Rhizom (Hypertext)


Rhizom (Hypertext)

Rhizom (griech. ῥίζωμα [rhizoma] = Wurzel) ist ein zentraler Begriff der Philosophie von Gilles Deleuze und Félix Guattari.

Der Begriff ist der Bezeichnung für Wurzelgeflechte (Rhizome) von Pflanzen abgeleitet. Bei Deleuze und Guattari dient er als Metapher für ein postmodernes beziehungsweise poststrukturalistisches Modell der Wissensorganisation und Weltbeschreibung, das ältere, durch eine Baum-Metapher dargestellte, hierarchische, Strukturen ersetzt. Das philosophische Konzept der Rhizomatik stieß auf großes Interesse in der Wissenschaftstheorie, der Medienphilosophie und den Kulturwissenschaften.

Inhaltsverzeichnis

Rhizom und Baummodell

„Dichotomischer“ Baum des menschlichen Wissens in Band 1 der Encyclopédie
„Rhizomatische“ Verweisstruktur zwischen Webseiten
Ingwerwurzel − ein Geflecht ohne „Stamm“
Rhizom einer Graspflanze

Die Metapher des Rhizoms ist ein Gegenentwurf zur klassischen pflanzlichen Metapher des Baums des Wissens. Der Baum des Wissens ist ein traditionelles Organisationsmodell, das die Hierarchie des Wissens und der Wissenschaften beschreiben soll und dessen Tradition bis in die griechische Antike zurückreicht. Nach diesem Baummodell sind beispielsweise Taxonomien, Klassifikationen, klassische Enzyklopädien und Bibliotheken organisiert. Baum-Modelle sind hierarchisch und dichotomisch angelegt, das heißt: Jedes Element befindet sich auf einer (und nur einer) Ordnungsebene, ist einer höheren Ebene untergeordnet und kann einem oder mehreren Elementen übergeordnet sein. Es gibt keine Querverbindungen, die Hierarchieebenen überspringen oder Elemente verbinden, die zwei unterschiedlichen höheren Elementen übergeordnet sind. Eine solche Struktur lässt sich als „Baum“ darstellen, der mit einem „Stamm“ beginnt und sich dann weiter und weiter verzweigt. Es gibt jedoch zwischen den einzelnen Zweigen keine Querverbindungen.

Deleuze und Guattari halten das dichotomische Baummodell für epistemologisch unangemessen, weil es nicht offen ist für mögliche Veränderungen der Sichtweise wie etwa Verschiebungen der Forschungs- und Verstehensperspektive. Hierarchische Ordnungsstrukturen wie das Baummodell dürfen sich nicht kreuzen oder überschneiden. In einem Baummodell kann weder ein Element mehreren Ordnungsebenen angehören, noch sind Querverbindungen zu Elementen anderer Äste erlaubt. Genau dies aber erscheint in einer modernen Wissenswelt unumgänglich. Die Autoren halten das Baummodell auch für politisch gefährlich, da sie z.B. in Diktaturen die gleiche Baumstruktur in rigiden politischen Hierarchien umgesetzt sehen.

Als Alternative zum Baummodell ziehen Deleuze und Guattari rhizomatische Pflanzenstrukturen heran. Weitere Beispiele sind die Bauten von Ameisen und Ratten, die sie ebenfalls als „Rhizom“ beschreiben. Sie bleiben damit im Bereich der biologischen Metaphorik, finden aber eine Metapher, das ihrer Vorstellung von einer vielfach verflochtenen Struktur entspricht:

„Ein Rhizom ist als unterirdischer Strang grundsätzlich verschieden von großen und kleinen Wurzeln. Zwiebel- und Knollengewächse sind Rhizome. Pflanzen mit großen und kleinen Wurzeln können in ganz anderer Hinsicht rhizomorph sein, und man könnte sich fragen, ob das Spezifische der Botanik nicht gerade das Rhizomorphe ist. Sogar Tiere sind es, wenn sie eine Meute bilden, wie etwa Ratten. Auch der Bau der Tiere ist in all seinen Funktionen rhizomorph, als Wohnung, Vorratslager, Bewegungsraum, Versteck und Ausgangspunkt. Das Rhizom selber kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, von der verästelten Ausbreitung in alle Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Zwiebeln und Knollen.“[1]

Ein Rhizom ist also ein „vielwurzelig“ verflochtenes System, das nicht in Dichotomien aufgeht: „Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden, es wuchert entlang seiner eigenen oder anderen Linien weiter.“[2]

In der Rezeption durch den Poststrukturalismus wurde vor allem Deleuzes und Guattaris Kritik der Logik der Identität aufgegriffen:

„Der Poststrukturalismus denkt sowohl in differenten Vielheiten wie in Zusammenhängen. Das dabei entstehende Bild von Einheit und Vielheit ordnet die Vielheit der Einheit nicht identitätslogisch unter bzw. sie verfällt nicht in bloß nominalistische Opposition, die nichts am Baumschema … ändert. Vielmehr verweben sich Einheit und Vielheit ineinander und weder existiert das eine vor oder über dem anderen noch hebt das eine das andere auf. Keines gibt es ohne das andere.“ [3]

Ordnung im Rhizom

Einzelne Punkte in Rhizomen können und sollen untereinander verbunden werden („Konnexion“). Unterschiedlichste Sachverhalte können miteinander in Verbindung treten („Heterogenität“). Feste Strukturen und Ordnungssysteme sind in einer „rhizomatischen“ Wissenswelt möglich, aber nicht ausschließlich.

„Jedes Rhizom enthält Segmentierungslinien, nach denen es geschichtet ist, territorialisiert, organisiert, bezeichnet, zugeordnet etc.; aber auch Deterritorialisierungslinien, an denen es unaufhaltsam flieht.“[4]

Statt „Einheiten“ werden bevorzugt „Vielheiten“ beobachtet, von den Autoren „Plateaus“ genannt:

„Jede Vielheit, die mit anderen durch an der Oberfläche verlaufende unterirdische Stängel verbunden werden kann, so dass sich ein Rhizom bildet und ausbreitet, nennen wir Plateau.“;[5]

Plateaus können zwar miteinander verbunden sein, doch sind sie nicht so organisiert, dass wie im Baummodell ein Element zum „Stamm“ erklärt wird, von dem alle anderen abhängen. Je nach Betrachtungsperspektive kann das Zentrum eines Rhizoms überall und nirgends sein. Als Rhizom begriffen, wird der Wert scheinbar chaotischer Verknüpfungen verständlich:

„Der Baum und die Wurzel zeichnen ein trauriges Bild des Denkens, das unaufhörlich, ausgehend von einer höheren Einheit (...) das Viele imitiert. (...) Hydren und Medusen können wir nicht entkommen.“ [6]

Rhizom bedeutet die Befreiung von definierten Machtstrukturen: Viele Perspektiven und viele Ansätze können frei verkettet werden.

Rezeption

Vor allem in der Philosophie der Postmoderne und der Medientheorie wird die „Rhizomatik“ diskutiert, weil der Begriff für viele Probleme der Orientierung innerhalb moderner Welten des Wissens einen Ansatzpunkt zu bieten scheint. Moderne Wissenswelten – dazu gehört auch die Wikipedia – nach dem klassischen Baummodell zu ordnen und zu kategorisieren ist ein unmögliches Unterfangen. Zwar können bestimmte Ordnungsstrukturen geschaffen werden, diese werden jedoch von internen Verknüpfungen und Verbindungslinien wieder untergraben.

Aus der Perspektive jeder Wissenschaft, jeder neuen Herangehensweise, jedes Fachgebiets baut sich das System und die Ordnung des bestehenden Wissens von neuem, in neuer Weise wieder auf. „In einem Rhizom gibt es keine Punkte oder Positionen wie etwa in einer Struktur, einem Baum oder einer Wurzel. Es gibt nichts als Linien.“[7] Vielen modernen Medientheoretikern scheint die Metapher des Rhizoms daher geeignet, um Strukturen von Hypertexten, sozialen Netzwerken oder Computernetzen wie dem Internet zu beschreiben.

Literatur

  • Gilles Deleuze, Félix Guattari: Rhizom. Berlin: Merve 1977. ISBN 3920986830
  • Gilles Deleuze, Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin: Merve 1992. ISBN 3883960942 und ISBN 3-88396-087-X
  • Gilles Deleuze, Félix Guattari: Der Faden ist gerissen (Internationale marxistische Diskussion; 68). Berlin: Merve 1977. ISBN 3920986849
  • Gilles Deleuze, Arnauld Villani, Antonio Negri, Clemens-Carl Härle (Herausgeber): Karten zu Tausend Plateaus. Berlin: Merve 1993. ISBN 3883961000
  • Umberto Eco: Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen Leipzig: Reclam 1989. ISBN 3-379-00452-9
  • Stefan Heyer: Deleuzes & Guattaris Kunstkonzept: ein Wegweiser durch tausend Plateaus. Wien: Passagen 2001. ISBN 3-85165-494-3
  • Frank Hartmann: Medienphilosophie. Wien 2000

Weblinks

Einzelnachweise

  1. DG 1992, S. 16
  2. DG 1977, S. 16
  3. Gabriel Kuhn (2005): Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden. Eine Einführung in die politische Philosophie des Poststrukturalismus, S. 63
  4. DG 1977, S. 16
  5. DG 1977, S. 35
  6. DG 1977, S. 26f
  7. DG 1977, S. 14

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