Nichiren


Nichiren
Nichiren, im Regen betend; Darstellung von Kuniyoshi (1798-1861)
Nichiren (1885); Holzschnitt von Yoshitoshi (1839-1892)

Nichiren (jap. 日蓮 dt. Sonnenlotus; * 16. Februar 1222; † 13. Oktober 1282) war ein japanischer buddhistischer Reformer. Das Geburtsdatum 16. Februar 1222 bezieht sich auf den damals in Japan gültigen Mondkalender. Dies entspricht dem 30. März 1222 unserer Zeitrechnung[1].

Inhaltsverzeichnis

Geburt und Erziehung

Nichiren wurde im Dorf Kominato in der Provinz Awa, der heutigen Präfektur Chiba, geboren. An seinem Geburtsort wurde zu seinen Ehren später der Tanjō-ji-Tempel errichtet, der heutige Tempel liegt aufgrund von Veränderungen im Küstenverlauf etwas von seinem Geburtsort entfernt. Im Alter von zwölf Jahren, noch den Namen Zennichimaro tragend, verließ er sein Elternhaus, um am nahe gelegenen Seichō-ji-Tempel der Tendai-Schule eine buddhistische Ausbildung zu erhalten.

Wie er später schrieb, beschäftigte ihn in seiner ganzen Jugend die Frage nach dem Sinn des Lebens: „Seit meiner Kindheit habe ich Buddhismus mit einem einzigen Gedanken im Sinn studiert. Ein Mensch stößt seinen letzten Atem aus ohne die Hoffnung, einen weiteren Atemzug zu tun. Nicht einmal der Tau, getragen vom Wind, reicht aus, diese Vergänglichkeit zu beschreiben. Niemand, weise oder närrisch, jung oder alt, kann dem Tod entrinnen. Daher war es mein einziger Wunsch, dieses ewige Geheimnis zu lüften. Alles andere war zweitrangig.“ Während seines Studiums tauchten in ihm viele Fragen auf, vor allem angesichts der verwirrenden Vielfalt buddhistischer Schulen und der Widersprüche im buddhistischen Kanon. So betete er der Legende nach im Alter von zwölf Jahren vor einer Statue des Bodhisattwa Kokuso (Akashagarbha), mit dem Wunsch der „weiseste Mann Japans“ zu werden.

Als er fünfzehn Jahre alt wurde (bzw. sechzehn je nach Quelle), entschloss er sich zur Priesterweihe und nahm den religiösen Namen Zeshō-bō Renchō (übersetzt: „glänzende Sonne“) an. Kurz darauf begab er sich auf eine Studienreise nach Kamakura, dem damaligen Regierungssitz, und dann weiter nach Kyoto und anderen Städten, um sich mit allen wichtigsten Lehren seiner Zeit auseinander zusetzen. In diesem zehnjährigen Studium gelangte er zu der Überzeugung, dass sich seiner Meinung nach der wesentliche Kern des Buddhismus im Lotos-Sutra wiederfindet[2].

Verkündung seiner Lehre und Konflikte mit dem Staat

Zu Beginn des Jahres 1253 kehrte er zum Seicho-ji zurück und bereitete die Verkündung seiner Lehre vor. Am Morgen des 28. April 1253 rezitierte er zum ersten Mal auf einem nahe gelegenem Berg das Mantra „Nam(u)-Myoho-Renge-Kyo“ (auch Daimoku oder Odaimoku genannt) und verkündete darauf seine Lehre im Hof des Tempels. Er nannte sich fortan Nichiren. Dieses Ereignis ist auch als die „Rikkyo Kaishu-Deklaration“ bekannt.

Kurz darauf ging er in die damalige Hauptstadt Japans, Kamakura, um dort das Lotos-Sutra zu predigen. Das Japan des 13. Jahrhunderts war eine unruhige Zeit, geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen innerhalb der regierenden Herrscherfamilien wie auch der ständigen Bedrohung durch eine Invasion der Mongolen. Naturkatastrophen und Hungersnöte machten das Leben der Menschen nicht einfacher. Für Nichiren lagen diese katastrophalen Ereignisse darin begründet, dass sich Regierung wie auch Teile der Bevölkerung auf buddhistischen Lehren beriefen, die der Welt abgewandt schienen und auf ein besseres Leben im Jenseits vertrösteten.

Am 16. Juli 1260 legte Nichiren schließlich dem damals mächtigsten Mann des Landes, Hojo Tokiyori (einem ehemaligen Regenten des Kamakura-Shogunats), eine Schrift mit dem Titel „Rissho Ankoku Ron“ (Über die Sicherung des Friedens im Lande durch die Verbreitung des Wahren Gesetzes) vor. In dieser Schrift machte Nichiren das Festhalten an seiner Ansicht nach abergläubischen religiösen Ausübungen für die Lage Japans verantwortlich und hob dagegen die Wichtigkeit des Lotos-Sutra und Shakyamuni Buddhas hervor. Diese Schrift, welche in einer Dialogform zwischen Gast und Gastgeber abgefasst wurde, stellt bis zum heutigen Tag einen der Kernpunkte der Lehren des heutigen Nichiren-Buddhismus dar. Dennoch sollte an dieser Stelle klargestellt werden, dass die „Rissho Ankoku Ron“ im feudalistischen Japan geschrieben wurde. Die Kritik an Religion und Politik ist im Rahmen des 13. Jahrhunderts zu verstehen. Im Kern verweist Nichiren darauf, dass das Lotos-Sutra die Würde des menschlichen Lebens unterstreicht und dies, wie von Shakyamuni Buddha gelehrt, Ausgangspunkt allen Handelns sein sollte.

Einige Schulen des Nichiren-Buddhismus, vor allem diejenigen die in der Tradition der Nichiren-Shōshū stehen, sehen auch heute noch in der „Rissho Angoku Ron“ eine Begründung für ihre weiterhin unnachgiebige Haltung gegenüber anderen (buddhistischen) Glaubensbekenntnissen. Den Inhalt dieser Schrift im Hinblick auf andere buddhistische Traditionen wortwörtlich in unsere Zeit zu übertragen, wird von Schulen wie der Nichiren-Shū kritisch hinterfragt[3].

Nichiren predigte seine Lehre weiter und scharte eine große Zahl Anhänger um sich, was den Unmut der Regierung und religiöser Autoritäten hervorrief. Eine Folge davon waren die teilweise gewalttätige Verfolgung seiner Anhänger zu seinen Lebzeiten und auch danach wie zum Beispiel in Matsubagayatsu, Komatsubara und Tatsunokuchi. Er selbst wurde auf die Halbinsel Izu und später für drei Jahre auf die Insel Sado verbannt. Er verfasste jedoch weitere Schriften, auch solche die an die Regierung gerichtet waren. Seine Anhänger ermutigte er mit Briefen, die bis zum heutigen Tag in großer Anzahl erhalten geblieben sind und als Gosho oder Goibun bezeichnet werden. Mit zu den wichtigsten Schriften gehören die „Kaimoku Sho“ (Das Öffnen der Augen) und die „Kanjin No Honzon Sho“ (Das Objekt der Hingabe). Die letztere Schrift dient als theoretische Grundlage für Nichirens kalligraphisches Mandala, den Gohonzon. Ab dem Jahr 1272 begann er damit, diese Mandalas für einige seiner Anhänger anzufertigen. Ein Beispiel hierfür ist der in der Nichren Shu verwendete sog. Shutei Gohonzon [1], der auf einer Vorlage Nichirens basiert.

Die letzten Jahre auf dem Berg Minobu

Im Jahr 1274 zog sich Nichiren auf den Berg Minobu zurück, der für die letzten acht Jahre seines Lebens der Ort seines selbstauferlegten Exils wurde und wo er im Jahre 1281 den Kuon-ji Tempel gründete. Hier fasste er seine Lehren weiter zusammen und verfasste unter anderem Schriften wie die „Senji Sho“ (Die Wahl der Zeit). In seinem 61. Lebensjahr wurde sein Gesundheitszustand zunehmend schlechter. Im September 1282 verließ er den Berg Minobu für eine Kur an der heißen Quelle in Hitachi. Auf dem Weg dorthin verschlechterte sich sein Zustand so sehr, dass er in der Residenz der Brüder Ikegami im Gebiet des heutigen Tokyo Halt machen musste, an dieser Stelle befindet sich heute der Ikegami Honmon-ji Tempel. Dort verstarb er schließlich im Kreise seiner Anhänger am frühen Morgen des 13. Oktober 1282. Hier wurde Nichiren schließlich auch eingeäschert und seinem Wunsch gemäß wurden seine Überreste nach Kuon-ji überführt.

Entwicklung nach Nichirens Tod

Es muss erwähnt werden, dass Nichiren selbst nachweislich keine eigene Schule gründete und nach heutigem Kenntnisstand seine Zugehörigkeit zur Tendai-Schule nie niederlegte. Einige Zeit nach Nichirens Tod zeigten sich jedoch Unstimmigkeiten unter seinen Schülern. Zur Formierung von verschiedenen offiziellen Schulen innerhalb des Nichiren-Buddhismus kam es jedoch erst ab dem 19. Jahrhundert[4]. Die beiden großen traditionellen Schulen sind:

  • Die Nichiren-shū (jap.日蓮宗, dt. Nichiren-Schule), in der Nichiren als Verkörperung des Bodhisattva Jōgyō verehrt wird, bestehend aus Tempeln, welche sich auf die Nichiren-Schüler Nisshō, Nichirō, Nikō, Nichiji, Nikkō und Nitchō berufen.
  • Die Nichiren-Shōshū (jap.:日蓮正宗, dt. Wahre Nichiren-Schule), deren Tempel sich alleinig auf den Nichiren-Schüler Nikkō berufen und auch als Fuji-Schule bekannt wurde.

Im 20. Jahrhundert entstanden zahlreiche neureligiöse Gruppierungen, japanisch auch Shinshukyo genannt, welche sich auf Nichirens Lehren berufen. Die bekanntesten hierbei sind:

Namen und Titel in der Literatur

In der Literatur wird meist von Nichiren Shōnin (jap.:日蓮上人) und Nichiren Daishōnin (jap.:日蓮大聖人) gesprochen - letzterer Name wird vor allem in den Schulen verwendet, die sich auf den Nichiren-Schüler Nikkō berufen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Namen ist, dass Shōnin mit "Weiser" oder "Heilger" übersetzt werden könnte, während Daishōnin mit "großer Weiser" übersetzt werden könnte und somit ein Steigerung darstellt.

Im Jahre 1322 verlieh der japanische Kaiserhof ihm den Titel Nichiren Daibosatsu (jap.:日蓮大菩薩; "Großer Bodhisattva Nichiren") und 1922 den Titel Risshō Daishi (jap.:立正大師; "Großer Lehrer Risshō).

Literatur

  • Original Enlightenment and the Transformation of Medieval Japanese Buddhism, Jacqueline I. Stone, University of Hawai'i Press (30 Jun 2003), ISBN 0-8248-2771-6

Einzelnachweise

  1. Nichiren - Ausübender des Lotos-Sutra, Yukio Matsudo, Books on Demand, 2009, S.49
  2. J.A. Christensen: 'Nichiren - Leader Of Buddhist Reformation In Japan', Jain Publishing Company 2001, ISBN 0-87573-086-8
  3. Rissho Ankoku Ron: Kommentierte Version eines Priesters der Nichiren-shū, englisch
  4. Fire in The Lotus, Daniel B. Montgomery, Mandala 1991, 1991, S. 138-180

Weblinks


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