Rock für Deutschland


Rock für Deutschland

Unter den Mottos „Rock gegen Krieg“ bzw. „Rock für Deutschland“ finden seit 2003 im ostthüringischen Gera jährlich Neonazi-Veranstaltungen mit Festival-Charakter statt, bei der Redner aus dem Spektrum der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands und den sogenannten Freien Kameradschaften sowie mehrere Rechtsrock-Bands und Liedermacher auftreten und die mehrere tausend[1] rechtsextreme Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland anziehen. Die Veranstaltungen dienen laut dem Verfassungsschutzbericht 2007 des Thüringer Innenministeriums den Bemühungen der rechtsextremen Szene, „mehr Teilnehmer für öffentlichkeitswirksame Aktionen der Partei zu gewinnen, die Akzeptanz der NPD im aktionsorientierten rechtsextremistischen Spektrum zu steigern und in der Öffentlichkeit größere Präsenz zu zeigen“, und besitzen einen „hohen Stellenwert“ innerhalb der Szene.[2]

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Nachdem der thüringische Landesverband der NPD mit der Festivalreihe „Thüringentag der nationalen Jugend“ 2002 in Jena und 2003 in Gotha weitestgehend ungestört von Protesten und ohne Eingreifen der Polizei große Rechtsrock-Veranstaltungen mit mehreren hundert rechtsextremen Teilnehmern getarnt als politische Veranstaltungen abhalten konnte, wurde dieses Konzept 2003 erstmals durch den NPD-Kreisverband Gera aufgegriffen. Die Stadt Gera ist seit den 1990er Jahren eine Hochburg der rechtsextremen Musikszene, in der mehrere bekannte Bands wie Totenburg und Eugenik, Labels und Musikversände wie Donnerschlag Records (DSR), Ewiges Eis Records (vormals 88 Records = Heil Hitler-Records, siehe Rechtsextreme Symbole und Zeichen) oder Aufruhr Versand sowie Läden für Bekleidung und Devotionalien der Neonaziszene zu Hause sind. Ihre Mitglieder, Betreiber und Mitarbeiter sind häufig in der Szene der Freien Kameradschaften oder der NPD aktiv. Mehrere von ihnen, darunter Jörg Krautheim, Nico Hüfner, Gordon Richter, Martin Soa (Inhaber von dirty shirt) und Andre Berghold sind sogar im Vorstand des Landes- bzw. Kreisverbandes tätig.

Erstmals fand eine solche Veranstaltung unter dem Motto „Rock gegen Krieg“ am 21. Juni 2003 im Geraer Park der Jugend (Knochenpark) statt. Als Veranstalter wurden der Kreisverband Gera-Greiz der NPD und Freie Nationale Kräfte Gera benannt. Neben dem Thüringer Landesvorsitzenden der NPD, Frank Schwerdt, als Redner traten die Rechtsrock-Bands Kommando Ost (Mecklenburg-Vorpommern), T.H.O.R. (Schneeberg/Sachsen), Confident of Victory (Brandenburg) und Eugenik auf. Das Konzert verfolgten weitgehend unbehelligt von Protesten bis zu 200 Rechtsextremisten. Da die NPD Gera dies als Erfolg werten konnte, kam es am 10. Juli 2004 zu einer Neuauflage, diesmal mit fünf Bands, darunter wiederum Eugenik und Blood Revenge aus Westfalen. Mit etwa 150 Teilnehmern blieb die Besucherzahl jedoch weit unter den Erwartungen.

Am 9. Juli 2005 galt das Konzert unter dem neuen Motto „Rock für Deutschland“ als offizieller Wahlkampfauftakt der NPD für die vorgezogene Bundestagswahl 2005 und wurde teilweise auch als Ersatzveranstaltung für das ausgefallen „Pressefest der Deutschen Stimme“ bezeichnet. Als Redner traten daher neben Frank Schwerdt und dem Neonazi Michael Burkert, der kurz zuvor zum Vorsitzenden des neu gegründeten NPD-Kreisverbandes Erfurt-Gotha aufgestiegen war, auch der Parteichef Udo Voigt und der bayerische NPD-Landesvorsitzende Ralf Ollert auf. Außerdem waren mit den Bands Kraftschlag, Propaganda und Legion of Thor Zugpferde der Rechtsrock-Szene angekündigt, die nicht selten enge Verbindungen zur verbotenen Organisation Blood and Honour haben. Die Band mussten ihre Auftritte jedoch zum Teil aufgrund von Auflagen der Stadt Gera absagen. Letztendlich spielten die Bands Radikahl, Hauptkampflinie und Eugenik vor etwa 500 bis 700 Gästen. Gegen das NPD-Open-Air demonstrierten 300 bis 400 Personen. Außerdem fand wie in den Vorjahren ein Bürgerfest mit mehreren demokratischen Parteien, Gewerkschaften, den Kirchen und anderen Organisationen und Vereinen statt, das etwa 600 Bürger besuchten.

Am 11. Juli 2009 versammelten sich 4000 Gäste.[3] Als Bands traten unter anderem Die Lunikoff Verschwörung, Sleipnir, Brainwash und Blitzkrieg auf. Die Gegenveranstaltung konnte bundesweit etwa 700 Menschen mobilisieren.

Am 10. Juli 2010 fand die achte „Rock für Deutschland“-Veranstaltung statt. Nach Polizeiangaben nahmen etwa 1.200 Personen aus dem rechtsextremen Umfeld teil. Die Gegendemonstration konnte etwa 1.100 Menschen mobilisieren.[4] Als Redner traten Frank Schwerdt und Michael Schäfer von der NPD auf.[5] Als musikalisches Rahmenprogramm spielten unter anderem Frontalkraft, Projekt Vril und Carpe Diem. Während des Auftritts der Band Exzess kam es vereinzelt zu Hitlergrüßen.[6]

Am 6. August 2011 fand die neunte Auflage des Festivals statt. Rund 550 Neonazis besuchten das Festival.[7] Als musikalische Untermalung waren unter anderem Brutal Attack, Burning Hate und Natural Born Haters aufgetreten, Headliner war die rechtsextreme Band Radikahl. Als Redner traten die NPD-Mitglieder Holger Apfel, Ingmar Knop, Patrick Weber, Patrick Wieschke und Gordon Richter auf.[8][9] Im Vorfeld gab es starke Proteste gegen das Festival. Auch eine Klage der Stadt Gera und eines Aktionsbündnisses vor dem Verwaltungsgericht in Gera konnte das Festival nicht verhindern.[3] An einer Gegendemonstration beteiligten sich laut diverser Zeitungsberichte rund 1000 Demonstranten.[10][8][11]

Gegenaktionen

Auf dem neunten Rock für Deutschland am 6. August 2011 wurden durch die Neonazi-Aussteiger-Initiative Exit Deutschland nach eigenen Angaben 250 „trojanische T-Shirts“ verteilt, die nach dem ersten Waschen die Kontaktdaten der Initiative offenbarten.[12][13] Die Aktion fand auch in überregionalen Medien wie Spiegel Online und im Ausland Beachtung.[14][15][16][17][18][19]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Till Grefe: Runter von der Spielwiese in Jungle World, 1. Juli 2010
  2. Thüringer Innenministerium: Verfassungsschutzbericht 2007; Seite 47
  3. a b Die Zeit: Wirren um “Rock für Deutschland” gehen weiter , 5. August 2011
  4. DPA: Demonstration gegen "Rock für Deutschland". Stern, 11. Juli 2010, abgerufen am 12. Juli 2010.
  5. Anne Onken: Gera mobilisiert gegen rechtes Krawallkonzert. Spiegel online, 10. Juli 2010, abgerufen am 12. Juli 2010.
  6. Silke Heinrich: Open air durch den Sommer. Neonazi Festivals ziehen tausende Besucher an. In: Der rechte Rand. Nr. 126, September/Oktober 2010, S. 10.
  7. Ostthüringer Zeitung: Blockaden und bunte Party in Gera; 7. August 2011
  8. a b Paul Linke und Anna Lena Mösken: Sie sind wieder mal da. Berliner Zeitung, 8. August 2011, abgerufen am 8. August 2011.
  9. Besser leben ohne Nazis!!! Am 06. August 2011 findet in Gera das Nazi-Festival “Rock für Deutschland” statt. Laut gegen Nazis, 26. Juli 2011, abgerufen am 8. August 2011.
  10. Anne Pollmann: Kein guter Tag für die Nazis in Gera. Die Zeit, 7. August 2011, abgerufen am 8. August 2011.
  11. Ostthüringer Zeitung: Hunderte protestierten in Gera friedlich gegen Neonazi-Konzert; 6. August 2011
  12. Operation Trojaner T-Hemd; Pressemitteilung auf den Seiten von Exit Deutschland
  13. Ostthüringer Zeitung: "Trojanisches T-Shirt" auf Rechtsrockfestival in Gera geschmuggelt, 9. August 2011
  14. Spiegel Online: Trojaner-T-Shirt überlistet Neonazi-Rockfans; 9. August 2011
  15. Süddeutsche Zeitung: Trojaner-"T-Hemd" legt Neonazis rein; 9. August 2011
  16. Spitsnieuws: Neonazi's beetgenomen met t-shirts; 10. August 2011
  17. Der Tagesspiegel: Trojaner-T-Shirts auf Rechtsrockfestival; 9. August 2011
  18. Ethan Sacks: Neo-Nazis punk'd! German right-wingers get free T-shirts, that turn out to bear message of inclusion, nydailynews.com, 11. August 2011
  19. Helen Pidd: German rightwing rock fans tricked in anti-extremist T-shirt stunt; guardian.co.uk, 10. August 2011

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