Palo (Flamenco)


Palo (Flamenco)

Palo ist der Name für eine musikalische Form, die zum traditionellen Erbe des Flamenco zählt.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft der Bezeichnung

Das spanische Word palo hat verschiedene Bedeutungen. Normalerweise wird es im Sinne von „Stock“, „Stange“, „Pfahl“ oder „Pfosten“ benutzt, aber im Falle des Flamenco liegt wohl die Bedeutung als Bezeichnung für einen Satz von Spielkarten (also wie im Deutschen „Deck“ oder „Blatt“) zugrunde. Es bezeichnet also eine Kategorie.

Eigenschaften der Palos

Jeder Palo ist durch bestimmte Eigenschaften charakterisiert. Dies sind vor allem:

Jeder Palo umfasst eine Gruppe von traditionellen Melodien oder Liedern, die estilos genannt werden. Dieses Wort bezieht sich ausschließlich auf einzelnen Stücke, die in der Vergangenheit entstanden sind, entweder bestimmten Sängern zugeschrieben oder anonym, und die sich über Generationen weiterentwickelt haben können. Es ist nicht im Sinne von „Stil“ gemeint. Alle neuen, nicht-traditionellen Lieder oder Kompositionen, die der allgemeinen Form eines Palo folgen, werden gewöhnlich ebenfalls dem Palo zugeordnet.

Die Idee des Palo kann nicht als eine strenge musiktheoretische Einteilung verstanden werden. Es ist eher eine volkstümliche, manchmal inkonsequente Klassifizierung der Gesänge nach vergleichbaren Charakteristika. Zum Beispiel wird zur Bestimmung der Gesänge, die zum Palo der Bulerías gehören nur der Rhythmus herangezogen, nicht seine Tonart oder der Strophenbau.

Fandangos wiederum haben einige Formen im 3/4 oder 6/8-Takt, später entwickelten sich aber „freie“ Formen, d. h. solche ohne bestimmten Rhythmus. Die meisten Palos schließen Dutzende traditioneller Gesänge ein, während andere, wie die Serrana nur ein einziges Lied umfassen. Ein anderes interessantes Beispiel ist das des Polo und der Caña: sie sind fast identisch und müssten eigentlich als Varianten ein und desselben Liedes eingeordnet werden, gelten aber traditionell als verschiedene Palos.

Einteilung der Palos

Bei der Einteilung der Palos werden verschiedene Charakteristika betrachtet. Deren Auswahl ist nicht immer konsequent. Aufgrund ihres traditionell zugeschriebenen Ursprungs werden die Palos oft in Form eines Stammbaums dargestellt, der jedoch meistens nicht mit wissenschaftlichem Anspruch zusammengestellt ist (s. Weblinks).

Cantes a palo seco (Gesänge ohne Begleitung)

Die Gesänge ohne Begleitung werden von einigen Theoretikern wie Demófilo oder Molina und Mairena als der Ursprung der restlichen Flamenco-Gesänge angenommen. Sie gehören zu den ältesten dokumentierten Formen der Flamenco-Musik.

  • Tonás
  • Martinetes, dazu können auch gezählt werden:
  • Debla
  • Carcelera
  • Saetas
  • Trilla

Die debla und die carceleras werden zwar zu den Palos gezählt, sind jedoch eigentlich Varianten der Martinetes. Sie werden traditionell als Gesänge zigeunerischer Herkunft betrachtet. Die trilla ist eine andere Form des cante a palo seco, die ursprünglich von den Bauern während ihrer Arbeit gesungen wurde (das Wort trilla bezeichnet das Dreschen). Ein anderer wichtiger Palo dieser Art ist die Saetas, die den Prozessionen der Karwoche vorbehalten ist.

Einige moderne Flamenco-Interpreten haben diese Palos auch mit Instrumentalbegleitung aufgeführt, was von orthodoxem Publikum abgelehnt wird. Es ist jedoch immer wieder darauf hingewiesen worden, dass einige andere Palos, die heute anerkanntermaßen mit Begleitung dargeboten werden, früher auch a cappella gesungen wurden. Wenn Martinetes als Grundlage des Tanzes gesungen werden, begleitet man sie normalerweise mit Perkussion in der Art der Siguiriya, meist mit Hammer und Amboss, um ihren vermuteten Ursprung als cantes de fragua (Schmiedegesänge) darzustellen.

Palos, die mit der Soleá verwandt sind

Diese Gruppe umfasst alle Gesänge, die mit dem Rhythmus der Soleá gespielt werden, das heißt, nach folgendem rhythmischen Grundmuster:

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
. . | . . | . | . | . |

Diese Gruppe umfasst die folgenden Palos:

  • Soleá
  • Bulerías por soleá (auch als soleá por Bulerías bezeichnet)
  • die Gruppe der Cantiñas, u. a.:
  • Alegrías
  • Romeras
  • Caracoles
  • Mirabrás
  • Bulerías
  • Caña und Polo

Die meisten von ihnen werden zigeunerischem Ursprung zugeschrieben.

Die Bulerías ist ein Spezialfall dieser Gruppe, da sie nicht nach dem typischen 12/8-Schema der Soleá ausgeführt wird, sondern auch 6/8- oder 3/8-Gruppen enthalten kann. Die Palos Caña und Polo bestehen jeder bloß aus einem Lied, sie sind sich untereinander sehr ähnlich. Sie sind in dieser Gruppe nur wegen ihrer Begleitung vertreten, die Melodie ist der der Soleás nicht ähnlich.

Die Einordnung der Bulerías por soleá ist problematisch. Es kann als eine Art angesehen werden, die Soleá in einem gleichmäßigen Metrum zu spielen (statt mit dem üblichen Rubato, dass in der Soleá oft vorkommt). Aus diesem Grund wird sie auch soleá al golpe genannt („Soleá auf dem Schlag“). In anderen Fällen wird die Bezeichnung benutzt, um eine Untergruppe von traditionellen Gesängen zu bezeichnen, die im Rhythmus der Soleá gesungen werden.

Der sogenannte fandangos por soleá ist ein regulärer Fandango, bei dem die traditionelle Gitarrenbegleitung durch eine Soleá-Begleitung ersetzt wurde (mit den nötigen Veränderungen am Rhythmus des Liedes). Er wird normalerweise zu den Fandangos gezählt.

Gesänge, die mit der Seguiriya verwandt sind

Die Palos dieser Gruppe sind:

  • Seguiriya
  • Cabales
  • Serrana
  • Livianas
  • Toná liviana

Obwohl die Martinetes und andere Tonás manchmal mit der Perkussion der Seguiriya gespielt werden, gehören sie nicht in diese Gruppe. Der einzige Palo dieser Gruppe, der eine große Anzahl von Varianten (also estilos) hat, ist die Seguiriya selbst. Der Palo Livianas umfasst bloß zwei Lieder und die Serrana und die Toná liviana jeweils nur eines. All diese Palos folgen einem 12/8-Schema mit unterschiedlicher Verteilung der Akzente. Man könnte auch behaupten, es handele sich um den gleichen Rhythmus wie bei der Soleá, jedoch auf der achten Zählzeit begonnen:

Seguiriya   8 9 10 11 12 1 2 3 4 5 6 7
| . | . | . . | . . | .
Soleá   1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
. . | . . | . | . | . |

Gesänge, die mit dem Fandango verwandt sind

Die Fandangos in ihren vielen regionalen Varianten waren während des 18. Jahrhunderts äußerst beliebte Volkstänze in großen Teilen Spaniens und Lateinamerikas. Zahlreiche Komponisten wie Antonio Soler und Luigi Boccherini übernahmen Fandangos in ihre Kompositionen. Obwohl sie heute oft als cantes libres gesungen werden, dienten sie ursprünglich als Musik zu dem gleichnamigen Tanz. Wenn sie mit gleichmäßigem Metrum gespielt werden, folgen sie einem 3/4- oder 6/8-Takt. Ende des 19. Jahrhunderts entwuchsen sie der Folklore und wurden zu einem Flamenco-Palo.

Die Fandangos werden wie folgt eingeteilt:

  • Fandangos de Huelva („Fandangos aus Huelva“): Die traditionelleren estilos sind rhythmisch, seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts wurden sie aber auch als cantes libres ausgeführt.
  • Fandangos orientales („östliche Fandangos“) stammen aus dem östlichen Teil Andalusiens und der Region Murcia. Diese Untergruppe enthält:
  • Fandangos abandolaos: Sie werden in einem gleichmäßigen 3/4-Takt gespielt und schließen ein:
  • Verdiales
  • Jaberas
  • Rondeñas
  • Fandangos de Lucena
  • alte Malagueñas
  • und andere
  • Cantes libres („freie Gesänge“): Diese Kategorie schließt mit ein:
  • moderne Malagueñas
  • Tarantas
  • Cartageneras
  • Cantes de madrugá
  • Minera
  • Murciana
  • Levantica
  • Granaína
  • Media Granaína
  • Fandangos personales („individuelle Fandangos“): Alle Fandangos, die nicht zum traditionellen Repertoire gehören, sondern die von einem Sänger jüngerer Zeit erfunden wurden. Sie stellten den vorherrschenden Flamenco-Stil zwischen 1930 und 1960 dar und wurden später von Puristen abgelehnt.

Gesänge, die mit den Tangos verwandt sind

Die Gruppe der Tangos umfasst die meisten Flamenco-Formen im 4/4-Takt. Sie enthält:

  • Tangos
  • Tientos
  • Farruca
  • Garrotín
  • Rumba
  • Tanguillos
  • Marianas
  • Tarantos
  • andere seltene Formen

Die Tientos sind eine langsame, stärker synkopierte Form der Tangos, die an den Rhythmus der Habaneras erinnern. Viele traditionelle Melodien können sowohl im Tango- als auch im Tiento-Rhythmus gesungen werden. Oft beginnen Sänger mit einer Folge von Tientos und schließen sie mit einer oder mehreren Strophen im Tango-Rhythmus ab. Farruca und Garrotín waren Volkslieder, die vermutlich in Asturien und Katalonien beheimatet waren, und die nach Andalusien gebracht wurden, um dort Flamenco-Charakteristik zu erhalten.

Die Tarantos ist im gegensatz zur Tarantas kein cantes libres sondern eine Tarantas mit im Tangos-Compás. Klangcharakteristik, Artikulation und Harmonie sind identisch mit der Tarantas.

Cantes de ida y vuelta

Der spanische Ausdruck ida y vuelta bezeichnet eine Hin- und Rückfahrt. Von den Palos, die in diese Gruppe eingeordnet werden, nimmt man an, dass sie von Spanien aus in die Neue Welt gebracht wurden, besonders nach Kuba, wo sie Einflüsse der indigenen und farbigen Bevölkerung aufnahm, um schließlich durch zurückgekehrte Emigranten nach Andalusien „reimportiert“ zu werden. Zu diesen Palos zählen:

andere Palos

Flamenco-Sänger interpretieren oft andere Arten von Volksliedern, indem sie ihnen Flamenco-Charakteristika verleihen. Die meisten solcher Interpretationen werden nicht zum eigentlichen Flamenco gerechnet, obwohl sie manchmal schon seit längerer Zeit ins Repertoire von Flamenco-Sängern übergegangen sind. Dazu gehören:

  • Bambera
  • Nanas (Wiegenlieder)
  • Sevillanas (werden in der Regel zum Flamenco gerechnet)
  • Villancico flamenco (Weihnachtslieder), speziell:
  • Campanilleros
  • Zambras
  • Zorongo

Liste der aktuellen und historischen Palos

Die nachfolgenden Tabellen listen alphabetische einige der aktuellen und historischen Palos auf.

Literatur

Weblinks


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