Ritsos


Ritsos
Grabstein von Giannis Ritsos bei Monemvasia

Giannis Ritsos (griechisch Γιάννης Ρίτσος, ins Deutsche auch mit Jannis, Jiannis, Yannis und Yiannis Ritsos transkribiert; * 1. Mai 1909 in Monemvasia; † 11. November 1990 in Athen) war ein griechischer Schriftsteller, vornehmlich Lyriker.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Frühe Jahre

Ritsos wurde 1909 als jüngster Sohn einer Landbesitzer-Familie auf der griechischen Halbinsel Peloponnes geboren. Erste Gedichte sind von dem achtjährigen Schüler bekannt. Die Familie verarmte während seiner Jugendzeit. Den Tod der Mutter und des ältesten Bruders erlebte er als Zwölfjähriger.

Jannis Ritsos verbrachte seine Kindheit in einem „ärmlichen Hause, wo alle gestorben sind“, wie er später in der „Frühlingssinfonie“ schrieb. Das war dem am 1. Mai 1909 geborenen Dichter nicht in die Wiege gelegt. Sein Geburtsort war Monemvasia im Südosten der Peloponnes. Seinem Vater, der einer reichen Adelsfamilie entstammte, gehörte viel Ackerland und zahlreiche Weingärten. Dennoch brachten die Auswirkungen der Agrarreform und des ersten Weltkrieges sowie die Spielsucht des Vaters den finanziellen Ruin der Familie. Dem Jungen, der schon mit acht Jahren, angeregt durch seine humanistisch gebildete Mutter, Gedichte schrieb, Klavier spielte und malte, berührte das damals kaum. Umso mehr musste ihn der Tod der Mutter 1921 treffen, nur drei Monte nach dem Tod des Bruders. Der Vater erkrankte zur selben Zeit und galt als geistesgestört. Im Sommer des gleichen Jahres wurden er und seine Schwester Lula in das Gymnasium von Gythion aufgenommen, das sie 1925 beendeten, um anschließend in Athen nach Arbeit zu suchen. Ritsos arbeitete in den nächsten Jahren als Sekretär, Kalligraph, Regisseur und Schauspieler in verschiedenen Büros und Theatern. Dann befiel ihn die Tuberkulose, die ihn zwang, bis 1939 insgesamt sieben Jahre in Sanatorien zu verbringen. 1933 trat er der linken Kulturvereinigung „Protopori“ (Avantgardisten) bei. Seine soziale Zugehörigkeit und sein Streben nach Totalität, nach umfassender Weltsicht bekundete er bereits in den gereimten Gedichten der ersten beiden Bände „Traktor“ (1934) und „Pyramiden“ (1935), in den Gedichten „An Marx“ und „An Christus“ ebenso wie in der „Ode an die Freude“ oder in „Deutschland“, ein Gedicht, das bereits 1933 als Reaktion auf die Bücherverbrennung entstand. Das gleiche Schicksal erlitt auch Ritsos’ 3. Buch „Epitafios“ (Epitaph), das der am 4. August 1936 an die Macht gekommene General Metaxas zusammen mit vielen anderen Büchern öffentlich verbrennen ließ. Diese „Trauerklage einer Mutter über ihren ermordeten Sohn“ hatte Ritsos erst im Mai desselben Jahres, inspiriert durch den Tabakarbeiterstreik in Thessaloniki, geschrieben und Bezüge von der Beweinung Christi bis hin zum revolutionären Protest von Gorkis „Mutter“ hergestellt. Im Dezember 1936 erlitt seine Schwester Lula eine psychische Krise und musste in die Nervenheilanstalt von Daphni eingewiesen werden (wo schon der Vater lag, der dort 1938 starb). Ritsos’ tiefe seelische Zerrüttung fand ihren Ausdruck im „Lied meiner Schwester“ (1937). Ebenso wie in der „Frühlingssinfonie“ (1938) und im „Marsch des Ozeans“ (1940) löste er sich darin vom traditionellen Versmaß und Reim, um allein der inneren Musikalität und Rhythmik der Sprache zu folgen.

Okkupation und Bürgerkrieg

Während der deutschen Okkupation wohnte Ritsos bei Freunden in Athen und wurde zum Chronisten des Widerstandswillens des griechischen Volkes. Diesen, gepaart mit einer substantiellen Verbundenheit zur Heimat, verarbeitete er in „Romiosini“ (Griechentum) und „Herrin der Weingärten“ (beide 1945-1947). Die auf Churchills persönlichen Befehl exportierte Konterrevolution, die 1947 durch Trumans „vitales Interesse an Griechenland“ Unterstützung bekam, brachte das griechische Volk um die Früchte seines Sieges über die faschistische Okkupation. Ritsos wurde 1948 mit Tausenden anderen festgenommen und auf die Verbannungsinseln Limnos, Makronissos und Agions Efstratios doportiert.

50er und 60er Jahre

Nach seiner Freilassung, die erst 1952 – nach anhaltenden internationalen Protesten, unter anderem von Aragon, Picasso und Neruda – erfolgte, wurde Ritsos sofort Mitglied der neu gegründeten linken Einheitsfrontbewegung EDA (für die er bei den Parlamentswahlen 1964 kandidierte). 1956 veröffentlichte er das Monologgedicht „Die Mondscheinsonate“, das ihm die erste öffentliche Anerkennung, den Staatspreis für Lyrik, einbrachte. Im gleichen Jahr erlebte das Poem „Epitafios“ – nach 20 Jahren – seine zweite Auflage. Ritsos besorgte zwei Jahre später eine Auswahl und schickte sie nach Paris an Mikis Theodorakis, der um neugriechische Lyrik aus seiner Heimat gebeten hatte und sie innerhalb weniger Stunden vertonte. Er sandte die Lieder seinem Komponistenfreund Manos Chatzidakis nach Athen. Dieser wählte Nana Mouskouri als Interpretin und stellte eigene Arrangements her. 1960 wurde die Schallplatte produziert, aber Theodorakis war unzufrieden mit dem Resultat, nahm sich den Volkssänger Bithikotsis und den Buzukispieler Manolis Chiotis und stellte eine eigene Version der Epitafios-Lieder vor. An diesen zwei Schallplatten-Veröffentlichungen desselben Werks entzündete sich ein „kleiner Bürgerkrieg“ (Ritsos) in Griechenland, der unterschiedliche ästhetische Haltungen, aber in gewisser Weise auch soziale Gegensätze widerspiegelte. Die Lieder in der „plebejischen“ Variante von Theodorakis wurden zu einem Riesenerfolg, gelangten in die Tavernen, die „hohe Dichtung“ von Ritsos wurde von den einfachen Menschen gesungen, ja „gefressen“, wie der Dichter später bemerkte ... Die Theodorakis-Version setzte sich durch und begründete das sogenannte "zeitgenössische Volkslied" (Endechno Laiko Tragoudi), das bis heute eine wichtige Rolle in der griechischen Musikpraxis spielt.

Militärdiktatur und späte Jahre

Die griechische Junta-Zeit (1967-1974) begräbt noch einmal für sieben Jahre den in den sechziger Jahren geborenen Traum von einem demokratischen Griechenland. Ritsos gehört zu den ersten, die im April 1967 verhaftet werden, wenige Tage vor seinem achtundfünfzigsten Geburtstag. Viele Gedichte aus der Sammlung 'Die Wand im Spiegel' entstehen auf den Verbannungsinseln Gyaros und Leros, der Zyklus 'Pförtnerloge' während seines Hausarrests auf Samos 1970. Die zwei kurzen Essays 'Beim Wiederlesen der Gedichtbände...' sowie 'Steine Knochen Wurzeln' aus diesen Jahren dokumentieren auch verbal den apokalyptischen Widerstand gegen jeden 'Alptraum der Nacht und des Tags', ein ästhetischer Ansatz, der sich auch in den Gedichten der siebziger und achtziger Jahre manifestiert, ja, der es Ritsos offenbar zugleich ermöglicht, alle neuen Strömungen und poetischen Tendenzen der Moderne (vom Theater des Absurden zum nouveau roman und zur Postmoderne) aufzunehmen, zu verarbeiten und für den eigenen Ausdruck nutzbar zu machen. 1973, im sechsten Jahr der Junta, verfasst Ritsos sein szenisches Gedicht "Der Sondeur". Der vierundsechzigjährige Dichter setzt darin gegen die ihn umgebende, vom Irrationalismus der Obristen deformierte Wirklichkeit, in der er sich nicht frei bewegen konnte, seine phantastische, irrationale Welt der Poesie, als wollte er mit diesem Widerspruch auf die Unzulänglichkeit der rationalen Methode hinweisen, jenes Gefühl, das zwischen Verzweiflung, Resignation und Hoffnung schwingt, in Worte zu fassen. Dieses Werk, das ganz in der Tradition der europäischen Moderne steht, ist ein wichtiges Beispiel für den antidogmatischen Avantgardismus seines Schöpfers. Ritsos, das zeigt sich hier besonders deutlich, nimmt nicht nur Überliefertes auf, sondern schafft selbst Neues. Die meisten seiner über 100 Bücher, sieht man von der politischen Lyrik ab, die Ritsos in einem Band (Kameradschaftliche Dichtung) zusammenfasste und selbst nicht als Dichtung akzeptierte, hat er unabhängig von Publikumserwartungen geschrieben – und darin, wie kaum ein anderer griechischer Dichter des 20. Jahrhunderts, geforscht und experimentiert. Aber die tendenziöse Vereinnahmung seines Schaffens durch die "offizielle" kommunistische Ästhetik einerseits und vor allem die Wirren der Nachkriegsgeschichte Griechenlands (Bürgerkrieg, rechtsradikale Regierungen, Junta) mit ihren Auswirkungen auf das kulturelle und geistige Leben andererseits haben die Sicht auf den Neurer Ritsos verbaut.

Seit 1974 lebte Ritsos auf Samos und in Athen. Er starb im November 1990.

Werke

Das veröffentlichte literarische Werk besteht überwiegend aus Gedichten, lyrischen Dramen, Monologen und Prosastücken, insgesamt sind es über 100 Veröffentlichungen in Buchform. Seit 1957 entwickelte er die Ästhetik der "Maskierung" in seinen antiken Monologen (Die Rückkehr der Iphigenie, Agamemnon, Chrysothemis, vorweggenommen schon in seiner Mondscheinsonate), einer dramatisch-lyrischen Mischform von besonderer Originalität. In deutscher Übersetzung liegen mehr als 20 Publikationen vor. Giannis Ritsos hat seit seiner Jugend gezeichnet und sich auch als bildender Künstler betätigt. Einige seiner Werke, die in bibliophilen Ausgaben erschienen sind, enthalten Illustrationen, zum Teil auch Originalgrafik des Dichters.

Seine ersten Werke Traktor (1934), Pyramiden (1935) und Epitaphios (1936) wurden während des Metaxa-Regimes in den 1930er Jahren symbolisch verbrannt. Weitere bekannte Werke sind (in Auswahl):

  • Lied meiner Schwester (1937)
  • Frühlingssymphonie (1938), 1982 von Mikis Theodorakis im 1.Satz seiner 7.Sinfonie (Frühlingssinfonie) vertont
  • Marsch des Ozeans (1940), 1982 von Mikis Theodorakis im 2.Satz seiner 7.Sinfonie (Frühlingssinfonie) vertont
  • Alte Mazurka im Rhythmus des Regens (1942)
  • Die Herrin der Weinberge (1945-1947)
  • Schlaflosigkeit (1941-1953)
  • Die Nachbarschaften der Welt (1949-1951)
  • Romiossini (1945-47), erstmals 1954 veröffentlicht und 1966 von Mikis Theodorakis vertont
  • Mondscheinsonate (1956) - hierfür erhielt Ritsos den Ersten Staatspreis für Dichtung Griechenlands 1956
  • Wenn der Fremde kommt (1958)
  • Die Greisinnen und das Meer (1958)
  • Das tote Haus (1959-1962)
  • Die Wand im Spiegel (1967-71)
  • Steine Wiederholungen Gitter (1968-1969)
  • Papiernes (1970-1974)
  • Korridor und Treppe (1970)
  • Achtzehn kleine Lieder der bitteren Heimat (1968-1970), für Mikis Theodorakis geschrieben und 1972 von diesem vertont
  • Der Sondeur (1973) (lyrisches Drama)
  • Das Werden (1970-1977) (Werksammlung diverser Gedicht-Zyklen)
  • Türklopfer (1976)
  • Siegeslieder (1977-1983) (Werksammlung diverser Gedicht-Zyklen)
  • Erotika (1980-1981)
  • Monochorde (1980)
  • Spät, sehr spät in der Nacht (1987-1989)

Siehe auch

Ausgaben auf Deutsch (Auswahl)

  • Kleine Suite in rotem Dur. Liebesgedichte aus dem Zyklus "Erotika". Übersetzt von Thomas Nicolaou, mit Steinzeichnungen des Autors. Volk und Welt, Berlin 1982, 2. Auflage 1984, ISBN 3-353-00437-8.
  • Die Rückkehr der Iphigenie. Übertragen von Asteris Kutulas; Romiosini Verlag, Köln 1986.
  • Delfi. Mit Siebdrucken des Autors, Herausgegeben und übertragen von Asteris Kutulas, editions phi, Echternach 1987.
  • Chrysothemis. Übertragen von Asteris und Ina Kutulas, Romiosini Verlag, Köln 1988.
  • Das ungeheure Meisterwerk. Erinnerungen eines ruhigen Menschen der nichts wußte. Mit einer Radierung und sieben Reproduktionen von Zeichnungen des Dichters, Herausgegeben von Hans Marquardt, Übertragen und mit Anmerkungen und Annotationen von Asteris Kutulas. Reclam Verlag, Leipzig 1988, ISBN 3-379-00212-7.
  • Steine, Knochen, Wurzeln. Essays und Interviews. Herausgegeben und übersetzt von Asteris Kutulas. Kiepenheuer, Leipzig und Weimar 1989, ISBN 3-378-00321-9.
  • Monochorde. Übertragen von Asteris Kutulas. Mit Zeichnungen von Gottfried Bräunling. Romiosini Verlag, Köln 1989, ISBN 3-923728-40-9.
  • Der Sondeur. Übertragen von Ina & Asteris Kutulas. Mit Zeichnungen von Trak Wendisch. konkursbuchVerlag Claudia Gehrke, Tübingen 1989, ISBN 3-88769-311-6.
  • Halbkreis. Erotika. Herausgegeben und übertragen von Asteris Kutulas. Mit Zeichnungen von Gottfried Bräunling. konkursbuchVerlag Cladia Gehrke, Tübingen 1989, ISBN 3-88769-312-4.
  • Agamemnon. Mit Original-Illustrationen des Autors, Herausgegeben und übertragen von Asteris Kutulas; editions phi, Echternach 1990.
  • Gedichte. Ausgewählt, aus dem Griechischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Klaus-Peter Wedekind. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-518-22077-2.
  • Deformationen. Eine innere Biographie. Gedichte Texte Begegnungen 1930-1990. Ausgewählt und herausgegeben von Asteris Kutulas. Romiosini Verlag, Köln 1996, ISBN 3-923728-68-9.
  • Die Rückkehr der Iphigenie. Monologe. Mit Steinzeichnungen des Autors. Übersetzung und mit einem Nachwort von Asteris und Ina Kutulas. Insel Verlag, Frankfurt und Leipzig 2001, ISBN 3-458-1218-2 (formal falsche ISBN)
  • Die Umkehrbilder des Schweigens. Gedichte Griechisch und deutsch. Aus dem Griechischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Klaus-Peter Wedekind. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-41295-7.

Weblinks



Wikimedia Foundation.