Oscar Niemeyer


Oscar Niemeyer
Oscar Niemeyer, 1950er Jahre

Oscar Ribeiro de Almeida Niemeyer Soares Filho (* 15. Dezember 1907 in Rio de Janeiro) ist ein brasilianischer Architekt. Er gilt als Wegbereiter der modernen brasilianischen Architektur. Niemeyer entwarf die Gebäude für die brasilianische Hauptstadt Brasília, die 1987 zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Niemeyer (rechts) mit Leonel Brizola, Copacabana, 2002

Niemeyer begann 1928 sein Studium an der Escola Nacional de Belas Artes (dt.: Nationale Schule der Schönen Künste) in Rio de Janeiro, das er 1934 abschloss. Im Anschluss arbeitete er im Büro des brasilianischen Architekten und Stadtplaners Lúcio Costa. Der Auftrag an Costas Büro für den Bau des ersten modernen brasilianischen Gebäudes, des Ministeriums für Bildung und Gesundheit in Rio de Janeiro (des heutigen Kulturpalasts), brachte Niemeyer mit Le Corbusier zusammen. Dieser machte ihn später zu seinem Assistenten. 1945 schloss Niemeyer sich der brasilianischen Kommunistischen Partei[1] an. In den Jahren 1947 bis 1953 war er der Vertreter Le Corbusiers im Planungsgremium der UNO für das Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York City. Die Zusammenarbeit mit Le Corbusier sollte Niemeyers Schaffen stark beeinflussen, indem er später die strenge Orthogonalität moderner Architektur um Kreis und Kurve erweiterte.

Niemeyer setzte früh fast ausschließlich auf Stahlbeton als Baumaterial, dem er neue Anwendungsmöglichkeiten erschloss. In seiner futuristischen und plastischen Formensprache mit kurvenreichen, weichen Konturen hält er stets ein ausgewogenes Verhältnis zwischen freiem Raum und Volumen ein. Der Orthogonalität vieler seiner Kollegen schwor er fast vollständig ab. Seine kühnen und unkonventionellen Entwürfe begründeten seinen Ruf als eines der wichtigsten Vertreter und Erneuerer der architektonischen Moderne.

Am bekanntesten sind seine Entwürfe für den Bau der brasilianischen Planhauptstadt Brasília zwischen 1957 und 1964. Alle öffentlichen Gebäude in der auf dem Reißbrett geplanten Stadt stammen aus seiner Hand. Lúcio Costa wurde sein ausführender Stadtplaner. Die UNESCO erklärte Brasília 1987 zum Weltkulturerbe.

1966, zwei Jahre nach der Machtergreifung durch die Militärs im Jahre 1964, ging Niemeyer wegen seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Brasiliens nach Frankreich ins Exil. Ende der 1960er Jahre konnte er seine Arbeit in Brasilien fortsetzen. Er lehrte unter anderem an der Universidade Federal do Rio de Janeiro (UFRJ), kehrte jedoch erst nach der Generalamnestie von 1979 im Jahre 1982 ganz nach Brasilien zurück. Während seiner Jahre im Exil erbaute er unter anderem die Zentrale der Parti communiste français in Paris, das Haus der Kultur in Le Havre und das Verlagshaus von Mondadori in Mailand. 1990 trat er aus der Partei aus, blieb jedoch weiterhin Marxist.[2]

Niemeyer ist auch mit über 100 Jahren noch als Architekt tätig.

Familie

Niemeyer heiratete 1928 Annita Baldo, eine Tochter italienischer Einwanderer aus Padua. Sie verstarb 2004. Aus der Ehe stammt die Tochter Ana Maria. Am 16. November 2006, einen Monat vor seinem 99. Geburtstag, heiratete er seine 38 Jahre jüngere Sekretärin Vera Lucia.

Sein deutscher Name geht zurück auf Konrad Heinrich von Niemeyer (1761–1806),[3] der 1778 von Hannover nach Portugal auswanderte und dort als Vermessungsingenieur arbeitete.[4] Dessen Vater wiederum war der Generalmajor und Regimentschef des Cavallerieregiments Nr. 8 im Dienste des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg, Jakob Konrad von Niemeyer (1730-1808); er hatte Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe unterstützt, die spanische Invasion von 1762 in Portugal erfolgreich abzuwehren.[5]

Rezeption

Die britische Architektin Zaha Hadid sieht in Niemeyers Stil einen der stärksten Einflüsse, die auf sie gewirkt haben.[6]

Der Dokumentarfilm Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch (Originaltitel: Oscar Niemeyer – A vida é um sopro[7]) über das Leben und Werk des Architekten kam am 14. Januar 2010 in die deutschen Kinos. Der Dokumentar-Film beanspruchte zehn Jahre zur Vorbereitung und Fertigstellung.[8] Als Wegbegleiter Niemeyers wurden unter anderem die Schriftsteller Eduardo Galeano und José Saramago, der Liedermacher Chico Buarque und der marxistische Historiker Eric Hobsbawm interviewt.

Werke (Auswahl)

Realisierte Projekte

Oscar Niemeyer zählt zu den schaffensreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Er hat insgesamt mehr als 600 Gebäude konzipiert, die erbaut worden sind. Er teilt sein Werk selbst in fünf Perioden: Pampulha, Pampulha bis Brasília, Brasília, Bauten in Übersee (Paris, Mailand usw.) und Spätwerke. Etliche Bauten gelten als Architektur-Ikonen der Moderne.

Oscar Niemeyer, 2008

Im Aufbau befindliche Projekte

Nicht realisierte Projekte

  • Freizeitbad in Potsdam – 2007[10]
  • Praça de Soberania - Sao Paulo, Brasilien[11]

Auszeichnungen (Auszug)

Zitate

Der rechte Winkel zieht mich nicht an, und auch nicht die gerade, harte inflexible Linie, die der Mensch geschaffen hat. Was mich anzieht, ist die freie und sinnliche Kurve, die ich in den Bergen meines Landes finde, im mäandernden Lauf seiner Flüsse, in den Wolken des Himmels, im Leib der geliebten Frau. Das ganze Universum ist aus Kurven gemacht. Das gekrümmte Universum Einsteins.

Oscar Niemeyer, 1996[12]

Man muss gegen die funktionalistische Architektur ankämpfen, die sich des armierten Betons bedient, um rechtwinklige und öde Räume zu gestalten.

Oscar Niemeyer[12]

Die Architektur besteht aus Traum, Phantasie, Kurven und leeren Räumen.

Oscar Niemeyer[12]

Die Kommunisten sind die einzigen, die immer noch eine bessere Welt schaffen wollen.

Oscar Niemeyer, 2008[2]

Über Niemeyer

Nie wieder wird die Zukunft so gut aussehen wie mit den Bauten des Brasilianers.

Der Spiegel, 2007[6]

Werkschau

Literatur

Film

  • Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch. (Originaltitel: Oscar Niemeyer – A vida é um sopro.) Dokumentation (OmU), Brasilien, 2007, 85 Min., Buch: Jacques Cheuiche, Fabiano Maciel, Regie: Fabiano Maciel, Produktion: Sacha, unter anderem mit José Saramago, Chico Buarque, Eric Hobsbawm; Filmseite, Besprechung:[13]

Weblinks

 Commons: Oscar Niemeyer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Bilder
Zum 100. Geburtstag

Einzelnachweise

  1. Partido Comunista Brasileiro (PCB) – Brazilian Communist Party in der englischsprachigen Wikipedia
  2. a b Katharina Stegelmann, Petra Kleinau: Personalien: Oscar Niemeyer. In: Der Spiegel. Nr. 1, 2009, S. 149 (online).
    Oscar Niemeyer, 101, brasilianischer Architekt, ist im Herzen Marxist geblieben – auch wenn er 1990 nach 45-jähriger Mitgliedschaft die Partei verlassen hat. ‚Die Kommunisten sind die einzigen, die immer noch eine bessere Welt schaffen wollen‘, lobte er […]“
  3. Cor. Konrad Heinrich von Niemeyer in: Famílias de Leiria (Familien aus Leiria), abgerufen am 15. Oktober 2011
  4. Portugal em vésperas Invasões Francesas, Instituto Geográfico do Exército in Lissabon (Geographisches Institut des portugiesischen Militärs), S. 45, Ausstellungskatalog 2007, (PDF-Datei; 3,12 MB)
  5. Descendentes do General Jakob Konrad von Niemeyer in: Famílias de Leiria (Familien aus Leiria), abgerufen am 15. Oktober 2011
  6. a b Carmen Stephan: Die Leute brauchen Schönheit. In: Der Spiegel. Nr. 50, 2007 (online).
  7. Offizielle Filmseite: Oscar Niemeyer – A vida é um sopro – Dokumentarfilm über Oscar Niemeyer
    deutsche Filmkritiken bei film-zeit.de und
    Rüdiger Suchsland: Das tropische Projekt der Moderne. In: Telepolis, 14. Januar 2010
  8. Alexandra Wach: „Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch“, film-dienst, 2010, Nr. 1
  9. Walter Haubrich: Trotz alledem gilt gleiche Sicht für alle. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. Dezember 2010, Seite 32.
  10. jab/thm: Chronik einer Pleite: Das langsame Aus des Niemeyer-Bads. In: Tagesspiegel, 23. Juni 2007 mit Kommentar
    kd: „Wirtschaftsminister hält Projekt überraschend für nicht förderfähig / Stadt enttäuscht“, Märkische Allgemeine, 23. Juni 2007.
  11. „Architekt Niemeyer nimmt Abstand von umstrittenem Bauprojekt“, AFP, 5. Februar 2009.
  12. a b c aus: Oscar Niemeyer: Paroles d'Architecte, Mailand 1996, übersetzt von: Robert Schediwy: Städtebilder, LIT Verlag, Wien 2005, S. 50 ff.
  13. Christina Tilmann: Kurvenstar Niemeyer. In: Tagesspiegel, 15. Januar 2010

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