Ragnarok


Ragnarok

Die Ragnarök (altnordisch „Schicksal der Götter“; aus regin, gen. pl. ragna = „Gott“ + rök = „Ursache, Sinn des Ursprungs“)[1] ist die Sage von Geschichte und Untergang der Götter (Weltuntergang) in der Nordischen Mythologie, wie es die Völuspá prophezeit.[2][3]

Das Deutsche übersetzt oft als „Götterdämmerung“[2], was auf eine Fehlinterpretation von Snorri Sturluson zurückgeht: während die ältere Lieder-Edda von Ragnarök, dem „Schicksal der Götter“, singt, schreibt er in seiner Prosabearbeitung stets ragna rökr, „Götterdämmerung“[2] (vgl. altnordisch røkkr, „Dunkelheit“).

Der letzte Teil des Ragnarök schildert die neue Welt, welche nach dem Untergang der alten Welt entsteht. Lange Zeit wurde in diesen Teil eine Beeinflussung von der christlichen Johannesapokalypse hinein interpretiert.[4]

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Ragnarök heißt Endkampf der Götter und Riesen, in dessen Folge die ganze Welt untergeht.[3] Drei Jahre heftiger Kämpfe und dann ein ebenso langer Fimbulwinter kündigen ihn an.[5][3]

Die Wölfe Skalli und Hati (einer anderen Überlieferung nach Managarm) verfolgen (in der Sage) die Sonne bzw. den Mond, um sie zu verschlingen. Daraufhin sollen Sterne vom Himmel fallen. In der Folge beginnt die Erde zu beben; alle Bäume werden entwurzelt, sämtliche Berge stürzen. Durch diese Beben kann sich der Fenriswolf von seiner Kette lösen, die Midgardschlange betritt das Land, welches überflutet wird.

Die Überschwemmung macht das Schiff Naglfar aus Finger- und Zehennägeln der Toten flott.[3] Der Fenriswolf spuckt Feuer, die Midgardschlange versprüht ihr Gift, was Luft und Meer entzündet. Muspells Söhne kommen durch diesen Tumult hervorgeritten - allen voran Surt, der Feuerriese[3] . Sie überqueren die Brücke Bifröst, die daraufhin zusammenstürzt.[3] Sie ziehen zur Ebene Wigrid[3], wo sie sich mit dem Fenriswolf, der Midgardschlange, Loki, Hrym (dem Steuermann von Naglfar), allen Hrimthursen und Hels Gefolge treffen. Dort nehmen sie die Schlachtordnung ein.[3]

Heimdall erhebt sich und stößt aus aller Kraft in sein Gjallarhorn, ein Rufhorn, und warnt damit alle Götter, die sich beraten.[3] Odin reitet zu Mimirs Brunnen, um Rat zu holen. Die Asen und alle Einherjer, d. h. die in Schlachten gefallenen Toten aus Walhall, wappnen sich danach zum Kampf.[3] An der Spitze reitet Odin mit seinem Speer Gungnir, seinem Goldhelm und seinem schönen Harnisch.

In der folgenden Schlacht kämpft Freyr gegen Surtr, wobei Freyr erliegt, weil er in einem anderen Mythos sein Schwert seinem Knecht Skirnir gegeben hatte.[3] Der Hund Garm, der Wächter der Unterwelt, greift Tyr an. Beide töten sich gegenseitig.[3] Thor gelingt es, die Midgardschlange zu besiegen. Kaum ist er neun Schritte von der Schlange weggegangen, stirbt er an ihrem Gift. Odin tritt gegen den Fenriswolf an, der ihn verschlingt.[3] Odins Sohn Vidar rächt den Vater. Er steigt dem Fenriswolf mit seinem ledernen Stiefel ins Maul, reißt sein Maul entzwei und ersticht ihn durch den Rachen. Loki kämpft gegen Heimdall, auch sie erschlagen sich gegenseitig. Schließlich schleudert Surtr Feuer über die ganze Welt, das alles zerstört (Weltenbrand).[3]

Die Asen versammeln sich. Flammen und Rauch werden zum Himmel schießen. Durch den Ausgleich von Ordnung und Chaos wird ein Gleichgewicht entstehen, das dem Allvater Fimbultyr verhilft, eine neue Welt zu schaffen. Die Asen einen sich am Idafelde. Alles Böse bessert sich. Die Fassung der Hauksbók hat als 65. Strophe:

Þá kemur inn ríki
að regindómi
öflugur ofan,
sá er öllu ræður.

Da kommt der Mächtige
zu seiner ordnenden Herrschaft.
kraftvoll von oben
er, der alles steuert.

Thors Söhne Magni und Modi treffen sich mit Odins Söhnen Vidar und Vali im ehemaligen Asgard. Balder und Hödur kehren aus Hel zurück.[3]

Ob Nidhöggr, der Menschenwürger, der die entseelten Leiber aussaugt, am Ende des Ragnarök stirbt[3], ist nicht ganz klar, man kann die betreffende Stelle in dem Sinn interpretieren, dass damit, dass er sich senkt, sein Tod gemeint ist, oder dass damit gemeint ist, dass er das Böse verkörpert, das das Ende der Welt überdauert und wiederkehrt.

Þar kemur inn dimmi
dreki fljúgandi,
naður fránn, neðan
frá Niðafjöllum;
ber sér í fjöðrum,
flýgur völl yfir,
Niðhöggur nái.
Nú mun hún sökkvast.

Nun kommt der dunkle
Drache geflogen,
die Natter, hernieder
aus Nidafelsen.
Das Feld überfliegend,
trägt er auf den Flügeln,
Nidhöggur, Leichen.
und nieder senkt er sich.[6]

Deutung

Man hat Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts einen Einfluss christlicher Eschatologie feststellen wollen. Inzwischen hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass Weltuntergangsvorstellungen im gesamten indogermanischen Raum heimisch waren und ein christlicher Einfluss eher unwahrscheinlich ist. Insbesondere hielten manche Forscher die oben zitierte 65. Strophe der Hauksbók für einen christlichen Einschub, der auf Christus hinweisen sollte.[7] Sigurður Nordal hielt die Strophe zwar für ursprünglich, aber der Vorstellungsinhalt sei von christlichen Vorstellungen beeinflusst.[8] Steinsland hat dagegen aufgezeigt, dass diese Strophe nicht in ein christliches sondern eher in ein heidnisches Weltbild passt.[9]

  1. In die christliche Vorstellungswelt passe nicht, dass sich Christus in einen Rat der Asen begibt, der in Strophe 60 gerade zusammengetreten ist.
  2. Nach der christlichen Lehre kommt die neue Welt zusammen mit der Wiederkunft Christi. Hier kommt „der Mächtige“ erst, nachdem die neue Welt in den Strophen davor bereits entstanden ist.
  3. Der Ausdruck „inn ríki“ ist wie andere ähnliche Ausdrücke „inn mikli“ (Strophe 55; der starke) und „inn mæri“ (Strophe 57; der großartige) zu diesen Heldenepitheta als Herrschereigenschaft der Durchsetzungsfähigkeit zu stellen. Auf Christus wird dieser Ausdruck nirgends angewendet. Das Wort „regindómi“, ein Wort, das sonst nirgends vorkommt, wurde für das „letzte Gericht“ gehalten.[10] „regin“ ist aber in anderem Kontext der Edda die ordnende Macht der Asen, und „dóm“ ist in anderem Kontext (konungsdómr, jarldómr) oft nur das Reich oder auch nur –tum (heiðin dómr = Heidentum). Auch „öflugur“ (kraftvoll) ist viel in vorchristlichen Texten zu finden. Und dass die Asen im Himmel wohnen, so dass „der Mächtige“ von oben kommt, ist in der Edda oft bezeugt. Selbst bei dieser Strophe, die als Hauptbeleg für den christlichen Einfluss herangezogen wurde, ist der heidnische Ursprung sehr wahrscheinlich.

Künstlerische Rezeption

Richard Wagner behandelt das Thema in seiner Oper Götterdämmerung, dem vierten Teil der Tetralogie Der Ring des Nibelungen.

Literatur

  • E.H.Meyer: Mythologie der Germanen,Athenaion,o.J. ungekürzte Neuauflage der Ausgabe Straßburg 1903, ISBN 3-88851-206-9
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 1995, ISBN 3-520-36802-1
  • Karl Simrock (Hrsg.): Die Edda, die ältere und jüngere, nebst den mythischen Erzählungen der Skalda. 6. Aufl., Stuttgart 1876

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1995, S.330
  2. a b c E.H.Meyer, Mythologie der Germanen, Athenaion, o.J., ungekürzte Neuauflage der Ausgabe Straßburg 1903, S.461
  3. a b c d e f g h i j k l m n o p Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1995, S.331
  4. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1995, S.332
  5. E.H.Meyer, Mythologie der Germanen, Athenaion, o.J., ungekürzte Neuauflage der Ausgabe Straßburg 1903, S.460
  6. Übersetzung von Simrock
  7. Schjødt S. 95; Heusler in der Anmerkung zu seiner Übersetzung.
  8. Nordal S. 156.
  9. Steinsland S. 342 ff.
  10. Lexicon poeticum: regindómr, m, enten ‚hoveddom‘ eller ‚gudedom‘. (entweder Oberstes Urteil oder Urteil Gottes)

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