Reuchlin-Gymnasium Ingolstadt


Reuchlin-Gymnasium Ingolstadt
Reuchlin-Gymnasium Ingolstadt
Schultyp Gymnasium
Bundesland Bayern
Koordinaten 48° 46′ 2,8″ N, 11° 25′ 17,2″ O48.76743888888911.4214388888897Koordinaten: 48° 46′ 2,8″ N, 11° 25′ 17,2″ O
Website www.reuchlin.ingolstadt.de

Das Reuchlin-Gymnasium Ingolstadt ist ein Gymnasium in Ingolstadt. Es wurde nach dem Humanisten und Hebraisten Johannes Reuchlin benannt, der von 1519 bis 1521 in Ingolstadt lehrte.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Latein als frühe Weltsprache war seit dem 13. Jahrhundert mit dem Aufkommen der ersten Universitäten Voraussetzung für das Studium an einer der vier damals zugänglichen Fakultäten Theologie, Philosophie, Rechtswissenschaften und Medizin. Die Unterrichtung in der Sprache Roms oblag im wesentlichen dem Klerus, der auf diese Weise den Fortbestand seines eigenen Berufsstandes gewährleisten und gleichzeitig die Qualität des zukünftigen Nachwuchses beeinflussen konnte. Hier lag auch eine der wenigen Möglichkeiten für begabte, jedoch aus armen und oft unfreien Verhältnissen stammende Knaben, einen sozialen Aufstieg zu erfahren.

Eine „lateinische Schule“ ist in Ingolstadt im Zusammenhang mit dem Franziskanerkloster seit 1245 belegt. Ob diese über die Jahrhunderte kontinuierlich Bestand hatte, ist nicht nachgewiesen, mit Gründung der ersten bayerischen Landesuniversität in Ingolstadt 1472 jedoch wurde eine Lateinschule schließlich unabdingbar, was Herzog Wilhelm IV. dazu bewog, 1523 den in Rom weilenden Ingolstädter Professor und Stadtpfarrer Johannes Eck mit der Gründung eines „Pädagogiums“ zu beauftragen. Dieses wurde 1526 eröffnet und bestand bis 1571. Im Jahre 1556 übernahmen die Jesuiten schließlich die Universität und verpflichteten sich in einem Vertrag mit Albrecht V. von Bayern, ein Gymnasium zu eröffnen, das Knaben aller Schichten offen sein solle. Im Original heißt es

… ut pro constitutione puerorum scholam publicam et apertam habeant, in qua quicunque pueri ipsius oppidi et qui aliunde venient, convenire magistrosque libere et gratis audire possint.
(Sie – die Jesuiten – sollen den Fähigkeiten entsprechend eine öffentlich zugängliche Schule unterhalten, in der sich Knaben aller Schichten aus der Stadt selbst und solche, die von auswärts kommen werden, einfinden und am Unterricht frei und kostenlos teilnehmen können).

Das noch bestehende Pädagogium und die neue Jesuitenschule gerieten in Streitigkeiten, die der Herzog auflöste, indem er die ältere der beiden Schulen 1571 ebenfalls den Jesuiten übertrug und somit beide Einrichtungen vereinigte. Die neue Schule umfasste die Klassen Grammatica, Poetica, Syntax minor, Syntax maior und Rhetorica.

Als Schulgebäude diente ein Neubau neben dem Liebfrauenmünster, das heutige Canisiuskonvikt, das 1584 bezogen wurde und seit 1612 unter dem Namen „Gymnasium Ignatii“ firmierte. Berühmtester Schüler dieser Zeit war der spätere Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Ferdinand II., der 1590 als Zwölfjähriger nach Ingolstadt kam.

Das Hauptgewicht in dieser Schule lag auf der Unterweisung in Latein und Griechisch, daneben wurden aber auch Musik und Chorgesang gepflegt, nicht im Lehrplan enthalten waren dagegen Deutsch und jede Art von Naturwissenschaft.

Das Ingolstädter Jesuitengymnasium genoss einen hervorragenden Ruf, dem viele, auch adelige Schüler aus dem gesamten Gebiet des damaligen Deutschen Reiches folgten.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg, unter dem Ingolstadt schwer zu leiden hatte, schrumpfte die Schülerzahl und verharrte auf dem Stand von etwa 200, bis im Jahre 1799, als die Universität nach Landshut verlegt wurde, Kurfürst Maximilian IV. Joseph aus Kostengründen das Gymnasium schloss. In der Folge wurde Ingolstadt mehr und mehr in eine Festungs- und Garnisonsstadt umgewandelt, was mit dem gleichzeitigen Fehlen nennenswerter Bildungseinrichtungen einen herben Schlag für die Stadt bedeutete.

Nach den Napoleonischen Kriegen war Bayern verarmt, die Einwohnerzahl und die Bedeutung von Ingolstadt deutlich gesunken und somit bestand vorerst keine Aussicht auf Gründung eines neuen Gymnasiums oder auch nur einer Lateinschule.

Mit spärlichen Finanzmitteln wurde immerhin die Einrichtung zweier lateinischer Vorbereitungsklassen erreicht, die die Schüler für den Übertritt auf ein Gymnasium schulen sollten. Lehrer waren Geistliche, die auf eine Anstellung als Pfarrer warteten und im Falle einer Berufung sofort aus dem Lehrbetrieb entschwanden. Eine Inspektion durch den Rektor des Staatlichen Wilhelmsgymnasium Münchens deckte 1857 die miserablen Verhältnisse auf und führte zur Schließung der Schule. 1858 erfolgte sogleich die Wiedereröffnung, allerdings unter besseren Vorzeichen, da die Schule nunmehr vom bayerischen Staat als „königlich bayerische Lateinschule“ übernommen wurde. Vier Klassen konnten eingerichtet werden, auch Unterricht in Mathematik und Sport wurde durch externe Lehrer oder durch Garnisons-Offiziere übernommen.

Es bestand allenthalben eine große Zufriedenheit mit dieser neuen Schule, jedoch wurde der Ruf nach einer Umwandlung in ein Vollgymnasium lauter, zumal die Einwohnerzahl Ingolstadts erheblich gestiegen war und eine neu entstandene Beamtenschicht die Möglichkeit einer gymnasialen Ausbildung für ihre Kinder wünschte. Insbesondere stellte sich als Mangel heraus, dass die Schüler nach absolvierter 5. Klasse eine Aufnahmeprüfung für ein Vollgymnasium ablegen mussten und die Ingolstädter Lateinschule nicht befugt war, das Zeugnis der Mittleren Reife auszustellen, welches jedoch für die Laufbahn eines Reserveoffiziers vonnöten war – ein Malus, der die stark militärisch geprägte Ingolstädter Gesellschaft dieser Zeit schmerzte. Man wandte sich mit diesbezüglichen Eingaben an die Regierung von Oberbayern. Diese zeigte sich zunächst unwillig und verwies insbesondere auf die hohen Kosten, die der Neubau eines Schulgebäudes nach sich zöge. Die Befürworter bezogen sich insbesondere auf die Verlegung der Ingolstädter Universität und damit auf die gleichsam historische Schuldigkeit des bayerischen Staates gegenüber Ingolstadt sowie auf die Einrichtung von Gymnasien in kleineren Städten wie zum Beispiel Rosenheim. Die Regierung ließ sich jedoch weiterhin nicht erweichen. Allerdings klangen die abschlägigen Bescheide längst nicht mehr so unumstößlich wie zu Beginn, sodass man sich – in der Hoffnung auf eine bevorstehende Erlaubnis – rasch daran machte, ein geeignetes Schulgebäude zu finden. Für den Neubau konnte man vom „Militärfiskus nicht genutztes Gelände in der verlängerten Neubaustraße“ nutzen. Hier entstand also das Gebäude, das auch heute noch den Altbau des Reuchlin-Gymnasiums darstellt.

Im Jahre 1894 erhielt die Schule die Befugnisse eines Progymnasiums, dessen erfolgreicher Besuch die Aufnahme in die entsprechenden Klassen eines humanistischen Gymnasiums ohne Probezeit erlaubte. Es fehlte nur noch der letzte Schritt, der Ausbau der Schule zu einem neunklassigen Gymnasium. Die Argumente der Ingolstädter waren mittlerweile wohl nicht mehr zu ignorieren und so genehmigte der Prinzregent Luitpold am 24. Juni 1898 die Errichtung eines Vollgymnasiums in Ingolstadt, 1901 konnte das erste Abitur stattfinden.

Mit der Einrichtung des Canisiuskonvikts 1920 und des Steyler Missionsseminars 1924 wurden der Schule viele neue externe Schüler zugeführt, was die zu dieser Zeit sinkenden Schülerzahlen wieder in unbedenkliche Höhen trieb. Ab 1919/1920 waren dann auch Mädchen an der Schule zugelassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Schule erst am 3. Dezember 1945 wieder eröffnet.

Die zunehmende Raumnot macht im Jahr 1965 eine Erweiterungsbaumaßnahme nötig, es entstand der sogenannte Westflügel mit Musik- und Chemiesälen, 1974 kam ein weiterer Anbau hinzu, in dem zwei Turnhallen untergebracht sind.

1962 wurde dem Gymnasium ein neusprachlicher Zweig angegliedert, 1977 die Kollegstufe eingeführt. Ab 1965 firmiert die bis dato schlicht „Humanistisches Gymnasium“ genannte Schule als Reuchlin-Gymnasium.

Heutige Situation

Im Schuljahr 2005/2006 besuchten 698 Schüler das Reuchlin-Gymnasium, 59 Abiturienten verließen im abgelaufenen Schuljahr die Schule. Immer noch existiert ein humanistischer Ausbildungszweig, der einzige an den fünf Ingolstädter Gymnasien. Besonders hervorzuheben ist hier der Leistungskurs Griechisch, der in einem großen Umkreis der einzige seiner Art ist. Daneben gibt es den neusprachlichen Zweig mit Französisch als dritter Fremdsprache (anstelle von Altgriechisch).

Neu seit dem letzten Schuljahr ist ein naturwissenschaftlich-technologischer Zweig, der Chemie und Informatik ab der 8. Klasse vorsieht. Die Einrichtung dieses Zweiges ist durch die Einführung des achtjährigen Gymnasiums (verkürzter Bildungsgang – G8) durch die bayerische Staatsregierung notwendig geworden, da viele Eltern davor zurückschrecken könnten, ihre Kinder mit drei Fremdsprachen innerhalb von vier Jahren zu konfrontieren.

Selbstbild und Ruf

Von den meisten Schülern – aktuellen und ehemaligen – wird „das Reuchlin“ hochgeschätzt. Als Gründe hierfür werden das familiäre Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern genannt, die übersichtlichen Dimensionen der Schule, das breite Angebot von Wahlfächern und nicht zuletzt der Ruf einer traditionsreichen Schule, die als einzige der Stadt einen humanistischen Zweig anbietet. Dieser letztgenannter Punkt trägt den „Reuchlianern“ gelegentlich bei Schülern der anderen Ingolstädter Gymnasien den Ruf ein, elitär, snobistisch und etwas eigen zu sein, was allerdings auch von einigen ehemaligen Schülern bestätigt wird. Im Großen und Ganzen handelt es sich aber bei diesen Streitigkeiten zwischen den fünf Gymnasien um einen seit Generationen gepflegten Usus mit eher ritualisierten Zügen.

Rektoren

  • 1897–1898: Kgl. Rektor Ignaz Rummelsberger, Leiter des „Kgl. Progymnasiums“
  • 1901–1909: Rektor Dr. Georg Gött
  • 1909–1919: Rektor Josef Flierle
  • 1919–1922: Oberstudiendirektor (OStD) Gebhard Himmler (der Vater Heinrich Himmlers, siehe auch Der Vater eines Mörders von Alfred Andersch)
  • 1922–1931: OStD Dr. Oswald Silverio
  • 1931–1948: OStD Jakob Berger
  • 1948–1949: OStR Albert Zink
  • 1949–1952: OStD Anton Findl
  • 1952–1958: OStD Dr. Georg Weber
  • 1958–1973: OStD Hans Luibl
  • 1973–1983: OStD Otto Müller
  • 1983–1994: OStD Rudolf Ullrich
  • 1994–2005: OStD Reinhold Koller
  • 2005–?: StDin Edith Philipp-Rasch

Ehemalige Schüler

Erwähnenswertes

Auch in Pforzheim, Reuchlins Geburtsstadt, existiert ein Reuchlin-Gymnasium.

Literatur

  • Reinhold Koller (Hrsg.): Das Reuchlin wird 100 – Eine Festschrift; hierbei insbesondere der Artikel „Die Geschichte des Reuchlin-Gymnasiums“, verfasst von Maximilian Bechstädt

Weblinks


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