Pygmäe


Pygmäe
Pygmäenfrau mit Kindern, Demokratische Republik Kongo

Pygmäen ist ein traditioneller und gängiger, aber ethnologisch unbrauchbarer Sammelbegriff zur Bezeichnung einer Vielzahl kulturell unterschiedlicher Gesellschaften – ca. 150.000 bis 200.000 Menschen – in Zentralafrika. Gemeinsames Merkmal ist die relativ geringe Körpergröße.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Der deutsche Name stammt von dem altgriechischen Wort pygmaios („Fäustling“, „von der Größe einer Faust“), das von pygmé („Faust“) abgeleitet ist. Pygmé war im antiken Griechenland auch ein Längenmaß, das 18 Fingerbreit entsprach (knapp 35 cm). Als Definitionsmerkmal galt im frühen 20. Jahrhundert die mittlere Körpergröße im männlichen Geschlecht; Völker, bei denen sie unter 150 cm liegt, zählte man zu den Pygmäen. Da dies ein rein formales Kriterium ist, begann man den Begriff auch auf nichtafrikanische Völker mit ähnlich geringer Körperlänge (etwa in Neuguinea) zu übertragen;[1] dieser Sprachgebrauch hat sich aber nicht allgemein durchgesetzt. Heute wird die Bezeichnung „Pygmäen“ gewöhnlich nur noch für zentralafrikanische Gesellschaften verwendet; ethnische Gruppen, die außerhalb von Zentralafrika leben, wie die Khoisan im Süden und Südwesten Afrikas, werden nicht zu den Pygmäen gezählt, obwohl sie mit diesen die relativ geringe Körpergröße und andere physische Merkmale gemeinsam haben.

Da die Pygmäen sich nicht als ethnische Einheit betrachten, haben sie keinen eigenen Namen für ihre Gesamtheit. Neben den Selbstbezeichnungen der einzelnen Pygmäengruppen gibt es auch gängige Namen, die ihnen von benachbarten Völkern gegeben wurden und teils eine abwertende Bedeutung haben (beispielsweise „Binga“ oder „Babinga“).

Evolution, Geschichte, Lebensräume

Die schon in der frühen Forschung[2] vertretene Auffassung, dass die Pygmäenvölker zu den ältesten Völkern der Erde gehören, wird heute zurückhaltender und differenzierter formuliert, scheint aber einen wahren Kern zu haben. Fossile Funde fehlen, doch gestatten Skelettstudien und genetische Befunde entsprechende Schlüsse. Man geht heute davon aus, dass es sich bei den Pygmäen nicht um eine besondere Ausprägung der Negriden handelt, sondern um Überreste einer vor-negriden oder proto-negriden Altschicht, die ausschließlich aus Kleinwüchsigen bestand. Zu dieser Altschicht gehören auch die Khoisan. Die normalwüchsigen Negriden, die heute die Masse der Bevölkerung Schwarzafrikas bilden, sind demnach erst im Verlauf späterer Evolution entstanden. Sie haben sich in weiträumigen Wanderbewegungen ausgebreitet und die kleinwüchsigen Nachkommen der Urbevölkerung, welche die Körpermerkmale der Altschicht in höherem Maß bewahren, in einzelne Rückzugsgebiete abgedrängt.[3]

Die älteste schriftliche Quelle, die von Pygmäen berichtet, ist ein Brief des ägyptischen Pharaos Pepi II. (6. Dynastie, 23. Jahrhundert v. Chr.). Dort ist von einer Handelsexpedition die Rede, die aus dem Reich Jam (heutiger Sudan) einen „Zwerg des Gottestanzes“ mitbrachte, bei dem es sich anscheinend um einen Pygmäen handelte. Dieser wurde als Geschenk von höchstem Wert betrachtet. Der gleiche Brief erwähnt außerdem, dass bereits unter Pharao Djedkare (5. Dynastie, 24. Jahrhundert) ein Ägypter einen kleinen Mann aus Punt mitgebracht hatte. Eine Passage in den Pyramidentexten (Spruch 517) erwähnt ebenfalls einen „Zwerg der Gottestänze“.[4] Schon ab der Zeit der 1. Dynastie (um 3000 v. Chr.) finden sich auf Grabbildern Zwergendarstellungen. Vermutlich handelt sich bei den oft abgebildeten Tanzzwergen am Königshof zumindest teilweise nicht um pathologische Zwerge, sondern Pygmäen aus dem Regenwald, der damals noch weiter nach Norden reichte als heute.[5]

Im zentralafrikanischen Regenwald leben weiterhin Pygmäen als Jäger und Sammler. Im späten 20. Jahrhundert und um die Jahrtausendwende wurde die Gesamtzahl der Pygmäen auf 150.000 bis 200.000 Personen geschätzt;[6] sie ist weiter rückläufig, die restlichen Gesellschaften sind vom Aussterben bedroht. Hierbei spielt die fortschreitende Umgestaltung und Zerstörung ihres traditionellen Lebensraums im Regenwald durch Holzeinschlag und Brandrodung eine wichtige Rolle, aber auch die Zerrüttung des Sozialgefüges durch die Folgen eines unüberlegten Übergangs zur Sesshaftigkeit. Die sesshaft gewordenen Pygmäen geraten in Abhängigkeit von der benachbarten normalwüchsigen Bevölkerung, bei der die Pygmäenmänner als billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, die Frauen als Haushalthilfen Anstellung finden. Diese Abhängigkeit kann faktisch zur Leibeigenschaft werden. Durch unhygienische Lebensbedingungen nehmen bei den sesshaften Pygmäen Infektionskrankheiten zu, die sie früher als mobile Jäger und Sammler kaum kannten. Hinzu kommen Alkoholprobleme.[7]

Siedlungsräume der Pygmäen

Ethnographisch unterscheidet man vier Hauptgruppen[8]:

  • die östliche Gruppe im Ituri-Regenwald im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (früher Zaire). Sie werden als Mbuti oder Ba-Mbuti bezeichnet. Die bekannteste Untergruppe sind die Efe.
  • die westliche Gruppe in der Zentralafrikanischen Republik und der Republik Kongo („Kongo-Brazzaville“), in Gabun und im Süden von Kamerun; sie werden Mbenga oder Ba-Mbenga genannt. Eine große Untergruppe sind die Baka.
  • die südliche Gruppe in Ruanda, Burundi, Sambia und im Süden der Demokratischen Republik Kongo; häufige Sammelbezeichnungen sind Twa und Cwa (oder Ba-Twa, Ba-Cwa).
  • eine zentrale Gruppe nördlich des Mai-Ndombe-Sees im Westen der Demokratischen Republik Kongo; sie werden ebenso wie die südliche Gruppe als Twa bezeichnet.

Sprachen und soziale Verhältnisse

Die Pygmäen sprechen verschiedene Sprachen, deren Wortschatz mit dem der Bantusprachen der jeweils umwohnenden normalwüchsigen Völker weitgehend, aber nicht völlig übereinstimmt. Unterschiede zu den Bantusprachen bestehen vor allem bei den Bezeichnungen für Tiere, Pflanzen und Gebrauchsgegenstände, aber auch in der Grammatik. Inwieweit es sich bei diesen Besonderheiten um Überreste ursprünglicher Pygmäensprachen oder gar einer gemeinsamen Ursprache handelt, ist unklar.[9] Es gibt keine historische Überlieferung, und in den traditionell lebenden Gesellschaften wissen die Menschen ihr Alter nicht anzugeben. Es besteht kaum Interesse an den Vorfahren.[10]

Als Jäger und Sammler leben sie, soweit sie noch nicht sesshaft sind, in kleinen Gruppen in den Urwäldern. Etwa zehn aus Zweigen und Blättern errichtete Hütten, kreisförmig oder oval angeordnet, bilden ein Lager. Es besteht keine dauerhaft fixierte, traditionelle Rangordnung oder soziale Schichtung. Nicht nur die Männer gehen auf Jagd, sondern auch Frauen und Mädchen beteiligen sich an der Netzjagd. Bei der Treibjagd kommen auch Hunde zum Einsatz. Manche Pygmäengemeinschaften jagen nur mit Netz und Lanze, andere verwenden Pfeil und Bogen und verfügen über hochwirksame Pfeilgifte. Die Frauen sammeln Früchte, Insekten und andere essbare Tiere, aber auch Männer betätigen sich als Sammler. Die Sammeltätigkeit ist quantitativ wichtiger als die Jagd, und die Frauen bringen den größten Teil der Nahrung ein. Es gibt keine strikte geschlechtsbezogene Arbeitsteilung.[11] Es besteht ein Inzesttabu und eine starke Neigung zur Monogamie, welche in den meisten Gesellschaften die Regel ist; nur in bestimmten Ausnahmefällen lässt die Gemeinschaft zu, dass ein Mann zwei Frauen hat, etwa wenn er die Witwe seines verstorbenen Bruders als Zweitfrau zu sich nimmt oder wenn seine Erstfrau unfruchtbar ist.[12] Eine wichtige Rolle spielt die soziale Körperpflege (Lausen).

Physische Merkmale

Erwachsene Pygmäen neben einem europäischen Kolonialherren

Die Neugeborenen der Pygmäen sind in der Regel ungefähr so groß wie diejenigen anderer Menschen, und bis ins frühe Jugendalter unterscheiden sie sich im Verlauf des Wachstums kaum von diesen. Allerdings gibt es Größenunterschiede zwischen den Angehörigen einzelner Pygmäenvölker schon zum Zeitpunkt der Geburt und in den ersten fünf Lebensjahren.[13] Der Kleinwuchs betrifft hauptsächlich den Rumpf und die Gliedmaßen, in weit geringerem Maß den Schädel. Bei manchen, aber nicht allen Pygmäenvölkern ist das Ausbleiben eines Wachstumsschubs in der Pubertät beobachtet worden; sie haben eine verringerte Produktion des Wachstumsfaktors IGF I, während der Faktor IGF II bei Pygmäen im Bereich der Normalwerte liegt. Beispielsweise wurde bei den Bayaka-Pygmäen im Alter von 6–8 Jahren ein gegenüber normalwüchsigen Kontrollpersonen um rund ein Fünftel geringerer IGF-I-Wert gemessen, während bei 13–15jährigen Bayaka nur noch etwa die Hälfte (Mädchen) bzw. ein Drittel (Jungen) des in diesem Alter bei normalwüchsigen Menschen vorliegenden Werts vorhanden war.[14]

Die Ursachen des Kleinwuchses waren lange umstritten. Das IGF-I-Defizit ist genetisch bedingt und hängt wahrscheinlich nicht mit Umweltfaktoren zusammen. Früher vermutete man eine evolutionäre Degeneration, die durch Einwirkung ungünstiger Umweltbedingungen zu erklären sei; man meinte, das Leben im Regenwald begünstige Mutationen zum Kleinwuchs, oder Unterernährung – besonders Proteinmangel – führe Wachstumsstörungen herbei. Diese Hypothesen sind heute widerlegt; die Ernährungsbasis und besonders die Proteinversorgung der traditionell lebenden Pygmäen ist ausreichend und nicht schlechter als diejenige normalwüchsiger Bauern im gleichen Lebensraum.[15] Bei Pygmäen, die ihre traditionelle Lebensweise teilweise aufgegeben haben, ist allerdings Proteinmangel festgestellt worden.[16]

Körpergröße und Gewicht unterscheiden sich bei den einzelnen Völkern bzw. Völkergruppen. Diese Unterschiede sind nicht auf genetische Vermischung mit Normalwüchsigen zurückzuführen. Die West-Pygmäen sind größer als die Ost-Pygmäen; ihr Durchschnittgewicht beträgt 36,9 kg für Frauen und 41,5 kg für Männer, die Durchschnittsgröße 144 cm (Frauen) und 153–156 cm (Männer). Die kleinsten Pygmäen sind die Ituri und unter den Ituri die Efe (Frauen durchschnittlich 135 cm, Männer 143 cm).[17] Die Schädelgröße liegt in absoluten Zahlen im normalen Bereich oder darunter (mittleres Schädelvolumen bei den Ost-Pygmäen [Ituri] 1332 cm³, bei den West-Pygmäen 1289 cm³), im Verhältnis zur Körpergröße sind die Schädel jedoch groß.[18]

Ein weiteres körperliches Merkmal der Pygmäen ist die relativ helle Hautfarbe (gelblichbraun bis kupferfarben), die sich mit zunehmendem Alter meist verdunkelt. Dieses Merkmal ist so auffällig, dass im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo die normalwüchsige Bevölkerung die Pygmäen mit einem Wort für „Weiße“ bezeichnet, das auch für Europäer verwendet wird. Neugeborene Pygmäen zeigen dieselbe Hautfarbe wie europäische Neugeborene; erst nach einigen Wochen tritt ihre typische Körperfärbung auf. Bei der Geburt haben die Pygmäen langes, glattes Kopfhaar, das zwischen dem dritten und dem fünften Lebensmonat ausfällt.[19]

Europäische Mythologie, Literatur und Kunst

Obwohl man vor dem 19. Jahrhundert in Europa nichts Genaues und Sicheres über die Pygmäen wusste, beschäftigte man sich seit den Anfängen der Antike mit dem Thema. Dabei sind zwei getrennte Ansätze zu unterscheiden, der mythische und der ethnographische.

Antike

Der Begriff Pygmäen (pygmaíoi) taucht schon bei Homer auf (Ilias 3, 3-7). Dort wird nur beiläufig erwähnt, dass die Kraniche im Herbst zum Okeanos fliegen und den Pygmäen in erbarmungslosem Kampf den Tod bringen. Es gab damals also bereits eine Pygmäensage, die Homer als bekannt voraussetzt. Diese Sage war in der gesamten Antike populär, besonders in der bildenden Kunst. Zum Kernbestand der Pygmäensage, die in verschiedenen Varianten erzählt und künstlerisch gestaltet wurde, gehören folgende Elemente: Die Pygmäen werden als nackte oder sehr spärlich bekleidete, jedoch Ackerbau treibende Höhlenbewohner am Rande der bewohnten Welt beschrieben. Nach Aristoteles lebten sie im sumpfigen Gebiet der Nilquellen; manche Autoren nennen andere Gegenden. Ihre Kampfkraft wird als niedrig bezeichnet, was seinen Grund in ihrer geringen Größe hat. Für diese schwankten die gängigen Annahmen zwischen ca. 30 cm und etwas weniger als einem Meter.[20]

Die Todfeinde der Pygmäen waren nach der Sage die Kraniche, gegen die sie alljährlich auf Leben und Tod kämpften und deren Gelege und Nachwuchs sie nach Möglichkeit vernichteten. Die Pygmäen waren bewaffnet, unterlagen aber meist und wurden von den Kranichen getötet. Dieser „Kranichkampf“ (Geranomachie) hat die Phantasie vieler griechischer, etruskischer und römischer Künstler beschäftigt. Er wurde als tragikomisches und unterhaltsames Motiv auf Vasen und Trinkgefäßen, Wandgemälden und Gemmen dargestellt. Man fasste dies als Parodie auf die Heldensage auf. Auch Statuetten, Reliefs, Mosaike und Lampen zeigten Pygmäen.[21] Der Dichter Ovid erwähnt in seinen Metamorphosen (6,90-92) eine Pygmäenmutter, die es wagte, sich mit der Göttin Juno in einem Wettkampf zu messen; nach ihrer Niederlage wurde sie von Juno in einem Kranich verwandelt und musste dann auf der Seite der Kraniche am Kampf gegen ihr Volk teilnehmen. Nach einer Version, die der Mythograph Antoninus Liberalis überliefert (Metamorphosen 16), hieß die schöne und stolze Pygmäin Oinoe; nach ihrer Verwandlung in einen Kranich blieb sie zunächst in der Gegend, weil sie sich nicht von ihrem menschlichen Sohn trennen wollte, wurde dann aber von den Pygmäen vertrieben, und dies war der Anlass zur seither bestehenden Erbfeindschaft zwischen Pygmäen und Kranichen.

Unabhängig von diesem Mythos gab es ethnographische Nachrichten über kleinwüchsige Afrikaner südlich der Libyschen Wüste. Herodot (II, 32-33) berichtet, dass fünf junge Abenteurer, die die Wüste von Libyen aus durchquert hatten, von kleinen Menschen gefangengenommen wurden, die an einem großen Fluss lebten. Diese bezeichnet Herodot nicht als Pygmäen, unterscheidet also klar zwischen dem Pygmäenmythos und dem Bericht über jene Expedition.

Mittelalter

Im Mittelalter war man auf die antike Überlieferung angewiesen; angebliche Augenzeugenberichte, wonach tote Pygmäen nach Europa gebracht wurden, sind nicht glaubwürdig. In der damals maßgeblichen lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata, kommt die Bezeichnung „Pygmäen“ vor (Ezechiel 27, 11). An den spätmittelalterlichen Universitäten wurde darüber debattiert, ob die Pygmäen Menschen sind oder ob es sich um eine besondere Affenart handelt, gewissermaßen eine Zwischenstufe zwischen Mensch und Tier. Prominente Gelehrte wie Albertus Magnus und Petrus de Alvernia argumentierten, es könne sich nicht um Menschen handeln, da ihnen die Vernunft fehle. Albertus Magnus meinte, sie seien zu einer Art Überlegung und zu artikuliertem Sprechen in der Lage, jedoch unfähig zu Wissenschaft und Kunst und überhaupt zum Erfassen von Allgemeinem und überdies ohne Schamgefühl. Diese Diskussionen spielten im 13. Jahrhundert bei der Festlegung der Definitionsmerkmale des Begriffs „Mensch“ eine wichtige Rolle.[22] Die Erzählung vom Kranichkampf fand damals allgemein Glauben. Eine Pygmäenepisode wurde in die populäre Herzog-Ernst-Sage aufgenommen; Herzog Ernst greift auf der Seite der Pygmäen in den Kampf gegen die Kraniche ein, und zwar im Orient, denn man vermutete das Land der Pygmäen auch – wie schon einzelne antike Autoren – im Osten.

Die Pygmäensage mit dem Kranichkampf war bis nach China verbreitet; sie findet sich in chinesischen Enzyklopädien des 7. bis 9. Jahrhunderts n. Chr., wo die Größe der Pygmäen mit umgerechnet ca. 90 cm angegeben wird.[23]

Neuzeit

In der frühen Neuzeit setzten Naturforscher und Ärzte, Philosophen, Philologen und Theologen die Pygmäendebatte eifrig fort. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde oft die Existenz der Pygmäen bestritten oder behauptet, es handle sich um eine Tierart; manche Theologen hielten sie für Dämonen. In der Epoche der Aufklärung betrachtete man sie als Fabelwesen.[24] Unabhängig von diesen theoretischen Diskussionen waren seit dem frühen 17. Jahrhundert einzelne authentische Nachrichten über kleinwüchsige afrikanische Völker nach Europa gedrungen, fanden aber wenig Beachtung. Die erste von ihnen stammte von dem englischen Seefahrer Andrew Battell, der um 1600 im Gebiet von Loango auf Pygmäen gestoßen war, die er als so groß wie zwölfjährige Jungen beschrieb.[25] Als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausführlichere Berichte von Entdeckern vorlagen, sprach man zunächst nicht von Pygmäen. Erst später wurde mit dieser Bezeichnung an den antiken Mythos angeknüpft. Dabei beachtete man nicht, dass es schon in der Antike eine Unterscheidung zwischen dem Pygmäenmythos und Berichten über kleinwüchsige Afrikaner gab.

Literatur

  • Armin Heymer: Die Pygmäen. Menschenforschung im afrikanischen Regenwald. Geschichte, Evolution, Soziologie, Ökologie, Ethologie, Akkulturation, Zukunft, List Verlag, München 1995. ISBN 3-471-79312-7
  • Luigi Luca Cavalli-Sforza: African Pygmies, Orlando 1986. ISBN 0-12-164481-2
  • Victor Bissengué: Contribution à l’histoire ancienne des Pygmées: L’exemple des Aka, Paris 2004. ISBN 2-7475-7282-X
  • Pietro Janni: Etnografia e mito. La storia dei Pigmei, Rom 1978
  • Martin Gusinde: Urwaldmenschen am Ituri, Wien 1948

Weblinks

Anmerkungen

  1. Heymer S. 152.
  2. Wilhelm Schmidt: Die Stellung der Pygmäenvölker in der Entwicklungsgeschichte des Menschen, Stuttgart 1910.
  3. Heymer S. 173-188.
  4. Véronique Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece, Oxford 1993, S. 25-29, 132f.
  5. Heymer S. 41-57.
  6. Cavalli-Sforza S. 26, 361, Bissengué S. 31.
  7. Heymer S. 21-33, 409-477.
  8. Cavalli-Sforza S. 19f., 23-26; Véronique Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece, Oxford 1993, S. 13-15.
  9. Heymer S. 216-218.
  10. Cavalli-Sforza S. 34f., 392.
  11. Heymer S. 145f., 193-216, 218f., 237-239.
  12. Heymer S. 141-145.
  13. Robert C. Bailey: The Comparative Growth of Efe Pygmies and African Farmers from Birth to Age Five Years, in: Annals of Human Biology 18 (1991) S. 113-120; Heymer S. 155f. Vgl. aber zu abweichenden Messungen, die für Neugeborene 89 % des normalen Körpergewichts afrikanischer Kinder und 93 % der normalen Körperlänge ergaben, Cavalli-Sforza S. 390f.
  14. T. J. Merimee u.a.: Insulin-like growth factors in pygmies. The role of puberty in determining final stature, in: The New England Journal of Medicine 316 (1987) S. 906-911 (Online-Zusammenfassung: [1]); Heymer S. 155.
  15. Heymer S. 153-155.
  16. Cavalli-Sforza S. 143-152.
  17. Heymer S. 156-158.
  18. Heymer S. 173; nach den Angaben von Cavalli-Sforza S. 389 beträgt die durchschnittliche Körpergröße erwachsener Pygmäen 87 % des afrikanischen Durchschnitts, bei der Kopfgröße sind es jedoch 98 %.
  19. Heymer S. 158f., 162.
  20. Janni S. 19-49.
  21. Véronique Dasen: Artikel Pygmaioi, in: LIMC Bd. 7.1, Zürich 1994, S. 594-601 (Abbildungen dazu in Bd. 7.2, Zürich 1994, S. 466-486).
  22. Joseph Koch: Sind die Pygmäen Menschen? Ein Kapitel aus der philosophischen Anthropologie der mittelalterlichen Scholastik, in: Archiv für Geschichte der Philosophie 40 (1931) S. 194-213; Theodor W. Köhler: Homo animal nobilissimum. Konturen des spezifisch Menschlichen in der naturphilosophischen Aristoteleskommentierung des dreizehnten Jahrhunderts, Leiden 2008, S. 420-443.
  23. Janni S. 59f.
  24. Zur frühneuzeitlichen Rezeption der Pygmäensagen siehe Janni S. 67-95.
  25. Janni S. 111; Battell schrieb: To the northeast of Mani Kesock, are a kind of little people, called Matimbas; which are no bigger then boys of twelve years old, but are very thick, and live only upon flesh, which they kill in the woods with their bowes and darts. ... The women carry bow and arrows as well as the men (Online-Text).

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