Schwindel [1]

Schwindel (Vertigo), Zustand, in welchem sich die Seele die Gegenstände nicht deutlich als getrennt, sondern als verwirrt vorstellt. Eigentlich sind alle Sinne dem S. unterworfen, wenn man sich streng an den Begriff desselben, Verwirrung der Vorstellungen durch zu schnelle Folgen, hält. Die Eigenheit des S-s besteht darin, daß die Vorstellungen selbst nicht erlöschen, sondern nur anders, aber ungehörig sind; dieses Anderssein bezieht sich aber nur auf räumliche Verhältnisse. Warum aber diese Veränderung gerade ein Drehen in einem Kreisbogen, nicht etwa ein Hin- u. Herschwanken od. Durcheinandergehen der Gesichtsgegenstände ist, mag wohl auf Association der Vorstellungen beruhen. Jeder Mensch kann sich aber leicht in den Zustand des S-s versetzen, wenn er sich eine Zeit lang schnell im Kreise herumdreht; er erlangt dann gar bald die Vorstellung, als ob die äußeren Gegenstände sich um ihn herumdrehten, u. dies dauert auch fort, wenn er still steht; zugleich hat er aber auch seine eigene sichere Körperhaltung verloren, u. indem er in dem Sinneswahne glaubt, sie dadurch zu behaupten, daß er sich einem der festen Gegenstände, welche sich um ihn herumdrehen, zuwendet, verliert er das Gleichgewicht u. schwankt nach der Seite hin, nach welcher die scheinbare Drehung Statt hat. Eine ungewöhnte Bewegung in verticaler Richtung bewirkt dasselbe, nur daß hier die Gegenstände nicht vorüberziehen, sondern zu fallen od. zu steigen scheinen. So beim Schaukeln auf einer gewöhnlichen Schaukel, noch mehr auf einer Russischen Schaukel. Ein gleicher S. überfällt auch oft den schnell, wenn auch sicher von einer Höhe Hinabgleitenden, wie auf einem sogenannten Rutschberge. Befindet sich aber ein Mensch auch im ruhenden Zustande auf einer Höhe, von welcher herab er die Gegenstände in ungewohnten Abständen, auch in ungewöhnlicher Form u. Kleinheit erblickt, u. es wird bei ihm die Vorstellung lebendig, wie schnell im Herabfallen von dieser Höhe diese Gegenstände, gleichsam zu ihm heraufsteigend, auch ihre Form verändern würden; so wird die Vorstellungsweise bei Manchem zu einer verworrenen. Er verliert dann, wenn sein Körper nur eine beschränkte, wenn auch, wie beim Stehen auf einem schmalen Brete, zu mäßigen Seitenwendungen völlig hinreichender Stützfläche hatte, diese u. stürzt hinab. Daß hier blos die durch Reflexion entstandene Furcht die Sinnesverwirrung herbeiführt, erhellt daraus, das Kinder den S. auf Höhen nicht kennen, u. daß durch Gewohnheit auf steilen Höhen ohne Seitensicherung gegen das Herabfallen sich aufzuhalten, sowie auch durch Vermeidung des Hinabblickens u. des Nachdenkens über die Möglichkeit des Fallens, dem S. auf Höhen vorgebeugt wird. Bei noch stärkerer Verlebendigung der Phantasie kann eine Höhe, welche gewöhnlich nur im Blick von oben herab schwindelnd erscheint, auch als eine solche beim Blick von unten hinauf, wie die einer steilen Felsenwand vom Ufer eines Flusses aus, sich darstellen, bes. wenn man einen Menschen auf einer solchen Höhe im Zustande der Möglichkeit des Hinabfallens erblickt u. sich selbst an dessen Stelle denkt. Der S. tritt aber häufig auch als Krankheitserscheinung, od. sie mehr begleitend, auf, bes. auch als Übergangszustand zu einem krankhaften Zustande, als eine wirkliche Krankheit; so ist der S. gewöhnlich ein Vorbote des Schlagflusses, der Ohnmacht etc. Daß aber der S. nicht in dem Sehorgan selbst seinen nächsten Grund hat, sondern in dem Gehirn, in wie fern dieses Gesichtsgegenstände aufnimmt u. auch in der Einbildungskraft wieder hervorruft, erhellt daraus, daß dem S. unterworfene Kranke auch mit zugemachten Augen u. in der Finsterniß, ja selbst liegend Vorstellungen haben, als ob äußere Gegenstände in Bewegung um sie wären u. sie selbst zu fallen wähnen. Ähnliche Zustände haben wohl auch Blinde, welche sich nur durch Tappen über die räumlichen Verhältnisse zu orientiren wissen. Geht aber der S. in noch höhere Zustände[690] von Verwirrung der Vorstellungen über, in welcher Weise er bes. seiner vollen Ausbildung im krankhaften Zustande sich darstellt, so begleiten ihn auch noch andere Erscheinungen, bes. widernatürliche Färbung einzelner Gegenstände, Verdoppelung derselben, dann Dunkelwerden u. völlige Verfinsterung der Gesichtsgegenstände; der Körper vermag sich dann durchaus nicht mehr im Gleichgewicht zu erhalten u. aus dem Schwanken wird ein Fallen. Im höchsten Grade geht dann der S. in Ohnmacht über, tritt aber auch wohl beim Erwachen aus dieser, vor Wiederkehr der völligen Besinnung, als Mittelzustand ein. Es begleiten ihn gleichzeitig Schwächezustände anderer Organe, bes. Ekel u. Erbrechen, welche Erscheinungen auch häufig bei Gesunden in Folge ungewohnter Bewegungen des Körpers eintreten, wie in der Seekrankheit (s.d.), beim Rückwärtsfahren. In so fern Trunkenheit, od. der Genuß narkotischer Mittel S. erregen, sind diese Einwirkungen Krankheitsreizen gleich zu achten, welche oft, wie z.B. Ansteckungsstoffe, indem sie eine Krankheit im Körper entzünden, auch S. erzeugen. In allen diesen Fällen wird das Gehirn auf eigene Art widernatürlich erregt, auf welche Art aber, bleibt dunkel. Als entferntere u. Gelegenheitsursachen sind namentlich außer den schon erwähnten zu nennen: betäubende Gerüche, unterdrückte Blutflüsse od. andere Aussonderungen, Hautausschläge u. Geschwüre, zu starke u. zu lange andauernde geistige Anstrengungen, übermäßiger Säfteverlust, Mangel an gewohnten Reizen, so S. von Hunger, örtliche Fehler im Gehirn. Ost ist der S. habituell u. dann sehr schwer zu beseitigen. Bei Behandlung des S-s sind die oben genannten Ursachen zu vermeiden od. zu beseitigen; beim habituellen S. kann man sich durch einen Trunk kaltes Wasser, durch Besprengen mit kaltem Wasser einige Erleichterung verschaffen. Stets aber darf man diesen Zufall nicht als ein leichtes Übel betrachten, weil er nicht selten der Vorbote des Schlagflusses ist. Auch die Betäubung, welche durch zu rasche Folge von Gehörvorstellungen entsteht, wenn nämlich empfindliche Personen ein starkes verworrenes Geräusch, bes. auch von grellen Tönen, aushalten müssen, kann man als einen S. betrachten; es tritt dieser Gehörschwindel wohl auch in Begleitung des Gesichtsschwindels ein.

Der falsche S. (Flimmern vor den Augen) ist eine bloße Täuschung des Gesichts ohne Verwirrung der Ideen u. ohne Verlust des Bewußtseins. Er besteht darin, daß ohne alle vorhergegangene merkbare Beschwerlichkeit, bei dazu geneigten Personen, gerade wenn sie am wohl sten sind, plötzlich in einem der beiden Augenwinkel eine sehr deutliche Empfindung von einer Spannung, verbunden mit einem Flimmern, entsteht, wobei alle Gegenstände, deren Strahlen von dieser Seite einfallen, in einer sehr schnellen, wie durch einen stets von oben nach unten u. vom äußeren nach dem inneren Augenwinkel hinziehenden, mit glänzendem Flimmern ganz durchwebten dunklen Flor gehenden Bewegung erscheinen. Der Zufall bleibt sich gleich, ob das Auge während desselben offen od. geschlossen ist. Die Dauer des Anfalls ist öfters nur einige Minuten, zuweilen aber auch mehre Stunden; oft folgt dem Zufall Übelsein, freiwilliges Erbrechen u. kurzes Unwohlsein. Die nächste Ursache des falschen S-s scheint eine alienirte Sensation der Sehnerven zu sein. Die Behandlung richtet sich nach den Ursachen, so müssen Störungen in der Function des Unterleibes baldigst beseitigt werden etc.

Auch bei Thieren kommt der S. vor u. ist dem Grade nach sehr verschieden; zuweilen zieht er blos ein Taumeln, ein Hin- u. Herwanken nach sich; zuweilen stellt er sich als ein fortwährendes Herumdrehen im Kreise dar, zuweilen folgt auch wirkliches Niederfallen. Wie beim Menschen liegen auch hier mancherlei Ursachen zum Grunde, durch einen Druck auf das Gehirn, durch den Genuß betäubender Gifte, abhängende Lage des Kopfes, von Vollblütigkeit, verhaltene Ausleerungen, Darmreiz, Blasenwürmer im Kopfe etc. Nach der Ursache richtet sich auch die Behandlung; oft sind Aderlaß, Abführmittel, Fontanellen etc. am Orte.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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