Potenzielle natürliche Vegetation


Potenzielle natürliche Vegetation

Potenzielle natürliche Vegetation (pnV) bezeichnet einen hypothetischen Zustand der Vegetation, der in einem Gebiet unter den heutigen Umweltbedingungen herrschen beziehungsweise sich einstellen würde, wenn der Mensch nicht mehr eingriffe[1]. Sie bezieht Prozesse der Sukzession nicht mit ein. Menschliche Veränderungen an den Standortsbedingungen werden berücksichtigt, sofern sie das Standortpotenzial verändern und nicht (kurzfristig, meist: innerhalb eines Regenerationszyklus der Vegetation) reversibel sind. Das Konzept der potenziellen natürlichen Vegetation ist von dem Pflanzensoziologen Reinhold Tüxen als Alternative zur umstrittenen Klimaxtheorie entwickelt worden und bezeichnet bei ihm eine gedankliche Konstruktion zur Analyse syndynamischer Zusammenhänge von Pflanzengesellschaften (Sukzessionsreihe und Ersatzgesellschaften).

Inhaltsverzeichnis

Begriffsbestimmung

Die potenzielle natürliche Vegetation unterscheidet sich von der Vegetation der Urlandschaft, wie sie vor dem Eingreifen des Menschen bestanden hat und auch von der "rekonstruierten natürlichen Vegetation", die sich eingestellt hätte, hätte der Mensch nie eingegriffen[2]. Es handelt sich auch nicht zwingend um die Vegetationsausstattung, die sich am Ende der Sukzessionsreihe als dauerhafte Schlussgesellschaft (Klimaxvegetation) einstellen würde[3], weil die Sukzessionsvorgänge den Standort verändern können; z.B. ist die potenzielle natürliche Vegetation eines eutrophen Flachsees eine Wasserpflanzengesellschaft, nicht ein Röhricht oder ein Erlenbruchwald. Schlüsselwort für das Konzept der potenziellen natürlichen Vegetation ist das Standortpotenzial, das heißt die spezifische Ausprägung der Standortfaktoren wie z.B. Bodenfeuchte, Nährstoffgehalt, Basengehalt des Bodens sowie Sommer- und Wintertemperaturen, Frost- und Dürreperioden, Länge der Vegetationsperiode als klimatische Faktoren. Da die potenzielle natürliche Vegetation das Standortpotenzial abbilden soll, werden durch den Menschen verursachte Änderungen des Standorts nicht ausgeschlossen. Dies ist eindeutig im Falle von Deponien oder Abgrabungen. Nach der neueren Auffassung[4] sind Immissionsbelastungen, urbane Wärmeinseln und vergleichbare Faktoren in der potenziellen natürlichen Vegetation abzubilden, weil diese sonst nicht mehr dem tatsächlichen Standortpotenzial entsprechen würde und damit keinen prognostischen oder planerischen Wert hätte. In gleicher Weise wäre die potenzielle natürliche Vegetation einer eingedeichten, durch Entwässerungsgräben trockengelegten Flussaue z.B. ein Eichen-Hainbuchenwald, nicht (wie in der Naturlandschaft oder bei einem hypothetischen Verschwinden der Menschheit) ein Eichen-Ulmen-Hartholzauwald. In gleicher Weise sind Agriophyten und auch Neophyten, die in die naturnahe Vegetation eingedrungen sind bei der Konstruktion der potenziellen natürlichen Vegetation zu berücksichtigen. Dies kann soweit gehen, dass in Irland Gebüsche der verwilderten Pontischen Azalee (Rhododendron ponticum) heute als Bestandteil der potenziellen natürlichen Vegetation anzusprechen sind.

Weite Teile Mitteleuropas haben als potenzielle natürliche Vegetation den Buchenwald[5]. Die potenzielle natürliche Vegetation ist eine zeitgebundene Konstruktion. Sie muss gegebenenfalls aktualisiert werden, wenn sich klimatische Veränderungen auf die Vegetation auswirken. Tüxen hat den Einfluss von Klimaveränderungen bei der Definition der potenziellen natürlichen Vegetation ausdrücklich ausgeschlossen.

Anwendung

Aus der potenziellen natürlichen Vegetation lassen sich Aussagen zur Standortsgunst und über das Spektrum an Ersatzgesellschaften machen, die sich unter unterschiedlichen anthropogenen Einflüssen an einem Wuchsort einstellen[6]. Insofern ist das Konzept der potenziellen natürlichen Vegetation in den 1950er Jahren zuerst als pflanzensoziologisches Hilfsmittel für agrar- und forstwirtschaftliche Entscheidungen entwickelt und erst später (etwa von den 1970er Jahren an) vom Naturschutz aufgegriffen worden. Seit den 1990er Jahren distanziert sich der Naturschutz in der Urlandschaftsforschung (Wildniskonzept) wieder von der potenziellen natürlichen Vegetation als 'Naturideal'[7].

Bei der Anwendung des Konzepts der potenziellen natürlichen Vegetation in der planerischen Praxis kommt es regelmäßig zu einer Reihe von Fehlinterpretationen, die seine Anwendung in der Fachwelt stark in Misskredit gebracht haben. Häufigster Fehler ist, dass die potenzielle natürliche Vegetation nicht, wie im Verfahren gefordert, aus den konkreten Standortfaktoren des behandelten Gebiets konstruiert wird, sondern sie schlicht aus großmaßstäblichen Übersichtskarten (z.B. Deutschlands oder eines Bundeslandes) übernommen bzw. durchgepaust wird. Dadurch werden erstens kleinräumige Standortvariationen vernachlässigt und zweitens kleinmaßstäbliche, irreversible Standortveränderungen durch den Menschen ignoriert. So wird beispielsweise meist selbst für bebaute Bereiche der Innenstädte eine potenzielle natürliche Vegetation in Form einer Waldgesellschaft der Naturlandschaft angegeben.

Kritik und Erweiterungen

Die methodischen Probleme bei der Konstruktion der PNV haben in der Vegetationskunde dazu geführt, dass das ursprüngliche Konzept mehr und mehr in die Kritik gerät. Modifikationen wie die "potenzielle standortgemäße Vegetation" (Leuschner[8]) oder die "potenzielle Ersatzvegetation" (Chytry[9]) sollen als Varianten des ursprünglichen Ansatzes diese Schwächen überwinden helfen. Zahlreiche Vegetationskundler plädieren allerdings inzwischen dafür, das Konzept ganz fallen zu lassen[10][11].

Weblink

Literatur

  • Reinhold Tüxen: Die heutige potentielle natürliche Vegetation als Gegenstand der Vegetationskartierung. In: Angewandte Pflanzensoziologie 13, 1956, ISSN 0174-8564, S. 5–42.
  • Ingo Kowarik: Kritische Anmerkungen zum theoretischen Konzept der potentiellen natürlichen Vegetation mit Anregungen zu einer zeitgemäßen Modifikation. In: Tuexenia 7, Göttingen 1987, 53-68.

Einzelnachweise

  1. Reinhold Tüxen: Die heutige potentielle natürliche Vegetation als Gegenstand der Vegetationskartierung. Angew. Pflanzensoz. 13, 1956: S. 5-42
  2. Neuhäusl, Robert: Vegetationskarte von Böhmen und Mähren. Berichte des Geobotanischen Instituts der Eidgenössischen Technischen Hochschule, Stiftung Rübel, 34 (1963): 107 - 121 (Zürich)
  3. Otti Wilmanns: Ökologische Pflanzensoziologie. Heidelberg, Wiesbaden 1989. S. 42.
  4. Kowarik, Ingo: Kritische Anmerkungen zum theoretischen Konzept der potentiellen natürlichen Vegetation mit Anregungen zu einer zeitgemäßen Modifikation. Tuexenia 7 (1987): 53-68 (Göttingen)
  5. Matthias Schaefer: Wörterbuch der Ökologie. 4. Auflage, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin 2003. ISBN 3-8274-0167-4, S. 272.
  6. Otti Wilmanns: Ökologische Pflanzensoziologie. Heidelberg, Wiesbaden 1989. S. 41 f.
  7. z.B. Bernd Gerken (Hrsg): Wo lebten Tiere und Pflanzen in der Naturlandschaft und der frühen Kulturlandschaft in Europa?. Höxter 1996. und Beate Jessel (Hrsg.): Wildnis - ein neues Leitbild?. Laufen 1997.
  8. Leuschner, Chr. (1997): Das Konzept der potentiell natürlichen Vegetation (PNV): Schwachstellen und Entwicklungsperspektiven. Flora 192: 239-249.
  9. Chytry, M. (1998): Potential replacement vegetation: An approach to vegetation mapping of cultural landscapes. Applied Vegetation Science 1: 177–188.
  10. Carrión, J.S. & Fernández, S. (2009): The survival of the 'natural potential vegetation' concept (or power of tradition). Journal of Biogeography 36: 2202-2203.
  11. Alessandro Chiarucci, Miguel B. Araujo, Guillaume Decocq, Carl Beierkuhnlein & Jose Marıa Fernandez-Palacios (2010): The concept of potential natural vegetation: an epitaph? Journal of Vegetation Science 21: 1172–1178.

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