Nova Zembla


Nova Zembla
NASA-Bild von Nowaja Semlja

Nowaja Semlja (russisch Новая Земля/Nowaja Semlja, „neues Land“) ist eine russische Doppelinsel, die westlich der innereurasischen Grenze im Nordpolarmeer liegt und zu Europa gezählt wird.

Inhaltsverzeichnis

Geographie

Oben: Franz-Josef-Land.
Mitte: Nowaja Semlja. Rechts: Jamal-Halbinsel und Obbusen

Die leicht sichelförmige Doppelinsel ist die östliche Begrenzung der Barentssee und die westliche der Karasee. Letztere ist das innereurasische Mündungsmeer der großen sibirischen Ströme Ob und Jenissei, was für das feuchte Inselklima Bedeutung hat.

Die fast menschenleere Inselgruppe besteht aus zwei großen Inseln (Nordinsel und Südinsel genannt) und vielen kleinen Inseln und zahlreichen Eilanden. Zusammen haben sie eine Fläche von 82.800 km². Getrennt werden die beiden Hauptinseln durch die nur sehr schmale Meerenge Matotschkin Schar. Nowaja Semlja ist insgesamt knapp 900 Kilometer (Mittellinie) lang und liegt zwischen 470 und 1.175 Kilometer jenseits des nördlichen Polarkreises:

  • Die Südinsel (Juschny ostrow), die aus dem Nordpolarmeer bis zu 1.342 Meter hoch aufragt, ist mit 33.275 km² die sechstgrößte Insel Europas. Im Gegensatz zur Nordinsel herrschen hier vorwiegend Tundra und Frostschuttwüsten, obwohl sie immer noch etwa 71 bis 73 Grad vom Äquator entfernt ist.

Als südliche Fortsetzung von Nowaja Semlja können die Waigatsch-Insel, die sich südöstlich der an die Südinsel grenzenden Karastraße anschließt, das Pai-Choi-Gebirge, das sich südöstlich der an Waigatsch grenzenden Jugorstraße auf dem Festland befindet, und der Ural, der sich südlich der Karasee und direkt vom Pai-Choi-Gebirge ausgehend nach Süden erstreckt und die Grenze zwischen Europa und Asien bildet, angesehen werden.

Klima

Klimadiagramm von Malyje Karmakuly

Das Klima, das von der Karasee und den Strömen, die in diese münden, mitbestimmt wird, ist eiskalt, stürmisch und niederschlagsreich. Nur während einiger Wochen im Sommer ist die Westküste von Nowaja Semlja schneefrei.

So liegt die jährliche Durchschnittstemperatur bei der Wetterstation Malyje Karakuly an der Westküste der Südinsel bei −5,7 °C; die wärmsten Monate sind der Juli und der August mit jeweils 6,0 °C, die kältesten der Januar und der März mit −15,0 °C. Die jährliche Niederschlagsmenge beträgt 317 mm und ist über das Jahr recht gleichmäßig verteilt, mit einem leichten Maximum von August bis Oktober.

Geschichte

Die Russen kennen Nowaja Semlja trotz seiner nördlichen Lage wahrscheinlich schon seit dem 11. und 12. Jahrhundert. Doch erst im 16. Jahrhundert wurden Westeuropäer auf die Doppelinsel (z. T. als Nova Zembla latinisiert) aufmerksam, als nach einer möglichen Nordostpassage von Europa zum Pazifik gesucht wurde: 1553 landete der erste Europäer auf der Insel, Hugh Willoughby. 1594–97 erforschte der Niederländer Willem Barents die Inseln, unternahm dabei die erste Überwinterung in der Arktis und starb 1597 dort.

In Nowaja Semlja lagen jene zwei Schiffe vor Anker, welche die österreichische Nordpol-Expedition von Julius Payer und Carl Weyprecht nach ihrer langen Eis- und Bootsfahrt aufnahmen. Die 24 Forscher und Matrosen waren im August 1872 in ihrem Schiff Tegetthoff um zwei Monate zu früh vom Packeis eingeschlossen worden und mussten zweimal bei −50 °C überwintern. Im Frühjahr 1873 hatten sie Franz-Joseph-Land entdeckt und es im darauffolgenden Jahr vor ihrer geglückten Rückkehr erkundet.

Von 1907 bis 1913 erkundete der russische Geologe Wladimir Alexandrowitsch Russanow das Gebiet in insgesamt sechs Expeditionen. Er entdeckte die zahlreichen Rohstoffvorkommen auf der Insel, 1908 gelang ihm die erste West-Ost Durchquerung Nowaja Semljas, 1910 navigierte er erstmals rund um die Nordinsel, 1911 umschiffte er die Südinsel.

Atommüll

Karte der verklappten Reaktoren in der Region um Nowaja Semlja

Neben diversen in der freien Landschaft stehenden Kernreaktoren, ist nach Angaben von BBC und Bellona vor allem die Verklappung von 29 Kernreaktoren (seit 1966) östlich von Nowaja Semlja erwähnenswert.

Wirtschaft

Die Inseln haben nur 2716 Einwohner (Volkszählung 2002, davon 2622 in der Hauptstadt Beluschja Guba an der Westküste der Südinsel), von denen die meisten der Urbevölkerung, den Nenzen, angehören. Die Fischerei und die Pelztierjagd spielt für Nowaja Semlja eine große Rolle. Zu den Pelztieren gehören der Polarfuchs, der Tundrawolf und der Eisbär.

Südlich in der Barentssee wird Offshore das Priraslomnoje-Ölfeld mit etwa 73 Mio. Tonnen erschlossen[1] Daneben werden auf den Inseln Kupfer und Steinkohle abgebaut.

Wegen der bereits vorhandenen, massiven radioaktiven Strahlung durch Kernwaffentests sowie durch z.T. unsachgemäße Lagerung von Atommüll, wurde vorgeschlagen, ein internationales Endlager für "Atommüll" im Felsgestein der Nordinsel zu errichten.

Atomwaffentests

Seit 1957 war Nowaja Semlja Testgebiet für Kernwaffenversuche. Hier explodierte auch die größte jemals gezündete Wasserstoffbombe. Die Sowjetunion testete dort eine 57-Megatonnen-Bombe namens „Zar Bomba (Zar-Bombe)“. Insgesamt wurden in Nowaja Semlja 132 Kernwaffenversuche durchgeführt, 86 davon in der Atmosphäre, 43 unterirdisch und drei unter Wasser.[2] Im Bereich von Nowaja Semlja wurden auch zahlreiche außer Dienst gestellte Atom-U-Boote versenkt und damit das Gebiet langfristig radioaktiv belastet. Deshalb wurde die Idee entwickelt, auf Nowaja Semlja ein internationales Endlager für Atommüll zu errichten.

Noch immer sind weite Teile der Insel – insbesondere im Norden – militärisches Sperrgebiet. Zurzeit dienen etwa 3.000 Frauen und 10.000 Männer auf Nowaja Semlja. Sie alle mussten, wie alle Soldaten auf Nowaja Semlja seit 1957, Erklärungen unterschreiben, die sie dazu verpflichten, 25 Jahre lang keine Informationen über das ehemalige Kernwaffen-Testgebiet preiszugeben.

Geophysik

Verschiedene Forschungsstationen auf den Inseln dienen der Meteorologie und der Geophysik. Unter anderem werden Wind- und Meeresströmungen, das Erdmagnetfeld und die Polarlichter erforscht. Eine Vertiefung solcher Forschungen erfolgte ab dem Internationalen Geophysikalischen Jahr 1957/58 und auch durch spätere internationale Kooperationen.

Um 1980 untersuchten New Yorker Geophysiker die Aufzeichnungen starker seismischer Wellen, die zwei russische Nukleartests auf Nowaja Semlja 1971 und 1974 hervorgerufen hatten. Zunächst berechneten sie daraus, dass der innere Erdkern jährlich um ein Grad rascher rotiert als der Erdmantel. Diese wissenschaftliche Sensation hielt aber nicht lange, weil sie auf einer fehlerhaften Annahme fußte.

Ein weiteres Projekt analysierte nicht die am Erdkern reflektierten, sondern die gestreuten Bebenwellen (siehe Seismik). Aus den Differenzen der Laufzeiten von 1971/74 errechneten die Wissenschaftler, dass der Kern tatsächlich dem Erdmantel „vorauseilt“, aber nur um 0,15 Grad pro Jahr. Diese Resultate (siehe Nature, Band 405) sind bedeutungsvoll für die Physik des ganzen Erdkörpers und auch für Erdrotation und Astronomie.

Siehe auch

Weblinks

Quellen

  1. Rosneft to Transport Siberian Oil through the Northern Sea Route.
  2. Russian nuclear weapons and testing auf der Website der norwegischen Umweltschutzorganisation Bellona

74567Koordinaten: 74° 0′ N, 56° 0′ O


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