Nuscheler

Nuscheler
Franz Nuscheler auf dem Deutschen Katholikentag 2008 in Osnabrück

Franz Nuscheler (* 11. April 1938 in Bad Wörishofen) ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Er war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2003 Professor für Internationale und Vergleichende Politik an der Universität Duisburg-Essen.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Nuscheler studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Öffentliches Recht an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. 1967 promovierte er bei Dolf Sternberger über Walter Bagehot und die englische Verfassungstheorie. Anschließend wurde Nuscheler von 1969 bis 1975 Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Hamburg, wo er unter anderem Sprecher des Sonderforschungsbereiches 14 (Lateinamerika) war. Bereits 1974 erhielt er einen Ruf an den Lehrstuhl für Internationale und Vergleichende Politik an der damaligen Gerhard-Mercator-Universität in Duisburg.

Von 1990 bis Mai 2006 war Nuscheler Direktor des Instituts für Entwicklung und Frieden.

Forschungsschwerpunkte

Zeit seiner Forschungsarbeit hat Franz Nuscheler globale Fragen ins Zentrum seiner gesamten wissenschaftlichen Arbeit gestellt. Dabei hat er sich als Wissenschaftler stets für normativ anspruchsvolle globale Politik eingesetzt. Eckpunkte seiner Arbeit sind unter anderem:

Nuscheler geht es weniger um eine Soziologie der internationalen Beziehungen als um das ordnungspolitische Ziel einer sozialökologischen Marktwirtschaft auf Weltebene, die den Armen faire Entwicklungschancen einräumt. Zitat: „Die Armutsbekämpfung muss deshalb aus der Ecke einer Armen– und Mitleidspolitik herausgeholt und als Gebot der polit. Vernunft und des aufgeklärten Eigeninteresses begriffen werden. Und sie muss in die Architektur einer Weltsozialordnung eingebunden werden.“ (2001,9). Außerdem wollte Nuscheler nicht nur für einen kleinen akademischen Kreis schreiben, sondern einen größeren Kreis von entwicklungspolitisch Interessierten erreichen (Beispiele: Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik von 1985 oder das Jugendbuch Nirgendwo Zuhause).

Global Governance

Die Frage, wie Weltprobleme unter Globalisierungsbedingungen lösbar werden können, hat ihn besonders die letzten Jahre beschäftigt und ihn zu Global Governance (GG) geführt. Mit GG bezeichnet man ein Konzept, mit dem auf die Frage der politischen Beherrschbarkeit von Weltproblemen und der Globalisierungstendenzen zu antworten versucht wird. Die Notwendigkeit der Lösung von Weltproblemen im Zuge der fortschreitenden Globalisierung fordert eine Globalisierung der Politik, da Verfahren und Instrumente der nationalstaatlichen Macht- und Interessenpolitik nicht mehr den Anforderungen genügen, diese Vielzahl von Problemen zu lösen. GG bezeichnet nun die neuen Ordnungsstrukturen dieser neuen globalisierten Politik. Der Begriff GG erschien in der wissenschaftlichen Diskussion zum ersten Mal in einem 1995 vorgelegten Bericht Nachbarn in Einer Welt der Commission of Global Governance. Kernaussagen des GG-Konzepts, das inzwischen in der internationalen Diskussion heftig umstritten ist, sind nach Messner und Nuscheler:

  • Global Governance heißt nicht Global Government, also Weltstaat oder Weltregierung.
  • GG beruht auf verschiedenen Formen und Ebenen der internationalen Koordination und Kooperation und kollektiven Entscheidungsbildungen. Internationale Organisationen übernehmen die Koordination und die jeweiligen, vertraglich an die Organisation gebundenen, Nationalstaaten übersetzen den Willen zur Kooperation in verbindliche Regelwerke.
  • Geteilte Souveränitäten bewirken einen Zugewinn an gemeinsamer Handlungs- und Problemlösungsfähigkeit => Souveränitätsverlust.
  • GG fordert ein Zusammenwirken von staatlichen- und nichtstaatlichen Akteuren von der globalen bis zur lokalen Ebene. Horizontale und vertikale Verschränkungen der Ökonomie und Zivilgesellschaft sollen diesen Prozess fördern.
  • Hauptakteure der internationalen Politik bleiben die Nationalstaaten, die die jeweiligen Interessen von Ökonomie, NGOs und der Zivilgesellschaft auf ihrem Territorium bündeln und somit die tragenden Pfeiler der GG-Architektur bilden.

Fazit: Global Governance versucht, Antworten auf die Frage zu liefern, wie die Welt noch regiert werden kann.

Forschungsprojekte

Beteiligungen an Ausschüssen und Kommissionen

Werke

  • Franz Nuscheler: Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik. Bonn (J.H.W. Dietz Verlag) 2004 (5. Aufl.), ISBN 3801203506
Das Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik ist eine grundlegende Einführung in die zentralen entwicklungspolitischen Themenfelder Globalisierung, Staatsversagen, Hunger, Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt.
  • Franz Nuscheler: Internationale Migration. Flucht und Asyl (= Schriftenreihe Grundwissen Politik, Bd. 14). Wiesbaden (VS Verlag) 2004 (2. Aufl.), ISBN 3810037575
  • Ingomar Hauchler / Dirk Messner / Franz Nuscheler (Hrsg.): Globale Trends 2004/2005. Fakten, Analysen, Prognosen. Frankfurt/M. (Fischer Taschenbuch Verlag) 2003, ISBN 359616026X
  • Paul Kennedy / Dirk Messner / Franz Nuscheler (Hrsg.): Global Trends and Global Governance. London (Pluto Press) 2002
  • Franz Nuscheler (Hrsg.): Entwicklung und Frieden im 21. Jahrhundert. Zur Wirkungsgeschichte des Brandt-Berichts. (Sonderband: Eine WELT-Texte der Stiftung Entwicklung und Frieden). Bonn 2000, ISBN 3801202887
  • Dieter Nohlen / Franz Nuscheler (Hrsg.): Handbuch der Dritten Welt. Bonn (J.H.W. Dietz Nachfolger GmbH) 1992 (3. Aufl.)
Das Handbuch der Dritten Welt (HDW) ist das führende entwicklungspolitische Buch im deutschen Sprachraum. Es erscheint in acht Bänden.
  • Franz Nuscheler: Japans Entwicklungspolitik. Quantitative Superlative und qualitative Defizite. In: Mitteilungen des Instituts für Asienkunde, Nr. 181/1990, ISBN 3889100716
  • Franz Nuscheler: Nirgendwo zu Hause - Menschen auf der Flucht. München (dtv) 1988 (3. Aufl.), ISBN 3423790253
  • Franz Nuscheler: Walter Bagehot und die englische Verfassungstheorie. Meisenheim 1969

Weblinks


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