Abfuhr [2]

Abfuhr. Die Frage der Verwertung und Unschädlichmachung des Mülls, die nach Lage der örtlichen Verhältnisse unter Beachtung der hygienischen Grundsätze zu lösen ist, hat neuerdings eine wesentliche Klärung in dem Sinne erfahren, daß für größere Städte der Kehrichtverbrennung aus hygienischen Gründen der Vorzug gegeben wird.

Die sanitären Bedenken gegen das Aufschütten von Niederungen mit der Müllmasse können indessen zurücktreten, wenn der Boden, auf dem das Müll auflagert, undurchlässig oder doch wirksam filtrierend ist, so daß Grundwasserverschlechterungen ausgeschlossen erscheinen, wenn ferner der Tagesanfall sofort mit Erde oder reinem Boden überdeckt wird und die Schüttung weit genug von der Stadt entfernt ist, außerdem die Schüttstelle als späteres Wohngebiet nicht in Betracht kommt, und Belästigungen für die Nachbarschaft durch die Abfuhr und das Ausladen des Mülls nicht in Frage stehen. In Leipzig ist z.B. der sogenannte Scherbelberg durch zweckentsprechende Lagerung des Mülls ohne Schädigungen und Belästigungen entstanden.

Die Kehrichtverbrennung hat in England weiterhin große Ausdehnung gewonnen; sie ist aber neuerdings auch in Deutschland, beispielsweise in Hamburg, Wiesbaden, Barmen, Kiel, Frankfurt a.M., Beuthen, Fürth, und in den andern kontinentalen Staaten, z.B. in Belgien (Brüssel), Oesterreich-Ungarn (Brunn, Fiume) und in der Schweiz (Zürich), in steigendem Maße eingeführt worden.

Die älteren englischen Systeme von Fryer und Horsfall sind durch die deutschen Systeme Dörr-Didier (Wiesbaden), Herbertz (Kiel, Frankfurt a.M.), Fried-Humboldt (Barmen, Fürth) und Casperson-Sperber-Uhde (zweite Verbrennungsanlage Hamburg) überholt worden [1], [3]–[5], [10]. Die einheitliche Vernichtung des Mülls durch die neueren Verbrennungssysteme hat sich aber nicht allein als die hygienisch beste, sondern für größere Städte in den meisten Fällen auch als die technisch und wirtschaftlich vorteilhafteste Müllbeseitigungsweise gezeigt. Die Kosten der immer entfernter von den Städten zu verlegenden Kehrichtlagerplätze, die immer höher werdenden Transportkosten, der steigende Widerstand von Nachbargemeinden gegen die Mülldurchfuhr und die Unterbringung des Mülls in ihren Gebieten ergeben Schwierigkeiten, die kaum anders als durch Verbrennung überwunden werden können. Die Kehrichtverbrennung wird daher von Jahr zu Jahr in allen größeren Städten festeren Fuß fassen (s. Kehrichtverbrennung). – Den neuesten Stand der Abfuhr in den deutschen Städten behandeln [2], [3], [7], [8]. Das Charlottenburger Dreiteilungssystem hat sich als verhältnismäßig teuer gezeigt. Das Verfahren ist aber noch nicht als völlig abgeschlossen zu betrachten, es wird mehr und mehr verbessert [3], [10].

Bei der Fäkalienabfuhr hat sich die Entleerung der Gruben durch die neuen Wegnerschen Explosionswagen als praktisch erwiesen, namentlich wenn es sich um kleinere Betriebe handelt [10]. Die Erfahrungen, die in den größeren Städten, so namentlich in Bremen, Dresden, Karlsruhe, Kiel, Leipzig, München, Stuttgart u.a. mit der Fäkalienabfuhr gemacht worden sind, haben diese Art der Fäkalbeseitigung, sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht als auch im Hinblick auf die große Annehmlichkeit des Wasserklosetts, dessen allgemeiner Einführung die Fäkalienabfuhr entgegensteht, als nicht mehr zeitgemäß erscheinen lassen, weshalb die genannten Städte, und wohl alle Städte, die inzwischen eine Kanalisation erhielten, zur Schwemmkanalisation übergingen.


Literatur: [1] Bote, L., Die städtische Verbrennungsanstalt zur Beseitigung des Hausmülls in Kiel, Kiel 1907. – [2] Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege, Bericht über die 31. Versammlung in Augsburg 1906, Braunschweig 1907. – [3] Dörr, Cl., Hausmüll und Straßenkehricht, Leipzig 1912. – [4] Fodor, E. de, Elektrizität aus Kehricht, Budapest 1911. – [5] Koschmieder, H., Die Müllbeseitigung, Hannover 1907. – [6] Kröhnke, Ueber Spülabortanlagen, Leipzig 1907. – [7] Niedner, F., Die Straßenreinigung in den deutschen Städten unter besonderer Berücksichtigung der Dresdner Straßenreinigung, Leipzig 1911. – [8] Thumm, K., Sonderkatalog für die Gruppe Städtereinigung, Hygieneausstellung Dresden 1911. – [9] Wolf, K., Hauskläranlagen, »Gesundheit«, Leipzig 1910. – [10] Abel, R., Handbuch der praktischen Hygiene, I. Bd., Abschn.: Beseitigung der Abfallstoffe von J. Brix, Jena 1913. – [11] Hoffmann, M., Latrine, Müll und Wasen, Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft Berlin, neueste Auflage. – Vgl. a. Imbeaux, Ed., Evacuation des Immondices liquides, Paris 1911. – Außerdem enthalten verschiedene Abhandlungen über »Abfuhr« die Zeitschriften: Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege, Braunschweig; »Gesundheit«, Leipzig; »Gesundheitsingenieur«, Berlin; Hygienische Rundschau, Berlin; Techn. Gemeindeblatt, Berlin; »Wasser und Abwasser«, Berlin; Zeitschr. f. Transportwesen u. Straßenbau, Berlin; Sanitary Record, London.

F. Brix.


http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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