Petr Stolypin


Petr Stolypin
Pjotr Stolypin

Pjotr Arkadjewitsch Stolypin (russisch Пётр Арка́дьевич Столы́пин, wiss. Transliteration Pёtr Arkad'evič Stolypin; * 2. Apriljul./ 14. April 1862greg. in Dresden; † 5. Septemberjul./ 18. September 1911greg. in Kiew) war ein russischer Staatsmann, der im Amt des Premierministers von 1906 bis 1911 tiefgreifende Reformen im Zarenreich durchsetzte.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft

Stolypin stammte aus einer großbürgerlichen russischen Familie. Seine Vorfahren kamen aus Litauen und waren im 16. Jahrhundert aus dem Baltikum in das Zarenreich emigriert. Seine Familie fügte sich nahtlos in die russische Oberklasse ein und hatte bis zur Zeit Stolypins eine Tradition des Dienstes an der Monarchie aufgebaut. Die Familie war durch weitreichenden Landbesitz in ganz Russland finanziell unabhängig und so war für den jungen Stolypin eine staatliche Laufbahn vorbestimmt. Väterlicherseits war er mit dem Dichter Michail Lermontow verwandt, sein mütterlicher Großvater war der russische Außenminister Alexander Gortschakow. Sein Vater, General Arkadi Dmitrijewitsch Stolypin (1821–1899), war zeitweise als russischer Gesandter in Deutschland tätig; so wurde Stolypin in Dresden geboren. Seit 1884 war er mit Olga Borissowna Neidhardt verheiratet, der Tochter einer prominenten Moskauer Familie, mit der er fünf Töchter und einen Sohn hatte.

Karriere

Stolypins Kontakte durch seine Familie ermöglichten ihm eine steile Karriere im russischen Verwaltungsapparat. Bereits mit 27 Jahren leitete er die Versammlung des niederen Adels in der Hauptstadt der damaligen Provinz Litauen in Kowno. Nach einem einjährigen Intermezzo als Provinzgouverneur der weißrussischen Stadt Grodno wurde Stolypin 1903 als Gouverneur nach Saratow in der Wolga-Region berufen. Dort machte er durch eine erfolgreiche Unterdrückung der lokalen revolutionären Bewegung im Zuge der Revolution von 1905 von sich reden. Infolgedessen wurde er vom Zaren erst zum Innenminister, dann 1906 zum Premierminister ernannt. Nachdem er keine Mitarbeit der Duma bei seinem Regierungsprogram erreichen konnte war eine seiner ersten Amtshandlungen die Auflösung der gerade mit der Revolution eingesetzten Duma. Stolypin wollte dadurch die radikalen Elemente der Volksvertretung schwächen, die weiterhin die Zusammenarbeit mit der zaristischen Regierung verweigerten und auf eine Wiederaufnahme des Umsturzes drängten. Da infolgedessen eine Welle von Aufruhr und politischen Morden an Beamten und Vertretern der Staatsmacht ausbrach, verfügte der Premierminister das Kriegsrecht in mehreren Gouvernements. Zur Wiederherstellung der Ordnung setzte er auch ein System von Standgerichten ein, die während seiner Amtszeit ungefähr 5.500 Todesurteile fällten. Dieses Vorgehen trug ihm den Titel des Eisernen Premierministers ein.

Politische Reformen

Agrarreform

Stolypin war ein ausgesprochener Monarchist, doch er erkannte, dass eine Reform des ancien régime notwendig war, um auf Dauer dessen Bestand zu sichern. Sein politisches Hauptziel war die Verhinderung der gewaltsamen Revolution, die nach seiner Ansicht alle Bevölkerungsgruppen ins Elend stürzen würde. Er erkannte, dass sich der Staat vor allem um die Bauernschaft, den größten Teil der russischen Bevölkerung, kümmern müsse. Zwar war die Bauernbefreiung im Zarenreich 1861 von Alexander II. durchgesetzt worden, doch hatte sie der Bevölkerung wenig greifbare Vorteile gebracht. Die Bauern waren zwar nicht mehr an Grundbesitzer gekettet, allerdings waren die Bauern im weiterhin bestehenden System aus Dorfgemeinschaften individuell ebenso unfrei. Das System der Gemeinschaften verteilte das Land unter den Bauern, erlaubte kein privates Eigentum an Grundbesitz und schränkte die Mobilität der Bauern ein, da jeder Einwohner an seine Gemeinschaft gebunden war. Schon 1906 setzte Stolypin per Ukas das Recht auf Privateigentum an Land für Kleinbauern durch. Seine nachfolgenden Schritte wuchsen sich zu einer tiefgreifenden Agrarreform aus. Um die Bauernschaft mit ausreichend Kapital und Fachwissen auszustatten, schuf er ein Ausbildungsprogramm und spezielle geringverzinste Kredite an Bauern. Ebenso initiierte er ein System von Kooperativen, die den Bauern die Möglichkeit gaben, ihre Produktion durch den gemeinsamen Kauf und die Nutzung von Maschinen zu steigern. Das Ziel seines Programms war die Schaffung eines bäuerlichen Mittelstands, der sich durch eigene Leistung und staatliche Hilfe aus der Masse der egalitären Dorfgemeinschaften erheben konnte. Diese Öffnung des sozialen Aufstiegs für den größten Teil des Volkes gipfelte in der Schaffung einer Agrarierpartei, die als bäuerliche Interessenvertretung die jahrhundertelange politische Agonie des ehemals dritten Standes im Zarenreich aufheben sollte. Dadurch sollte dieser größte Teil der Bevölkerung mit dem russischen Staat und dem Kapitalismus versöhnt werden und somit die mögliche Wurzel einer gewalttätigen Revolution gekappt werden.

Neulandgewinnung in Sibirien

Stolypin wollte nicht nur die soziale Stellung der Bauern stärken. Ebenso sollte das Zarenreich durch eine Erweiterung der Anbauflächen gesamtökonomisch vom Aufstieg der Bauernschaft profitieren. Hand in Hand mit seiner sozialen Reform ging ein Programm zur Neulandgewinnung. Dieses konzentrierte sich vor allem auf die Gebiete jenseits des Urals. Von 1908 bis zum Beginn des Weltkriegs fand eine Migration von über 2,8 Millionen Menschen nach Sibirien und Mittelasien statt.

Modernisierung des Staates

Stolypin hegte noch weitere Pläne für einen Umbau der Autokratie in ein effizientes Regierungssystem. Er fertigte Pläne zur Schaffung von Ministerien für Gesundheit und ethnische Angelegenheiten. Ebenso hatte er vor dem Ende seiner politischen Karriere ein Gesetz zur Emanzipation der Juden im Zarenreich vorbereitet, um dadurch diese Minderheit für den zaristischen Staat zu gewinnen. Ebenso sprach er sich, trotz seiner nationalistischen und monarchistischen Überzeugungen, für einen unabhängigen polnischen Staat aus, der über einen graduellen Prozess mehr und mehr Souveränität vom russischen Reich erhalten solle.

Rücktritt und Ermordung

Kutsche nach dem Attentat 1906
Stolypins Grab im Kiewer Höhlenkloster

Mit seinem Reformkurs machte sich Stolypin in allen politischen Lagern wichtige Feinde. Die Linken und die liberalen Konstitutionellen Demokraten sahen in ihm einen gewalttätigen Unterdrücker der revolutionären Bewegung. Vielen im rechten Lager gingen seine Modernisierungsideen zu weit. Die linke Opposition antwortete schon kurz nach seinem Amtsantritt mit offener Gewalt, die auch von manchen Duma-Abgeordneten gutgeheißen wurde. Führendes Element war hierbei die Partei der Sozialrevolutionäre, die Mord als politisch legitimes Mittel ansah. Bereits am 12. August 1906 wurde ein Bombenattentat auf ihn verübt. Der Anschlag forderte 27 Tote, verletzte ihn leicht und seine Tochter Natalja schwer. Stolypin verlor im Laufe seiner Amtszeit mehr und mehr an Durchsetzungskraft. Als 1911 ein Gesetzesvorschlag über eine Ausweitung der Rechte der bäuerlichen Selbsthilfeorganisation Semstwo von der Duma abgelehnt wurde, reichte der Ministerpräsident resigniert seinen Rücktritt ein. Kurz darauf folgte ein weiterer Mordanschlag der Linken. Er wurde am 14. September 1911 bei einem Opernbesuch in Kiew von einem Sozialrevolutionär namens Dimitri Bogrow schwer durch Pistolenschüsse verwundet. Stolypin erlag seinen schweren Verletzungen vier Tage später und starb an einer allgemeinen Sepsis. Sein Grab liegt in Kiew, denn er hatte Jahre zuvor in seinem Testament bestimmt: "Begrabt mich dort, wo ich ermordert wurde."

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