie 1813 den Freiherrnstand erlangte; Chef ist jetzt: 18) Freiherr Hans, geb. 11. Juni 1846. II. Erste Linie in Schweden, aus welcher 19) Freiherr Philipp Bogislaus, geb. 7. Jan. 1657, als schwedischer Generalmajor 1717 die Freiherrnwürde erhielt; er war zuletzt russischer Generallieutenant u. österreichischer Feldmarschalllieutenant u. st. 20. März 1733 in Persien. Jetziger Chef ist 20) Freiherr Adam Otto, Sohn des 1829 verstorbenen Freiherrn Adam Otto. III. Zweite Linie (zu Zirköping) in Schweden, seit 1778 freiherrlich, hat zum jetzigen Chef: 21) Freiherrn Julius, Sohn des verstorbenen Freiherrn Werner, geb. 1810.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Schwerin [2] — Schwerin, 1) Hauptstadt des Großherzogtums Mecklenburg S., im Kreis Mecklenburg oder Herzogtum S., das die größere Westhälfte des Landes umfaßt, in schöner Gegend zwischen der Westseite des Schweriner Sees und andern kleinern Seen, 38,4 m ü. M.,… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Schwerin [2] — Schwerin, altes pommer sches Adelsgeschlecht, in vielen Zweigen weit verbreitet. Der berühmteste S. ist Curt Christoph, Graf von, geb. 1684 zu Wuseken in Schwedisch Pommern, diente zu erst Holland, dann Mecklenburg, trat, als seine Heimath preuß …   Herders Conversations-Lexikon

  • Schwerin [2] — Schwerīn, altes pommersches Adelsgeschlecht. – Kurt Christoph, Graf von S., preuß. Feldmarschall, geb. 26. Okt. 1684 zu Löwitz bei Anklam, erst in holländ., dann in mecklenb., seit 1720 in preuß. Diensten, 1739 General der Infanterie, 1740… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Liste der Mitglieder des Landtages (Freistaat Mecklenburg-Schwerin) (2. Wahlperiode) — Mitglieder des Landtages des Freistaates Mecklenburg Schwerin 1. Wahlperiode (1919–1920) | 2. Wahlperiode (1920–1921) | 3. Wahlperiode (1921–1924) | 4. Wahlperiode (1924–1926) | 5.… …   Deutsch Wikipedia

  • Schwerin — For other uses, see Schwerin (disambiguation). Schwerin Schweriner Schloss (parliament of Mecklenburg Vorpommern) …   Wikipedia

  • 2-Euro-Gedenkmünzen — Europakarte, die Farbe zeigt, wie viele verschiedene 2 Euro Gedenkmünzen in den jeweiligen Ländern erstellt worden sind (Stand Ende 2010) 2 Euro Gedenkmünzen sind spezielle von den Mitgliedstaaten der Eurozone geprägte und ausgegebene Euromünzen …   Deutsch Wikipedia

  • Schwerin — Bandera …   Wikipedia Español

  • Schwerin Hauptbahnhof — Empfangsgebäude und Bahnhofsvorplatz Daten Kategorie 3 …   Deutsch Wikipedia

  • Schwerin Hbf — Schwerin Hauptbahnhof Empfangsgebäude und Bahnhofsvorplatz Bahnhofsdaten Kategorie …   Deutsch Wikipedia

  • Schwerin — Schwerin …   Wikipédia en Français

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”