Anilin


Anilin

Anilin (Anilinum, Anil, Amidobenzol, Phenylamin) gehört zu den aromatischen Basen und besitzt die Zusammensetzung C6H5NH2. Es ist eine der wichtigsten und technisch bedeutendsten Verbindungen der organischen Chemie, da es das Ausgangsmaterial für die große Reihe der Anilinfarben (s. Farbstoffe, künstliche organische) bildet.

Das Anilin ist eine farblose, ölige Flüssigkeit von schwachem, nicht unangenehmem Geruch und von aromatisch-brennendem Geschmack. Spez. Gew. 1,020 bei 16°, Siedepunkt 184,5°. In ganz reinem Zustand erstarrt es in der Kälte und schmilzt bei – 8°. An der Luft färbt es sich unter allmählicher Verharzung braun; in Wasser ist es schwer, in Alkohol und Aether leicht löslich. In der Hitze verdrängt es das Ammoniak aus dessen Salzen, während in der Kälte die[200] umgekehrte Reaktion verläuft. Durch Chlorkalk wird eine Anilinlösung purpurviolett, ein Fichtenspan durch Befeuchten mit einer Anilinsalzlösung gelb gefärbt. Mit Kaliumdichromat und Schwefelsäure liefert das Anilin Hydrochinon und Chinon. Mit Kaliumpermanganat in alkalischer Lösung erhält man Azobenzol. Mit Säure verbindet sich das Anilin zu gut kristallisierenden Anilin- oder Phenylammoniumsalzen. Dieselben sind meist ungefärbte, in feuchtem Zustande rötlich bis violett gefärbte Verbindungen. Die Salze des Anilins erhält man durch Sättigung derselben mit der betreffenden Säure, z.B. salzsaures Anilin C6H5NH2HCl, schwefelsaures Anilin (C6H5ΝF2)2 H2SO4. Die wässerige Lösung der Anilinsalze färbt Fichtenholz und Holundermark intensiv gelb (Runge). Diese Eigenschaft benutzt man zum Nachweis des Holzschliffs im Papier. Durch Einwirkung von salpetriger Säure auf die Anilinsalze in wässeriger Lösung entstehen die entsprechenden Salze des Diazobenzols, z.B. C6H5N = NCl Diazobenzolchlorid; wirkt dagegen die salpetrige Säure auf freies Anilin in alkoholischer oder ätherischer Lösung, so entsteht Diazoamidobenzol C6H5N = NNH∙C6H5 (s. Diazoverbindungen). Das Anilin liefert zwei Reihen von Substitutionsprodukten. Die ersteren enthalten die Substituenten im Benzolkern, treten als Mono-, Bi- und Trisubstitutionsprodukte und in den verschiedenen Isomeren auf (s. Aromatische Verbindungen) und werden entweder durch direkte Substitution oder durch Reduktion der entsprechenden Nitroverbindungen gebildet (s.a. Aromatische Basen). Die letzteren entstehen durch Ersatz des Wasserstoffs der Amidogruppe durch Alkohol- bezw. Säureradikale. Man erhält sie durch Einwirkung der Alkylbromide oder Jodide, bezw. der Säurechloride oder -anhydride auf Anilin. Die durch Säureradikale substituierten Aniline sind die sogenannten Säureanilide, unter denen das Acetanilid oder Antifebrin das bekannteste ist. Von den Alkylsubstitutionsprodukten seien Methyl- und Dimethylanilin erwähnt, die zur Darstellung von Farbstoffen große technische Bedeutung besitzen:

C6H5 · NH · CH3 C6H5 · N(CH3)2

Methylanilin Dimethylanilin.

Anilin wird in größtem Maßstab durch Reduktion des Nitrobenzols mit Eisenfeile und Salzsäure (früher nahm man Essigsäure) gewonnen. Die Reduktion nimmt man in gußeisernen, mit Rührwerk versehenen Zylindern vor, indem man 100 Teile Nitrobenzol mit etwa der gleichen Gewichtsmenge Wasser übergießt und in das Gemisch allmählich 100 Teile Eisenfeile und 5–10 Teile roher Salzsäure einträgt. Diese geringe Menge Salzsäure reicht zur Reduktion aus, weil das zunächst gebildete Eisenchlorür als Reduktionsübertrager wirkt:

C6H5 · NO2 + 3Fe + 6HCl = C6H5 · NH2 + 3FeCl2 + 2H2O

C6H5 · NO2 + 2Fe + 4H2O = C6 H6 · ΝF2 + Fe2(OH)6.

Nach beendigter Reduktion fügt man Calciumhydroxyd zu und destilliert das gebildete Anilin mit gespanntem Dampf ab. Dieses Rohprodukt, Anilinöl, wird teilweise auf reines Anilin verarbeitet. Das Anilin dient zusammen mit Toluidin zur Darstellung der Anilin- oder Teerfarbstoffe.

Das Anilin wurde 1826 von Unverdorben durch trockene Destillation des Indigo zuerst erhalten und Krystallin genannt [2] wegen seiner gut kristallisierenden Salze. Runge fand dann 1834 im Steinkohlenöl eine flüchtige basische Verbindung, der er wegen ihrer blauen Färbung durch Chlorkalklösung den Namen Kyanol oder Blauöl beilegte [3]. Fritzsche nannte die von ihm aus dem Indigo durch Destillation mit Alkalien gewonnene Base Anilin – vom arabischen Wort anil, das Blaue, unter welcher Bezeichnung die Portugiesen den Indigo (ἴvδιxov = indische Farbe) in Europa einführten [4]. Schon Erdmann erkannte jedoch die Identität von Kyanol und Anilin. 2 Jahre später stellte Zinin das Anilin durch Reduktion des Nitrobenzols mit Schwefelammonium dar und nannte es Benzidam [5], das Fritzsche für identisch mit seinem Anilin erklärte. A.W. v. Hofmann stellte schließlich die Gleichheit aller dieser Verbindungen experimentell seit [6]. Die großen Verdienste dieses Forschers um die Entwicklung und den Ausbau der Anilin- und Anilinfarbentechnik sind hinlänglich bekannt.


Literatur: [1] Fischer, F., Handbuch der chemischen Technologie, Leipzig 1893, S. 614. – [2] Poggendorffs Annalen der Physik und Chemie, 8, 397. – [3] Ebend., 31, 65, 513; 32, 331 – [4] Journ. s. prakt. Chemie, 20, 453. – [5] Ebend., 27, 149. – [6] Annalen der Chemie, 47, 37.

Bujard.


http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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