Radio-Feature


Radio-Feature
Tragbare Aufnahmegeräte wie die Nagra E (1976) machten den O-Ton im Feature populär.

Das Radio-Feature [ˈfiːtʃə(ɹ)] (auch Rundfunk-Feature oder Radio-Dokumentation genannt) ist ein nicht-fiktionales Hörfunk-Genre, das sich nach 1945 neben dem Hörspiel in den Kulturprogrammen des Hörfunks verschiedener europäischer Länder etabliert hat. Ein Radio-Feature verbindet unter anderem Elemente von Hörspiel, Dokumentation und Reportage. Ende der 1930er-Jahre wurde es in Großbritannien durch die BBC beliebt und erstmals als eigenständiges Stilelement wahrgenommen.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Das Feature lässt sich nicht streng definieren, denn die Übergänge zu verwandten Rundfunkformen wie dem Hörspiel, der Reportage und dem Bericht sind fließend. Beim Feature überwiegt gegenüber dem Hörspiel in der Regel der dokumentarische Charakter, beim Hörspiel der fiktive. Jedoch enthalten viele Hörspiele dokumentarische und viele Features fiktive Elemente.[1] Das Feature steht also im Spannungsfeld zwischen Information und ihrer künstlerischen Gestaltung.

1937 führte die BBC die Experimental Hour (experimentelle Stunde) mit formal nicht gebundenen Sendungen ein, die sich durch ihren dokumentarischen Charakter auszeichneten. Der Erfolg der Reihe gab den Autoren künstlerische Freiheit und bildete allmählich eine neue Präsentationsform heraus, für die sich ab 1939 der Ausdruck „Feature“ einbürgerte. Während der Zeit des Nationalsozialismus war der Empfang der BBC in Deutschland verboten. Nach Ende des zweiten Weltkrieges kam mit der britischen Besatzungsmacht auch die neue Sendegattung nach Deutschland.

Axel Eggebrecht legte im November 1945 per Aushang im Talks and Feature Dpt. (Abteilung für Gespräche und Feature) des Nordwestdeutschen Rundfunks[2] in zehn Punkten fest, was Autoren und Redakteure „Über Hörfolgen (Features)“ wissen sollten. Von Eggebrecht stammt auch das erste deutschsprachige Radio-Feature Was wäre, wenn ... Ein Rückblick auf die Zukunft der Welt, das am 9. März 1947 erstmals ausgestrahlt wurde.[3] Eggebrecht, Peter von Zahn, Ernst Schnabel und Alfred Andersch sind die wichtigsten Autoren des frühen Features in Deutschland.

1954 übernahm der SFB[4] das Berliner NWDR-Studio. Ab Ende der 1960er-Jahre entwickelte hier Peter Leonhard Braun das „geschriebene“ Feature zum „akustischen Feature“ weiter; viele seiner Arbeiten enthielten mehr Originaltöne als Sprechertexte. Möglich wurde das durch transportable Aufnahmegeräte und besonders attraktiv durch das Aufkommen der Stereofonie.

Während im westdeutschen Radioprogramm seit 1945 das Wort „Feature“ geläufig ist, bevorzugte man im Rundfunk der DDR anfangs den Ausdruck „Funkdokumentation“ (Georg Dannenberg). Erst im Januar 1963 wurde in Berlin (Ost) eine eigene Feature-Abteilung gegründet, die bis zur Abwicklung der ehemaligen DDR-Sender im Dezember 1991 bestand.

Heute produzieren alle neun Rundfunkanstalten der ARD und die nationalen Hörfunkprogrammen des Deutschlandradios Features.

Produktionsweisen

Die Herstellung eines Radio-Features läuft in zwei Phasen ab:

  • Der Autor recherchiert, führt Interviews durch, schreibt das Manuskript. Dieser Vorgang kann Monate, manchmal Jahre dauern.
  • Der Regisseur lädt Schauspieler ins Studio ein und produziert die Sendung. Ein Radio-Feature wird heute typischer Weise in einer Woche fertiggestellt.

Die beiden Rollen - Autor und Regisseur - müssen nicht getrennt sein. Autoren wie Peter Leonhard Braun oder Helmut Kopetzky haben schon frühzeitig beide Funktionen erfolgreich in Personalunion vertreten. Durch das Aufkommen digitaler Produktionsmöglichkeiten mit „Digital Audio Workstations“, also PCs mit Schnitt- und Misch-Software, können sich immer mehr Autoren ihr eigenes „Studio“ leisten, und entsprechend nimmt die Tendenz zur Verschmelzung der Rollen Autor/Regisseur zu.[5] Bei der Mehrzahl der Produktionen ist die traditionelle Trennung jedoch schon allein deswegen sinnvoll, weil das Aufnehmen und Schreiben eines Features andere Fähigkeiten voraussetzt als die Arbeit mit Schauspielern, Geräuschen und Soundeffekten in einem Studio.

Im Januar 2010 startete, nach dem Vorbild des Radio-Tatorts, die deutschlandweite Reihe Das ARD-Radio-Feature.[6] Sie wird als „Einschränkung und Aufwertung zugleich“ gesehen, da durch die Zusammenlegung von Sendeplätzen einerseits ein größerer Hörerkreis erreicht wird, andererseits jedoch Sendeplätze für neue Ursendungen verloren gehen.[7]

Literatur

  • Alfred Andersch: Versuch über das Feature. Anläßlich einer neuen Arbeit Ernst Schnabels. In: Rundfunk und Fernsehen. Jahrgang [1], Heft 1 (1953): S. 94-97.
  • Tamara Auer-Krafka: Die Entwicklungsgeschichte des westdeutschen Rundfunk-Features von den Anfängen bis zur Gegenwart. Braumüller, Wien 1980, ISBN 3-7003-0258-4
  • Axel Buchholz, Walther von La Roche (Hrsg.): Radio-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis im Hörfunk. 9. Auflage. Econ, Berlin 2009, ISBN 3-471-78040-8.
  • Patrick Conley: Das Radio-Feature und seine Themen. In: Literatur im DDR-Hörfunk. UVK, Konstanz 2005, S. 249-310, ISBN 3-89669-478-2
  • Axel Eggebrecht: „Über Hörfolgen (Features)“. Aushang im NWDR, November 1945. (Online-Version)
  • Knut Hickethier: Die Welt als Hör-Raum in der Zeit. Zur Geschichte der Programmform „Feature“. In: epd Kirche und Rundfunk, Jahrgang [36], Heft 53 (7. Juli 1984): S. 4-7.
  • Michael Lissek: Der Autor als Umschalter und Transformator. Oder: „Das Material treibt seine heiteren Spielchen.“ In: Hörspiel ist schön! Beiträge aus sechs Jahren Hörspielsymposion am Nordkolleg Rendsburg, BoD, Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8370-9125-0. (Online-Version)
  • Udo Zindel; Wolfgang Rein (Hrsg.): Das Radio-Feature. Inklusive CD mit Hörbeispielen. In der Reihe: Praktischer Journalismus Band 342. Auflage, UVK, Konstanz 2007, ISBN 978-3-89669-499-7.
  • Axel Reitel: Schöne Jugend. Jugendliche im Widerspruch zur DDR. Fünf Features. 2. Auflage. Köster-Verlag, Berlin 2008 (Erstausgabe 2007). ISBN 978-3-89574-627-7

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1953 versuchte sich der Schriftsteller Alfred Andersch als Leiter des Abendstudios im Hessischen Rundfunk an folgender Definition: Das Feature sei „Montage-Kunst par excellence“. Der ehemalige Leiter der Feature-Abteilung des ORF, Peter Klein, beschreibt das Feature als „künstlerisch gestaltete Dokumentation“. Peter Leonhard Braun, der Erneuerer des Radio-Features in den 70er-Jahren, nennt es „Kunstform der Information“ und Walter Filz, Leiter der Featureabteilung des SWR, sagt, Feature sei eine „Dokumentation mit akustischem Mehrwert“.
  2. Der NWDR war die gemeinsame Vorgängerorgansitation des späteren WDR und NDR
  3. Patrick Conley: „60 Jahre Radio-Feature“, in: Feature-Portal, November 2007. (Archivversion)
  4. Der SFB ging später in den RBB über.
  5. So liefern etwa Autoren wie Walter Filz, Jens Jarisch, Michael Lissek, die Gruppe Serotonin, Antje Vowinckel, Paul Plamper, Lorenz Rollhäuser in der Regel komplette Produktionen an die Sendeanstalten ab, trennen also nicht zwischen Autorenschaft und Regie.
  6. Die Idee für das ARD-Radio-Feature hatte die WDR-Feature-Redakteurin Gisela Corves.
  7. Klaus Raab: „Eingeschränkt aufgewertet“, in: Frankfurter Rundschau, 26. Januar 2010. (Archivversion)

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