Poverty Point National Monument


Poverty Point National Monument
Luftaufnahme von Poverty Point 1938. Auf diesem Bild wurden die Zusammenhänge der Erdbauten erkannt.
Plan der Anlage heute

Poverty Point ist ein archäologischer Fundort und eine Gedenkstätte im Nordosten des US-Bundesstaates Louisiana nahe der Ortschaft Epps im West Carroll Parish. Das etwa 160 ha große Gelände auf einer Hangkante über dem Tiefland des Mississippi Rivers bewahrt singuläre Erdbauten einer präkolumbischen Indianerkultur am Ende der Archaischen Periode, die auf das 13. bis 17. Jahrhundert v. Chr. datiert werden. Die Erbauer waren eine Jäger-, Sammler- und Fischer-Kultur, die bereits über einfache Keramik verfügte und das Material für ihre steinernen Werkzeuge über große Entfernungen von zum Teil über 2000 km bezog.

Die Anlage wurde im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert als Fundort prähistorischer Artefakte entdeckt, aber erst in den 1950er Jahren wurde die Struktur der Erdbauten auf Luftbildern erkannt. Seitdem finden durchgehend Ausgrabungen statt. Poverty Point ist das Zentrum der Poverty Point Culture, die in einer Region verbreitet war, die Teile des heutigen Louisianas und einige angrenzende Gebiete Mississippis und Arkansas umfasste und bis nach Florida ausstrahlte. Der Ort ist als State Historic Site ausgewiesen und wird vom Louisiana Department of Culture, Recreation and Tourism verwaltet.[1] Seit 1970 ist der Fundort als National Historic Landmark von der US-Bundesregierung anerkannt[2], 1988 schuf der Kongress die Voraussetzungen für eine Übernahme durch den Bund als National Monument, der Staat Louisiana sieht aber keine Notwendigkeit die Zuständigkeit auf den Bund zu übertragen. Anfang 2008 hat das US-Innenministerium Poverty Point als Weltkulturerbe der UNESCO vorgeschlagen.[3]

Der Name stammt von einer Plantage aus dem 19. Jahrhundert, auf deren Grund die Erdbauten gefunden wurden.

Inhaltsverzeichnis

Die Anlage

Poverty Point liegt auf der Marçon Ridge, einem Rücken, der sich in Nord-Süd-Richtung etwa 200 km zwischen dem Boeuf River und dem Bayou Marçon erstreckt, zwei Flussläufen, die sich aus Altarmen am Unterlauf des Mississippi Rivers gebildet haben. Das heutige Bett des Mississippis verläuft etwa 25 km westlich. Der Rücken ragt nur etwa 10 bis 12 m über das umgebende Schwemmland, er ist damit aber dauerhaft vor Überflutung geschützt. Die prähistorische Anlage liegt auf dem östlichen Hangabbruch, während der bei Poverty Point rund 15 km breite Rücken auf seiner Westseite flach in das umgebende Sumpfland übergeht. Der Rücken besteht im Kern aus Schwemmmaterial und Lehm, der von einer mehrere Meter dicken Löss-Schicht überdeckt ist.[4]

Die Erdbauten bestehen aus sechs konzentrischen halben Ringen, die eine Freifläche an der Abbruchkante einschließen. Die sechs Ringe mit linsenförmigem Querschnitt waren durch Unterbrechungen radial in sechs Segmente geteilt. Sechs als Mounds bezeichnete künstliche Hügel, von denen zwei im Inneren der Ringe und vier außen liegen, wurden in einem zeitlichen Zusammenhang mit den Ringen errichtet. Im Südwesten führt ein aufgeschütteter Damm über die Ringe und eine Mulde außerhalb, er ist grob auf den südlichsten äußeren Hügel ausgerichtet. Ein weiterer Hügel knapp 2 km südlich ist heute als wesentlich älter erkannt und stand wohl in keinem direkten Zusammenhang.[5]

Der größte Mound (Mound A) liegt im Westen außerhalb der Ringe, nahezu in Flucht mit der mittleren Unterbrechung. Er besteht aus einer halbhohen vorgelagerten Plattform im Osten, aus der nach West eine Rampe auf einen Kegel aufsteigt, die an der Spitze eine kleine Plattform erreicht. Die Gesamtform wurde von frühen Ausgräbern als Vogel mit dem Kopf an der Spitze, der Rampe als Rücken, der Plattform als Schwanz und dem Kegel als ausgebreitete Flügel angesehen, so dass Mound A auch als Bird Mound bezeichnet wird. Die Interpretation gilt heute als rein spekulativ. Der nächst größte ist Motley Mound, mehr als 1 km entfernt im Norden. Er könnte ebenfalls in der Form von Mound A angelegt worden sein, ist aber schlecht erhalten oder wurde nie fertiggestellt. Die beiden Mounds im Inneren der Ringe waren grob oval, Sarah's Mound ist linsenförmig, während Dunbar Mound zu einer umlaufenden Plattform aufsteigt, in deren Mitte sich eine Kuppe erhebt. Mound B, außerhalb im Nordwesten war rund, Ballcourt Mound außerhalb im Südwesten hatte eine rechteckige Grundform und war oben eben.

Die drei äußeren Mounds nahe den Ringen sind nahezu exakt auf einer Nord-Süd-Achse angeordnet. Motley Mound liegt genau nördlich von Dunbar Mound. Bei früheren Vermessungen ging man davon aus, dass sie jeweils eine perfekte Flucht bilden und diskutierte über die verwendete Vermessungstechnik, inzwischen wurden die Annahmen über die Symmetrie und Exaktheit der Anlage und den Stand der Vermessungstechnik ihrer Erbauer relativiert.

Die sechs Ringe, sechs Segmente, sechs Mounds gelten als Modell der ganzen Welt. Sechs ist die Zahl der Richtungen, den vier Richtungen der Sonne, das Oben des Himmels und das Unten der Erde. Die Halbkreise lagen auf der Hangkante, ausgerichtet auf den und offen zum Sonnenaufgang im Osten. Die gesamte Anlage strahlte Harmonie aus und das gilt als ihre Aufgabe: Die Harmonie zwischen ihren Erbauern und allen Menschen und den Kräften der Natur herzustellen und zu besiegeln. Die Symmetrie sollte Gefahren abweisen.[6]Außerdem schuf sie Heimat und die Herstellung bildete die Gemeinschaft der Menschen.[7]

Die größte Ausdehnung der Ringe in Nord-Süd-Richtung beträgt etwa 1200 m, die Freifläche ist etwa 600 m lang und rund 5,7 ha groß. Die Ringe waren ursprünglich vermutlich rund 1,6 bis 2 m hoch, sie erreichen heute noch etwas über 1 m. Die Unterbrechungen der Ringe waren etwa 30 m breit. Die äußeren Ringe haben einen Abstand zwischen den Kämmen von 45 bis 55 m, die beiden inneren Ringe liegen etwa 80 m auseinander. Die Hügel messen etwa 20 m Höhe für den größten Mound A, vermutlich 15 m für Motley Mound, 7 m für Mound B und gut mannshoch für die anderen.

Alle Erdbauten bestehen weit überwiegend aus dem Erdreich der Umgebung, das Material für die Ringe wurde teilweise direkt zwischen ihnen entnommen, so dass sich dort flache Gräben bildeten. Die klumpige Struktur lässt auch heute noch erkennen, dass das Material in Körben transportiert wurde. Aus deren unterschiedliche Größe zwischen wenigen Kilogramm bis über 25 kg wird abgeleitet, dass Männer, Frauen und Kinder gemeinsam an der Anlage bauten. Das Gesamtvolumen der Bauten betrug zwischen 650.000 und über 750.000 Kubikmeter Erdreich[8] oder nach jüngeren Schätzungen 750.000–1.000.000 m³.[9]

Für die Ringe liegen umfangreiche 14C-Datierungen vor, die kalibrierten Daten liegen zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert v. Chr. wobei die Daten über die Ringe so verteilt sind, dass die Fehlermarge keine Aussagen über die Reihenfolge der Bauten erlaubt. Mound B ist als einziger Mound radiokohlenstoff-datiert, diese Daten wurden allerdings schon früh und mit damals unzuverlässigen Methoden ermittelt, gemeinsam erhobene Proben weichen um über 800 Jahre voneinander ab und sind vermutlich fehlerhaft. Realistische Annahnmen auf der Basis der Daten lassen vermuten, dass die gesamte Anlage zwischen 1600 und 1300 v. Chr. errichtet wurde, es ist jedoch nicht möglich zu sagen, ob über den ganzen Zeitraum daran gearbeitet wurde oder vielleicht nur eine Generation die Hauptleistung getragen hat.[10]

Vergleichsversuche mit menschlicher Arbeitskraft erlauben Schätzungen, wieviele Menschen mit den damaligen technischen Mitteln wie lange an den Erdbauten arbeiten mussten. 100 Männer hätten die Anlage in 21–24 Jahren errichten können, wenn sie in Vollzeit daran gearbeitet hätten. Diese Verteilung ist unrealistisch. In drei Generationen hätten hundert Männer nur sechs oder sieben Tage pro Monat dafür aufwenden müssen, 500 Menschen hätten das Werk in einer Generation erbauen können, wenn sie pro Jahr ein bis zwei Monate dafür eingesetzt hätten. In 300 Jahren hätten 100 Menschen nur wenige Tage pro Monat benötigt. Welche Kombination damals angewendet wurde, lässt sich nicht feststellen. Aber die Zahlen erlauben die Aussage, dass eine prähistorische Kultur auf dem Niveau von Poverty Point die Bauten in realistischen Zeiträumen errichten konnte.[11] Für den größten Mound A ergaben Grabungen im Jahr 2007, dass er in innerhalb weniger Wochen erbaut worden sein muss. Die Datierung wurde auf 3600–3100 cal B.P. (~1650–1150  v. Chr.) präzisiert.[9]

In das Baumaterial sind hunderttausende Artefakte eingelagert. Dabei handelt es sich weit überwiegend um steinerne Werkzeuge und Hilfsmittel, sowie Scherben keramischer Gefäße. Es wurden aber auch einige wenige Schmuckgegenstände gefunden, vorwiegend steinerne Perlen und vereinzelt Anhänger aus Kupfer.

Tradition und Vorläufer

Die Marçon Ridge wurde bereits vor rund 11.000 Jahren von Paläo-Indianern besiedelt. Die frühesten Funde im Gebiet zählen zur Clovis-Kultur und bestehen in Projektil-Spitzen, beziehungsweise Faustkeilen.[12] Während die Angehörigen der Clovis-Kultur im gesamten Verbreitungsgebiet in kleinen Verbänden als Jäger und Sammler je nach Saison den Nahrungsquellen folgend durch große Gebiete streiften, war die Marçon Ridge ein so attraktiver Lebensraum, dass sie ganzjährig bewohnt war. Der Rücken im Sumpfland war locker bewaldet mit Baumarten, die Eicheln und andere Fürchte tragen (darunter die Pekannuss) und reich an jagbarem Wild, das zur Flutsaison aus der ganzen Region auf dem Rücken konzentriert war. Allerdings fehlten auf dem Rücken aus Sedimenten und Löss jegliche Steine. Die Clovin-Kultur musste das Material für ihre Werkzeuge aus rund 800 km entfernten Steinbrüchen in Texas, nahe dem heutigen Edwards beschaffen, wo Hornstein in guter Qualität bereits dieser ersten amerikanischen Kultur bekannt war. Ebenfalls bekannte Fundstellen für qualitativ gleichwertigen Feuerstein bei Fort Payne, Alabama waren zwar nur rund 400 km entfernt, lagen aber auf dem anderen Ufer des Mississippi Rivers, dessen Unterlauf kurz nach dem Ende der letzten Eiszeit (in Nordamerika als Wisconsin Glaciation) bezeichnet) durch den über viele Jahrhunderte langsam abschmelzenden Laurentidischen Eisschild ganzjährig so angeschwollen war, dass er höchstens in harten Wintern passierbar war, wenn er vollständig zugefroren war.

Die nachfolgenden Kulturen, Dalton-Kultur, San-Patrice-Kultur und die Anfänge der Archaischen Periode bis etwa 5500 v. Chr. unterschieden sich im Stil der Steinwerkzeuge und es wurden neue Quellen für verschiedene Werkzeugsteine erschlossen. Die Bevölkerungszunahme führte dazu, dass sich Gruppen bildeten, die bestimmte Gebiete besiedelten, so dass „die größte Veränderung war, Nachbarn zu haben.“[13] Die Menschen wachten über die Grenzen ihrer Territorien und die Beschaffung von Stein für Werkzeuge wurde für die Bewohner der Marçon Ridge zunehmend schwieriger, so dass sie auf Hornstein-Kies auswichen, der nur rund 50 bis 80 km westlich, zwischen Ouachita River und Red River, gefunden wurde. Die Steine waren zwar kleiner, ließen sich aber genauso bearbeiten.

In der Mitte der Archaischen Periode, um 5500 v. Chr., trat eine Klimaveränderung ein. Für mehrere Jahrtausende wurde der Südosten Nordamerikas trockener. Wälder gingen etwas zurück, Wiesen breiteten sich aus, die Strömung des Mississippi ging zurück, so dass er mehr Sedimente anlagerte, wodurch die Flusssohle und in der Folge der Wasserspiegel stieg und sich das Bett häufiger umlagerte. Die Bewohner der Marçon Ridge entwickelten neue Techniken zur effizienteren Nutzung von Baumfrüchten und Ölsamen und der Fischfang nahm an Bedeutung zu. Die Bevölkerungsdichte stieg weiter an und die Menschen bauten einen bescheidenen Austausch von Gütern auf. Arkansasstein aus den 200 km entfernten Ouachita Mountains und Quarz wurden im kleinen Rahmen importiert. Die Mengen waren so gering, dass es sich um persönliche Geschenke oder Brautpreise handeln kann.[14]

Um 4000 v. Chr. begannen die Menschen gemeinsam an großen Bauprojekten zu arbeiten. Die ersten Mounds waren klein und rund, um 1,50 m hoch und mit höchstens 15–20 m Durchmesser. Die älteste große Anlage war Watson Brake, beim heutigen Monroe, Louisiana etwa 95 km von Poverty Point entfernt und rund 2000 Jahre älter. Watson Brake ist schlecht erhalten und bestand aus einem großen Mound und neun oder zehn kleinen, die einen Kreis von der Größe eines Fußballfeldes bildeten.

Über die Motivation der ersten Mound-Bauer gibt es nur Spekulationen. Die Bauten waren Symbole. Sie veränderten das Aussehen der Landschaft. Sie schufen Heimat. Erzählungen heutiger und historischer Indianer-Kulturen bringen die Mounds in Verbindung mit ihrer Schöpfungsgeschichte und ihrem Schöpfer.[15]. Sicher waren die Mounds magisch und ihr Bau war eine ehrenvolle Tat der Gemeinschaft, um die Kräfte des Universums positiv zu beeinflussen und an oder auf den Mounds fanden rituelle Handlungen statt. Die Zeremonien werden als Zusammenkünfte verstreut lebender Gruppen angesehen, mit Bedeutung für den Austausch von Legenden, praktischem Wissen und als Heiratsmarkt.[16]

Weibliche Figuren aus Löss und Ton
Poverty Point Objects: Lössballen. Hier ungewöhnlich aufwändig geformte und verzierte Exemplare

Die Erbauer: Poverty Point Culture

Ein massiver Anstieg im Austausch von besonderen Steinen gilt als Ursache für den kulturellen Wandel, der die Möglichkeiten freisetzte, um eine Anlage vom Umfang Poverty Points zu errichten.[17] Den Anstoß bildeten Hämatit und Magnetit aus den Boston Mountains auf dem Nordufer des Arkansas Rivers. Beide Gesteine sind Eisenerze und haben ein besonders hohes spezifisches Gewicht. Daher eignen sie sich besonders für Steingewichte an Fischernetzen, insbesondere Stellnetze und Wurfnetze. In Gewässern mit nennenswerter Strömung müssen diese beschwert werden, um nicht aufzutreiben.

Die Verwendung von kleinen handhabbaren Gewichten aus dem exotischen Material könnte den Fischfang wesentlich ertragreicher gemacht haben. Wenige spezialisierte Fischer konnten so eine größere Bevölkerung ganzjährig mit den Grundlagen der Ernährung versorgen. Da Fisch, zumal im warmen Klima Louisianas, nicht aufbewahrt werden kann, konnten sie den Ertrag auch nicht sinnvoll für individuelle Zwecke nutzen, sondern stellten ihn der Allgemeinheit zur Verfügung. Dadurch wurde erhebliche Arbeitskraft frei, die für Gemeinschaftsprojekte genutzt werden konnte.

Das Vorbild der Fischer könnten auch die Mitglieder der Gemeinschaft, die über Beziehungen zu anderen Sippen in Gebieten mit Steinvorkommen verfügten, veranlasst haben, ihre Ressource nicht individuell zu nutzen, sondern der Gemeinschaft zugänglich zu machen. In Poverty Point und den Außenstellen der Poverty-Point-Kultur, wurden keinerlei Horte von exotischen Gestein gefunden und keine Hinweise darauf, dass Individuen Steine über den eigenen Bedarf hinaus behielten. Stattdessen scheint das Material nach den Aufgaben verteilt worden zu sein; wer für seine Tätigkeit ein Werkzeug aus speziellem Stein brauchte, der bekam es.

Die Lage von Poverty Point am Unterlauf des Mississippi Rivers bot die Möglichkeit, per Boot gewaltige Steinmassen aus dem gesamten Flusssystem zu beziehen. Bleiganz kam vom oberen Mississippi im heutigen Missouri, Wisconsin und Iowa, besonders hochwertige Feuerstein (grey northern flint) vom Nebenfluss Ohio River, einzelne Stücke Hornstein von dessen Zufluss Tennessee River. Speckstein wurde aus dem heutigen Süden Tennessees bezogen, entweder über den Tennessee River oder vom Fundort zum Golf von Mexiko und dann auf dem Meer bis zur Mündung des Misssissippis. Aus letzterem wurden Schüsseln und Schalen geschnitten, die aber selten und vermutlich kostbar waren. Kupfer wurde in kleinen Mengen von den Großen Seen im heutigen Ontario, Kanada bezogen. Daneben wurden weiterhin die bisherigen Quellen für gewöhnlichere Gesteine in der Nähe genutzt.[18]

Je nach Zweck wurden aus den unterschiedlichen Gesteinen vielfältige Werkzeuge angefertigt. Grobe Grabstöcke mit Steinkopf dienten dazu, essbare Wurzeln auszugraben, Faustkeile wurden zu Erdarbeiten eingesetzt, Projektilspitzen auf Wurfspeeren waren die Jagdwaffe. Polierte Steingewichte waren an Speerschleudern befestigt, kleine Formen waren vermutlich an Fischernetzen befestigt. Schaber und verschiedenste Klingen aus scharfkantig und flach abgesplittertem Stein dienten zur Zerkleinerung von Nahrung und der Bearbeitung von Leder. Gefäße bestanden aus Speckstein oder Sandstein, zumeist aber aus Keramik. Schmuckstücke würden in Form von Kettenanhängern aus Keramik, Stein und Kupfer gefunden. Kultischer Charakter kann kleinen menschlichen Figuren, androgyn oder eindeutig weiblich, unterstellt werden. Aus Jaspis waren kleine Tierfiguren gefertigt, die als Eulen angesehen werden.[19] In Steinen und keramischen Gefäßen wurden Ritzungen gefunden. Die meisten stellen Tiere (Vögel, Schildkröten und selten vierfüßige Tiere) dar oder sind geometrisch dekorativ. Einige bestehen aus komplizierten Glyphen, die runde und geschwungene Formen der Natur mit geometrischen Figuren kombinierten.[20]

Die häufigsten Fundobjekte und charakteristischen Artefakte für die Poverty-Point-Kultur sind die Poverty Point Objects, aus Löss geformte und getrocknete Erdballen von 2,5 bis 5 cm Größe und mehreren typischen Formen. Sie dienten zum Kochen in Erdöfen, indem sie im Feuer erhitzt und dann in teilweise mit Ton ausgeformte Erdgruben zusammen mit der Nahrung gelegt wurden. Die Erdballen gaben die Hitze kontrolliert ab und mit etwas Übung war es möglich die Temperatur und Garzeit zu steuern.

Offen bleiben muss, wie die Erbauer von Poverty Point die Gesteine von weit entfernten Fundorten bezogen. Gibson nimmt an, dass alle Bewohner im Einzugsgebiet des Mississippis das Projekt Poverty Point unterstützen wollten und die Gegenleistung für den Bezug der Steine die Errichtung der Anlage war, die durch ihre Form und Ausrichtung eine globale Harmonie der Welt herstellen sollte. Er glaubt, die zentrale Motivation wäre die „Macht der Güte“[21] gewesen. Alternative Ansätze spekulieren über einen Austausch mit Handelsgütern, die keine archäologischen Spuren hinterlassen haben, wie Salz und Federn des Nashornpelikan, die als Schmuck und zu zeremoniellen Zwecken verwendet werden konnten.

Das Ende der Poverty-Point-Kultur

Poverty Point heute

In den 1830er Jahren notierte ein Siedler namens Jacob Walter seine Beobachtung des großen Mounds A und der an der Oberfläche zu findenden Erdbällchen, den Poverty Point Objects. 1873 fand die erste Vermessung der Region statt, Poverty Point wurde nicht als speziell erkannt. Im Winter 1911/12 entdeckte der Archäologe, Clarence B. Moore, die Anlage. Er publizierte seinen Bericht von mehreren Mounds, den Erdbällchen und anderen Artefakten, 1926 entsandte die Smithsonian Institution einen Mitarbeiter, der Bruchstücke einer Speckstein-Schale fand. 1933 versuchte der Archäologe James A. Ford eine Zeitlinie der Kulturen am Unteren Mississippi zu erstellen, er kannte Poverty Point, war sogar dort gewesen, ließ den Fundort aber aus, weil er die Befunde nicht einordnen konnte. 1935 grub der Amateur-Archäologe Clarence Webb einen Graben aus, in dem tausende Bruchstücke von Speckstein lagen. Sein Fund wurde 1944 publiziert und Webb blieb der Fundstelle verbunden und arbeitete an folgenden Grabungen mit. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Region nach Erdöl und -gas erkundet, ein Ölunternehmer sammelte an Poverty Point große Mengen an diversen Artefakten und arbeitete in den 1950er Jahren mit den Archäologen zusammen.[22]

Bei den Ausgrabungen der Works Progress Administration im Rahmen des New Deals der 1930er Jahre und in weiteren umfassenden Publikationen zur Siedlungsgeschichte der Region in den 1940er und frühen 1950er Jahren wurde Poverty Point völlig ignoriert. Die Artefakte passten stilistisch zu keiner bekannten Kultur, Form und Größe der bis dahin erkannten Mounds ließen sich nicht einordnen.

In den 1950er Jahren finanzierte das American Museum of Natural History in New York die erste groß angelegte Ausgrabung. James Ford besorgte zur Vorbereitung Luftaufnahmen, die das United States Army Corps of Engineers in den 1930er Jahren für den Deichbau angefertigt hatte. Er erkannte auf den Bildern erstmals dass die Geländerippen, die bisher für unregelmäßig und natürlich Ursprungs gehalten wurden, eine geometrische Anlage waren und sie, nicht die Mounds die eigentliche Besonderheit Poverty Points waren. Ford und sein Kollege Robert Neitzel fanden bei den Grabungen haufenweise PPOs in Feuergruben, daraufhin begannen sie mit den wahrscheinlich ersten Ansätzen experimenteller Archäologie in Amerika und formten selbst Bällchen aus Löss, experimentierten mit ihnen und wiesen so ihren Zweck nach.

Bis Ende der 1960er Jahre arbeiteten Ford und Webb zusammen und entwarfen Konzepte der Kultur von Poverty Point und der Anlage. Sie gingen noch davon aus, dass es sich um eine Siedlung handeln müsse, die bereits Ackerbau betrieb und nahmen an, dass Mais die Ernährungsgrundlage der Menschen gewesen sei. Außerdem spekulierte Ford über die chronologischen Zusammenhänge und eine Invasion von Angehörigen der Hopewell-Kultur aus dem Norden, die den Anstoß zum Bau der Anlage gegeben hätte.[23]

In den 1970er Jahren stieß Jon Gibson zu den Archäologen und wurde für die nächsten dreißig Jahre der einflussreichste Experte für die Kultur von Poverty Point. Er entwickelte die Theorie, dass hier das erste Häuptlingstum auf dem nordamerikanischen Kontinent entstanden wäre. Die These brach in den frühen 1980ern zusammen, als deutlich wurde, dass Poverty Point keine agrarische Gesellschaft war und auch keine Anzeichen für Gesellschaftliche Schichten und eine Struktur mit Häuptlingen gefunden wurden. Der Ausbau des Fundortes zu einer Gedenkstätte des Staates Louisiana mit Museum ermöglichte neue Grabungen und 14C-Datierungen. In den 1980 und 90er Jahren wurden auf der Marçon Ridge und in der umliegenden Region eine Vielzahl peripherer Siedlungen und Camps gefunden, die in engem Austausch mit Poverty Point standen. Die Forschung konzentriert sich seitdem auf die Beziehungen zwischen den Orten der Poverty-Point-Kultur einerseits und dem Austausch, insbesondere von Gestein, mit Menschen außerhalb der Kultur.

Literatur

  • Jon Gibson: The Ancient Mounds of Poverty Point. University of Florida Press, Gainsville et al, 2000, ISBN 0-8130-1833-1
  • Kathleen M. Byrd (Editor): The Poverty Point Culture – Local Mainfestations, Subsistence Practices, and Trade Networks, Volume 29 of Geoscience & Man, Geoscience Publications, Louisiana State University, Baton Rouge, 1991, ISBN 0-938909-50-9
  • Jon Gibson: Poverty Point – A Terminal Archaic Culture of the Lower Mississippi Valley, Department of Culture, Recreation and Tourism, Louisiana Archaeological Survey and Antiquities Commission, 1996 (auch in Kurzfassung online: Poverty Point)
  • George R. Milner: The Moundbuilders – Ancient Peoples of Eastern North America. Thames & Hudson Inc., New York und London, 2005, ISBN 0-500-28468-7

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Louisiana Office of State Parks: Poverty Point State Historic Site
  2. National Park Service: National Historic Landmarks in Louisiana
  3. UNESCO: Poverty Point State Historic Site auf der Vorschlagsliste des Weltkulturerbes
  4. Gibson 2000, S. 67
  5. Beschreibung und alle Zahlen aus Gibson 2000, Kapitel 5
  6. Gibson 2000. S. 185
  7. Gibson 2000, S. 271
  8. Gibson 2000, S. 109
  9. a b Tristam R. Kidder, Anthony L. Ortmann, Lee J. Arco: Poverty Point and the Archaeology of Singularity. In: SAA Archaeological Report, Volume 8, Issue 5, Seite 10.
  10. Gibson 2000, S. 96
  11. Gibson 2000, S. 109 f.
  12. Gibson 2000, S. 45
  13. Gibson 2000, S. 49
  14. Gibson 2000, S. 58 f.
  15. Gibson 2000, S. 63
  16. Gibson 2000, S. 62, 64
  17. Gibson 2000, S. 221
  18. Gibson 2000, S. 172 f.
  19. Gibson 2000, Kapitel 6
  20. Gibson 2000, S. 189, 192
  21. Gibson 2000, S. 273
  22. Die Darstellung der Forschungsgeschichte stützt sich auf Gibson 2000, Kapitel 2
  23. Gibson 2000, S. 24

32.637496-91.4071947Koordinaten: 32° 38′ 15″ N, 91° 24′ 25,9″ W


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