RREEMM-Modell


RREEMM-Modell

Das RREEMM-Model ergänzt das Menschenmodell des klassischen homo oeconomicus um die Beschränkungen durch die conditio humana, die natürlichen Vorgaben, denen alles Handeln unterworfen ist. Die Abkürzung steht für Resourceful-Restricted-Evaluating-Expecting-Maximizing-Man. Das Modell wurde von dem deutsch-niederländischen Soziologen Siegwart Lindenberg entwickelt.

Inhaltsverzeichnis

Modell des homo oeconomicus als Ausgangspunkt

Das Modell des homo oeconomicus wird in den Wirtschaftswissenschaften und auch in der Rational Choice Theory (Theorie der rationalen Entscheidung) für sozialwissenschaftliche Theoriebildung erfolgreich genutzt. Es handelt sich um ein rein analytisches Modell, welches keine Aussagen über das wahre Wesen des Menschen macht. Der Modellmensch wird definiert als ein rationaler, d.h. seinen individuellen Nutzen maximierender Akteur, der dazu seine Präferenzordnung kennt und widerspruchsfrei nach Wichtigkeit geordnet hat, und über alle notwendigen Informationen verfügt und Zeit hat diese auszuwerten, um die für ihn (und seine 'Liebsten') vorteilhafteste Entscheidung zu treffen. Mit diesem Modell können soziale Phänomene untersucht werden, die unter Situationsbedingungen stattfinden, in denen Menschen sich annähernd folgenorientiert verhalten (z.B. an der Börse, Arbeitswelt). In den allermeisten Situationen (z.B. Wahlentscheidung) ist dieses Modell jedoch unangemessen um menschliches Handeln zu erklären.

Zusätzliche Bedingungen durch die conditio humana

Um eine allgemeine Handlungstheorie zu erhalten, muss das allzu stark vereinfachende homo oeconomicus-Modell um reale, sozialpsychologische Faktoren ergänzt werden. Diese, die menschlichen Handlungsoptionen einschränkenden Bedingungen, nennt man die conditio humana.

Neben natürlichen Restriktionen (z.B. physische und psychische Fähigkeiten, begrenzte Lebenszeit, Grundbedürfnisse wie Nahrung, Obdach) beinhaltet diese auch soziale Beschränkungen. Der Mensch ist als soziales Wesen auf die Gemeinschaft angewiesen, welche ihn vor äußeren Bedrohungen zu schützen vermag und ihm für die Auswahl aus der Unübersichtlichkeit der Handlungsmöglichkeiten Kriterien bietet (Sitte, Moral, Tradition, Rechtsnormen).
Die Theorie des Erwartungsnutzen (den der Akteur ja maximieren will) kennt 2 Basisbedürfnisse: neben dem Wohlergehen in physischer wie psychischer Hinsicht auch die soziale Anerkennung, die in Feudalgesellschaften primär durch Ehre, in Agrargesellschaften über Land und in kapitalistischen Gesellschaften über materiellen Wohlstand erlangt wird.
Hier ist anzumerken, dass im Rahmen der Erwartungsnutzentheorie der Mensch auch Kosten der Informationsbeschaffung, -aufnahme und -bewertung hat. Diese Kosten wird er nur aufwenden, wenn er sich durch bessere Informiertheit anderweitig Vorteile verspricht. Meist wird man unter den Bedingungen der conditio humana, wie begrenzter Zeit und Geldmittel, nur die überschaubaren, kurzfristigen Folgen für einen selbst abschätzen um sich für eine Handlungsoption zu entscheiden. Eine widerspruchsfreie Ordnung der eigenen Interessen und somit eine 'echt' rationale Entscheidung ist also unter den Bedingungen der condition humana im Allgemeinen nicht gegeben. Angesichts der in der Realität immer knappen Ressourcen ist ein solches, primär am Eigennutz orientiertes Verhalten, die evolutionär erfolgreiche Strategie. Kollektive soziale Phänomene sind unter diesem Menschenmodell das Produkt zumeist nicht-beabsichtigter Folgen, des nur kurzfristig und kurzsichtig am Eigennutz orientierten menschlichen Handelns.

RREEMM als „realistischeres“ homo oeconomicus-Modell

Unter Berücksichtigung dieser Umweltbedingungen des menschlichen Lebens ergibt sich Lindenbergs RREEMM-Modell. Dieser modellierte individuelle Akteur (man) ist in seinen Handlungsmöglichkeiten Einschränkungen unterworfen (restricted), hat aber eigene Handlungsressourcen und weiß diese findig zu nutzen (resourceful), kann aber nicht von den ihm unbekannten 'objektiven' Begebenheiten ausgehen, sondern ist auf eine subjektive Schätzung angewiesen (expecting) um die Handlungsoptionen dann im Hinblick auf seine eigentlichen Ziele zu bewerten (evaluating) und sich dann so zu entscheiden, dass sein erwartbarer Gesamtnutzen maximal wird (maximizing).

Ein RREEMM wird also in eine Entscheidung nur so viel Zeit und Geld investieren, wie sich aufgrund der Wichtigkeit der anstehenden Entscheidung lohnt. In der Regel wird er daher Entscheidungshilfen wie Rechtsnormen und Tradition befolgen oder auch die Meinung von als vertrauenswürdig eingeschätzten „Experten“, da nonkonformes Verhalten zumeist Kosten (Sanktionen) nach sich zieht. Allerdings ist ein RREEMM durchaus in der Lage, wenn er sich daraus Vorteil verspricht, Handlungsrestriktionen auch zu umgehen.

Literatur

  • Siegwart Lindenberg (1985): An assessment of the new political economy: Its potential for the social sciences and for sociology in particular. In Sociological Theory, Vol. 3, S. 99-114
  • G. Endruweit, G. Trommsdorff: Wörterbuch der Soziologie. 2. Auflage, Stuttgart 2002.
  • Hartmut Esser: Soziologie - Allgemeine Grundlagen. 3. Auflage, Frankfurt/New York 1999.
  • Bruno S. Frey: Ökonomie ist Sozialwissenschaft - Die Anwendung der Ökonomie auf neue Gebiete. München 1990.
  • W. Fuchs-Heinritz, R. Lautmann, O. Rammstedt, H. Wienhold: Lexikon zur Soziologie. 3. Auflage, Opladen 1994.
  • Anette Schmitt: Bedingungen gerechten Handelns. Wiesbaden 2005.

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