Poulantzas


Poulantzas

Nicos Poulantzas (* 1936; † 1979, Suizid) war ein griechisch-französischer Politologe und Philosoph, der hauptsächlich in Frankreich (als Dozent für Soziologie in Paris), vorübergehend auch an der Goethe-Universität in Frankfurt, lehrte und forschte. Er gilt als wichtiger marxistischer Staats- und Klassentheoretiker.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Poulantzas wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf. Sein Vater war wie er später auch Jurist. Poulantzas interessierte sich daneben aber auch für sozialwissenschaftliche Zusammenhänge. In der Zeit seiner politischen Aktivität existierten in den südeuropäischen Ländern Spanien, Portugal und zeitweise auch in Griechenland Militärdiktaturen. Vor diesem „realen“ Hintergrund sind seine politischen Theorien zu sehen. Poulantzas wollte zunächst in Deutschland studieren, fand aber damals noch ein sehr konservatives akademisches Milieu vor. In Frankreich fand er dann seine zweite Heimat.

Poulantzas beging 1979 Selbstmord, nachdem er schon mindestens einen Versuch hinter sich hatte. Die Ursachen dafür werden nirgendwo genau beschrieben. Einleitungen seiner Werkausgaben im VSA-Verlag deuten auf frühe Konflikte mit seinen Eltern und eine Verzweiflung über die Erfolglosigkeit seines (eurokommunistischen) Engagements hin. Poulantzas warf sich vor ein Auto. Dies verursachte in der damaligen Pariser Intellektuellenlandschaft tiefe Betroffenheit, besonders bei seinem Mentor Louis Althusser und dessen Frau Hélène, die selber kurze Zeit später durch die Hände ihres Mannes sterben sollte.

Theorie

Poulantzas sah den Staat als „materielle Verdichtung von Kräfteverhältnissen“, mit repressiven, ökonomischen und ideologischen Staatsapparaten (diesen Begriff übernimmt er von Louis Althusser). Der Staat verfügt nach Poulantzas Theorie über eine „relative Autonomie“ von der ökonomischen Sphäre. Im Gegensatz zu den Theoretikern der „Staatsableitungsdebatte“ ist Poulantzas Staatsverständnis somit kein mechanistisch-ökonomistisches. Jedoch bleibt der Begriff „relative Autonomie“ unterbestimmt und wird nicht näher spezifiziert.

Im Unterschied zu Antonio Gramsci und seiner Konzeption der Zivilgesellschaft konnte Poulantzas das Vordringen des Staates in die Institutionen der Zivilgesellschaft erfassen. Poulantzas war ein scharfer Kritiker des Realsozialismus und vertrat das reformistische Konzept eines schrittweisen Machtzuwachses der beherrschten Klassen, der irgendwann zu „Rissen“ und einem Umkippen des Kräfteverhältnisses zu ihren Gunsten führen und damit den Weg für eine sozialistische Gesellschaft öffnen sollte.

Seine Überzeugungen trieben Poulantzas zum politischen Engagement in der damals existierenden eurokommunistischen Abspaltung von der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE), die sich selbst als KKE tou Esoterikoú (KP des Inlands) bezeichnete und in deren Nachfolge heute der Synaspismos steht.

Siehe auch

Werke

  • Faschismus und Diktatur. München: Trikont Verlag, 1973
  • Politische Macht und gesellschaftliche Klassen. Frankfurt/M.: Athenäum Fischer, 1974
  • Klassen im Kapitalismus heute. Hamburg: VSA, 1975
  • Die Krise der Diktaturen. Portugal, Griechenland, Spanien. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1977. (Vergriffen, Erstausgabe 1975)
  • Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus. Hamburg: VSA, 2002. ISBN 3-87975-857-3 (Erstausgabe 1978)

Sekundärliteratur

  • Alex Demirović (2007): Nicos Poulantzas. Aktualität und Probleme materialistischer Staatstheorie. Münster
  • Jens Wissel (2007): Die Transnationalisierung von Herrschaftsverhältnissen. Zur Aktualität von Nicos Poulantzas Staatstheorie. Baden-Baden. ISBN 3832926895
  • Lars Bretthauer/Alexander Gallas/John Kannankulam/Ingo Stützle (Hg.) (2006): Poulantzas lesen. Zur Aktualität marxistischer Staatstheorie. Hamburg
  • Bob Jessop (2005): Macht und Strategie bei Poulantzas und Foucault. Hamburg
  • Bob Jessop (1985): Nicos Poulantzas. Marxist Theory and Political Strategy. London

Weblinks


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