Panoramatisches Erlebnis


Panoramatisches Erlebnis

Als Lebensbilderschau oder panoramatisches Erlebnis bezeichnet man das Phänomen, dass bei Sterbenden in Extremsituationen sowie gelegentlich auch auf dem Sterbebett das gesamte Leben quasi als "Film" im Zeitraffer noch einmal vor dem inneren Auge abläuft. Dieses Phänomen zählt zu den so genannten "letzten Bildern" und ist eine so genannte Nahtoderfahrung.

Eine solche Lebensbilderschau wurde erstmals 1892 von dem Schweizer Geologen Albert Heim (1849-1937) nach einem eigenen Absturzerlebnis beschrieben. Eine vergleichbare Beschreibung hat auch der islamische Prophet Mohammed hinterlassen.

Deutung und Interpretation

Die Existenz des Phänomens dieser inneren Kinematografie ist wissenschaftlich weitgehend anerkannt. Der Münchner Neurologe Max Mikorey (* 1899) interpretiert die Lebensbilderschau als psychischen Mechanismus der Beruhigung, die den Verunglückten aus der Gefahrensituation entrückt:

"Die 1951 von Pötzl und Frankl entwickelte Theorie des Vorgangs [der inneren kinematografischen Projektion] lässt sich in folgender Richtung weiterentwickeln. Primär tritt bei allen einschlägigen Fällen durch Verfeinerung des Zeitrasters ein Zeitlupeneffekt auf, welcher dem Verunglückten erlaubt, die akute Katastrophensituation überscharf zu erkennen und womöglich zu parieren. Erst dann, wenn der Betroffene die Aussichtslosigkeit der Situation erkennt und sich in sein Schicksal ergibt, vergehen ihm Hören und Sehen, so dass der Kontakt mit der Außenwelt völlig abreißt. Diese Wendung nach innen gibt das Stichwort für das Auftreten der Lebensbilderschau, wenn die Verfeinerung des Zeitrasters im Leerlauf bestehen bleibt, harmlose Erinnerungsbilder der Vergangenheit emporreißt und im Idealfall zu einer Lebensbilderschau komponiert" (Mikorey, Das Zeitparadoxon der Lebensbilderschau in Katastrophensituationen 1960: 4).

Bemerkenswert ist dabei auch das Phänomen einer Zeitauflösung bzw. einer Veränderung der indiviuduellen Zeitwahrnehmung durch eine Veränderung des Bewusstseinszustandes.


Nach einer Theorie (Kinseher, 2006) durchsucht das Gehirn bei der Lebensbilderschau das gesamte episodische Gedächtnis um einen Ausweg aus einer neuartigen Situation (z. B.: 'ich bin tot/ich sterbe') zu finden; auch die anderen Elemente von Nahtod-Erlebnissen (Geräusch, Tunnelerlebnis, Zusammentreffen mit Lichtwesen) entstammen diesem Gedächtnisbereich. Das Gehirn versucht, mit Hilfe seiner Erinnerungen einen Handlungsvorschlag für die aktuelle Situation zu erstellen. (Der menschliche Körper ist ein komplexes System, welches von einem sehr effektiven Feedback-System gesteuert und kontrolliert wird – dem Gehirn. Die aktuellen Sinneseindrücke werden dabei immer mit dazu passenden Informationen (Erfahrungen) aus dem Gedächtnis kombiniert, um dem 'Menschen' eine passende Zukunftsvorhersage als Handlungsvorschlag für die aktuelle Situation zu liefern. Damit kann man auf jede Situation sofort angemessen reagieren, denn der Vorschlag des Gehirns wird immer an die aktuelle Situation angepasst.)

Literatur

  • Max Mikorey: Das Zeitparadoxon der Lebensbilderschau in Katastrophensituationen. In: Zentralblatt für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, 159. Band, 1960, 4.
  • Otto Pötzl: Physiologisches und Pathologisches über das persönliche Tempo. In: Wiener Klinische Wochenschrift, 52. Jahrgang, Nr. 24, 1939, 569-573
  • W. Rösch: Über d. Phänomen d. Lebensbilderschau bei Abstürzen. Diss. : München 1955
  • Johann Kugler: Lebensbilderschau und Zeiterleben in Katastrophensituationen. In: Andreas Resch (Hrsg.): Veränderte Bewußtseinszustände: Träume - Trance - Ekstase (Imago Mundi; 12). Innsbruck: Resch, 1990. ISBN 3-85382-044-1
  • Kinseher Richard: Geborgen in Liebe und Licht - Gemeinsame Ursache von Intuition, Déjà-vu-, Schutzengel- und Nahtod-Erlebnissen. BoD, 2006, ISBN 3-8334-51963

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