Rausch


Rausch

--Lyserg 03:50, 5. Jun. 2011 (CEST)

Klassifikation nach ICD-10
F10.0 Akute Intoxikation (akuter Rausch) (Alkohol)
F11.0 Akute Intoxikation (akuter Rausch) (Opioide)
F12.0 Akute Intoxikation (akuter Rausch) (Cannabinoide)
F13.0 Akute Intoxikation (akuter Rausch) (Sedativa oder Hypnotika)
F14.0 Akute Intoxikation (akuter Rausch) (Kokain)
F150.0 Akute Intoxikation (akuter Rausch) (andere Stimulanzien, einschließlich Koffein)
F16.0 Akute Intoxikation (akuter Rausch) (Halluzinogene)
F17.0 Akute Intoxikation (akuter Rausch) (Tabak)
F18.0 Akute Intoxikation (akuter Rausch) (flüchtige Lösungsmittel)
F19.0 Akute Intoxikation (akuter Rausch) (multipler Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen)
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Der Rausch im medizinischen Sinne ist definiert als „Ein Zustandsbild nach Aufnahme einer psychotropen Substanz mit Störungen von Bewusstseinslage, kognitiven Fähigkeiten, Wahrnehmung, Affekt und Verhalten oder anderer psychophysiologischer Funktionen und Reaktionen. Die Störungen stehen in einem direkten Zusammenhang mit den akuten pharmakologischen Wirkungen der Substanz […]“ (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information: ICD-10-GM Version 2010)

Eine Unterteilung in einfacher und pathologischer Rausch ist aus medizinischer Sicht nicht angebracht, da erstens die Datenlage zu sog. „pathologischen Räuschen“ spärlich ist und zweitens der einfache Rausch schwerlich als nicht-pathologisch bezeichnet werden kann.[1]

Des Weiteren wird auch die Ekstase (siehe dort) als „Rausch der Sinne“ betrachtet.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Das Wort „Rausch“ stammt aus dem Mittelhochdeutschen (rūsch, riuschen) und bedeutete ursprünglich „ungestüme Bewegung“, „ungestüm beim Angriff“, „anstürmen“, „Anlauf“.[2] Der Bezug zur Trunkenheit allgemein, nicht nur substanzbezogen, entstand im 16. Jahrhundert.[3]

Kulturgeschichte des Rausches

Dionysos, Gott des Weines
Zelt für Peyote-Zeremonie

Schon in der Steinzeit wurde vor etwa 9.000 Jahren Alkohol gebraut in Form von Met und einer Art Bier.[4] Auch die Verwendung des halluzinogenen Fliegenpilzes und von Cannabis vor 7000 Jahren ist dokumentiert.[5] In Russland und Sibirien war der Fliegenpilz recht verbreitet. Verbreitet war auch, den Urin eines Schamanen zu trinken, nachdem dieser Fliegenpilze konsumiert hatte.[6]

In alttestamentlicher Zeit wurde der Rausch zwiespältig gesehen: galt ein maßvoller Rausch als ein Quell der Fröhlichkeit (Gen 43,34 EU), ein unmäßiger hingegen als ein Quell des Übels (Gen 19,30-38 EU), (Gen 9,20-27 EU), (Jes 5,22 EU). Der schon seit Alters her im Orient und in der katholischen und orthodoxen Liturgie verwendete Weihrauch enthält den psychoaktiven Wirkstoff Incensol.

In den Veden ist der Gebrauch von Cannabis im Indien um 1.500 v. u. Z. beschrieben.[7][8]

Während im Europa der Antike und im Mittelalter exzessiver Rausch als völlig normal angesehen wurde, war er im 16. und 17. Jahrhundert geächtet. Ab dem 19. Jahrhundert betrachtete man diesen zunehmend als krankhaft.[5] Im Mittelalter wurde beispielsweise beim Bierbrauen oft noch Bilsenkraut zugemischt, um die berauschende Wirkung zu verstärken.

Noch heute werden in verschiedenen Kulturen Rituale zelebriert, bei denen rauscherzeugende Substanzen eine wichtige Rolle spielen. So zum Beispiel bei der Native American Church, die den halluzinogenen Peyote-Kaktus rituell verzehren und tiefe spirituelle Erfahrungen machen. Rausch außerhalb dieser Rituale lehnt die Gemeinschaft strikt ab.[9] Ebenso wird in verschiedenen indigenen südamerikanischen Religionsgemeinschaften das Gebräu Ayahuasca eingenommen. Dabei gelten strenge Regeln, z.B. muss um die Zeit des Rituals herum auf Alkohol verzichtet werden. Auch der Tabak war in präkolumbianischer Zeit eine rein medizinisch und rituell genutzte Droge.

Auch heute sehen Wissenschaftler in manchen Konsumarten von rauscherzeugenden Substanzen eine gewisse Ritualisierung. Gegenseitige Unterstützung bei der Beschaffung, der gemeinsame Konsum (z.B. das Herumreichen des Joints) oder auch gemeinschaftliches Sich-Betrinken können rituelle Formen (wenn auch ohne den spirituellen Aspekt) annehmen.[10][11]

Der Rausch in der Neuzeit

„Die Pforten der Wahrnehmung“

In seinem Buch Die Pforten der Wahrnehmung von 1954 beschreibt Aldous Huxley die Wirkung von Halluzinogenen. Er hatte unter anderem mit Mescalin experimentiert, wobei er zu dem Schluss kam, dass das Gehirn mehr Eindrücke vernichte als zulasse, um den Menschen vor Verwirrung durch zu viel Information zu schützen. Auch weist er auf den spirituellen Gebrauch von Peyote in der Native American Church (s.o.) hin und verurteilt zugleich den unspirituellen bloßen Konsum der „zivilisierten Gesellschaft“.[12]

Die 1968er Jahre – Timothy Leary

Der damalige Psychotherapeut Timothy Leary, der nach dem Konsum von einer psilocibinhaltigen Pilzart, die von den Azteken "Teonanacatl" (Fleisch der Götter) genannt wurde, eine Art Erleuchtung hatte, propagierte den Gebrauch bewusstseinsverändernder Substanzen, um das „göttliche Bewusstsein“ zu erreichen.[13] Dabei betonte er, dass dieser psychisch stabilen Personen vorbehalten sein sollte. Er untersuchte zusammen mit Freunden so lange die Wirkung psychedelischer Drogen, bis er seinen Lehrstuhl an der Universität Harvard verlor.

Gemäß der Philosophie der Hippiezeit war das Ziel des Rausches die Erweiterung des Bewusstseins, weshalb halluzinogene Substanzen wegen der erzeugten produktiven Symptomatik (des Trips) bevorzugt wurden.

Die Achtziger und Neunziger – der Siegeszug von Techno und Ecstasy

Mit der Mitte der 1980er Jahre aufkommenden Acid-House- und später Technomusik begann der Siegeszug der aufputschenden Substanzen. Ecstasy und andere amphetaminartige Substanzen halten den Konsumenten wach, dass er sich ausdauernder in Trance tanzen kann. Zudem steigern die Substanzen die Stimmung, enthemmen und erleichtern die Kontaktaufnahme.

Rauschwirkung verschiedener Substanzen

Gruppe Substanzen (Auswahl) Wirkung Mechanismus
Halluzinogene
Opiate und Opioide
Stimulantien

Literatur

  • Verein der Freunde und Förderer der Zeitschrift »Kritische Ausgabe« e.V. (Hrsg.): Rausch. In: Kritische Ausgabe. Heft 13, Nr. 1, 2005, ISSN 1617-1357 (HTML (Inhaltsverzeichnis), abgerufen am 7. November 2010).
  • Interdisziplinäres Zentrum für Historische Anthropologie der Freien Universität Berlin (Hrsg.): Rausch – Sucht – Ekstase. In: Paragrana. Heft 2, Akademie Verlag, Berlin 2004, ISSN 0938-0116.
  • Stephan Matthiesen, Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Von Sinnen. Traum und Trance, Rausch und Rage aus Sicht der Hirnforschung. mentis Verlag, Paderborn 2007, ISBN 978-3-89785-572-4.
  • Cynthia Palmer, Michael Horowitz, Ronald Rippchen: Tänzerinnen zwischen Himmel und Hölle – Frauen erzählen ihre Rauscherfahrungen. In: Der Grüne Zweig. Band 136, Pieper’s Medienexperimente, Löhrbach 1994, ISBN 3-925817-36-0.
  • Gisela Völger, Karin von Welck (Hrsg.): Rausch und Realität – Drogen im Kulturvergleich. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1981, ISBN 3-499-34006-2 (Drei Materialienbände zu einer Ausstellung des Rautenstrauch-Joest-Museums für Völkerkunde der Stadt Köln).

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Mathias Berger (Hrsg.): Psychische Erkrankungen – Klinik und Therapie. 3. Auflage. Elsevier, München, Jena 2009, ISBN 978-3-437-22481-2.
  2. J. Grimm, W. Grimm: Deutsches Wörterbuch
  3. G. Köbler Deutsches Etymologisches Wörterbuch. 1995.
  4. Frank Thadeusz: Am Anfang war der Sud. In: Spiegel Online Archäologie. 19. Dezember 2009 (HTML, abgerufen am 20. Oktober 2010).
  5. a b Andrea Blätter: Rausch und Ekstase zwischen Normalität und Ächtung. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Das Parlament. Nr. 3, 17. Januar 2005 (HTML, abgerufen am 7. November 2010).
  6. W. Bauer, E. Klapp, A. Rosenbohm (Hrsg.): Der Fliegenpilz – Ein kulturhistorisches Museum. Wienand Verlag, Köln 1991, ISBN 3-87909-224-9.
  7. Ernest L. Abel (Hrsg.): Marijuana - The First Twelve Thousand Years. India: The First Marijuana-Oriented Culture. In: Schaffer Library of Drug Policy. 1980 (HTML, abgerufen am 7. November 2010).
  8. Neil M. Montgomery: A Short History of Cannabis. In: Channel 4 Television (Hrsg.): Pot Night - The Book. 1995 (HTML, abgerufen am 7. November 2010).
  9. Bernd Dollinger, Henning Schmidt-Semisch (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Suchtforschung. VS Verlag, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-15337-7.
  10. Henrik Jungaberle, Rolf Verres; Sonderforschungsbereich 619 "Ritualdynamik" der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (Hrsg.): Rituale des Rausches. (HTML, abgerufen am 20. Oktober 2010).
  11. Stephan Sting; BoJA – Bundesweites Netzwerk Offene Jugendarbeit (Hrsg.): Rauschtrinken als jugendkulturelles Ritual. (HTML, abgerufen am 20. Oktober 2010).
  12. Aldous Huxley: Die Pforten der Wahrnehmung. Meine Erfahrung mit Meskalin. Piper, München 1954 (Neuausgabe 1964).
  13. Fleisch der Götter. In: Der Spiegel. Heft 37, 1969, S. 185 (HTML, abgerufen am 7. November 2010).
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