Nutze den Tag


Nutze den Tag
Carpe diem auf einer Sonnenuhr

Carpe diem (zu deutsch: „nutze / pflücke den Tag“) ist eine lateinische Redewendung, die aus einer Ode des römischen Dichters Horaz (* 65 v. Chr.; † 8 v. Chr.) stammt.

Inhaltsverzeichnis

Ursprung

Die Sentenz „Carpe diem!“ stammt aus der Schlusszeile des um 23 v. Chr. entstandenen Carmen 1,11. Sie ist im Kontext des Gedichtes eine Aufforderung, die knappe Lebenszeit heute zu nutzen und nicht auf den nächsten Tag zu vertrauen. Die Intention ist epikureistisch und nicht, wie oft geglaubt, hedonistisch.

Der Autor

Q. Horatius Flaccus schrieb vier Lyrikbücher, die „Carmina“, die insgesamt 104 Gedichte enthalten. Die ersten drei verfasste er um 23 v. Chr. und das vierte um 13 v. Chr. Themen sind vor allem Liebe und Politik, aber auch Freundschaft, Alltäglichkeiten des Lebens und Fragen aus der Philosophie. Im Unterschied zu seinen griechischen Vorgängern war Horaz nur Dichter und nicht Musiker. Deshalb waren seine „Oden“ nicht vertont. Horaz liebte es, in einem Gedicht die verschiedensten Themen zusammenzufügen. Oft verwendete er verhaltene, hintergründige Aussagen. Mittel dazu waren treffende Bilder, Aussparungen, Offenlassungen und leise Untertöne. Viele seiner Gedichte beginnen wuchtig und klingen leicht und heiter aus.

Carmen 1,11

Tu ne quaesieris (scire nefas) quem mihi, quem tibi
finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios
temptaris numeros. Ut melius quicquid erit pati!
Seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,

quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum, sapias, vina liques et spatio brevi
spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida
aetas: carpe diem, quam minimum credula postero.[1]

Übersetzung

Frag nicht (denn Wissen ist ein Frevel ), welches Ende die Götter mir, welches sie dir, Leukonoe, zugedacht haben, und lass die Finger von babylonischer Astrologie! Wie viel besser doch, was immer sein mag, zu ertragen! Ob Jupiter noch viele Winter uns zugeteilt hat oder den letzten, der jetzt an entgegenstehenden Klippen das Tyrrhenische Meer bricht – lebe mit Verstand, kläre den Wein und beschränke ferne Hoffnung auf kurze Dauer! Noch während wir reden, ist die missgünstige Zeit schon entflohen: Nutze den Tag, und glaube so wenig wie möglich an den nächsten!

Versmaß

Das metrum (Versmaß) der Ode ist der in der lateinischen Lyrik relativ seltene asclepiadeus maior (Großer Asclepiadeus). Er bildet auch die Grundlage für die Aussprache von cárpe diém. Im deutschen Sprachgebrauch werden somit die erste und letzte Silbe betont ausgesprochen.

spēm lōngām rĕsĕcēs. Dūm lŏquĭmūr, fūgĕrĭt īnvĭdā
aētās: cārpĕ dĭēm, quām mĭnĭmūm crēdŭlă pōstĕrō.

Parodie

Das berühmte Lied des Horaz wurde 1896 von dem Dichter Christian Morgenstern als „Studentenscherz“ parodiert. Morgenstern griff dabei nicht nur den Inhalt des Vorbildes auf, sondern ahmte auch das Metrum nach:

Horatius travestitus I, 11 [2]

Laß das Fragen doch sein! sorg dich doch nicht über den Tag hinaus!
Martha! Geh nicht mehr hin, bitte, zu der dummen Zigeunerin!
Nimm dein Los, wie es fällt! Lieber Gott, ob dies Jahr das letzte ist,
das beisammen uns sieht, oder ob wir alt wie Methusalem
werden: sieh’s doch nur ein: das, lieber Schatz, steht nicht in unsrer Macht.
Amüsier dich, und laß Wein und Konfekt schmecken dir wie bisher!
Seufzen macht mich nervös. Nun aber Schluß! All das ist Zeitverlust!
Küssen Sie mich, mon amie! Heute ist heut! Après nous le déluge!

Barock

Kirchturm in Saara mit dem Text „Nütze die Zeit“ auf dem Zifferblatt

Der Begriff wurde ein Schlüsselzitat im Barock.

Durch die Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges geprägt, bildete sich im 17. Jahrhundert ein starkes Vergänglichkeitsgefühl (Vanitas, Alles ist eitel oder Memento mori, Bedenke, dass du sterben musst). Aus der so empfundenen Sinnlosigkeit allen Tuns bildete sich im Gegensatz dazu das Gefühl, das Hier und Jetzt nutzen zu müssen und Vergnügungen zuzulassen: das carpe diem („Denke nicht an die Ewigkeit (das ist eitel), sondern nutze die Zeit, die dir bleibt, für dein Vergnügen!“) Die Verspieltheit und Sinnlichkeit der Kunstepoche Barock wird zentral auf dieses Motiv zurückgeführt. Der Begriff war auch in der englischen Literatur sehr verbreitet, z. B. in Robert Herrick To the Virgins, to Make Much of Time – hier, um die jungen Damen daran zu erinnern, wie vergänglich ihre Schönheit ist.

Exemplarisch für das Motiv des carpe diem im Barock ist ein Gedicht von Martin Opitz von 1624[3]:

Carpe diem

Ich empfinde fast ein Grauen,
dass ich, Plato, für und für
bin gesessen über dir.
Es ist Zeit hinauszuschauen
und sich bei den frischen Quellen
in dem Grünen zu ergehn,
wo die schönen Blumen stehn
und die Fischer Netze stellen!

Wozu dient das Studieren
als zu lauter Ungemach!
Unterdessen läuft die Bach
unsers Lebens, das wir führen,
ehe wir es inne werden,
auf unser letztes Ende hin:
dann kömmt ohne Geist und Sinn
alles in die Erden.

Holla, Junger, geh und frage,
wo der beste Trunk mag sein,
nimm den Krug und fülle Wein!
Alles Trauern, Leid und Klage,
wie wir Menschen täglich haben,
eh uns Clotho* fortgerafft,
will ich in den süßen Saft,
den die Traube gibt, vergraben.

Kaufe gleichfalls auch Melonen
und vergiss des Zuckers nicht,
schaue nur, dass nichts gebricht!
Jener mag der Heller schonen,
der bei seinem Gold und Schätzen
tolle sich zu kränken pflegt
und nicht satt zu Bette legt;
ich will, weil ich kann mich letzten!

Bitte meine guten Brüder
auf die Musik und auf ein Glas!
Kein Ding schickt mich, dünkt mich, bass
als gut Trank und gute Lieder.
Lass ich gleich nicht viel zu erben,
ei, so hab ich edlen Wein!
Will mit andren lustig sein,
muss ich gleich alleine sterben.

(*gemeint ist die Moire Klotho)

Variationen anderer Kulturen

Die von Horaz' Gedicht vermittelte Haltung, den Augenblick zu genießen und das Leben von der positiven Seite zu nehmen, ist auch zu anderen Zeiten zu finden, so im antiken Ägypten. In der Geschichte des Lebensmüden steht in der 68. Zeile:

Schemes heru nefer s:mech mech (Keine ägyptologische Umschrift, sondern ägyptologische Aussprache)

Folge den schönen Tagen und vergiß die Sorgen!

Auch in Sprichwörtern, die im Deutschen zum allgemeinen Sprachgut zählen, ist diese Lebenseinstellung zu finden.

Sonstiges

Zur Popularisierung des Zitats hat in jüngerer Zeit der Film „Der Club der toten Dichter“ aus dem Jahr 1989 beigetragen.

Die US-amerikanische Metal-Band Metallica veröffentlichte 1997 in ihrem Album Reload den Song Carpe Diem Baby.

Auf dem Album Chokmah von Nena findet sich der Titel Carpe Diem, der 2001 auch als Single veröffentlicht wurde.

Carpe diem ist außerdem der Name einer Freimaurerloge in Heidelberg.

Die Abwandlung Carpe noctem (Nutze die Nacht) ist in der Gothic-Szene beliebt.

Carpe Diem Records ist ein deutsches CD-Label für Alte Musik und Improvisierte Musik.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. siehe Wikisource: Quintus Horatius Flaccus - Carmina: Carmen 1,11
  2. siehe Christian-Morgenstern-Archiv, Übersetzung bei 12koerbe.de
  3. siehe Wikisource: Martin Opitz - Gedichte: Carpe Diem

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