Niebelungen


Niebelungen
Dieser Artikel handelt nur vom mittelhochdeutschen Nibelungenlied. Mit der Vorgeschichte des Stoffes, den verwandten nordeuropäischen Erzählfassungen und ihren Beziehungen untereinander befasst sich der Artikel Nibelungensage.
Erste Seite der Handschrift C des Nibelungenlieds (um 1220–1250)
Darstellung von Siegfrieds Ermordung aus der Handschrift K des Nibelungenlieds (1480–90)

Das Nibelungenlied ist ein mittelalterliches Heldenepos und wird, seit um 1800 der Begriff Nationalepos entstand, oft als ‚Nationalepos der Deutschen‘ bezeichnet. Es entstand zu Beginn des 13. Jahrhunderts und wurde in der damaligen Volkssprache Mittelhochdeutsch geschrieben. Der Titel, unter dem es seit seiner Wiederentdeckung Mitte des 18. Jahrhunderts bekannt ist, leitet sich von der Schlusszeile in einer der beiden Haupttextfassungen, *C, ab: hie hât daz mære ein ende: daz ist der Nibelunge liet („hier hat die Geschichte ein Ende: das ist das Lied von den Nibelungen‘“). Allerdings ist „liet“ im Mittelhochdeutschen nicht als „Lied“ in unserem Sinne zu verstehen, sondern kann „Strophen“ oder „Epos“ bedeuten. Die dem (verlorenen) Original näher stehende Fassung *B (Haupthandschrift in St. Gallen) endet diz ist der Nibelunge NOT. Angehängt an das Nibelungenlied ist in den mittelalterlichen Handschriften eine formal eigenständige Erzählung, die das Geschehen fortzusetzen und zu rekapitulieren scheint, die „Klage“.

Inhaltsverzeichnis

Der historische Kern

Das Nibelungenlied ist die wichtigste hochmittelalterliche deutsche Ausformung der Nibelungensage, deren Ursprünge bis in das heroische Zeitalter der germanischen Völkerwanderung zurückreichen. Ein historischer Kern oder Anknüpfungspunkt der Sage ist die Zerschlagung des Burgunderreiches im Raum von Worms in der Spätantike (um 436) durch den römischen Heermeister Aëtius mit Hilfe hunnischer Hilfstruppen.

Weitere historische Ereignisse, die hier vermutlich eine Rolle spielen, sind die Hochzeit zwischen Attila und der wahrscheinlich germanischen Fürstentochter Ildikó (453), sowie nach Meinung mancher auch der Streit im Haus der Merowinger zwischen Brunichild und Fredegunde. Vergleiche dazu den Artikel Nibelungensage.

Überlieferung

Der Text des Nibelungenlieds ist in zirka 35 (großteils nur fragmentarisch erhaltenen) deutschen Handschriften und einer niederländischen Umarbeitung erhalten (darunter zwei Handschriften, die nur die „Klage“ enthalten, und ein Aventürenverzeichnis). Die Handschriften wurden vorwiegend im südlichen Teil des deutschen Sprachgebietes (Schweiz, Vorarlberg, Tirol) gefunden. Die drei ältesten vollständigen Textzeugen (Haupthandschriften) bezeichnete Karl Lachmann mit Buchstaben (Siglen) folgendermaßen:

Diese drei Manuskripte gelten gleichzeitig als Hauptvertreter dreier verschiedener Textfassungen, deren Verhältnis zueinander bis heute weitgehend ungeklärt ist. Die autornächste Fassung ist zweifellos B. Neben den drei Hauptüberlieferungssträngen (A, B und C) wird man auch von einer breiten mündlichen Tradition ausgehen müssen, deren Rückwirkung auf die schriftlichen Fassungen jedoch schwer einzuschätzen ist.

Weiterhin gruppiert man die Handschriften bzw. ihre Textfassungen nach dem letzten Vers des Textes. So enden Handschrift A und B mit dem Text: „daz ist der Nibelunge not“ („das ist der Untergang der Nibelungen“). Diese Texte werden darum als ‚Not-Fassung‘ bezeichnet. Die Handschrift C allerdings endet auf „daz ist der Nibelunge liet“ („das ist das Lied/Epos von den Nibelungen“). Dieser Text wird darum „Lied-Fassung“ genannt. Der C-Text ist eine Bearbeitung mit Rücksicht auf das Publikum und mildert vor allem die Tragik. Dadurch wurde er beliebter, obwohl, zumindest für heutiges ästhetisches Empfinden, der B-Text die größere künstlerische Leistung darstellt. Es gibt mehrere Handschriften, die nahezu denselben Text bieten wie C; man fasst sie daher unter der Gruppenbezeichnung *C zusammen. Einige, allerdings weniger, Handschriften bieten nahezu denselben Text wie B; diese Gruppe nennt man *B. Die Handschrift A bietet über weite Strecken den Text sehr ähnlich wie B, aber anscheinend weniger sorgfältig geschrieben; gehört daher zur Gruppe *B. In einigen Partien, vor allem des ersten Teils, unter anderem bei Kriemhilds Falkentraum, bei der ersten Begegnung zwischen Kriemhild und Siegfried und bei der Erklärung von Siegfrieds Königsrang und seiner Motivation der Hilfe für Gunther bei der Werbung um Brünhild, hat A einen anderen, stellenweise kürzeren, Text, der den Eindruck macht, älter zu sein als *B. Karl Lachmann hatte A für die älteste Version gehalten und ihr deshalb diese Sigle gegeben; einige Passagen sind jedoch zweifelsfrei sekundäre Veränderungen des *B-Textes oder sogar Übernahmen aus *C. Eine Lösung dieses Widerspruchs könnte sein, dass bei der Anfertigung von A zwei verschiedene Vorlagen benutzt wurden, deren eine auf eine ältere Fassung als *B zurückgeht, vielleicht auf eine Vorstufe des Nibelungenlieds, die man *A nennen könnte, während die andere, die für den Großteil von A als Vorlage diente, eine schlechtere Handschrift der *B-Gruppe war.

Verfasser und Entstehung

Der Verfasser des Nibelungenliedes nennt sich im Text nicht. Dies entspricht der Gattungskonvention der Heldenepik, die nicht die literarische Eigenleistung eines Dichters akzentuiert, sondern die Verwurzelung des Erzählstoffes in der mündlichen Überlieferung (Erzählungen)(altiu maere, „Sagen“) hervorhebt.

Offensichtlich ist das Werk aber eine geschlossene Dichtung eines einzigen Autors, das auf schriftlich vorliegende Werke Bezug nimmt und als Original vom Dichter selbst (oder nach seinem Diktat) niedergeschrieben wurde. Deshalb wird heutzutage nur mehr selten bezweifelt, dass es eine „Originalfassung“ (und damit einen einzigen „Autor“) gegeben hat. Die These, dass es sich eher um einen Redaktor oder gar nur um einen oder mehrere begnadete Rezitatoren von älteren, mündlich überlieferten Stoffen handele, gilt als weitgehend überholt. Allerdings enthalten die einzelnen Handschriften größere oder kleinere Änderungen und Zusätze von Bearbeitern. Die Handschrift „B“ scheint solche Änderungen nur in geringem Ausmaß zu enthalten, während vor allem „C“ eine starke Umarbeitung mit anderer Aussage und anderem Gestaltungswillen darstellt. Die Handschrift „A“ benutzt für einige Passagen des ersten Teils eine vielleicht noch ältere Fassung, die eine ‚Vorfassung‘ des Nibelungenlieds gewesen sein könnte.

Die Entstehung des Textes lässt sich durch in ihm vorausgesetzte politische Strukturen und durch Bezüge zur zeitgenössischen Dichtung auf die Jahre 1180 bis 1210 (und damit auf die „Blütezeit“ der mittelhochdeutschen Literatur) eindeutig eingrenzen; Indizien gibt es für eine Entstehung knapp vor 1204.

Genauere Ortskenntnis des Verfassers, ein Übergewicht der frühen Überlieferung im südostdeutsch-österreichischen Raum und die augenfällige Hervorhebung des Bischofs von Passau als handelnde Figur machen das Gebiet zwischen Passau und Wien als Entstehungsort wahrscheinlich, insbesondere den Hof des als Mäzen bekannten Bischofs von Passau, Wolfger von Erla (Bischof in Passau 1191–1204).

Wolfger ist für die Datierung mittelhochdeutscher Literatur von großer Bedeutung, weil sich in seinen Reiserechnungen mit dem Datum 12. November 1203 eine Notiz findet, dass dem cantor („Spielmann“) Walther von der Vogelweide Geld für einen Pelzmantel ausgezahlt wurde. Diese Notiz stellt den einzigen außerliterarischen Nachweis für die Existenz dieses Dichters dar und ist damit ein wichtiges Indiz zur zeitlichen Einordnung der mittelhochdeutschen Dichtung, die größtenteils ohne Jahres- und Verfasserangaben überliefert ist.

Meist geht man heute davon aus, dass der Dichter des Nibelungenliedes ein sowohl geistlich wie literarisch gebildeter Mann im Umkreis des Passauer Bischofshofs war und dass sein Publikum ebenfalls dort unter den Klerikern, Nonnen, Kaufleuten und adligen Laien zu suchen ist.

In einer Art Anhang zum Nibelungenlied, der Nibelungenklage, wird auch von der Entstehung der Dichtung erzählt. Diesen für die Heldenepik topischen Angaben ist daran gelegen, den Inhalt der Sage als „wirklich geschehen“ auszuweisen und die erste Aufzeichnung noch in die Lebenszeit der Protagonisten zu verlegen. Ein „Meister Konrad“ wird genannt, den der Bischof „Pilgrim“ von Passau als Augenzeuge der Geschehnisse mit der Niederschrift beauftragt habe.

Man nimmt an, dass dies einen ehrenden Verweis auf einen Amtsvorgänger des mutmaßlichen Förderers Wolfger darstellt, den heiligen Bischof Pilgrim von Passau (971–991). Da sich die politische Situation der Ungarnkriege des 10. Jahrhunderts und die wichtige Rolle Passaus bei der Christianisierung Ungarns unter Pilgrim im Nibelungenlied spiegelt, haben dem Dichter vermutlich schriftliche Aufzeichnungen aus der Zeit Pilgrims vorgelegen. Ob mit „Meister Konrad“ tatsächlich der Autor einer Quelle aus der Zeit Pilgrims gemeint ist oder der Autor des Nibelungenliedes oder der Autor der „Klage“ sich hinter dieser Nennung verbirgt, ist ungewiss. Der Name „Konrad“ kann außerdem nicht auf die Spur einer bestimmten Person führen, da es der zweithäufigste Name (nach Heinrich) im deutschen Mittelalter war. Versuche, einen irgendwo genannten „Konrad“ als Autor eines dieser Werke nachzuweisen, sind daher haltlos.

Suche nach einem Verfasser

Vor allem populärwissenschaftliche und heimatgeschichtliche Forschungen haben im Laufe der Zeit das Nibelungenlied an nahezu jeden zwischen 1180 und 1230 im bairisch-österreichischen Raum bezeugten Literaten anknüpfen wollen. Auch heute werden regelmäßig Namen aufs Tapet gebracht. Ausnahmslos handelt es sich dabei um methodisch fragwürdige Außenseiterthesen, die sich der Diskussion in anerkannten Fachzeitschriften nicht stellen. Dazu gehören:

  • Der Kürenberger (Der Kürnberger Wald liegt bei Linz, Oberösterreich), in dessen Strophenform das Nibelungenlied geschrieben ist, und auf dessen „Falkenlied“ auch der Falkentraum Kriemhilds verweist. Der Kürenberger wird aber von den meisten Forschern zu früh für das Nibelungenlied datiert.
  • Walther von der Vogelweide. Auf ihn treffen viele für den Dichter des Nibelungenliedes geforderte Charakteristika zu: starke Anteile gemeinsamen Wortschatzes, die aber wohl aus der gemeinsamen räumlichen Herkunft (österreichischer Donauraum) zu erklären sind; Gönnerschaft Bischof Wolfgers von Passau. In wesentlichen Punkten der Weltsicht unterscheidet sich aber das Nibelungenlied von Walther stark.
  • Bligger von Steinach
  • Konrad von Fußesbrunnen (Feuersbrunn, Niederösterreich), urkundlich um 1182 bezeugt. Er ist Autor des in 3.000 Reimpaarversen verfassten Werkes „Die Kindheit Jesu“ und wirkte in Passau.[1] Sein Stil hat aber nichts mit dem des Nibelungenliedes gemeinsam.
  • eine unbekannte Niedernburger Nonne. Die Erwähnung eines Klosters in Passau, neben dem Passauer Bischof und den Kaufleuten der Stadt, führte zu der Vermutung, mit diesem Kloster sei das Frauenkloster Passau-Niedernburg gemeint[2] (tatsächlich gab es auch ein dem Bischofssitz angeschlossenes Männerkloster). Die Nennung des Klosters im Nibelungenlied ist aber am besten so zu erklären, dass die Insassen zum Publikum des Autors bei einem Vortrag gehörten und als Gönner und Mäzene verewigt wurden; nicht so, dass sich der Autor (oder die Autorin) unter ihnen befunden hätte. Gleiches gilt für die Kaufleute. Bischof Wolfger von Passau war wohl der Haupt-Mäzen, der die Arbeit sicherlich einem erfahrenen und gleichzeitig literarisch gebildeten und schriftkundigen Sänger von Heldenliedern anvertraute.

Die drei letztgenannten „Verfasser“theorien (Bligger von Steinach, Konrad von Fußesbrunnen und die Niedernburger Nonne) werden von den meisten Fachgermanisten als kaum diskussionswürdig angesehen.

Form und Sprache

Das Nibelungenlied ist in sangbaren vierzeiligen Strophen gedichtet (heute als Nibelungenstrophe bezeichnet), deren Melodie sich jedoch nicht rekonstruieren lässt. Diese metrische Form ist ein Charakteristikum der Heldenepik (vergleiche das Kudrun-Epos eines unbekannten Dichters und die Dietrichepik); tritt aber schon vor dem Nibelungenlied in der Lyrik auf, beispielsweise beim „Kürenberger“. Sangbare (das heißt nicht unbedingt: gesungene) Strophenepik unterscheidet sich deutlich von der zeitgleichen höfischen Erzählliteratur, vor allem dem Antiken- und Artusroman, die fast ohne Ausnahme in (gesprochenen) Reimpaarversen gehalten ist. In dieser Hinsicht war das Nibelungenlied „archaischer“ als die „moderne“ Ritterliteratur eines Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach (der sich in seinem ‚Titurel‘ allerdings auch in strophischer Epik versuchte) und Gottfried von Straßburg.

Die etwa 2.400 Strophen des Nibelungenlieds sind in 39 âventiuren (sprich: Aventüren) untergliedert, kapitelartige Erzähleinheiten von variabler Länge, die in den meisten Handschriften Überschriften tragen. Diese Überschriften und die Bezeichnung der Abschnitte als ‚Aventüren‘ gehen jedoch nicht auf den Autor zurück, da jede Handschrift andere Titel setzt, diese also unabhängig von einander sind, und die dem Original am nächsten stehende St. Galler Handschrift nur Absätze zwischen den Abschnitten macht, ohne Titel.

An der Sprache und Erzählhaltung des Nibelungenliedes lässt sich ein zweifaches Dilemma ablesen: Nicht nur die Kluft zwischen mündlicher Improvisationstradition und Literarisierung (Mündlichkeit gegenüber Schriftlichkeit) wollte überbrückt sein; daneben war auch die auf völkerwanderungszeitliche (pseudo-)historische Sagenstoffe zurückgehende Tradition in ein christlich-hochadelig-höfisches Umfeld zu adaptieren.

Der Kern der Nibelungensage muss 700 Jahre lang durch Epensänger mündlich tradiert worden sein. Wie diese mündliche Tradition ausgesehen haben könnte, ist weitgehend unbekannt. Die ‚Improvisationstheorie‘ wurde nur in Anlehnung an die Vortragsweise der Guzlaren am Balkan gebildet; im germanischen Raum ist nichts Ähnliches belegt. Was wir besitzen, ist eine Aufzählung beim Publikum beliebter Stoffe in einer Strophe des Marners, eines Fahrenden aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, der beklagt, dass die Leute lieber von Siegfrieds Tod, dem Verrat Kriemhilds an ihren Brüdern, dem Nibelungenhort (und einigen anderen Heldensagen, die nicht dem Nibelungenkreis angehören) hören, als von seinen gelehrten Liedern. Das scheinen kürzere Teilepisoden der Sage gewesen zu sein.

Dabei entstanden unzählige Varianten der Geschichte; verschiedene Sagenkreise wurden aneinandergeknüpft, Figuren wechselten ihre Rolle und weiteres. Kein Wille eines Autors konnte den Stoff fixieren. Vor 1200 hatte man anscheinend noch nie eine Umsetzung dieser Sage in eine buchliterarische Form versucht.

So weist das Nibelungenlied – als Erstling einer neuen literarischen Tradition – sowohl (inhaltliche) Spuren seiner „autorlosen“ Vorgeschichte wie (sprachliche) Spuren der Dichtersprache der mündlichen Erzählkunst auf; aber zugleich zeigt es Züge des „großen“ antik-historischen Buchepos, an denen sich der Verschriftlichungsprozess sicherlich orientierte.

Die bekannte Eingangsstrophe ist ein wohl erst später, von der Fassung „C“, eingefügter einleitender Zusatz:[3]

Uns ist in alten mæren   wunders vil geseit
von helden lobebæren,   von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten,   von weinen und von klagen,
von küener recken strîten   muget ir nû wunder hœren sagen.

Uns wird in alten Erzählungen viel Wunderbares berichtet,
von rühmenswerten Helden, großer Kampfesmühe,
von Freuden, Festen, von Weinen und von Klagen;
von den Kämpfen kühner Helden könnt ihr nun Wunderbares erzählen hören.

mære ‚Nachricht; Erzählung‘ – wunders vil ‚viel des Wunderbaren‘ = ‚viel Wunderbares‘ – lobebære ‚rühmenswert‘ (wörtlich: ‚lobbar‘) – arebeit ‚Mühe‘ (jede Art von Anstrengung, nicht nur Arbeit; für Helden insbesondere der Kampf) – hôchgezît ‚Fest‘ – küene ‚kühn; mutig‘ – recke ‚Krieger; Held‘ – strît ‚Streit; Kampf‘ – 'mugen ‚können‘ – ‚nun; jetzt‘ – sagen ‚sagen; erzählen‘

Das Original begann sicher, wie die Handschrift „B“, mit der Vorstellung Kriemhilds:

Ez wuohs in Burgonden      ein vil edel magedîn,

daz in allen landen      niht schoeners möhte sîn,
Kriemhild geheizen.      Si wart ein schoene wîp.
dar umbe muosen degene      vil verliesen den lîp.

Es wuchs im Burgundenland eine Prinzessin auf
[wörtlich: ein sehr adliges Mädchen]
so schön, dass es auf der ganzen Welt nichts Schöneres geben könnte,
Kriemhild genannt. Sie wurde eine schöne Frau.
Deswegen mussten viele Helden das Leben verlieren.

in allen landen wörtlich: ‚in allen Landen‘; frei: ‚auf der ganzen Welt‘ – möhte ‚könnte‘ – sîn ‚sein‘ – wart ‚wurde‘ – wîp ‚Frau‘; nicht ‚Weib‘ – degen ‚Krieger‘ – verliesen ‚verlieren‘ – lîp wörtlich ‚Leib‘; hier ‚Leben‘

Viele berühmte Szenen der Sage, wie der Drachenkampf Jung-Siegfrieds etwa, tauchen im Nibelungenlied nur in Form von Erwähnungen auf; die ganze Vorgeschichte wird entweder als bekannt vorausgesetzt oder, wahrscheinlicher, zu Gunsten Kriemhilds als Hauptfigur reduziert. Das Lied ist stilistisch von den Ansprüchen des mündlichen Vortrags geprägt, denn Alltagssprache und höfische Sprache mischen sich ebenso, wie bereits damals schon historisches Vokabular und zeitgenössische Begriffe des frühen dreizehnten Jahrhunderts.

Kunstvoller literarischer Ton und komplizierte Konstruktionen wechseln mit formelhaften Formulierungen und einfachen, fast distanzierten Schilderungen durch den Erzähler, der sich selbst nur an wenigen Stellen des Werks erwähnt.

Sozialstruktur

Die literarische Version der Zeit um 1200 thematisiert anhand der Personen unterschiedliche Konzepte feudaler Gesellschaft: Siegfried verkörpert einen Herrschertyp, dessen Herrschaft auf körperlicher Stärke beruht, aber auch auf ererbtem königlichem Rang und der Akzeptanz der Gefolgsleute, die er sich durch weise Urteile verdient. König Gunther repräsentiert einen Herrscher, dessen Macht sich auf Familienangehörige und Ministeriale stützt, und der den Kampf um Herrschaft delegiert. Dietrich von Bern und Etzel wirken durch eine Autorität, die zum Teil auf dem Einsatz ihrer kräftigen Stimme beruht. Dazu kommt bei Dietrich, dass er nicht nur die Rechte des Herrn über die Gefolgschaft wahrnimmt, sondern bereit ist, seinen Leuten dafür auch Schutz angedeihen zu lassen, und aus der Wechselseitigkeit des Treueverhältnisses Ernst macht. Dietrich beweint den Tod seiner Leute, auch wenn sie ihn selbst verschuldeten, auch aus Mitleid mit ihnen und nicht nur als sein Unglück, dass er dadurch Gefolgsleute verlor (im Gegensatz zu Gunther, der nur erzürnt, dass man ihn der Gefolgsleute beraubt, wenn sie erschlagen werden, aber keine Trauer über ihren Tod zeigt). Bei Etzel kommt zur Autorität Toleranz hinzu (er duldet Christen und Heiden neben einander an seinem Hof) und die Bereitschaft, Vertriebenen aus vielen Ländern Gastfreundschaft zu gewähren. Der zentrale Konflikt ist der zwischen Vasallität, die Unterordnung und Gehorsam verlangt, und einer modernisierten Feudalherrschaft, die nicht mehr oder nur zum Teil auf dem Lehnswesen fußt. So sehen es jedenfalls derzeit viele Interpreten; da Begriffe wie „Vasallität“ und „Ministerialität“ im Nibelungenlied nicht genannt werden, sondern nur das Ergebnis von Interpretationen sind, ist diese Sichtweise stark umstritten. Der Begriff ‚Vasall‘ wird in Deutschland im Hochmittelalter fast nie (mehr) gebraucht; er trifft eigentlich nur auf die Verhältnisse in Frankreich zu, von denen sich die deutschen auch um 1200 ziemlich stark unterscheiden. Während die Ministerialität um 1200 gerade nicht aus der Verwandtschaft der Herrscher kam, sind am Wormser Hof die bedeutendsten Positionen durch Verwandte der Könige besetzt (Hagen von Tronje, Dankwart, Ortwin von Metz). Die soziale Welt des Nibelungenliedes gibt sich, zumindest teilweise, archaisch. Vor allem in der Denkwelt Hagens ist ein zentraler Begriff ‚mitfolgen‘, das heißt, der Gefolgsmann muss mit dem Herrn mitkommen (auf Reisen oder Kriegszüge), wenn dieser es befiehlt. Dem Namen nach ist also das alte Gefolgschaftswesen noch lebendig, wenn es sich auch inhaltlich stark vom sogenannten ‚altgermanischen Gefolgschaftswesen‘ unterscheidet.

Geschlechterrollen im Nibelungenlied

Auch die Geschlechterrollen werden problematisiert: Die Wormser Könige werden nicht als solche eingeführt, sondern in ihrer Eigenschaft als Vormunde ihrer Schwester Kriemhild, der Hauptfigur. Sie steht nach dem Tod des Vaters zunächst unter der Vormundschaft der Brüder, nach ihrer Verheiratung unter der des Gatten. Ihre Schwägerin Brünhild akzeptiert die Vorherrschaft des Mannes nur, wenn er sie besiegen kann, dann aber vollständig. Im Gegensatz dazu akzeptiert Kriemhild die Geschlechterrollen zunächst vollständig, obwohl sie mehrfach mit ihnen Schwierigkeiten hat: Als sie anlässlich ihrer Eheschließung verlangt, dass ihr, als einem von vier Kindern des verstorbenen Vaters, die Brüder einen Anteil am Erbe herausgeben, sind alle Männer dagegen, auch ihr Gatte Siegfried. Vor allem für Hagen ist es unvorstellbar, dass er in Zukunft Gefolgsmann einer Frau werden könnte. Es ist ererbte Verpflichtung seiner Familie, ‚den Königen‘ zu dienen. Dass das einmal eine Frau sein könnte, ist für ihn undenkbar. Er fühlt sich durch dieses Ansinnen von Kriemhild schwer beleidigt. Trotzdem ordnet Kriemhild sich zunächst unter; sogar das Züchtigungsrecht des Gatten akzeptiert sie (als Siegfried sie zur Strafe verprügelt, weil sie Brünhild beleidigte). Erst als ihr nicht nur der Gatte ermordet wird, sondern dann auch noch ihr Vermögen, durch fortgesetzten gemeinen Betrug, geraubt, und die Brüder in diesem Konflikt immer mehr zu Hagen halten, aus Treue zum Gefolgsmann, die sie höher werten als die Treue zur Schwester, wächst sie aus dieser Rolle heraus: „Wenn ich ein Ritter wäre“, wünscht sie sich (Strophe 1413 der Fassung „B“). Als sie schließlich ganz die Rolle der Frau verlässt und selbst zum rächenden Schwert greift, mit dem sie Hagen den Kopf abschlägt, kann das die Männerwelt nicht ertragen: Obwohl Hildebrand selbst Hagen zu erschlagen versucht hatte, ist es für ihn undenkbar, dass ein Held durch die Hand einer Frau stirbt, und er erschlägt sie dafür. Mit dem vollständigen Verlassen der von ihr zunächst gelebten Rolle der Frau ist auch ihr Leben beendet.

So werden drei Frauenbilder vorgestellt:

  • das moderne höfische, das zunächst das Kriemhilds ist, das Freude der Gesellschaft und Liebe für den Einzelnen und die Möglichkeit individueller Wahl des Partners durch die Frau mit Unterordnung unter die patriarchale Herrschaftsordnung zu vereinen versucht (was aber misslingt).
  • als Gegenkonzept das archaisch-mythische Brünhilds, die die Herrschaft des Mannes nur akzeptiert, wenn er die Frau zu besiegen vermag. Ihr entspricht auch die Einstellung Siegfrieds, der seinem Kampf im Bett gegen Brünhild gesellschaftsrelevante, gleichsam mythische Dimensionen gibt und diesen Kampf als Kampf des Mannes gegen die Frau schlechthin sieht (Strophe 670 in Hs. B): „O weh“, dachte der Held, „wenn ich jetzt durch eine Jungfrau das Leben verliere, dann dürfen alle Frauen von jetzt an in alle Zukunft gegen ihren Mann aufmüpfig sein, auch eine, die es sonst nie tun würde.“
  • unauffällig im Hintergrund das Frauenbild von Kriemhilds Mutter Ute, die ihr eigenes Leben als glücklich empfindet und aus dem Schutz durch die männlichen Verwandten Sicherheit schöpft. Dieses Frauenbild einer alten Generation wird durch das neue, zum Scheitern verurteilte Konzept individueller höfischer Liebe und gesellschaftlicher Freude bedroht.

Die Rolle des Mannes wird von Siegfried, Dietrich, Rüdiger von Bechelaren und Etzel unterschiedlich, und in jedem Fall abweichend von der Sichtweise des Wormser Hofes gesehen, an dem eine ziemlich einheitliche Sichtweise von richtig männlichem Verhalten herrscht: Über alles geht die Treue zum Kriegerkameraden; auch wenn er sich ins Unrecht gesetzt hat, ist er bedingungslos gegen seine Gegner zu unterstützen. Das höchste Ziel des Kriegers wird am deutlichsten ausgesprochen von Wolfhart, einem jungen Heißsporn unter den Leuten Dietrichs von Bern: der Nachruhm nach einem Heldentod. Das gewährt ihm das Nibelungenlied auch: Wolfhart erhält von einem König, Giselher, eine tödliche Wunde, ist aber nicht sofort tot. Da er weiß, dass er gleich sterben wird, ist Verteidigung sinnlos. Er kann daher den Schild wegwerfen und mit beiden Händen das Schwert packen und so fest auf Giselhers Haupt schlagen, dass dessen Helm bricht. Giselher ist sofort tot. Wolfhart kann im Sterben noch sehen, dass ein würdiger Gegner ihn fällte, er selbst sich dafür rächen konnte und außerdem sein Oheim Hildebrand anwesend ist, der den Nachruhm Wolfharts verbreiten kann. Er stirbt glücklich (Strophe 2299 in Hs. B). Dagegen beweint Dietrich Wolfharts Tod: dieses Heldenideal gilt nicht für alle.

Die Handlung

Das Nibelungenlied besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil steht Kriemhilds erste Ehe mit Siegfried und Siegfrieds Tod, im zweiten ihre Rache im Mittelpunkt. Das räumliche Umfeld ist das Burgundenreich am Rhein, sowie (im zweiten Teil) Südostdeutschland und das Donaugebiet des heutigen Österreichs und Ungarns.

Erster Teil

1. Aventüre

Am Königshof in Worms lebt Kriemhild mit ihren drei Brüdern Gunther, Gernot und Giselher, die ihre Vormunde sind, und ihrer Mutter Ute. Wichtige Gefolgsleute der Könige sind Hagen von Tronje, ein Verwandter der Könige und ihr wichtigster Ratgeber, Hagens Bruder Dankwart und aus deren Verwandtschaft weiterhin Ortwin von Metz; sowie unter den Hofbeamten der Küchenmeister Rumold. Kriemhild träumt, dass sie einen Falken aufzieht, den zwei Adler zerfleischen. Ihre Mutter deutet den Traum: der Falke bedeutet einen edlen Mann, und Kriemhild läuft Gefahr, ihn zu verlieren, wenn Gott ihn nicht beschützt. Kriemhild weist den Gedanken an Mann und Liebe von sich; sie will bis an ihren Tod jungfräulich bleiben, weil die Liebe schon vielen Frauen Leid brachte. Die Mutter versucht, sie zu beruhigen und weder den Traum noch die Liebe, die den Menschen glücklich mache, als gefährlich darzustellen. Trotzdem wird Kriemhild lange Zeit die Liebe ablehnen.

2. Aventüre

Nun wird Siegfried vorgestellt, der Sohn König Siegmunds und Königin Sieglindes von Xanten am Niederrhein. Er hat wunderbare Anlagen und wird von weisen Erziehern zu einem vorbildlichen zukünftigen Herrscher erzogen. Wichtigstes Ereignis in Siegfrieds Jugend: seine Schwertleite (Ritterschlag); das erste der Feste im Nibelungenlied und das einzige, auf dem alle nur Freude und niemand Leid empfindet.

3. Aventüre

Siegfried zieht aus, sich ein eigenes Reich zu erwerben und um die alle Werber ablehnende Kriemhild zu werben, obwohl seine Eltern einwenden, dass das mächtige Wormser Reich nicht eine Prinzessin an das kleinere Xantener Reich verheiraten würde.

Trotzdem zieht Siegfried mit nur zwölf Gefährten aus und ist sich sicher, dass er Kriemhild – notfalls mit Gewalt – für sich gewinnen kann. Als er in Worms ankommt, ahnt Hagen, dass der Ankömmling Siegfried ist und erzählt dem Hof aus dessen Geschichte: Siegfried erwarb den wunderbaren Hort des verstorbenen Königs Nibelung, indem er dessen Söhne erschlug, die bei der Erbteilung in Streit gekommen waren, daraufhin Siegfried baten, ihnen den Hort zu teilen, aber auch mit seiner Teilung nicht einverstanden waren und zornig auf ihn losgingen. Vorausschauend hatte Siegfried im voraus als Lohn für die Erbteilung das Schwert des Nibelung, Balmung, verlangt, und erschlug damit sie und die Riesen in ihrem Gefolge. Dem Zwergen Alberich, der den Hort in einem unsichtbar machenden Tarnmantel, genannt tarnkappe (Tarnkappe), bewachte, konnte er diese abnehmen und ihn fesseln. Alberich musste fortan als Kämmerer den Hort für Siegfried bewachen. Außerdem, setzt Hagen fort, erschlug Siegfried einmal einen Drachen, badete in dessen Blut und besitzt seither eine unverletzliche Hornhaut. Das erste, was Hagen von Siegfried berichtet, ist die Erwerbung des Hortes: Hagens Gedanken sind immer wieder auf dessen Besitz fixiert. Gunther geht daraufhin Siegfried entgegen (was ehrenvolle Anerkennung von Gleichrangigkeit bedeutet), aber Siegfried fordert Gunther zum Zweikampf heraus; dem Sieger sollten die Erbe beider gehören. Der Wormser Hof geht darauf nicht ein: das Burgundenreich ist ein Erbreich; man hat es weder nötig, jemandem sein Reich mit Gewalt abzunehmen, noch will man es gegen Gewalt abtreten. Daraufhin nimmt Siegfried die freundschaftlichen Angebote der Wormser an und bleibt als Gast. Dass sein eigentlicher Zweck die Werbung um Kriemhild ist, erwähnt er nicht. Er bleibt ein Jahr, in dem es ihm gelingt, sich den Wormsern unentbehrlich zu machen.

4.–5. Aventüre

Insbesondere hilft er ihnen, als die Sachsen und Dänen mit einem übermächtigen Heer das Wormser Reich erobern wollen. Siegfried leitet umsichtig den Kriegszug und besiegt außerdem persönlich die beiden feindlichen Könige im Zweikampf.

Beim Siegesfest versucht man, ihn mit Kriemhild zu ködern, um weiterhin seiner Hilfe sicher zu sein, da man erkannt hat, was ihn zur Hilfeleistung motiviert. Kriemhild und Siegfried tauschen liebevolle Blicke.

6.–8. Aventüre

Trotzdem will Siegfried erst werben, wenn er auch Gunther zu einer Braut verholfen hat: Gunther hat sich Brünhild in den Kopf gesetzt, die Königin von Island, wovon Siegfried abrät. Brünhild besitzt, so lange sie Jungfrau bleibt, übernatürliche, magische Kräfte und ist nicht bereit, sich einem Mann hinzugeben, der sie nicht in drei Kampfspielen besiegen kann: Steinwurf, Weitsprung und Speerwurf. Misslingt es ihm, ist sein Leben verwirkt. Gunther könnte das nie leisten. Siegfried ist sowohl ortskundig, denn er war schon an Brünhilds Hof und kennt sie persönlich, als auch kräftig genug, die Spiele zu bestehen, hat allerdings trotzdem nicht um sie geworben. Hagen rät, Siegfried möge Gunther zu ihr verhelfen. Siegfried verspricht es, wenn Gunther ihm dafür Kriemhild zur Frau gibt. Auf märchenhafte Weise segeln Gunther, Siegfried, Hagen und Dankwart nur zu viert in einem kleinen Schifflein nach Island.

Brünhild erwartet zunächst, Siegfried wolle um sie werben. Um nicht ihren Verdacht zu erregen, warum er mitkommt, wenn Gunther wirbt, gibt Siegfried sich als Gefolgsmann Gunthers aus und erklärt, er komme nicht freiwillig mit. Um diese Täuschung zu vervollkommnen, leistet Siegfried für Gunther den Stratordienst: er führt Gunthers Pferd vor aller Augen am Zügel. Daraufhin akzeptiert Brünhild, dass Gunther werben will, und wird zu ihrer Überraschung von ihm, den sie für schwach einschätzte, besiegt: Durch die Tarnkappe unsichtbar gemacht, besiegt Siegfried Brünhild so, dass sie glaubt, Gunther habe es geleistet. Brünhild lässt ihre Gefolgsleute herbeiholen, um die Herrschaftsübergabe abzuwickeln. Hagen befürchtet, diese Übermacht könnte sie überfallen.

Daher fährt Siegfried, durch die Tarnkappe unsichtbar, mit dem Schifflein ins Nibelungenland und holt tausend Nibelungen herbei – nachdem er den Torwächter und seinen Kämmerer Alberich inkognito auf ihre Treue überprüft und dabei verprügelt hat. Nun übergeben Brünhild und Gunther die Verwaltung Islands an einen Verwandten Brünhilds; man reist nach Worms ab.

9. Aventüre

Gunther will Hagen als Boten voraus schicken, damit in Worms der festliche Empfang vorbereitet werden kann. Hagen lehnt ab; er diene nicht zum Boten; Gunther solle Siegfried bitten. Siegfried weist diese Zumutung zunächst zurück; doch als ihn Gunther darauf hinweist, dass er dadurch früher Kriemhild zu sehen bekäme, sagt Siegfried zu, es um Kriemhilds willen zu tun. Er entledigt sich bestens dieser Aufgabe; alles wird für den Empfang vorbereitet.

10. Aventüre

Brünhild kommt in Worms an. Hier ist alles plötzlich anders: Siegfried wird zu ihrer Verwunderung genau so königlich behandelt wie Gunther. Es gibt eine Doppelhochzeit: Gunther – Brünhild und Siegfried – Kriemhild. Kriemhilds Vermählung mit dem vermeintlichen Gefolgsmann Siegfried erscheint Brünhild als eine Mesalliance. Brünhild weint an der Hochzeitstafel und verlangt von Gunther Aufklärung. Um die Ehe nicht zu gefährden, darf sie nicht erfahren, dass sie einem Betrug aufgesessen ist. Gunther verweigert ihr daher die Auskunft. Da beschließt sie, den Vollzug der Ehe zu verweigern, bis er ihr die Wahrheit gesteht. Da Gunther das nicht tun kann, fesselt ihn Brünhild in der Hochzeitsnacht mit ihrem Gürtel und hängt ihn an einen Nagel an der Wand, weil er ihr nicht verrät, warum seine Schwester Kriemhild nicht zu gut als Frau für Siegfried ist, obwohl Siegfried Gefolgsmann Gunthers sei. Erst am Morgen nimmt sie ihn ab. Wieder muss Siegfried helfen: In der nächsten Nacht schleicht er, durch die Tarnkappe unsichtbar, in Gunthers Schlafzimmer und ringt Brünhild im Ehebett nieder, bis sie sich freiwillig ergibt. Dann tauschen Gunther und Siegfried die Plätze und Gunther vollzieht die Ehe. Erst durch den Verlust der Jungfräulichkeit verliert sie ihre magischen Kräfte und ist so schwach wie eine normale Frau. Es ist keine Vergewaltigung, sondern nachdem der vermeintliche Gatte sie niedergerungen und ihr seine Stärke bewiesen hat, ergibt sie sich freiwillig. Während des Kampfes entwendet Siegfried heimlich Brünhilds Ring und Gürtel und schenkt sie später seiner Frau Kriemhild als Beweisstücke, wo er in der Nacht nach der Hochzeitsnacht gewesen war.

11. Aventüre

Siegfried und Kriemhild reisen am Ende der Hochzeitsfeierlichkeiten in sein Reich ab. Da kommt es zur ersten Meinungsverschiedenheit. Kriemhild wünscht, dass ihre Brüder mit ihr das Erbe teilen. Siegfried ist dagegen, weil er so reich ist, dass sie es nicht nötig hat, ihren Brüdern etwas wegzunehmen. Kriemhilds Brüder wären kompromissbereit; Kriemhild selbst ebenfalls: sie wolle doch einen Anteil an den burgundischen Gefolgsleuten, um im neuen Land Vertraute um sich zu haben. Darauf einigt man sich; sie will Hagen von Tronje mit sich nehmen. Hagen ist empört: die Verpflichtung derer von Tronje ist, den Königen zu dienen; an Siegfried verschenken dürften sie ihn nicht. Eine Frau als Herrscherin kommt also in Hagens Weltbild nicht vor. Damit sind in dieser für Kriemhild wichtigen Frage Siegfried und Hagen einer Meinung. Einige Gefolgsleute folgen Siegfried und Kriemhild freiwillig; insbesondere der Graf Eckewart. Kriemhild wird in Niderlant prächtig empfangen; Siegmund übergibt die Herrschaft vollständig an Siegfried. Nach neun Jahren gebiert Kriemhild einen Sohn, den man Gunther nennt und etwa zur selben Zeit Brünhild ebenfalls; man nennt ihn Siegfried. Siegfried herrscht außer über Niderlant auch über Nibelungenland, das mit Norwegen identifiziert wird, und genießt vor allem die unvorstellbaren Reichtümer des Nibelungenhorts.

12.–13. Aventüre

Trotz der langen seit der Hochzeit verflossenen Zeit bewegt Brünhild immer wieder die Frage nach einer eventuellen Vasallität Siegfrieds, und vor allem, dass Kriemhild in ihrer Ehe glücklich ist, obwohl Siegfried auf Island gesagt hatte, dass er nicht um Brünhild werbe, weil er nur Gefolgsmann Gunthers sei. Weder Siegfried noch Kriemhild leisteten irgendwelche Dienste für Gunther, nun schon viele Jahre lang. Brünhild ist sich sicher, dass sie irgendwie betrogen wurde, aber sie ahnt nicht, wie und warum. Sie will die Wahrheit wissen. Falls Siegfried wirklich je Gunther untertan gewesen wäre, wäre das durch eine so lange Zeit der Nichtleistung von Diensten längst verjährt. Trotzdem verlangt Brünhild nun von Gunther, er solle Siegfried zum Hofdienst befehlen. Das kann Gunther natürlich nicht tun. Als Kompromiss lädt er Siegfried und dessen Frau Kriemhild zu einem Fest nach Worms ein. Siegfried und Kriemhild leben teils im Reich seines Vaters, um Xanten, teils im Nibelungenland; in Norwegen treffen die Boten schließlich die königliche Familie an. Kriemhild ist, trotz ihrer großen Liebe zu Siegfried, Macht und Reichtum und, nach Sieglindes Tod, auch den Machtbefugnissen der Königin, im Nibelungenland unglücklich und hat Heimweh nach Worms. Auf ihren Wunsch nimmt Siegfried die Einladung an; die Boten kehren nach Worms zurück. Hagen denkt auch bei dieser Gelegenheit wieder an Siegfrieds Reichtum und den Nibelungenhort: es stört ihn, dass Siegfried die Boten aus Worms reicher beschenkte, als die Burgunden es können hätten.

Siegfried, Kriemhild und Siegmund reisen nach Worms; das Kind wird zurückgelassen. In Worms werden Siegfried und Kriemhild wieder gleichrangig mit Gunther und Brünhild behandelt.

14. Aventüre

Beim Zusehen bei einem Turnier geraten die beiden Frauen über die Frage nach dem Rang ihrer Männer in Streit: Kriemhild lobt ihren Gatten Siegfried überschwänglich, als er sich im Turnier hervortut, und meint, einem so herrlichen Helden stünde es an, auch über das Wormser Reich zu herrschen. Daraufhin erklärt Brünhild, dass sie selbst gehört habe, wie Siegfried sagte, dass Gunther sein Herr sei. Daher, überspitzt Brünhild, halte sie ihn für einen Eigenmann (einen Unfreien), und Kriemhild sei durch die Heirat zu einer Dienstmagd geworden – so weit waren Siegfrieds Äußerungen und Handlungen auf Island nicht gegangen (den Steigbügeldienst als Symbol der Unterordnung hatte auch Papst Hadrian IV. von Kaiser Friedrich I. Barbarossa verlangt – für das Publikum des Nibelungenliedes hat die Frage, wie tief man sich durch den Stratordienst erniedrigt, eine hochpolitische Komponente). Kriemhild gerät ebenfalls in Zorn. Beide wollen den Streit in der Öffentlichkeit austragen, um zu sehen, ob die Gemahlin Gunthers oder die Gemahlin Siegfrieds als ranghöher gilt: welche der beiden zur Abendmesse zuerst das Münster betreten darf, soll die Entscheidung bringen. Kriemhild bereitet sich für diesen Auftritt entsprechend vor: Als Brünhild vor dem Eintritt ins Münster Kriemhild befiehlt, stillzustehen, und sie als eigen diu ('leibeigene Dienstmagd') beschimpft, nennt Kriemhild sie eigen mannes kebse ('die Kebse eines leibeigenen Mannes'), weil Siegfried, nicht Gunther, Brünhild die Jungfräulichkeit genommen habe. Brünhild weint; Kriemhild betritt als erste das Münster. Während der Messe denkt Brünhild nach, wieso Kriemhild das hatte sagen können, und beschließt bei sich, Siegfried müsse sterben, wenn er sich dessen gerühmt hätte. Nach der Messe hat sich Brünhild wieder gefasst und fordert von Kriemhild Beweise. Die weist nun Brünhilds Ring und Gürtel vor. Der Streit endet mit Tränen Brünhilds. Brünhild ruft Gunther herbei, der Siegfried holen lässt, er solle aussagen, ob er sich dessen gerühmt hätte, oder einen Eid leisten, es nicht gesagt zu haben. Siegfried ist sofort bereit, den Eid zu leisten. Gunther erlässt ihm jedoch den Eid, weil ihm Siegfrieds Unschuld bekannt sei. Siegfried schiebt die Schuld an dem Zwist auf die Streitsucht der Frauen und betont die Pflicht des Gatten, die Ehefrau zu züchtigen. Hagen will seine gedemütigte Herrin rächen, beziehungsweise nimmt das zum Vorwand; sein Interesse gilt nur dem Nibelungenhort, den er nur in seine Gewalt bekommen kann, wenn Siegfried tot ist. Hagen schlägt Gunther im „Mordrat“ die Ermordung Siegfrieds vor.

Johann Heinrich Füssli, Kriemhild wirft sich auf den toten Siegfried, 1817.

Hagen von Tronje hält Siegfried für eine Bedrohung des Hofes von Worms. Hagen überzeugt Gunther davon, dass es ihm nützt, wenn man Siegfried ermordet; man könne dann die ungeheuren Reichtümer Siegfrieds an sich reißen. Zögernd gibt Gunther nach. Gunther trägt daraufhin die Verantwortung für Hagens Taten.

15.–16. Aventüre

Gunther und Hagen lassen falsche Boten auftreten, sie sollten eine Erneuerung des Sachsenkrieges ankündigen. Siegfried ist sofort wieder zur Hilfe bereit. Hagen gelingt es, Kriemhild das Geheimnis zu entlocken, dass eine Stelle von Siegfrieds Rücken, die beim Bad im Drachenblut von einem Lindenblatt bedeckt wurde, verwundbar blieb, indem er ihr vorspiegelt, im Krieg diese Stelle beschützen zu wollen. Sie solle diese Stelle auf Siegfrieds Kleidung durch ein Kreuzchen markieren. Als er dies erreicht hat, kann der erlogene Kriegszug durch neue fingierte Boten, die die Kriegserklärung rückgängig machen, abgesagt werden. Statt dessen lässt Gunther eine Jagd ansetzen.

Als Siegfried sich von Kriemhild verabschiedet, um an dem Jagdausflug teilzunehmen, ahnt sie, dass es unvorsichtig gewesen war, Hagen das Geheimnis anzuvertrauen. Sie versucht, durch Erzählung warnender Träume Siegfried zu überreden, nicht an der Jagd teilzunehmen, wagt aber nicht, ihm ihre unkluge Handlung zu gestehen. Siegfried nimmt die Warnung nicht ernst und nimmt an der Jagd teil. Er ist der erfolgreichste Jäger. Hagen lässt mit Gunthers Zustimmung den Wein an einen falschen Ort senden; als Siegfried dürstet, schlägt er einen Wettlauf zu einer Quelle im Wald vor; Siegfried solle zeigen, wie schnell er laufen könne. Siegfried schlägt daraufhin vor, mit Hagen um die Wette zu laufen. Siegfried gewinnt den Wettlauf, wartet jedoch aus Höflichkeit, bis auch Gunther nachgekommen ist und getrunken hat. Dann beugt Siegfried sich über die Quelle. Nun kann Hagen Siegfried von hinten mit dessen Speer ermorden. Der Sterbende schilt den feigen Mord als verächtlich; am verächtlichsten sei Gunthers Haltung. Hagen ist stolz, die Herrschaft der burgundischen Könige gesichert und ihren Reichtum vergrößert zu haben.

17.–19. Aventüre

Die Mörder kehren nachts über den Rhein nach Worms zurück. Hagen lässt Siegfrieds Leichnam vor Kriemhilds Kammertür werfen. Sie ist sich sicher, wer der Mörder war, hat aber keine rechtstauglichen Beweise. Bei der 'Bahrprobe' beginnen Siegfrieds Wunden zu bluten, als Hagen herantritt. Es war allgemeiner Glaube, dass die Wunden eines Toten bluten, wenn der Mörder an die Bahre tritt. Gunther leistet aber einen Reinigungseid für Hagen, dass dieser unschuldig sei und Siegfried von Mördern erschlagen wurde.

Siegmund kehrt wieder in sein Land zurück und bietet Kriemhild an, mitzukommen. Ute, Giselher und Gernot überreden sie jedoch zum Bleiben, da sie in Niederland nur den Schutz einer einzigen Person, des schon alten Siegmund, habe. Die Blutsverwandten könnten ihr besseren Schutz geben als die Verwandten des ermordeten Gatten. Kriemhild verbringt mehrere Jahre mit Trauer und Gebet. Brünhild herrscht dagegen stolz und unangefochten, mit übermüete ('Hochmut'). Das Weinen Kriemhilds ist ihr gleichgültig. Hagen bringt die Könige dazu, Kriemhild zu überreden, den Nibelungenhort nach Worms kommen zu lassen. Sie benutzt aber den Schatz (ihre Morgengabe, daher ihr Eigentum), um fremde Recken an sich zu binden, indem sie ihnen Geschenke macht, aus denen sie eine Verpflichtung herleiten kann. Hagen ahnt, dass sie damit Freunde gewinnen könnte, die den Mord rächen und ihm gefährlich werden könnten. Mit Hilfe des Nibelungenschatzes, den Siegfried ihr geschenkt hatte, lockt Kriemhild fremde Helden nach Worms, um ihre Position am Hofe zu stärken – eine Gefahr, die Hagen erkennt: Er entwendet Kriemhild den Schatz und versenkt ihn im Rhein; die drei Könige dulden sein Vorgehen und machen sich dadurch neuerlich mitschuldig. Damit endet der erste Teil.

Zweiter Teil

20.–23. Aventüre

Kriemhilds Rachepläne erhalten eine Chance zur Umsetzung, als 13 Jahre nach Siegfrieds Tod der Hunnenkönig Etzel, der mächtigste Herrscher der Welt, sie heiraten will. Sie lehnt zunächst ab und will den Rest ihres Lebens mit Trauer um Siegfried verbringen; aber ihre Brüder raten ihr zu der Heirat. Besonders Giselher hofft, sie mit dieser Heirat, die ihr Ehre und Ansehen zurückgeben wird, zu „ergetzen“, das heißt die Schuld (Siegfrieds Tod) zu sühnen. Nur Hagen erkennt die Gefahr, dass sie als Gattin Etzels über große Macht verfügen würde. Der Werber, Markgraf Rüdiger von Bechelaren (Pöchlarn an der Donau), verspricht ihr unbedingte Gefolgschaftstreue; daraufhin nimmt sie an. Kriemhild zieht mit großem Gefolge ins Land der Hunnen (Ungarn); Etzel zieht ihr entgegen; die Hochzeit findet in Wien statt. Kriemhild wird zu einer mächtigen Herrscherin an Etzels Seite.

Weitere 13 Jahre später bringt sie in einem taktisch klugen ‚Bettgespräch‘ Etzel dazu, ihre Brüder und Hagen, dem sie den Mord an Siegfried und den Raub des Nibelungenschatzes niemals verziehen hat, ins Land der Hunnen zu einem Hoffest einzuladen.

24.–27. Aventüre

Die Eingeladenen vermuten eine Falle. Zu den Warnern gehören der Küchenmeister Rumold, dessen humorvolle Worte berühmt sind ('Rumolds Rat'), sowie die alte Ute. Gerade wegen der Warnungen, um nicht als Feigling zu gelten, befürwortet Hagen nun die Reise, obwohl er zunächst als erster vor ihr gewarnt hatte. Hagen und Rumold denken nicht nur an Kriemhilds Rachepläne, sondern auch an Etzels Herrschaftsansprüche; Hagen war in seiner Jugend als Geisel an Etzels Hof gewesen. Die Burgunden nehmen schließlich die Einladung an und begeben sich auf die Reise entlang der Donau, weil sie der Meinung sind, durch die Mitnahme von 1000 Kriegern (mit 9000 Knechten) genug gegen Rachepläne Kriemhilds oder Herrschaftspläne Etzels geschützt zu sein. Zum Abschied hält Gunther noch einmal das Beilager mit Brünhild. Das ist ihr letztes Auftreten im Nibelungenlied. Die Burgunden nehmen von hier an auch den Namen ‚Nibelungen‘ an, was daran erinnert, dass sie sich nun als Besitzer des Hortes fühlen. Während der Reise an Etzels Hof wird Hagen von weissagenden Wasserfrauen gewarnt, allen stehe der Untergang bevor, nur der Kaplan werde lebend nach Worms zurückkehren. Hagen will diesen sogleich töten, damit die Prophezeiung sich nicht erfülle, und wirft ihn, der nicht schwimmen kann, während der Überfahrt in die Hochwasser führende Donau und stößt ihn noch mit der Fährstange auf den Grund des Flusses; aber der Kaplan kann sich durch ein Wunder Gottes ans Ufer retten. Damit weiß Hagen: die Prophezeiung ist wahr. Bis zum Ende tut er daher alles, um das Schicksal herauszufordern. Unterwegs erleben sie, neben verschiedenen unheilvollen Vorzeichen, eine erfreuliche und tröstliche Bewirtung: durch Rüdiger von Bechelaren, mit dessen Tochter schließlich Giselher verlobt wird. Dadurch hat sich Rüdiger beiden Seiten verpflichtet; ahnungslos, dass zwischen Kriemhild und ihren Brüdern ein Konflikt ausbrechen könnte.

28.–30. Aventüre

Dietrich von Bern, der, aus seinem ererbten Königreich in Oberitalien vertrieben, mit seinen Getreuen im Exil am Hof Etzels weilt, reitet den Burgunden entgegen, um sie zu warnen, dass Kriemhild noch täglich um Siegfried weint. Hagen verhöhnt gleich nach der Ankunft an Etzels Hof Kriemhild offen. Er weigert sich, am Hof Etzels die Waffen abzulegen: eine schwere Beleidigung des Gastgebers. Er zeigt demonstrativ, dass er Siegfrieds Schwert mit sich führt. Kriemhild wagt jedoch nicht, aus Angst vor Dietrichs Zorn, dagegen einzuschreiten. Sie versucht, hunnische Krieger dazu aufzureizen, einen Kampf mit Hagen zu beginnen. Diese fürchten aber die Stärke Hagens und dessen Gefährten Volker; Kriemhild muss den Plan fallen lassen. Etzel ahnt nichts von den Racheplänen seiner Frau. Er zeigt jedoch seine Vorrangstellung, indem er die Burgunden lange im Hof warten lässt, bis sie den Königssaal betreten, und erhebt sich erst von seinem Sitz, um Gunther entgegenzugehen, als dieser den Saal betritt.

Die Burgunden fürchten, dass, nachdem man bei Tag ihre Stärke fürchtete, in der Nacht ein heimlicher Überfall erfolgen könnte. Hagen und Volker halten gemeinsam Schildwacht. Volker, der außer als Kämpfer vor allem eine wunderbare Begabung als Musiker besitzt, spielt auf der Fiedel beruhigende Melodien, die den Burgunden die Angst nehmen und sie einschlafen lassen. Die aggressiv-witzigen Sprüche und Handlungen Volkers tragen allerdings zur Eskalation des Konflikts bei, so dass eine friedliche Beilegung unmöglich wird. Die 30. Aventüre mit der Schilderung der ergreifenden Wirkung der Musik bildet einen besonders lyrischen Abschnitt des Werkes.

31.–33. Aventüre

Am nächsten Tag provozieren Hagen und Volker die Hunnen, um, da sie ahnen, dass es zu einem Kampf kommen wird, diesen besser gleich ausbrechen zu lassen. Anderseits will Kriemhild Etzels Bruder Blödel aufreizen, Hagen zu töten. Das misslingt jedoch. Ebenso kann Kriemhild ihre Brüder Gernot und Giselher nicht zur Abkehr von Hagen bewegen. Etzel ist den Gästen freundlich gesinnt und will den sechsjährigen Sohn Kriemhilds und Etzels, Ortlieb, den sie hatte christlich taufen lassen, als Bindeglied zwischen beiden Reichen den Burgunden zur Erziehung nach Worms mitgeben. Hagen prophezeit daraufhin den Tod des Kindes; er ahnt in diesem anscheinend guten Angebot einen Vormachtsanspruch Etzels.

Zugleich bringt Kriemhild es durch ihr Intrigenspiel dazu, dass Etzels Bruder Blödel den Bruder Hagens, Dankwart, der die Knechte beaufsichtigt, zum Zweikampf herausfordert. Dankwart erschlägt Blödel sofort; daraufhin erschlägt eine Schar von Hunnen die wehrlosen Knechte der Burgunden.

Dankwart kann sich durch die Hunnen eine blutige Gasse zum Rittersaal bahnen und Hagen den Vorfall berichten. Daraufhin tötet Hagen Ortlieb und fordert die Burgunden auf, die Hunnen zu erschlagen. Es kommt zum Blutbad. Unter den Burgunden tut sich darin außer Hagen und den Königen vor allem Volker hervor. Etzel und Kriemhild können den Saal nur unter dem Schutz Dietrichs verlassen. Dietrich empfindet zwar Sympathie für die Burgunden, bleibt aber stets Etzel und Kriemhild gegenüber loyal. Er und Rüdiger versuchen zunächst, neutral zu bleiben.

34.–38. Aventüre

Im Laufe der Kämpfe gehen die Helden beider Seiten zugrunde; ein Umschwung tritt ein, als Etzel und Kriemhild Rüdiger anflehen, er solle ihnen seine Lehnstreue beweisen. In dem Konflikt zwischen Lehnstreue und Treue zu den zukünftigen Verwandten entscheidet sich Rüdiger für die Pflicht und kämpft mit allen seinen Mannen gegen die Burgunden. Hagen hatte in Pöchlarn von Rüdigers Gattin einen Schild als Gastgeschenk erhalten; in einer symbolischen Forderung verlangt er nun Rüdigers Schild, da ihm jener zerbrochen sei. Mit der Bereitschaft, seinen Schild Hagen zu überlassen, erkennt Rüdiger symbolisch seine Verpflichtung an, den Burgunden Schutz zu gewähren, lässt jedoch vom Kampf nicht ab. Hagen bewundert Rüdigers ethische Gesinnung; er und Volker greifen Rüdiger nicht an.[4] Zwischen der Truppe Rüdigers und den übrigen Burgunden entspinnt sich jedoch ein Gemetzel, in dem Gernot und Rüdiger einander töten.

Die unermessliche Klage der Hunnen um den allseits beliebten Rüdiger dringt auch an Dietrichs Ohr. Als er die Ursache erfährt, schickt er Hildebrand aus, den alten Waffenmeister Dietrichs, von den Burgunden den Leichnam Rüdigers zu erbitten, um ihn ehrenvoll begraben zu können. Gegen Dietrichs Willen begleiten jedoch die jungen Heißsporne aus Dietrichs Gefolgschaft Hildebrand. Als Volker sie verspottet, es sei Feigheit, um den Leichnam zu bitten statt sich ihn im Kampf zu holen, reißt ihnen, vor allem Hildebrands Neffen Wolfhart, die Geduld, und gegen Dietrichs Befehl stürmen sie in den Kampf. Wolfhart und Giselher erschlagen einander; Hildebrand erschlägt Volker. Von den Burgunden leben nun nur mehr Gunther und Hagen. Von Dietrichs Leuten kommt nur Hildebrand mit dem Leben davon; er meldet Dietrich den Tod aller seiner Getreuen.

39. Aventüre

Dietrich von Bern beklagt den Tod seiner Gefolgsleute; durch die Klage gewinnt er wieder Heldenmut. Mit Hildebrand tritt er vor Gunther und Hagen und fordert Genugtuung für die Erschlagenen. Er wäre bereit, Gunther und Hagen das Leben zu schenken, wenn sie sich ihm ergäben. Vor allem Hagen ist nicht bereit, darauf einzugehen. Da kämpft Dietrich gegen beide, besiegt sie und überantwortet sie gefesselt Kriemhild, mit der Forderung, sie möge ihnen das Leben schenken, wenn sie bereit seien, für das ihr angetane Leid Entschädigung zu leisten. Dietrich vertritt den Standpunkt, dass auch für einen Mord Geldbuße geleistet werden kann. Kriemhild verlangt von Hagen den Schatz, um Dietrichs Bedingung zu erfüllen – allerdings ohne zu erwarten, dass Hagen darauf eingehen wird. Er erklärt ihr, das Versteck nicht preiszugeben, solange einer seiner Herren noch lebt. Darauf lässt Kriemhild Gunther den Kopf abschlagen. Als sie mit dem Haupt ihres Bruders vor Hagen tritt, erklärt er, nun wüssten nur Gott und er den Aufenthalt des Hortes. Provokant hatte er das Schwert Siegfrieds, das er sich widerrechtlich, durch Leichenraub, nach dem Mord angeeignet hatte, an den Etzelshof mitgenommen. Dieses ergreift nun Kriemhild und, nachdem es den von ihr dazu angestifteten Männern nicht gelungen war, sie zu rächen, schlägt sie Hagen eigenhändig mit Siegfrieds Schwert den Kopf ab. Die Männer sind entsetzt, auch Etzel; nicht über den Tod Hagens, den er selbst wünschte, sondern dass der größte Held durch die Hand einer Frau starb. Zur Rache dafür erschlägt Hildebrand Kriemhild; weil sie als Frau wagte, einen Helden zu töten. Am Ende stehen Dietrich von Bern, Hildebrand, Etzel und die ritterliche Gesellschaft weinend vor der Bilanz unsagbaren Elends und auch der Erzähler nimmt trauernd Abschied. Die Worte der unerfahrenen Kriemhild aus der Eingangsaventüre, „Es hat sich an vielen Frauen gezeigt, dass Liebe am Schluss mit Leid lohnen kann“[5], werden vom Erzähler in der vorletzten Strophe variiert zu: „wie die Liebe am Schluss immer Leid gibt“[6]. Dieses Leid betrifft aber nicht nur die Liebeshandlung, sondern die ganze höfische Gesellschaft mit ihrem Streben nach Freude, sowohl kollektiver Freude, die im Fest verwirklicht werden soll, als auch nach individueller Freude. Um Freude empfinden zu können, braucht das höfische Individuum vor allem zweierlei: individuelles Liebesglück mit einem selbst gewählten Partner (im Gegensatz zur vorhöfischen Gesellschaft, in der man glücklich wurde, wenn man gut verheiratet wurde, wie Kriemhilds Mutter Ute in Str. B 14 formuliert) und außerdem Ehre, das ist das Ansehen, das man bei den anderen genießt. Dem Mann wird Ehre vor allem für heldenhaften Kampf zuteil. Dieses Streben des Individuums und der höfischen Gesellschaft nach Freude ist am Ende gescheitert.

Nibelungenkenntnis im Mittelalter

Der Stoff der Nibelungensage war im deutschen, nordischen und englischen Sprachraum das ganze Mittelalter hindurch sehr bekannt und verbreitet. Dichter und Geschichtsschreiber erwähnen gelegentlich Figuren oder Konstellationen der Sage; dabei kann man jedoch nicht immer entscheiden, ob die Kenntnis auf das Nibelungenlied (bzw. eine seiner Vorstufen) zurückgeht oder auf eine der zahlreichen anderen Fassungen (Teilversionen) dieses Stoffes.

So erzählt im 10. Jahrhundert ein süddeutscher (vermutlich bairischer) Mönch in dem lateinischen Schulepos Waltharius Hagens und Gunthers Vorgeschichte, die im Nibelungenlied in der 28. Aventüre und in der 39. Aventüre mehrmals anklingt. Im ‚Waltharius‘ sind Gunther und Hagen Franken, in Worms am Rhein, aber nicht Burgunden wie im Nibelungenlied. Auch dort ist Gunther schatzgierig und raubt mit Hagens Hilfe in einem feigen Überfall in den Vogesen einen Schatz, aber weder Siegfried noch ein anderer Drachentöter kommt vor, sondern die beiden berauben Walther von Aquitanien, der mit seiner Braut Hildegund von Attilas Hof (in Ungarn) floh, dabei Attilas Schatzkiste mitnahm und bei Worms den Rhein überquerte.

Dem lateinischen Ruodlieb des 11. Jahrhunderts hat man nachgesagt, dass er von Siegfrieds Biographie angeregt gewesen sein könnte. Um 1165–1175 erwähnt der Kleriker Metellus von Tegernsee (Ode 30), dass ein bei den Teutones berühmtes Lied von den Taten des Roger (Rüdiger) und Tetrix (Dietrich) an der Erlaf (heute Erlauf; Fluss, der bei Pöchlarn in die Donau mündet) handelt. Etwa zur selben Zeit muss sich der Bischof Gunther von Bamberg von seinem Domscholaster Meinhart dafür rügen lassen, dass er sich immer nur mit Attila und den Amelungen (Dietrich von Bern) beschäftigt – damit ist die Heldenepik insgesamt angesprochen. Der Spruchdichter Herger (Zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts) vergleicht Wernhart von Steinsberg (bei Sinsheim) mit Rüedeger von Bechelaeren (26,2). Damals war also am Mittel-/Oberrhein in Adelskreisen der Nibelungenstoff gut bekannt. Der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus berichtet um 1200, freilich anekdotenhaft, dass ein deutscher Sänger den 1131 ermordeten schleswigschen Herzog Knut habe warnen wollen, indem er speciosissimi carminis contextu notissimam Grimilde erga fratres perfidiam de industria memorare adorsus ('indem er absichtlich begann, im Kontext eines ausgezeichneten Gedichtes den allseits bekannten Verrat Kriemhilds an ihren Brüdern vorzutragen'). Auch die Versenkung des Nibelungenhorts im Rhein war sprichwörtlich. Der Minnesänger Otto von Botenlauben spielt in einem seiner Lieder darauf an (ze loche in dem rine). Literarisch bedeutsame Querbeziehungen hat das Nibelungenlied insbesondere mit dem vermutlich nahezu gleichzeitig entstandenen Parzival-Roman Wolframs von Eschenbach.

Mitte des 13. Jahrhunderts erwähnt der gelehrte Wanderdichter Marner Kriemhilds Verrat an ihren Brüdern, Siegfrieds Tod und den Nibelungenhort als Publikumsrenner, die er jedoch selbst nicht im Programm habe. Hugo von Trimberg spricht in seiner höfischen Lehrschrift Renner in einer ähnlichen Aufzählung von gern gehörten Erzählstoffen von Kriemhilds „mort“, von Siegfrieds Drachen und vom Nibelungenhort (V. 16183ff.).

In Schweden und Norwegen waren Teile der Nibelungensage schon um 1000 bekannt. In England erscheint sie schon im Beowulf (spätestens 10. Jahrhundert), doch in ganz anderer Ausformung: der Drachentöter heißt dort Sigmund (im Nibelungenlied: Siegfrieds Vater), und er tötet den Drachen erst, als er schon einen erwachsenen Sohn hat. Auch in Skandinavien, wo die dem deutschen ‚Siegfried‘ entsprechende Figur ‚Sigurd‘ heißt, ist die Geschichte von dessen Vater Sigmund ausführlich erzählt und vielleicht älter als die Sigurdsage. Der Sohn Sigmunds, der im Beowulf genannt wird, ist im Norden Halbbruder Sigurds.

Der Nibelungenstoff im Spätmittelalter

Aus dem 15. Jahrhundert stammen Fassungen des Nibelungenlieds, die es im Grunde zu neuen Texten umarbeiten. Generell besteht in der handschriftlichen Überlieferung die Tendenz zur Integration des Stoffes in das Leben des Dietrich von Bern. In diesen Fassungen werden beispielsweise der erste Teil stark reduziert (zum Beispiel Handschrift n) oder neue motivliche Anbindungen gesucht (beispielsweise in der Heldenbuch-Prosa um 1480: Burgundenuntergang als Kriemhilds Rache an Dietrich für den Mord an Siegfried im Rosengarten zu Worms).

Im 16. und 17. Jahrhundert wird das strophische Lied vom Hürnen Seyfried (Vom verhornten Siegfried) gedruckt, das in Details wohl auf das 13. Jahrhundert zurückgeht und manche Züge aufweist, die sonst nur die nordische Überlieferung kennt. Der Vater Kriemhilds heißt hier Gybich (nordisch: Gjuki); Günther, Hagen und Gyrnot sind Brüder.

1557 dramatisiert Hans Sachs in seiner „Tragedj mit 17 personen: Der Huernen Sewfrid“ das Lied. Im 17. bis 19. Jahrhundert blieb der Stoff populär, wie an den mehrfachen Auflagen des Volksbuchs mit dem Titel Eine Wunderschöne Historie von dem gehörnten Siegfried abzulesen ist. Der älteste bekannte (jedoch nicht erhaltene) Druck dieser Prosa-Umarbeitung erschien 1657 in Hamburg. Dem Zeitgeschmack entsprechend heißt Kriemhild hier Florimunda (Florigunda?).

Rezeptionsgeschichte

Nach der Wiederentdeckung der Handschriften des Nibelungenlieds durch Jacob Hermann Obereit (1755) und der ersten vollständigen Ausgabe in einem Sammelband von Christoph Heinrich Myller (1782) wusste die Aufklärung zunächst wenig mit mittelalterlicher Dichtung anzufangen. Schuld daran trägt allerdings nicht nur die ‚aufklärerische‘ Haltung der Leser, sondern auch, dass die Myller’sche Ausgabe so fehlerhaft ist, dass man den Sinn der Dichtungen sehr oft nicht versteht. Am 22. Februar 1784 schrieb Friedrich der Große an Myller, der seine Sammlung deutscher Dichtungen des Mittelalters (die unter anderem das Nibelungenlied und Wolframs Parzival enthielt) dem König gewidmet hatte, folgendes:

Hochgelahrter, lieber Getreuer!
Ihr urtheilt viel zu vorteilhafft von denen Gedichten aus dem 12., 13. und 14. Seculo, deren Druck Ihr befördert habet, und zur Bereicherung der Teutschen Sprache so brauchbar haltet. Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuss Pulver werth; und verdienten nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden. In meiner Bücher-Sammlung wenigstens würde Ich dergleichen elendes Zeug nicht dulten; sondern herausschmeißen. Das Mir davon eingesandte Exemplar mag dahero sein Schicksal in der dortigen großen Bibliothek abwarten. Viele Nachfrage verspricht aber solchem nicht,
Euer sonst gnädiger König Frch.

Goethe las den Weimarer Damen in einer Folge mehrerer Abende das ganze Nibelungenlied vor (aus der Ausgabe von der Hagens) und machte mehrere detaillierte Bemerkungen dazu (dass sich nach seinem Tod in seiner Bibliothek ein unaufgeschnittenes, das heißt nicht gelesenes, Exemplar der Myller’schen Ausgabe fand, bedeutet also nicht, dass er das Nibelungenlied nicht gelesen hätte). Erst nach Goethes freundlichem Urteil über das „köstliche Werk“ und seiner Forderung, das Heldenlied in eine epische Form zu bringen, setzen in der Romantik zahlreiche Bemühungen um eine dramatische Neuformung ein. Seitdem wurden zwei Wege eingeschlagen: Teilweise wurde der Stoff des Nibelungenlieds bearbeitet, teilweise griffen die Autoren auf die Sigurd-Brünhild-Version zurück, die in der Mitte des 13. Jahrhunderts entstandenen Wölsungensaga, beziehungsweise in einigen Liedern der Edda gestaltet ist.

Von den zahlreichen Bearbeitungen des neunzehnten Jahrhunderts sind heute nur noch drei Werke von Interesse, die Trilogie „Der Held des Nordens“, eine dramatische Bearbeitung von Friedrich de la Motte Fouqué, Hebbels Drama und WagnersDer Ring des Nibelungen“.

Friedrich de la Motte Fouqués dramatisches Gedicht folgt im ersten Teil „Sigurd, der Schlangentödter“ der nordischen Tradition: Sigurd befreit Brynhild aus der Waberlohe, heiratet aber nach einem Vergessenstrank Gunnars Schwester Gudrun, hilft Gunnar bei der Werbung um Brynhild, die nach seiner Ermordung durch einen Bruder Gunnars Selbstmord begeht. Im zweiten Teil „Sigurd’s Rache“ heiratet Gudrun – erneut unter dem Einfluss eines Zaubertranks ihrer Mutter – den Hunnenkönig Atli. Er will sich in den Besitz des Horts bringen und lädt die Brüder in sein Land ein. Nach deren Ermordung tötet Gudrun ihre eigenen Kinder und setzt sie Atli als Speise vor. Schließlich wird Atli ermordet, und Gudrun wählt wie Brynhild den Freitod. Der dritte Teil „Aslauga“ erzählt, angelehnt an ein Bruchstück aus der Edda, das Geschick der Tochter Sigurds und Brynhilds: Sie wächst bei Hirten als Hütemädchen auf, wird aber wegen ihrer Schönheit vom König von Dänemark geheiratet, worauf die üblichen Verwicklungen folgen. Die Geschichte geht aber gut aus.

Fouqué hatte mit dem Werk beim Publikum großen Erfolg und erhielt auch von anderen Dichtern der Zeit wie Jean Paul, Adelbert von Chamisso und Rahel Varnhagen großes Lob. Heinrich Heine dagegen bemängelte die fehlende Charakterisierung der Personen und das Fehlen der dramatischen Spannung. Diese Meinung hat sich durchgesetzt, und seit fast 100 Jahren gibt es keine Ausgabe des Werkes mehr. Wichtiger als das Werk selbst ist aus heutiger Sicht seine Wirkung auf Richard Wagner, der im „Ring des Nibelungen“ viel von Fouqué übernommen hat, ja sogar bezüglich des Versbaus und des Sprachrhythmus als Fouqués Schüler betrachtet werden kann.

Friedrich Hebbel „Die Nibelungen“ (Schulausgabe um 1900, Wien/Brünn).

Friedrich Hebbel hält sich im Gegensatz zu Fouqué im Handlungsverlauf seiner Trilogie an das Nibelungenlied und blendet den mythologischen Hintergrund der Vorgeschichte weitgehend aus. Seine Figuren sind in unterschiedlicher Ausprägung Typen und Individuen zugleich und dadurch ohne durchgängige Motivation. Brunhild wird zum Ding, zum Tauschobjekt erniedrigt, Kriemhild am Ende wie im Nibelungenlied quasi kommentarlos erschlagen. Wegen der Schlussworte wurde in das Stück mitunter ein geschichtsphilosophisches Anliegen hineininterpretiert (Ablösung der mythischen Welt der Riesen durch das Christentum), aber in Hebbels Äußerungen lassen sich dafür keine Hinweise finden. Hebbels Stück fand auf dem Theater eine günstige Aufnahme und verdrängte die anderen dramatischen Bearbeitungen fast vollständig von den deutschen Bühnen – auch die Fassung von Emanuel Geibel, der den Stoff zu einem bürgerlichen Trauerspiel umformte.

Im Gegensatz zu Goethe äußerte sich Heinrich Heine (1797–1856) zwar fasziniert, aber gleichzeitig auch befremdet über den Ton des Nibelungenlieds: „Es ist eine Sprache von Stein, und die Verse sind gleichsam gereimte Quadern. Hie und da, aus den Spalten, quellen rote Blumen hervor wie Blutstropfen oder zieht sich der lange Epheu herunter wie grüne Tränen.“

Trotz Heines Kritik erlangte der Stoff im 19. Jahrhundert den Rang eines deutschen Nationalepos. Zusätzlich zu den Theaterfassungen entstanden viele zum Teil illustrierte Ausgaben (beispielsweise von Alfred Rethel, 1840, und von Julius Schnorr von Carolsfeld, 1843).

Alte Photographie eines Bühnenschauspielers, der Siegfried am Amboss mimt.
Siegfried, das Reichsschwert schmiedend, am Bismarck-Nationaldenkmal (1901), Berlin.

In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts diente das Nibelungenlied mehreren Romanen mit nationalistischer Tendenz als Vorlage. Mit dem Stück „Der Nibelungen Not“ knüpfte Max Mell an die Wölsungen-Variante, Wagners Mythologisierung und das Walkürenmotiv an. Er konzentrierte das Geschehen auf die bühnenwirksamen Höhepunkte. Im ersten Teil: Siegfrieds und Kriemhilds Ankunft in Worms, der Streit der Königinnen, Siegfrieds Ermordung, Brünhilds Freitod in den Flammen und ihre Rückkehr in den Bereich der Götter. Im zweiten Teil: Empfang der Burgunden an Etzels Hof, Racheintrige Kriemhilds, Untergang der Burgunden, Kriemhilds Ermordung und ein Schluss, der der Dietrichsage entnommen ist (Dietrich reitet auf seinem Pferd davon).

Im Nationalsozialismus feierte man die Wiederkehr der germanischen Größe und des Heldentums, der germanischen Gefolgstreue und des männlichen Rittertums und unterlegte die Idee des deutschen Volkstums mit diesen „germanischen Tugenden“. Man berief sich auf die schöpferischen Kräfte der Germanen, denen das Dritte Reich wieder Lebensmöglichkeiten gebe. Das Nibelungenlied wurde so als Vehikel nationaler Ideen instrumentalisiert und missbraucht, wie zum Beispiel von Hermann Göring, der die Lage der deutschen Soldaten im Kessel von Stalingrad mit der Lage der Nibelungen im brennenden Saal verglich („Wir kennen ein gewaltiges historisches Lied…“). In der Spätphase des Krieges wurde damit häufig persönliches Verhalten in chancenloser Lage thematisiert: „Wir müssen doch ersterben, sprach da Giselher / so soll uns niemand scheiden von ritterlicher Wehr. / Wer gerne mit uns stritte, wir sind noch immer hie / verlier’ ich meine Treue an einem Freund doch nie.“ (36. Aventüre)

Nach 1945 war das Nibelungenlied wegen der Inanspruchnahme des Stoffes durch den Nationalsozialismus zunächst mit einem Tabu belegt, und jahrelang gab es keine zeitgemäße Prosafassung. Erst seit dem Einströmen von Fantasy-Elementen in die literarische Unterhaltungsliteratur – schon in J. R. R. Tolkiens Werken (Herr der Ringe) lassen sich etliche Elemente der Nibelungensage (das Ring-Motiv!) wiederfinden – beschäftigten sich mehrere Romane aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit dem Thema. Zum Beispiel folgt „Rheingold“ von Stephan Grundy der Wölsungen-Linie, „Siegfried und Krimhild“ von Jürgen Lodemann dagegen dem Nibelungenlied, in drei anderen Romanen steht entweder Kriemhild (Roman von Sabina Trooger), Hagen (siehe Wolfgang Hohlbeins Roman „Hagen von Tronje“ oder Joachim Fernaus „Disteln für Hagen“) oder Brünhild im Mittelpunkt. Der Roman „Sigfrieds Tochter“ von Eric Gutzler verknüpft die Wölsungensaga mit dem Nibelungenlied zu einem durchgehenden Handlungsstrang und erweitert den Stoff zu einem historischen Fantasy-Roman, in dem Sigfrieds Tochter im Brennpunkt steht. Baal Müllers „Die Nibelungen – nach alten Quellen neu erzählt“ schildert die Geschichte vom Untergang der Burgunden aus der Sicht des alten Hildebrand.

Siehe auch

Literatur

Dieser Artikel benutzt zu einem großen Teil die Interpretation, die der Ausgabe des Nibelungenliedes nach der Haupthandschrift (St. Galler Handschrift, „B“) von Hermann Reichert beigegeben ist und die sprachlichen Erklärungen im ‚Nibelungenlied-Lehrwerk‘ von Hermann Reichert.

Textausgaben

  • Das Nibelungenlied. Paralleldruck der Handschriften A, B und C nebst Lesarten der übrigen Handschriften. Herausgegeben von Michael S. Batts. Niemeyer, Tübingen 1971, ISBN 3-484-10149-0.
  • Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch. Herausgegeben von Helmut de Boor, ergänzt von Roswitha Wisniewski. In: Deutsche Klassiker des Mittelalters. 22. Auflage. Wiesbaden 1988, ISBN 3-7653-0373-9. (Mittelhochdeutscher Text mit reichhaltigem Anmerkungsapparat)
  • Das Nibelungenlied. Mhd./Nhd. Nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. Reclam Universal-Bibliothek. Band 644. Reclam, Stuttgart 1997, ISBN 3-15-000644-9.
  • Das Nibelungenlied. Zweisprachig Mhd.-Nhd. Herausgegeben und übertragen von Helmut De Boor. 4. Auflage. Sammlung Dieterich, Leipzig 1992, ISBN 3-7350-0104-1.
  • Das Nibelungenlied. Nach der St. Galler Handschrift. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Hermann Reichert. de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-018423-0. (Normalisierter mittelhochdeutscher Text und leicht lesbare Einführung)
  • Das Nibelungenlied. Mhd.-Nhd. Nach der Handschrift C der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. Herausgegeben und übersetzt von Ursula Schulze. Artemis & Winkler, Düsseldorf–Zürich 2005, ISBN 3-538-06990-5.

Forschungsgeschichtlich wichtige Ausgaben (Reprints)

  • Christoph Heinrich Myller: Samlung deutscher Gedichte aus dem XII., XIII. und XIV. Jahrhundert. Band 1: Der Nibelungen Liet. Eneidt. Got Amur. Parcival. Der arme Heinrich. Von der Minnen. Dis ist von der Wibe List. Dis ist von dem Pfennige. Herausgegeben von Christoph Heinrich Myller. Berlin 1784.
  • Karl Lachmann: Der Nibelunge Noth und die Klage – Nach der ältesten Überlieferung, mit Bezeichnung des unechten und mit den Abweichungen der gemeinen Lesart. Reimer, Berlin 1941; de Gruyter, Berlin 1960; ISBN 3-11-000177-2.

Sekundärliteratur

Vorwiegend sagengeschichtlich orientierte Literatur siehe unter Nibelungensage.

  • Helmut Brackert: Beiträge zur Handschriftenkritik des NL (Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker 135 = N. F. 11), Berlin 1963.
  • Wilhelm Braune: Die handschriftenverhältnisse des NL. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 25. 1900.
  • Michael Curschmann: NL und Klage. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage, Band. 6 (S. 1985 ff), Sp. 926–969.
  • Otfrid Ehrismann: Nibelungenlied. Epoche – Werk – Wirkung. 2. neubearbeitete Auflage. Beck, München 2002, ISBN 3-406-48719-X.
  • Otfrid Ehrismann: Das Nibelungenlied. Beck, München 2005, ISBN 3-406-50872-3.
  • Christoph Fasbender (Hrsg.): Nibelungenlied und Nibelungenklage. Neue Wege der Forschung. WBG, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-18185-9.
  • John Evert Härd: Das Nibelungenepos. Wertung und Wirkung von der Romantik bis zur Gegenwart. Francke, Tübingen und andere 1996, ISBN 3-7720-2157-3.
  • Joachim Heinzle & Anneliese Waldschmidt (Hrsg.): Die Nibelungen: ein deutscher Wahn, ein deutscher Alptraum. Studien und Dokumente zur Rezeption des Nibelungenstoffs im 19. und 20. Jahrhundert. Suhrkamp, Frankfurt 1991, ISBN 3-518-38610-7.
  • Joachim Heinzle, Klaus Klein, Ute Obhof (Hrsg.): Die Nibelungen. Sage, Epos, Mythos. Reichert, Wiesbaden 2003, ISBN 3-89500-347-6.
  • Werner Hoffmann: Das Nibelungenlied. Sammlung Metzler. Band 7. 6. Auflage. Stuttgart und andere 1992, ISBN 3-476-16007-6.
  • Karl Heinz Ihlenburg: Das NL – Problem und Gehalt. Berlin 1969.
  • Jan-Dirk Müller: Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes. Tübingen 1998, ISBN 3-484-10773-1.
  • Jan-Dirk Müller: Das Nibelungenlied. 3. neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Erich Schmidt, Berlin 2009, ISBN 3-503-09869-9.
  • Bert Nagel: Das NL, Stoff – Form – Ethos. 2. Auflage 1970.
  • Hermann Reichert: Nibelungenlied-Lehrwerk. Sprachlicher Kommentar, mittelhochdeutsche Grammatik, Wörterbuch. Passend zum Text der St. Galler Fassung („B“). Praesens, Wien 2007, ISBN 978-3-7069-0445-2.
  • Ursula Schulze: Das Nibelungenlied. Reclam, Stuttgart 1997, ISBN 3-15-017604-2.
  • Marianne Wahl-Armstrong: Rolle und Charakter. Studien zur Menschendarstellung im NL. (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 221), Göppingen 1979.
  • Peter Wapnewski: Rüdigers Schild. Zur 37. Aventiure des Nibelungenliedes. In: Euphorion. Band 54, 1960, S. 380–410.

Rezeption

Literarische Bearbeitungen

  • Franz Fühmann: Das Nibelungenlied. Rostock 1971 (und viele folgende Auflagen).
  • Jürgen Lodemann: Siegfried und Krimhild. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2002, ISBN 3-608-93548-7.
  • Moritz Rinke: Die Nibelungen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002, ISBN 3-499-23202-2. (UA: Nibelungen-Festspiele Worms 2002) –
    Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe: Die Nibelungen: Siegfrieds Frauen / Die letzten Tage von Burgund. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2007, ISBN 978-3-499-24514-5. (UA: Nibelungen-Festspiele Worms 2006 [Teil I]/2007 [Teil II])
  • Helmut Krausser: Unser Lied. Gesang vom Untergang Burgunds – Nibelungendestillat –. In: Helmut Krausser: Stücke 93–03. Fischer, Frankfurt am Main 2003, S. 325–375. ISBN 3-59615979-2. (UA: Theater Bonn 2005)
  • Markus Bothe (Inszenierung): Die Nibelungen. Ein deutsches Heldenepos. (Autorenprojekt; UA: Theater Aachen 2007) – bestehend aus:
    • John von Düffel: Best of Nibelungen (Die Out-Takes). Die Abenteuer von Gernot und Giselher. In drei Reinfällen. Rowohlt (Theaterverleih), Reinbek bei Hamburg 2007.
    • Sigrid Behrens: Feuer! oder: Ich bringe dir Schulden und übernehme mich, mein Herz.
    • Katharina Gericke: Götterdämmerung.

Verfilmungen

Der Stoff des Nibelungenliedes wurde 1924 und 1967 fürs Kino und 2004 für das Fernsehen verfilmt. Am erfolgreichsten und filmhistorisch bedeutendsten ist die zweiteilige Stummfilmversion von 1924 unter der Regie von Fritz Lang.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Walter Hansen: Die Spur des Sängers. 1987, ISBN 3785704550.
  2. Berta Lösel-Wieland-Engelmann: Verdanken wir das Nibelungenlied einer Niedernburger Nonne? „Monatshefte“, Vol. 72, No. 1, Madison, Wisconsin, 1980.
  3. Hier wird die standardisierte Version der Handschrift C wiedergegeben, die Originalschreibweise ist hier einsehbar.
  4. Dazu Wapnewski 1960.
  5. Hs. B Str. 15
  6. Hs. B Str. 2375


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