Sprengstoffe [2]

Sprengstoffe. Zu den Bd. 8, S. 222 unter Gruppe I der einheitlichen Sprengstoffe aufgeführten Körpern ist die bedeutende und hochentwickelte Fabrikation von Trinitrotoluol (Trotyl) und auch von Tetranitromethylanilin (Tetryl), welche beide ausgedehnten Gebrauch als Sprengstoffe in Sprengkapseln (s. Initialzündung) und zur Füllung von Sprenggeschossen (Brisanzgranate) Verwendung finden, hinzugetreten. Der Schmelzpunkt des Trotyls liegt bei 82°, der des Tetryls bei 128°.

Der kolossale Bedarf an Sprengstoffen im Weltkriege, verbunden mit dem Mangel an sonst vom Ausland bezogenen Rohstoffen zur Herstellung derselben, wie besonders das Ausbleiben jeder Salpeterzufuhr, haben dazu geführt, eine große Reihe teils schon bekannter, aber bisher wenig eingeführter, teils ganz neuer Sprengstoffe heranzuziehen und ihre zweckmäßige Verwendung zu studieren. Ein großer Teil dieser Sprengstoffe wird Zweifellos bald wieder aus dem Verkehr verschwinden, sodaß von ihrer großen Zahl nur einige hier zu erwähnen sind, ohne auf die unendlichen Variationen näher einzugehen. – Dinitrophenol und Dinitronaphthalin werden als echte Sprengstoffe vielfach zu Granatfüllungen benutzt. Dinitrobenzol hat sich besonders als Geschoßfüllmittel bewährt; geschmolzen in die hohle Form gegossen, bildet sich beim Erstarren ein Trichter, welcher mit Trinitrotoluol ausgegossen wird. Tetranitroanisol konnte trotz seines hohen Herstellungspreises doch wegen seiner einfachen und gefahrlosen Fabrikation und ausgezeichneten Beständigkeit viel verwendet werden; es hat eine ganz bedeutende Sprengkraft bewiesen. – Hervorragende Wirkung auch unter Wasser als Füllmittel für Granaten und Torpedos von hoher Brisanz hat Hexanitrodiphenylamin gehabt, welches ebenfalls mit Trinitrotoluol (ca. 35%) gemischt als plastischer Teig in die Form eingedrückt wird, in welcher er dann steinhart wird. – 1, 2, 4 Dinitrophenol, desien Schlagempfindlichkeit zwischen Trinitrotoluol und Dinitrobenzol liegt, wurde ebenfalls vielfach mit gutem Erfolg, und zwar mit ca. 33% Pikrinsäure gemischt, zu Geschoßfüllungen verwandt. Speziell als Treibladung für Fliegerbomben in Verbindung mit Trotyl dienten Pikrylfulfid (Hexanitrodiphenylsulfid) und Hexanitrodiphenylsulfon, aus jenem durch Oxydation mittels Salpetersäure als sehr stabile, wenig schlagempfindliche bei 307° schmelzende kristallinische Substanz gewonnen. Die hervorragende Sprengwirkung dieser beiden Körper wird wirksam ergänzt durch die durch ihre Zersetzung hervorgerufene Gasvergiftung. An Stelle von Ekrasit wurden besonders in Oesterreich zu Granat- und Torpedofüllungen vielfach Ammonale verwendet, Gemenge von Ammonsalpetersprengstoffen mit 10–30% Aluminiumpulver, deren Brisanz ebenso wie ihre Schußsicherheit dadurch erhöht wird, ohne ihre Empfindlichkeit zu steigern. Als ein bisher wohl unübertroffener hochbrisanter Sprengstoff von größter militärischer Bedeutung im Weltkriege ist das bereits erwähnte Tetranitromethylanilin oder Tetryl erkannt worden. Dasselbe ist ein blaßgelbes, lockeres, seines Mehl, stark giftig, aber von hervorragender Testbeständigkeit. Nicht schußsicher und etwas schlagempfindlicher und leichter detonierbar als Pikrinsäure ist es in Mischung mit 30–40% Trinitrotoluol zu Geschoßladungen und besonders als Minen- und Torpedosprengstoff verwendet worden. – Voigt hat sich einen neuen Sprengsalpeter schützen lassen, welchen er durch Vermischen von Mononitrophenol- und Mononitrokresolsulfosäuren mit Chilesalpeter erhalten hat. Derselbe detoniert durch Zündschnur, brennt an der Luft langsam ab, entwickelt jedoch unter Besatz eine wesentlich höhere Kraft ohne die brisante zertrümmernde Wirkung verwandter Nitrosprengstoffe zu zeigen.

Eine Neuerung zur Herabsetzung des Gefrierpunktes der Gelatinedynamite besteht in der jetzt vorzugsweise vorgenommenen Zumischung von besonders Nitrotoluol, Dinitrotoluol und Dinitrobenzol, den flüssigen Kristallisationsabfällen bei der Fabrikation des Trinitrotoluols. – Das Gelatinetelsit genannte Schweizer Produkt ist praktisch bei anhaltendem Lagern bis –10° ungefrierbar, enthält ebenso wie der ähnliche Gamsit ca. 22% Nitroglyzerin und etwa 20% Dinitrotoluol; sie sind beide als Sicherheitssprengstoffe zum Bahntransport zugelassen. Als wettersichere Gelatinedynamite sind zu erwähnen Gelatinekarbonit und Nobeln mit 17–26% flammenlöschendem Kochsalz- und 40–45% Ammonsalpeterzusatz. – Den größten Erfolg und die meisten Aussichten für die Zukunft hat in letzter Zeit das Sprengluftverfahren gewonnen, durch welches die Verwendung flüssiger Luft so hervorragend ausgearbeitet worden ist, daß es dauernd konkurrenzfähig bleiben dürfte. Man unterscheidet zwei Verfahren, das Tauchverfahren, bei welchem die mit Ruß gefüllten Patronen in Webstoffsäckchen vor Ort in das Gefäß mit flüssiger Luft getaucht sofort in das Bohrloch eingeführt und abgeschossen werden, während bei dem nach seinem Erfinder Kowatsch genannten Kowastitverfahren die mit Ruß gefüllte Patrone in das Bohrloch eingeführt und dann erst mittels eines damit verbundenen Pappröhrchens mit der flüssigen Luft getränkt wird. Ruß hat sich nach vielen Versuchen als das zweckmäßigste Füllmittel erwiesen, weil er die größte Aufsaugefähigkeit besitzt und infolge seiner großen Explosionswärme auch die beste Explosionswirkung hat. Auch hält er den O der flüssigen Luft stärker zurück als den N, so daß die Patronen bei den durch den Verdünstungsprozeß unvermeidlichen Verlusten an Gas durch die relative Erhöhung ihres O-Gehaltes noch wirksamer werden. Eine gut gezündete Oxyliquitpatrone ist praktisch einer gleichschweren Dynamitpatrone ebenbürtig.

Prüfungsmethoden für Sprengstoffe. – Die Trauzlsche Bleiblockprobe zur vergleichsweisen Bestimmung der Sprengwirkung verschiedener Sprengstoffe besteht in dem Messen der Ausbauchung innerhalb eines zylindrischen Bleiblocks. Die Stauchprobe mißt die Stoßwirkung von Sprengstoffen auf Weichmetallzylinder bei freier Detonation auf die Unterlage. Die Fallhammerprobe zur Prüfung der Handhabungssicherheit ist bestimmend für die Zulässigkeit des betreffenden Sprengstoffes zum freien oder beschränkten Bahntransport. Hierfür sind von der Bahn noch folgende vier Punkte vorgeschrieben: die Reibungsprobe, die Beschußprobe, die Verpuffungsprobe, das Verhalten gegen direkte Zündung. – S.a. Bohr- und Sprengarbeit.


[595] Literatur: Stettbacher, Die Schieß- und Sprengstoffe, Leipzig 1919. – Voigt, Die Herstellung der Sprengstoffe, Halle a. d. S. 1914. – Zeitschr. für das gesamte Schieß- und Sprengstoffwesen, Jahrg. 1912–1914, 1916, 1917.

E. Meyer.


http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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