Otto Gloeckel


Otto Gloeckel
Gedenktafel für Otto Glöckel am Palais Epstein
Grab auf dem Meidlinger Friedhof

Otto Glöckel (* 8. Februar 1874 Pottendorf (Niederösterreich); † 23. Juli 1935 in Wien) war ein sozialdemokratischer Politiker und Schulreformer der Ersten Republik in Österreich.

Als Initiator der Reformpädagogik der Zwischenkriegszeit - der österreichischen Schulreform - war Glöckel ein Verfechter der Gesamtschule und Gegner von Bildungsprivilegien sowie Kämpfer gegen die kirchliche Vormachtstellung in den öffentlichen Schulen.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Seit 1897 war er mit Leopoldine Glöckel, geborene von Pfaffinger, verheiratet, die ebenfalls politisch tätig war und seine Reformpolitik unterstützte. Ab 1907 war Glöckel Reichsratsabgeordneter. Schon 1911 forderte er eine strenge Trennung von Kirche und Schule. Er war gegen den Zwang zu religiösen Übungen, die den Einfluss der Geistlichkeit auf das Schulwesen festigte. Dafür machte er den zuständigen Minister und späteren Ministerpräsidenten Graf Stürgkh verantwortlich. 1917 hielt er im Reichsrat seine programmatische Rede über die Bedeutung der Bildung in der Zukunft, diese Rede konnte in der Habsburger-Monarchie nur zensuriert publiziert werden.

Er war erster Unterrichtsminister (Unterstaatssekretär für Unterricht) der Ersten österreichischen Republik von April 1919 bis Oktober 1920. Sein Ziel war unter anderem die Demokratisierung der Schule durch organisatorische und inhaltliche Mitbestimmung der Lehrer, Eltern und Schüler und eine Abkehr von der reinen Lernschule („Drillschule“). Er gründete etwa die Bundeserziehungsanstalten. In seinem Erlass vom 22. April 1919 ermöglichte er Frauen den freien Zugang zu den Universitäten. Er förderte die Schönbrunner Erzieherschule und ernannte den Bildungsreformer Wilhelm Jerusalem 1919 zum außerordentlichen und 1923 zum ordentlichen Professor für Philosophie an der Universität Wien.

Besondere Bedeutung hat auch der sogenannte Glöckel-Erlass, in dem die verpflichtende Beteiligung der Schüler am Religionsunterricht sowie das tägliche Schulgebet abgeschafft wurden.

Er war Nationalratsabgeordneter und 1922−1934 Präsident des Wiener Stadtschulrates. Unter seiner Führung erfolgte die Wiener Schulreform. Die Wiener Schulreform nahm viel von dem vorweg, was heute in der Gesamtschuldebatte diskutiert wird – innere statt äußere Differenzierung des Schulsystems, gemeinsame Schule der 10–14 jährigen – oder bereits verwirklicht wurde wie die Abmeldung vom Religionsunterricht, Einführung der Klassensprecher, Schulsprecher, Lehrfreiheit der Lehrer und eine Demokratisierung des Schulbereiches. 1934 wurde er unter dem Austrofaschistischen Ständestaatsregime in Folge der Februarrevolte am 12. Februar 1934, an der Glöckel gar nicht beteiligt war, in seinem Büro im Palais Epstein verhaftet und in das Anhaltelager Wöllersdorf gebracht. Glöckel überlebte die Inhaftierung nur kurze Zeit.

Ehrungen

Nach ihm benannt:
  • Otto-Glöckel-Schule in Wien-Hietzing
  • Otto Glöckel-Volksschule in Wiener Neustadt
  • Weg im 22. Wiener Gemeindebezirk
  • Gedenktafel am Stadtschulratsgebäude
    Beim Umbau des Palais Epstein 2005 wurde die Gedenktafel entfernt und erst nach öffentlichen Protesten wurde wieder angebracht.
  • Türkenstraße 3 in Wien-Alsergrund, an dem die abgebildete Tafel 1954-1958 provisorisch angebracht war.
  • Verleihung der Otto-Glöckel-Medaille durch die Stadt Wien

Werke

  • Schule und Klerikalismus. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien 1911.
  • Das Tor der Zukunft. Verlag des Vereines Freie Schule, Wien 1919.
  • 12.November - Schulreform und Volksbildung in der Republik. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien 1919.
  • Die Österreichische Schulreform. Einige Feststellungen im Kampfe gegen die Schulverderber. Verlag Wiener Volksbuchhandlung, Wien 1923.
  • Die Entwicklung des Wiener Schulwesens seit dem Jahre 1919. Deutscher Verlag, Wien 1927.
  • Drillschule, Lernschule, Arbeitsschule. Verlag der sozialdemokratischen Partei, Wien 1928.
  • Selbstbiographie. Genossenschaftsdruckerei, Zürich 1938.

Literatur

  • Josef Luitpold Stern Zehn Jahre Republik. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien 1929.
  • Hans Fischl Wesen und Werden der Schulreform in Österreich. Verlag Jugend und Volk, Wien-Leipzig 1929.
  • Hans Fischl: Schulreform, Demokratie und Österreich 1918-1950. Jungbrunnen-Verlag, Wien 1950.
  • Grete Anzengruber (Hrsg.): Otto Glöckel - Mythos und Wirklichkeit. Schulreformen. Verlag Jugend & Volk, Wien 1985, ISBN 3-224-19383-2.
  • Gerald Mackenthun: Otto Glöckel - Organisator der Wiener Schulreform. In: Alfred Lévy, Gerald Mackenthun (Hrsg.): Gestalten um Alfred Adler - Pioniere der Individualpsychologie. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, S. 99–117, ISBN 3-8260-2156-8.
  • Willi Urbanek (Hrsg.): Auf der Spurensuche nach Otto Glöckel. Zur Bildungsrevolution Otto Glöckels historisch–inhaltlich–menschlich. Pädagogische Akademie des Bundes, Wien 2006, ISBN 3-9501954-9-1. Inhaltsverzeichnis (PDF)
  • Herbert Gantschacher: Zeuge und Opfer der Apokalypse. Arnoldstein-Salzburg-Wien 2007/2008.

Weblinks


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